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In Teil 1 dieser Studie über die Durchsetzung der Marktwirtschaft in Deutschland wurden die wirtschaftspolitische Konstellation in den Kriegsjahren sowie die Biografien und Ambitionen der Macher wie Ludwig Erhard durchleuchtet. In Teil 2 geht es nun um die operative Umsetzung marktradikaler Konzepte – im Grundgesetz, bei den ersten Bundestagswahlen 1949 und durch die Wirtschaftspolitik Erhards in den 1950ern. Außerdem wird die Frage diskutiert, wie wundersam das sogenannte Wirtschaftswunder wirklich war.

Der Parlamentarische Rat, der 1948/49 tagte, erwies sich als richtungsweisend für das Schicksal von Deutschland-West. Foto: Bundesstadt-Blues/Wikicommons

Das Grundgesetz lässt vieles offen, aber nicht zu viel

Ist die Soziale Marktwirtschaft im Grundgesetz verankert? Nein, zumindest nicht expressis verbis. Und wie sieht es mit einer Marktwirtschaft aus? Nein, auch dieser Begriff fällt nicht direkt. Doch jetzt kommt das große Aber: Eine andere Wirtschaftsordnung als eine marktwirtschaftliche, etwa eine sozialistische Gemeinwohlökonomie, wird durch einzelne Artikel weitgehend ausgeschlossen. Vielmehr sind mit Artikeln über die freie Berufswahl oder das Recht auf Eigentum dicke Pflöcke für ein Marktsystem eingerammt worden.

Auf den ersten Blick spricht vieles für eine Systemoffenheit des Grundgesetzes in beide Richtungen. Doch nur auf den ersten Blick. Im Spätsommer 1948 waren 70 Delegierte aus den Länderparlamenten in Bonn zusammengekommen, um eine provisorische Verfassung, das Grundgesetz (GG), aus der Taufe zu heben. Zwischen den großen Parteien, CDU/CSU und SPD, bestand im sogenannten Parlamentarischen Rat eine numerische Pattsituation, die für zahlreiche Kompromissformeln sorgte, als die Quasi-Verfassung am 23. Mai 1949 in Kraft trat. Dies war der Grund dafür, dass vieles in Sachen Wirtschaftsordnung offenblieb oder zumindest nicht konkret formuliert wurde. Das Bundesverfassungsgericht hat in Entscheidungen späterer Jahre wiederholt festgestellt, dass das Grundgesetz kein bestimmtes Wirtschaftssystem zementiere, sondern vielmehr der Gesetzgeber jede ihm sachgemäß erscheinende Wirtschaftspolitik verfolgen könne, sofern er dabei das Grundgesetz beachte.

Artikel 14 GG, der Eigentumsgarant, steht auch auf der Fassade des Deutschen Bundestags. Foto: Klaschwotzer/Wikicommons

Entscheidend ist dabei jedoch der einschränkende Nachsatz, der relativ enge Grenzen setzt. Und bei genauem Hinsehen macht das Grundgesetz klare marktwirtschaftliche Vorgaben. Hinzu kommt, dass das Bundesverfassungsgericht in seinen späteren Entscheidungen einzelne Artikel der westdeutschen Magna Charta meist im Sinne der Marktwirtschaft interpretiert hat.[1] Dies beginnt mit Artikel 2 GG, der die „freie Entfaltung der Persönlichkeit“ garantiert und dabei die Vertragsfreiheit mit einschließt. In einem Urteil von 1983 deutete das Bundesverfassungsgericht (BVG) den Artikel so, dass ein „angemessener Spielraum zur Entfaltung von Unternehmerinitiative unantastbar“ sei.

