Kulturgeschichte

Erwin Geschonneck: Der aufrechte Antifaschist

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Mit Erwin Geschonneck wird der erste Mega-Star des ostdeutschen Films geboren. Er ist der Liebling der Partei, aber auch der Massen. Geschonneck spielt große Rollen in großen Filmen wie „Nackt unter Wölfen“, „Karbid und Sauerampfer“ sowie „Jakob, der Lügner“. Gern gibt er den volkstümlichen Helden und zupackenden Mann aus dem Volke. Doch wird Geschonneck vor allem deshalb so bedeutsam, weil er wie kein anderer Künstler den Gründungsmythos der DDR verkörpert: den antifaschistischen Widerstand. Als Kommunist muss er sechs Jahre im KZ verbringen – doch die Nazis können ihn nicht brechen. Nach dem 2. Weltkrieg wird er Schauspieler und prägt vier Jahrzehnte lang die laufenden Bilder der DDR. 2008 stirbt Geschonneck im Alter von 101 Jahren. Eine Biografie in drei Teilen.

Teil 1: Hilfsarbeiter – KPD-Mitglied – KZ-Insasse

Otto Brosowski ist ein waschechter Bergmann und ein in der Wolle gefärbter Kommunist. Weshalb er auch Ende der 1920er Jahre den Widerstand der Kumpel gegen die ausbeuterischen Methoden der Zechenbosse anführt. Moralische Unterstützung erhalten die streikenden Bergleute aus Sachsen-Anhalt von den Kollegen aus dem russischen Kriwoj Rog. Sie schicken ihren linken Kameraden als Mutmacher eine rote Fahne, die dann aber die Feinde der Arbeiterklasse um jeden Preis erbeuten wollen: Erst die Großkapitalisten, hernach die Nazis und schließlich auch die amerikanischen Besatzer.
Die Bergleute schweißt die Fahne von Kriwoj Rog in jeder noch so harten Krise zusammen. Sie verstecken sie an verschiedensten Orten, und allen voran sorgt Otto Brosowski dafür, dass der Klassenfeind der Flagge nicht habhaft werden kann. Sogar im Folterkeller der Gestapo ist sein Schweigen nicht zu brechen. Lieber geht der Unbeugsame ins KZ. Auch wenn Otto immer wieder mal mit sich hadert, nie gibt er auf. Die meiste Zeit blickt er starr und voller Stolz in die sozialistische Zukunft. Und als mit den Soldaten der Roten Armee schließlich die wahren Befreier vom Faschismus nahen, eilt ihnen Otto Brosowski zusammen mit seinen Kumpel-Genossen und der Fahne entgegen. Mit dieser pathetischen Szene beginnt und endet auch der 1967 entstandene Propagandastreifen Die Fahne von Kriwoj Rog des linientreuen Regisseurs Kurt Maetzig. Maetzig erhält mit seinem Filmkollektiv für seine außergewöhnliche schöpferische Leistung den Nationalpreis erster Klasse, die höchste und mit 100.000 (Ost-)Mark zugleich einträglichste Auszeichnung für Künstler und Wissenschaftler in der DDR.

 

Identifikationsfigur der SED-Funktionäre

Auch Erwin Geschonneck kommt in den Genuss der großzügigen Prämie. Er spielte den Otto Brosowski, ja, er war Otto Brosowski. Das Publikum, das Die Fahne von Kriwoj Rog ab Ende 1967 in den ostdeutschen Kinos und 1970 im DDR-Fernsehen sieht, darf Erwin Geschonneck nicht zum ersten Mal als proletarischen Helden bestaunen. Er spielt in über 80 Kino- und Fernsehfilmen sowie TV-Serien – zum Teil höchst unterschiedliche Rollen. Seine Arbeitswut ist vor allem aus seiner Erfahrung geboren, ein Verfolgter des Nazi-Regimes gewesen zu sein. Seine persönliche Vergangenheit prägt seine Rollen, mit ihnen verarbeitet er seine „Jahre der Bewährung“, wie er sie später nennt.

