Wirtschaftsjournalismus

Wie verfasst man einen Börsenbericht?

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In diesem Artikel erfahren Sie beispielhaft, wie ein Börsenbericht tagesaktuell recherchiert und verfasst wird. Der Artikel ist Online-Bestandteil des Buches „Journalistische Praxis: Wirtschaftsjournalismus“ von Lutz Frühbrodt, das demnächst im Verlag Springer VS erscheint. In diesem „Essential“-Band werden die Funktion des Börsenberichts und die einzelnen Kennzahlen des „Tags an der Börse“ erläutert.

Die Bulle-und-Bär-Skulptur vor der Frankfurter Börse. Die beiden Tiere stehen symbolisch für die Aufwärts- und Abwärtskräfte an den Kapitalmärkten. Foto: Eva K. (auch Titelfoto)

Über das aktuelle Börsengeschehen lassen sich ohne Frage auch meinungsbetonte Texte wie z.B. ein klassischer Kommentar oder ein Blog-Beitrag verfassen, in dem der Autor* ausschließlich nach eigenen Maßstäben analysiert. In der Regel wird der „Tag an der Börse“ (oder auch die Woche, der Monat, das Quartal) jedoch in Form eines stark faktenbasierten Berichts zusammengefasst, der standardisierte Elemente aufweist. Einschätzungen, Prognosen und Bewertungen sind auch erlaubt – diese sollten jedoch weitgehend durch externe Quellen wie Finanzanalysten, Bankvolkswirten etc. erfolgen (siehe Kap. 3.3. des Buches). Dadurch bekommt das Stück mehr Länge wie Tiefe und wird zu einem Hintergrundbericht.

Wie ist ein solcher Börsenbericht nun im Einzelnen aufgebaut? Nehmen wir als Beispiel den Artikel: „Dax liegt deutlich im Minus – Index steht aber vor dem größten Wochengewinn seit acht Jahren“, erschienen im Handelsblatt (Online-Ausgabe) am 27.3. 2020. Autor Jürgen Röder, Mitglied der Handelsblatt-Finanzredaktion, fasst im Leadsatz die wesentliche aktuelle Nachricht zusammen, die Börsenentwicklung des Tages:

„Der deutsche Aktienmarkt rutscht zum Wochenschluss deutlich ab.“

Der DAX, der Leitindex der Frankfurter Wertpapierbörse, notiere mit 3,6 Prozent im Minus bei 9642 Zählern, so das Handelsblatt. Mehr als drei Prozent bedeuten einen erheblichen Verlust – ein neuer Kursrutsch nach mehreren „Rutschpartien“ in den vergangenen Wochen, ausgelöst durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie. Da der Bericht jedoch an einem Freitag erscheint, ergo die Börsenwoche kurz vor ihrem Abschluss steht, zieht der Autor auch noch eine erste Wochenbilanz. Demnach steuere der DAX – trotz des schlechten Freitags – auf seinen „größten Wochengewinn seit acht Jahren zu.“

Wie kann das sein? Seit Ende Februar ist der DAX Corona-bedingt quasi im freien Fall: Von fast 13.800 Punkten auf weniger als 8.500 Zähler Mitte März. In der Börsenwoche vom 23. bis 27. März dann also die große Aufholjagd. Doch insgesamt bleibt für den Monat März ein dickes, zweistelliges Minus. Dies alles fasst der Börsenbericht im ersten Absatz zusammen. Für einen konventionellen Börsenbericht reicht es in der Regel, das Tagesergebnis zusammenzufassen.

Autor Röder versucht sodann einen Ausblick und bringt ein „extrem negatives Szenario“ des Vermögensverwalter Markus Schön ins Spiel. „Der Dax könnte in der nächsten Woche wieder unter 9.000 Punkte fallen“, befürchtet dieser aufgrund der stark steigenden Corona-Infektionszahlen in den USA. Es folgen Details.

Nach der Zusammenfassung der wichtigsten DAX-Entwicklung und dem Ausblick widmet sich der Artikel nun anderen wichtigen Kerndaten wie dem Wechselkurs von Euro und US-Dollar:

„Der Euro ist gegenüber dem Dollar im Aufwind: Anfang der Woche notierte er noch bei 1,066, aktuell sind es 1,1003 Dollar.“

Der Trend signalisiert, dass die europäische Wirtschaft bzw. der Euro-Raum stärker abschneidet und die Corona-Krise ökonomisch möglicherweise besser bewältigt als die USA. Doch der Autor zitiert eine Devisen-Analystin der Commerzbank, die zur Vorsicht mahnt: Auch in Europa würden „…die Konjunkturdaten kollabieren und könnten mit voller Wucht den Euro treffen.“

Danach folgt ein kurzer Verweis auf den neuen finanzpolitischen Kurs der Europäischen Zentralbank (EZB), ihre Käufe von Anleihen der Euro-Länder noch stärker auszuweiten. In diesem Zusammenhang nennt der Autor die Renditen, die Anleger für deutsche Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren erhalten. Bundesanleihen gelten gemeinhin als „sicherer Hafen“, wenn es zu Turbulenzen an den Aktienmärkten kommt. Doch derzeit, konstatiert der Autor, seien auch Anleihen unter Nennung der Rendite-Entwicklung ein „Verlustgeschäft“.

Dann geht es weiter mit zentralen Eckdaten, zunächst dem Öl:

„Die Ölpreise stürzen mal wieder ab. Nachmittags kostet ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent 24,77 Dollar, sechs Prozent weniger. Der Preis für ein Barrel der amerikanischen Sorte WTI verliert 4,4 Prozent und kostet nur noch 21,60 Dollar. Neben den wirtschaftlichen Folgen der Ausbreitung des Coronavirus hält auch der Preiskrieg zwischen der Opec-Führungsnation Saudi-Arabien und Russland unvermindert an.“

Eine weitere wichtige Referenz: der Goldpreis. „Die Erholung des Goldpreises ist vorerst beendet“, konstatiert das Handelsblatt. Doch wird auch ein Experte zitiert, der zu Verkäufen nur dann rät, wenn Gewinnmitnahmen beabsichtigt seien.

Es folgen schließlich die Gewinner und Verlierer des Tages. Als „Gewinner“ wird das Medienunternehmen Pro Sieben Sat1 gekürt, dessen im M-Dax gelisteten Aktien zeitweise am Tag bis zu acht Prozent gewannen. Grund: Der Vorstandschef muss gehen, das Unternehmen kehrt zu seiner bewährten Entertainment-Strategie zurück und will sich von seinen Start-up-Investments trennen. Als „Verlierer“ wird der Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport genannt. Dessen Vorstandschef hatte in einem Zeitungsinterview gesagt, dass es wahrscheinlich auch noch 2021 krisenbedingt weniger Flugverkehr geben werde. Daraufhin verlor die Aktie rund vier Prozent.

Abschließend wagt der Artikel noch einmal einen Blick in die Zukunft und zwar mit Hilfe von Analysten einer Großbank, die auf die sehr verbreitete, aber nicht unumstrittene Analysemethode der Charttechnik zurückgreifen. Auch ihre Vorhersage fällt düster aus und bestätigt noch einmal die negative Prognose am Anfang des Artikels.

© Die Zweite Aufklärung 2020

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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