Klarer von Anfang an ist Artikel 12. Sein erster Absatz garantiert die Berufsfreiheit und damit auch das Recht des einzelnen Bürgers, Unternehmen frei zu gründen und zu führen. Entscheidend ist hierbei, dass die Anbieter auch den Preis für ihre Produkte frei festlegen können (BVG-Urteil von 2002). In welchem Geist der Artikel lanciert wurde, hatte Ludwig Erhard schon 1949 zu verstehen gegeben: Neben der Berufsfreiheit sei die Konsumfreiheit „die wichtigste aller demokratischen Freiheiten.“ Und die Konsumfreiheit wiederum bedinge die Produktionsfreiheit.[2]

Zentral für die Marktpuristen ist Artikel 14, der privates Eigentum schützt und das Erbrecht garantiert. Der Eigentumsschutz bezieht sich dabei auch auf bestehende Gewerbebetriebe und das Recht, diese auch künftig fortzuführen. Diesen ’Bestandsschutz‘ setzte 1949 der spätere Bundespräsident Theodor Heuss (FDP) im Parlamentarischen Rat durch. 1979 definierte das Verfassungsgericht das Recht auf Eigentum als „elementares Grundrecht, das im engen inneren Zusammenhang mit der persönlichen Freiheit steht.“ Also Eigentum = Freiheit, ein Klassiker des Neoliberalismus.

Gewisse Einschränkungen bilden lediglich die Artikel 15 und 20, die Vergesellschaftungsklausel und das Sozialstaatsprinzip. Bei den Beratungen über das Grundgesetz war der SPD vor allem daran gelegen, für den Wirtschaftsprozess relevantes Eigentum vom verfassungsrechtlichen Schutz auszunehmen. Der SPD-Fraktionsvorsitzende Carlo Schmid argumentierte, dass dann nämlich auch die Wälder des Fürsten zu Hohenzollern-Sigmaringen geschützt seien. Und es widerstrebe ihm, so der Baden-Württemberger weiter, „bis in die letzten Schichten meiner Seele hinein, dass man diesem politisch akkumulierten Eigentum, das seine Wurzeln letzten Endes im Bauernlegen hat, die Qualität der Heiligkeit“ zuspreche.[3]

Artikel 15 GG sieht vor, dass Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel in Gemeineigentum oder „andere Formen der Gemeinwirtschaft“ wie zum Beispiel Genossenschaften überführt werden können.

Tatsächlich sieht Artikel 15 GG vor, dass Grund und Boden, Naturschätze und Produktionsmittel in Gemeineigentum oder – abgeschwächt – „andere Formen der Gemeinwirtschaft“ (etwa Genossenschaften) überführt werden können. Dafür müsste der Staat aber den bisherigen Eigentümern „unter gerechter Abwägung“ der Interessen der Allgemeinheit und der Beteiligten eine Entschädigung zahlen. Die KPD kam mit ihrem Antrag nicht durch, Enteignungen auch ohne Entschädigung zu ermöglichen. Damit hatten die Marktradikalen sichergestellt, dass im Zweifel eine Vergesellschaftung größerer Unternehmen den Steuerzahler sehr teuer zu stehen kommen würde. Eine extrem hohe Hürde. 1961 drehte das BVG den Spieß sogar um, indem es Artikel 15 zur Rechtfertigung von Privatisierungen heranzog: Verstaatlichte beziehungsweise staatliche Unternehmen dürften im Umkehrschluss auch wieder in private Hände gegeben werden. Dies ist dann ja seit den 1990ern auch zur Genüge passiert.

Und wie verhält es sich mit Artikel 20 GG? Dieser schreibt fest, dass die Bundesrepublik ein „demokratischer und sozialer Bundesstaat“ ist. Daraus wird die Pflicht des Staates abgeleitet, soziale Gegensätze auszugleichen – etwa durch die Sicherung des materiellen Existenzminimums für jeden Einzelnen – sowie für eine gerechte Sozialordnung zu sorgen, vor allem mit Hilfe sozialer Sicherungssysteme. Dies ist aber erst mittels politischer Interpretation im Laufe der Jahrzehnte erfolgt und lässt sehr viel Auslegungsspielraum offen. Auch im Sinne eines sozialpolitischen Minimalismus. Gemessen an der Gesamtheit der anderen GG-Artikel wirkt der ‘20er‘ wie ein Anhängsel, genau wie das Attribut ’sozial‘ bei der Marktwirtschaft. Bestenfalls ein Korrektiv.