Geschonneck bildet den Prototypus des aufrechten Antifaschisten im ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden. In der künstlichen Welt des Films, aber – und das macht ihn so glaubwürdig – auch im echten Leben: Er ist Arbeiter, KPD-Mitglied, Widerständler, KZ-Häftling, aber letztlich eben auch (vermeintlicher) Sieger der Geschichte. Ganz wie die Führungsriege des SED-Staates. Das macht ihn für die DDR-Granden so wertvoll.
Der Antifaschismus bildet den Gründungsmythos des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden. Und er wird während der gesamten 41 Jahre DDR-Existenz immer aufs Neue beschworen. Weil er die Gesellschaft bei aller ökonomischen Unterlegenheit gegenüber dem Westen zusammenhalten soll.

Und weil weite Teile der DDR-Gründerväter bis zuletzt politisch am Ruder sind. Sie sind ihr Leben lang gezeichnet von einem tief sitzenden Trauma der Verfolgung, Internierung und Folterung durch die Nazis. Hinzu kommt noch eine andere Form der Verbundenheit: Walter Ulbricht, der erste Langzeit-Machthaber der DDR, war von Hause aus Tischlergeselle, sein Nachfolger Erich Honecker angelernter Bauer und Dachdecker. Sie, wie auch die meisten anderen Mitglieder der frühen DDR-Führungsriege, waren formal nicht sehr gebildet. Sie waren stolz darauf, aus dem Arbeitermilieu zu stammen. Genau wie Erwin Geschonneck. In ihm können sie sich wiedererkennen. Zugleich dient er ihnen als Held und Vorbild für die Massen, denn der Götze der Kommunisten ist der antifaschistische Proletarier.

Geschonnecks Memoiren von 1984.

„Die Geschichte des Films in der DDR ohne Geschonneck wäre um ein Vielfaches ärmer, hätte es ihn nicht gegeben“, schreibt der Literatur- und Theaterwissenschaftler Frank Hörnigk in seiner Geschonneck-Biografie aus dem Jahr 2006. Und weiter treffend: „Andererseits ist er auch immer ein tätiger Zeuge ihrer Auftragskunst im Namen der Partei gewesen. Er ist ein Teil von ihr, nicht selten auch ihr Alibi.“ Erwin Geschonneck ist der rechte Mann zur linken Zeit: In den fünfziger und sechziger Jahren verkörpert er den hemdsärmeligen, vierschrötigen, stolzen und letztlich immer sehr sympathischen proletarischen Kämpfertypus, der für den Aufbau des Sozialismus absolut unentbehrlich ist. Sei es als ehemaliger Zirkusartist und hemdsärmeliger Parteisekretär in den Sonnensuchern (1958) von Konrad Wolf. Sei es als kommunistischer Lagerältester in Nackt unter Wölfen (1962) von Frank Beyer. Sei es als Karbid-Kalle in der Komödie Karbid und Sauerampfer (1964), die zum Publikumsrenner und zum Standardrepertoire des DDR-Schulunterrichts avanciert. Oder sei es eben in der Fahne von Kriwoj Rog. In seiner Zeit gilt Erwin Geschonneck als bekanntester, vielleicht sogar beliebtester Mime der DDR. Das Publikum, das Geschonneck einfach nur ’Erwin‘ nennt, liebt ihn, obwohl er – der Autodidakt – aus heutiger und wahrscheinlich auch aus damaliger Sicht kein grandioser Darsteller ist. Er gilt als großer Volksschauspieler, der für Einfachheit steht – wiewohl nicht im Sinne von Oberflächlichkeit, sondern von Geradlinigkeit. Meist spielt Geschonneck knorrige Typen, die nicht viel reden, sondern einfach machen. Er spricht kurze Sätze, manchmal wirkt sein Spiel fast beiläufig.

Zuweilen artikuliert er sich einfach nur durch ein kurzes Knurren. Mimik und Gestik sind reduziert.„Die Arbeiter waren wie ich und sie sprachen so wie ich: unpathetisch, gedeckt, gedämpft, wahrhaftig, wie eine Unterhaltung am Tisch“, schreibt er 1984 in seinen Memoiren Meine unruhigen Jahre (1984). „Und so habe ich meine Rollen immer gespielt und spiele sie heute noch, bis auf die Ausbrüche.“ Die freilich immer wieder stattfinden. Und dann gibt es kein Halten mehr. Seine Variationsmöglichkeiten wirken insgesamt jedoch beschränkt. Und so spielt Erwin Geschonneck nicht immer, aber doch meist eigentlich nur sich selbst. Den Proleten, der durch die Hölle gegangen ist. Und wieder aus ihr emporstieg.

