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Ludwig Erhard gilt als Übervater wie als Ikone der Sozialen Marktwirtschaft. Der gemütliche Dicke mit der ebenso dicken Zigarre im Mund hat nach dem Zweiten Weltkrieg scheinbar eine ökonomische Zauberformel aus dem Ärmel geschüttelt, auf die sich alle Deutschen verständigen konnten, weil sie dem jungen Westdeutschland das „Wirtschaftswunder“ gebracht hat. So geht das moderne Märchen der Marktpuristen, so funktioniert der Gründungsmythos der Bundesrepublik Deutschland.

Mythen sind jedoch per definitionem Geschichten, die die Realität mal minder, meist aber mal mehr verzerren, um eine ganz bestimmte Botschaft massenwirksam zu verbreiten. Denn die Wirklichkeit sieht anders aus: Erhard hat die Soziale Marktwirtschaft mitnichten erfunden, vielmehr ist sie ein Label, mit dem die Neoliberalen alten Wein in neuen Schläuchen verkauften – um so die Sozialisierung der deutschen Großindustrie und Großbanken zu verhindern. In der Studie wird nachgezeichnet, mit welchen Mitteln vor allem kommunikativer Art die Soziale Marktwirtschaft und der Neoliberalismus zunächst salon- und dann mehrheitsfähig gemacht wurden.

Die Studie ist in drei Teile gegliedert:

  • Teil 1: Der Kampf um die neue Wirtschaftsordnung 1944-1949 beleuchtet den biografischen Hintergrund des angeblichen Widerstandskämpfers Ludwig Erhard und zeigt, wie sich die Neoliberalen um Erhard in der CDU gegen die christlichen Sozialisten durchsetzen. Die Währungsreform 1948 ebnet den Weg für ihren Sieg und bildet den Grundstein für den Mythos der Sozialen Marktwirtschaft.
  • In Teil 2: Die Soziale Marktwirtschaft und das „Wirtschaftswunder“steht die praktische Umsetzung der marktpuristischen Ideologie im Mittelpunkt: Bei der Modellierung des Grundgesetzes 1949 und nach den ersten Bundestagswahlen im selben Jahr. Die Union, die auch die Wahlen 1953 und 1957 gewinnt, kann so auch das „Wirtschaftswunder“ der Fünfziger Jahre als politischen Erfolg für sich reklamieren – obwohl das sogenannte Wunder vornehmlich ganz andere Ursachen hat als die Erhard’sche Wirtschaftspolitik.
  • Bei Teil 3: Trommeln für den Markt: Die Rolle der Medien in den 1950ern steht zunächst die Frankfurter Allgemeine Zeitung im Vordergrund. Die FAZ wird 1949 von Industriellen gegründet, mit freundlicher Unterstützung von Ludwig Erhard, um ein lautstarkes publizistisches Organ für den freien Markt zu schaffen. In der zweiten Hälfte der 1950er gründet dann die chemische Industrie den Verein „Die Waage“, um vor allem mit Werbefilmchen für Leistungsgesellschaft und Materialismus zu trommeln.

© Die Zweite Aufklärung 2022 (Foto oben / Titelbild: Bundesarchiv F020160-0001)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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