Und gemessen an der ersten demokratischen Verfassung Deutschlands, der Weimarer Reichsverfassung von 1919, blieb das Grundgesetz in Sachen Wirtschaft und Soziales sehr viel verschwommener. Die Weimarer Verfassung verfügte über einen eigenen Abschnitt ’Das Wirtschaftsleben‘, dass den „Grundsätzen der Gerechtigkeit“ zu entsprechen habe. Der soziale Schutz wurde explizit gefasst, zum Beispiel in Form eines Rechts auf eine angemessene Wohnung. Ebenso wurde das Recht auf Mitbestimmung durch Betriebsräte festgeschrieben. Dies sind nur einige Beispiele.

Den scheinbar unverbindlicheren Duktus des Grundgesetzes haben Historiker und Verfassungsrechtler häufig damit erklärt, dass es nur als Provisorium bis zur deutschen Wiedervereinigung dienen und erst dann endgültig eine neue Wirtschaftsordnung festgelegt werden sollte. Tatsache ist jedoch, dass es den marktradikalen Kräften weit besser als den kritischen Geistern gelang, bei der Formulierung des Grundgesetzes ihre ’ideologischen Pflöcke‘ einzurammen.

Pseudo-intellektuelle Wahlkampfhilfe oder: Das Gespenst des Kollektivismus

Argumentative Schützenhilfe für die anstehenden Bundestagswahlen und darüber hinaus erhielten Adenauer, Erhard und die CDU auch von den Intellektuellen der Freiburger Schule. Schon in den Dreißiger- und frühen Vierzigerjahren hatten sich die ordoliberalen Vordenker weit klarer gegen Marxismus und Bolschewismus positioniert als gegen den Hitler-Faschismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg machten die Ordoliberalen weiter Front gegen die Linke, allen voran der CDU-Politiker und Eucken-Intimus Franz Böhm sowie vor allem Wilhelm Röpke. Seine Ablehnung der modernen Massengesellschaft setzte Röpke nun um in einen verbalen Feldzug gegen den ’Kollektivismus‘, wie er ihn nannte. Denn dieser schien im krassen Gegensatz zum ‘liberalen‘ Individualismus zu stehen.

Röpke schreckte dabei auch nicht davor zurück, in seinen Büchern und Pamphleten  wie Sozialismus und politische Diktatur und Die Krise des Kollektivismus Marx mit Hitler gleichzusetzen. Der Kollektivismus, der aus Sicht der Ordoliberalen auch den Nationalsozialismus mit einschloss, schien die Wurzel allen Übels: Er hatte nach Röpkes Überzeugung die Wirtschaftskrisen und die Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verursacht. Da war es für ihn auch naheliegend, Parallelen zwischen sozialistischer Planwirtschaft und Keynesianismus auf der einen und der faschistischen Kriegswirtschaft auf der anderen Seite zu ziehen. Nach der ordoliberalen Logik musste gesamtwirtschaftliche Planung zwangsläufig zu einer Gesellschaft voller Unfreiheit, Zwang und Gewalt, mithin schnurgerade in die Diktatur führen.

Wilhelm Röpke. Foto: von-Mises-Institut/Wikicommons

Inspirieren ließen sich die deutschen Ordoliberalen dabei bevorzugt von Friedrich August von Hayek, dem ideologischen Großmeister des Marktradikalismus, der einige Jahre zuvor schon ähnlich krude Gedanken in seinem Buch Road to Serfdom (Der Weg zur Knechtschaft, 1943) formuliert hatte. So orakelte etwa Alexander Rüstow ganz im Tonfall eines Hayek-Lautsprechers: „Die englische Labour-Party, bisher auch die deutsche Sozialdemokratie, und entsprechende Parteien in anderen Ländern, verfolgen oder verfolgten das Programm einer allmählichen fortschreitenden, schrittweisen Sozialisierung, ohne zu sehen, daß es auf diesem Wege keinen natürlichen Haltepunkt gibt, daß er vielmehr (…) als Road to Serfdom schließlich gleichfalls zur Vollsozialisierung und zur totalitären Planwirtschaft führt.“[4] Damit rückten die Ordoliberalen die SPD in die Nähe des Totalitarismus. Passend dazu verunglimpfte Röpke die Sozialdemokraten bereits 1945 als „fünfte Kolonne“. Der Begriff war eine Unverschämtheit für Sozialdemokraten (und auch Kommunisten), stammte er doch ursprünglich aus dem Spanischen Bürgerkrieg und bezeichnete Gruppierungen, die hinter den für sie feindlichen Linien undercover die faschistischen Kräfte Francos unterstützten. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Begriff zudem in England für „feindliche Ausländer“ der faschistischen Achsenmächte benutzt. Erst nachdem Röpke ihn umgedeutet hatte, fand er auch Eingang in den Sprachgebrauch der deutschen Politik. Fortan setzte ihn die Rechte gegen die vermeintlich willigen Helfer Moskaus ein, die hinter den feindlichen Linien arbeiteten, nämlich im freien Westen.