 

Ein kränkelnder Hilfsarbeiter: Die frühen Jahre

Am 27. Dezember 1906 erblickt Erwin Geschonneck in der ostpreußischen Kleinstadt Bartenstein das Licht der Welt. Als er zwei Jahre alt ist, zieht seine Familie nach Berlin. Und so versteht sich Geschonneck zeitlebens als waschechter Berliner, meist spricht er seine Rollen mit einem mehr oder minder starken Berliner Idiom. Im Ostpreußischen hat sich sein Vater als Flickschuster verdingt, nun verdient er sein Brot als Nachtwächter bei der Wach- und Schließgesellschaft. Aus einem Weinrestaurant, das er bewacht, bringt er hin und wieder Hühnerknochen mit, die die Gäste nicht ganz abgenagt haben. Eine besondere Delikatesse für die Familie Geschonneck. Dennoch bringt Erwin seinem Vater nicht viel Respekt entgegen, für ihn ist er nicht mehr als ein treuer Untertan. Auf dem Koppelschloss der väterlichen Uniform sind die Worte „Ich dien!“ eingestanzt. So einer will er auf keinen Fall werden.

Trotz der Hühnerknochen ist der junge Erwin ein rechter Hungerleider. Er erkrankt an Rachitis und bekommt davon Säbelbeine. Von einem Autounfall bleibt eine schiefe Kinnlade, ein Unterbiss, zurück. Nein, aus Erwin Geschonneck wird kein besonders schöner Mann. Er ist zwar hochgewachsen, aber die Beine sind recht kurz. Das Gesicht ist langgezogen, die Nase nicht ganz gerade. Aber der Mann hat Ausstrahlung. Das bleibt ein Markenzeichen der größten DDR-Filmhelden: Auch Manfred Krug und Armin Müller-Stahl sind keine Schönlinge. Sie überzeugen vor allem durch ihr Charisma und ihren Charme.

Erwins Mutter stirbt, als er noch klein ist. Und so muss er früh Geld mitverdienen, zumal er in der Schule eh nur schwer mitkommt. Zu oft ist er krank. Mit 13 Jahren wird er Laufbursche in einem Bankhaus. Dort bleibt er drei Jahre, um sich dann mehr schlecht als recht als Fahrstuhlführer, Hilfstischler, Hausdiener und werbender „Sandwichmann“ durchzuschlagen. Doch das bleiben zumindest im Geiste immer nur Nebenjobs. Geschonneck wächst in einem Nutten- und Amüsierviertel in Berlin-Mitte auf und in einem der Hinterhöfe seiner Mietskaserne befinden sich die ‘Borussia-Festsäle‘. Immer sonntags führen dort Laien aus Theatervereinen Operetten, Schwänke und Heimatstücke auf. Hier erfährt Erwin erste Inspirationen für seine künstlerische Karriere.

Szenenbild aus „Kuhle Wampe“ von Slatan Dudow von 1932. Geschonneck hat hier seine erste Filmrolle – als Statist.

Ein paar Jahre später erlebt er aber auch großes Theater, Schillers „Räuber“ zum Beispiel. Seine Lieblingsstücke sind jedoch Brechts „Dreigroschenoper“ und „Der Kaufmann von Berlin“, das der kommunistische Regisseur Erwin Piscator Ende der Zwanziger Jahre in seiner Jungen Volksbühne aufführt. Hier darf Geschonneck ein paar Jahre später auch eine erste kleine Rolle übernehmen. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits glühender Kommunist. Die Armut, die sozialen Kränkungen und die politische Unterdrückung haben ihn zu einem Linksradikalen gemacht. Er hätte ohne Weiteres, wie so viele Arbeiter damals, auch nach scharf rechts abdriften können. Doch der junge Erwin Geschonneck entwickelt früh einen ausgeprägten Sinn für soziale Gerechtigkeit. 1929 tritt er der KPD bei.