Die ordoliberalen Intellektuellen machten es vor, wie sich mittels einer – gelinde gesagt – unorthodoxen und vor allem kruden Logik marktkritische Positionen diskreditieren ließen. Und die Politiker machten es nach. Wilhelm Röpke veröffentlichte nach ihrer Gründung Ende 1949 auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, er fungierte vor allem aber als bekanntester Gastautor der Neuen Zürcher Zeitung, zu deren eifrigsten Lesern Konrad Adenauer zählte. Adenauer las nicht nur die Artikel von Röpke, sondern pflegte seit Mitte 1947 auch persönlichen Kontakt zu dem marktradikalen Vordenker. Zudem berief sich der kommende Kanzler in Sachen Wirtschaftspolitik gern auf Röpke.[5] So verwunderte es auch nicht, wie dankbar die Unionsparteien und auch die FDP die vorgefertigten Worthülsen gegen den ’Kollektivismus‘ der SPD im Wahlkampf 1949 dann fleißig weiter abfeuerten.

Mit harten Bandagen: Der Bundestagswahlkampf 1949

Die ersten Wahlen zum westdeutschen Bundestag am 14. August 1949 stellten sich in der Tat als Richtungsentscheidung über die künftige Wirtschaftsordnung heraus. Der Wahlkampf war kurz, aber heftig. Die SPD konnte ihre Parteistrukturen aus der Weimarer Zeit erfolgreich reaktivieren und eine zentralisierte, flächendeckende Wahlkampagne führen. Die CDU verlor zwischen 1947 und 1949 sogar Mitglieder und hatte große Probleme (allerdings ähnlich wie die SPD), den Wahlkampf zu finanzieren. So nahm die junge Partei Kredite auf. Hartnäckig hielten sich aber auch Gerüchte, dass der Privatbankier und Adenauer-Vertraute Robert Pferdmenges auf Fundraising-Tour in der Industrie ging.[6]

Der Straßenwahlkampf wurde mit Hilfe von Wahlzeitungen, Plakaten und Flugblättern ausgefochten. Das Fernsehen gab es noch nicht, das Radio spielte für die Politik nur eine untergeordnete Rolle, also pilgerten die politisch Interessierten zu Veranstaltungen, bei denen die Spitzenpolitiker das Wort ergriffen. Hierbei ging es oft hart zur Sache, denn die großen politischen Lager standen sich scheinbar unversöhnlich gegenüber. Eine der zentralen Entscheidungen war die über die künftige Deutschlandpolitik. Die SPD stand für ein souveränes und, wenn es sein musste, neutrales Gesamtdeutschland in den Grenzen von 1937. Die Union propagierte hingegen die Westbindung als unabdingbare Vorbedingung für die Wiedervereinigung. Der Beginn des Kalten Krieges, die zunehmende Konfrontation mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten sowie nicht zuletzt die Berlin-Blockade 1948 sorgten für ein stark antikommunistisches Grundrauschen in der Bevölkerung. Vorteil CDU.

Der Beginn des Kalten Krieges, die zunehmende Konfrontation mit der Sowjetunion und ihren Verbündeten sowie nicht zuletzt die Berlin-Blockade 1948 sorgten für ein stark antikommunistisches Grundrauschen in der Bevölkerung. Vorteil CDU.