Diesen Gerechtigkeitssinn versucht er auch künstlerisch auszuleben, als er sich im „Arbeiter-Chor Groß-Berlin“ und in der Spielgruppe „Sturmtrupp links“ engagiert. In seinen Erinnerungen schreibt Geschonneck, dass für ihn in dieser Zeit die Bühne immer mehr zu einem Mittel wird, „Menschen zum Kampf gegen ihre Unterdrücker aufzurufen.“ Denn inzwischen hat der Jungkünstler auch seinen Marx und seinen Lenin gelesen. „Viel weiter als bis zum gefühlsmäßigen Erfassen der gesellschaftlichen Zusammenhänge ging es bei mir nicht“, räumt er rund fünf Jahrzehnte später ein. Und dennoch sitzt die Lektion ein ganzes Menschenleben lang. „In meinen Ansichten ging ich stets vom Klassenstandpunkt aus“, wird er später schreiben.

 

Prag: Auf ein Hakenkreuz geflochten

So auch 1932 bei seinem allerersten Film Kuhle Wampe, bei dem er als einer von 4000 Statisten mitwirkt und bei dessen Dreharbeiten er erstmals Bert Brecht, einen der Drehbuchautoren, aus der Ferne wahrnimmt. Oder als antifaschistischer Jesus Christus. In dieser Rolle fungiert er für eine Fotocollage des linken Künstlerfotografen John Heartfield, die im Mai 1934 erstmals in der Prager Ausgabe der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ erscheint. Das obere Bild zeigt ein Relief mit einem auf ein Rad geflochtenen Mann, über ihn der Schriftzug „Wie im Mittelalter…“. Im unteren Bild wird der Satz mit den Worten „…so im Dritten Reich“ fortgesetzt, anspielend auf den zivilisatorischen Rückschritt unter den Nazis. Der ‘Jesus‘, der in der unteren Bildhälfte auf das Hakenkreuz geflochten ist, ist der nackte Erwin Geschonneck. Die Montage erlangt weltweite Bekanntheit, das Model damals noch nicht in gleichem Maße.

Dass Heartfield, bürgerlich: Helmut Herzfeld, Geschonneck nicht etwa in Berlin fotografiert, sondern über den Dächern von Prag, geschieht nicht ohne Grund. Nach der Machtübernahme durch die Nazis führen SA-Trupps im Februar 1933 mehrere ‘Hausdurchsuchungen‘ in seiner Berliner Wohnung durch, so dass sich Geschonneck zur Flucht genötigt sieht. Erst nach Polen, dann eben nach Prag und schließlich nach Moskau, dem Sehnsuchtsort eines jeden Kommunisten zu jener Zeit. „Mir klopfte das Herz vor Freude, als ich eines Tages per Eisenbahn über den Grenzpunkt Negoreloje in die Sowjetunion kam“, notiert er. „Und dann die ersten Tage, die Eindrücke von Moskau! Ein Traum meiner Jugend ging in Erfüllung. Hier war die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen endgültig beseitigt…Hier hatten die Arbeiter und Bauern das Sagen.“

Geschonneck 1986 kurz vor seinem 80. Geburtstag. Foto: G. Senft. Bundesarchiv. Bild_183-1986-1220-005_Berlin (Quelle gilt auch für Titelbild).

Nur wenige Wochen nach seiner Ankunft bekommt er bei einer Massenkundgebung sogar Stalin auf dem Roten Platz zu sehen. „Er machte damals auf mich den Eindruck eines einfachen Genossen, uneitel, sympathisch, vertrauenserweckend, eher wie ein Arbeiter als ein Intellektueller, der er ja war“, schreibt Geschonneck. Aber er muss auch bald erleben, dass im roten Paradies „merkwürdige Prozesse“ stattfinden und sogar Mitglieder seines Ensembles aus Odessa einfach verschwinden, während er irgendwo in der ukrainischen Provinz den „Zerbrochenen Krug“ spielen darf. Der Traum vom großen deutschen Emigrantentheater in Moskau ist zu diesem Zeitpunkt eh schon zerplatzt. Im Nachhinein sieht Geschonneck die ‘Säuberungen‘ der 1930er kritisch und bewertet die Entstalinisierung in den fünfziger Jahren durchaus positiv. Was an seiner grundsätzlichen Haltung freilich nichts ändert: „Trotz dieser Widersprüche und meiner Erlebnisse war und bin ich tief mit der Sowjetunion verbunden…Und ich bin heute mehr denn je felsenfest davon überzeugt, dass die Freundschaft mit der Sowjetunion für uns lebensnotwendig ist.“

Geschonneck, der eigentlich in der KPdSU aktiv werden will, wird damals nur ein halbes Opfer der stalinistischen Säuberungen. 1937 wird er ausgewiesen und kehrt nach Prag zurück. Als im März 1939 die Nazi-Armee in die Tschechoslowakei einmarschiert, will er über Polen nach London fliehen. Ein Spitzel legt ihn jedoch herein und statt über die Grenze gelangt er in die Fänge von Gestapo und SS.

 

Gefangen in den KZs Sachsenhausen und Dachau

Damit beginnt Geschonnecks Via Dolorosa. Zunächst wird er ins KZ Sachsenhausen nördlich von Berlin transportiert. Dort muss er schwere Ziegelsteine schleppen, und im Winter macht ihm die Kälte schwer zu schaffen. Schnell gelangt er an seine physischen und psychischen Grenzen. Anfang 1940 bekommt er einen Lagerkoller und brüllt beim Appell plötzlich: „Nieder mit dem Faschismus! Es lebe die Kommunistische Partei Deutschlands! Es lebe die Weltrevolution!“ Um ihn vor den SS-Schergen zu retten, schlägt ihn der Stubenälteste k.o., noch bevor Geschonneck wirklich unter den Tausenden von Häftlingen auf dem Appellplatz auffällt. Er wird in Zwangsjacke und mit Mundknebel auf die Krankenstation gebracht, wo er tagelang weiter Tobsuchtsanfälle bekommt.

Im März 1940 wird Erwin Geschonneck ins KZ Dachau bei München überführt, wo er vier Jahre bleibt. Nach einer Weile wird das Leben für ihn dort etwas erträglicher. Er wird zum ‘Blockältesten‘ in einer Strafabteilung für oppositionelle Pfarrer ernannt. Das ist eine administrative Führungsposition. Er muss aber auch miterleben, wie nur ein paar hundert Meter weiter ein SS-Arzt Menschenexperimente durchführt. Erst setzt er seine Opfer in einem abgeschotteten Kleintransporter einem enormen Überdruck aus, dann müssen sie, sofern sie überhaupt noch leben, in Eiswasser ‚baden‘. Der Arzt will testen, ob und wie abgeschossene Kampfpiloten überleben können.

Eingangstor zum KZ Sachsenhausen, in dem Geschonneck von 1939/40 gefangen gehalten wurde. Foto: jpatokal (Import from wikitravel.org/en)

Trotz aller Grausamkeit: Geschonneck will nicht nur überleben, er will auch so gut wie möglich leben. Wie schon in Sachsenhausen veranstaltet er Lesungen und Rezitationen, ab 1943 darf er in Dachau sogar ein Gefangenentheater gründen. Den Höhepunkt dieses kulturellen Schaffens unter außergewöhnlichen Umständen bildet „Die Blutnacht auf Schloss Schreckenstein“. Geschonneck und seine Mitstreiter führen das Ritterstück vor weit über 1000 Mann pro Vorstellung auf und nehmen mit seiner verkappten sarkastischen Kritik Hitler und seine SS-Schergen hoch, ohne dass diese dies angeblich merken.

Für Geschonneck sollen diese Parodien der Herrschenden Selbstmordgedanken verdrängen. Sie dienen ihm und vielen anderen „als wertvoller Bestandteil unseres inneren Widerstands“, und sie stärken den Zusammenhalt – zwischen den Gefangenen im Allgemeinen und den Genossen im Besonderen. Den kommunistischen wie den sozialdemokratischen, die nun in den Lagern endlich eine ’Volksfront‘ bilden, nachdem sie sich zu Weimarer Zeiten bis aufs Messer bekämpft haben. In Sachsenhausen wie in Dachau übernehmen sie offiziell wie auch hinter den Kulissen die Organisation der Lager. Und die Kommunisten bilden dabei selbstredend die Speerspitze. So auch in Buchenwald, was besonders wichtig ist, denn das KZ in der Nähe von Weimar wird später als antifaschistischer Wallfahrtsort der DDR instrumentalisiert.

Teil 2 der Biografie von Erwin Geschonneck beschäftigt sich mit seiner Rolle im Film „Nackt unter Wölfen“ und dem damit eng verbundenen antifaschistischen Gründungsmythos der DDR. Außerdem geht es um seine Zusammenarbeit mit Bert Brecht und seine ersten Kinofilme.

©  Die Zweite Aufklärung 2020

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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