Dieser Grundton strahlte aus auf die unmittelbar wichtigere, zweite Entscheidung: die künftige wirtschaftspolitische Ausrichtung der jungen Bundesrepublik. Hier hatte sich die SPD in eine taktisch ungünstige Position hineinmanövriert. Da die SPD in sechs Ländern der britisch-amerikanischen Zone den Wirtschaftsminister stellte, hatte die CDU im März 1948 im Wirtschaftsrat, also der ’bundesweiten‘ Wirtschaftsverwaltung, die strategisch extrem wichtige Position des Wirtschaftsdirektors für sich gefordert. Die Sozialdemokraten lehnten dies ab. Und als sie überstimmt wurden und Erhard Wirtschaftsdirektor wurde, betrieben sie fortan eine Art Fundamentalopposition. Die SPD verzichtete auf andere Direktorenposten in der Wirtschaftsverwaltung und konnte deshalb keinerlei Anteil am wirtschaftlichen Aufschwung des Jahres 1949 für sich reklamieren.[7]

Die SPD spielte schon 1949 die soziale Karte. Foto: Hessisches Landesarchiv

Ihren Wahlkampf führte die SPD dann auch aus dem Selbstverständnis der Opposition, womit sie sich selbst in die Defensive manövrierte. Operativ gesehen bedeutete dies, dass die SPD vor allem versuchte, die aktuelle Wirtschaftssituation, die zwar noch wackelig, aber eben spürbar besser als zuvor war, schlecht zu reden („Folge des milden Winters“) und die Erhard’sche Politik aufs Korn zu nehmen. Das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft geißelten die Sozialdemokraten als „asoziale Mißwirtschaft“ und setzen dem eine „planvolle Lenkung“ entgegen. Im selben Atemzug forderten sie weiter die Verstaatlichung der Schlüsselindustrien. „Gesunder Wettbewerb durch Sozialisierung!“, hieß ein Wahlkampfslogan, der suggerieren wollte, dass der Wettbewerb in der Marktwirtschaft ausarten würde. „Jetzt erst recht: Sozialisierung!“, spielte darauf an, dass die ersten Versuche in einzelnen Bundesländern gescheitert waren. Und „Mutterglück – gesichert nur durch Menschenrechte und Sozialisierung“ sollte vermitteln, dass eine vernünftige soziale Absicherung wie Sozialpolitik generell von einer sozialistischen Wirtschaftsordnung abhängig sei.[8] Die Soziale Marktwirtschaft konnte dies aus Sicht der SPD nicht leisten – trotz des Wörtchens ‘sozial‘. Das Problem war allerdings, dass – wie Umfragen zeigten – die ursprünglichen Sympathien in der Bevölkerung für Verstaatlichungsaktionen inzwischen geschwunden waren. Der politischen Gegenseite war es gelungen, die Sozialisierung in dieselbe Ecke wie die sozialistische Zwangswirtschaft östlich des Eisernen Vorhangs zu schieben.

Ihr Thema ’Klassenkampf von oben‘ setzte die SPD auch in ihrer negativen Wahlwerbung fort. „Alle Millionäre wählen CDU-FDP. Alle übrigen Millionen Deutsche die SPD“, propagierte sie. Der SPD-Vorsitzende Kurt Schumacher sah in dem Wirtschaftsprogramm Erhards „einen dicken Propaganda-Ballon des Unternehmertums“, gefüllt mit den „Abgasen des verwesenden Liberalismus“. Damit war klar: Das negative campaigning der Sozialdemokraten richtete sich vor allem gegen Ludwig Erhard. „Prof. Erhard ruiniert die deutsche Wirtschaft“, hieß der Titel einer SPD-Infobroschüre in Anspielung darauf, dass die Arbeitslosigkeit und die Preise 1949 nach oben schnellten. Noch deutlicher wurde die SPD-nahe Rheinische Zeitung, die Erhard nach einem Wahlkampfauftritt als „Zirkusdirektor“ abkanzelte, der „eineinhalb Stunden mit professoraler Scheingelehrsamkeit über seine Wirtschaftspolitik“ doziert habe.[9]

Die CDU geht in Sachen Wirtschaft mit Ludwig Erhard ins Rennen. Foto: ACDP/Wikicommons

Der Bumerang der Anfeindung kam allerdings mit doppelter Wucht zurück. Erhard beschimpfte die Sozialisten „als Idioten, eine Clique von Schiebern, Rattenfängern und Hysterikern“. Auffällig aber auch, wie der Wirtschaftsminister in spe in die Diktion seiner ideologischen Speerspitze Wilhelm Röpke verfiel, wenn er zum Beispiel behauptete, die sozialistische Planwirtschaft führe „entweder zu Unterdrückung aller menschlichen Freiheit, insbesondere zur Unterdrückung der freien Berufs- und Konsumwahl, oder aber sie führt in den Zusammenbruch.“[10] Abgesehen von diesen Verbalentgleisungen gefiel sich Erhard aber vor allem in der Rolle des zu Unrecht gescholtenen integren Fachmannes. Das brachte ihm Sympathien beim Wahlvolk ein.

Erhards Worte hatten überdies Gewicht, weil er als glänzender Rhetoriker schnell zur Wahlkampflokomotive der CDU avancierte. Er war bundesweit unterwegs und hatte die mit Abstand meisten Wahlkampfauftritte. Dass sich Erhard für die Union entschied, bedeutete für die FDP einen herben Rückschlag, hatte sie doch den Ordoliberalen bislang als einen der ihren betrachtet. Entsprechend lamentierte Thomas Dehler, damaliger FDP-Landeschef von Bayern: „Soziale Marktwirtschaft war unsere Idee.“[11]

Wirkte auf viele zu kantig: SPD-Chef Kurt Schumacher. Foto: U.S. Government

So konnte die CDU mit Ludwig Erhard und Konrad Adenauer auf zwei Charismatiker bauen, während SPD-Chef Kurt Schumacher oft eher kantig, verbissen und manchmal regelrecht aggressiv wirkte. Das machte ihn nicht sehr beliebt in der Bevölkerung, selbst nicht bei gemäßigten SPD-Anhängern. Folgerichtig lautete einer der Wahlkampf-Slogans der Union: „Wir wählen Köpfe, keine Listen – wähl‘ auch du CDU!“. CDU-Chef Adenauer zeichnete zwar in erster Linie für die außen- und deutschlandpolitischen Aussagen der Union verantwortlich. Er setzte seine Partei aber auch wirtschaftspolitisch in die Erfolgsspur, indem er die „ungeheure Verantwortung“ betonte, die die CDU/CSU-Fraktion im Frankfurter Wirtschaftsrat auf sich genommen habe, um eine „neue“ Wirtschaftspolitik einzuleiten. Die Union präsentierte sich also schon vor der Wahl als staatstragende Regierungspartei.Und als Partei der Macher. „1947: Hunger! Not! Elend! 1949: Vorwärts! Aufwärts! Der Erfolg der CDU“, hieß es auf einem der Wahlkampfplakate. „Denn es soll noch besser werden!“ auf einem anderen. Solche optimistischen Botschaften verfingen offenbar in einer vor allem wirtschaftlich schwierigen Zeit. Ganz im Geiste des von Röpke propagierten Anti-Kollektivismus erkannte die Union den „Scheideweg der Wirtschaft“ und versprach „Die Rettung!“. Und nicht zuletzt schürte sie Angst in der Bevölkerung: “Wer nicht wählt, wählt kommunistisch – und damit seinen und seines Volkes Untergang!“[12] Die CDU betonte widerholt die vermeintliche geistige Verwandtschaft zwischen der SPD im Westen und der SED im Osten, denn schließlich sei die SED ja aus dem Zusammenschluss von KPD und SPD entstanden.[13]

Die Bundestagswahlen 1949: Richtungsweisender Sieg der Marktradikalen

Unter dem Strich verfolgte die CDU eine klügere Wahlkampfstrategie als die SPD: Sie holte die Menschen in ihrer konkreten Lebenssituation ab und schürte den aufkeimenden Optimismus. Als ’Regierungspartei‘ gab sie vor allem unentschiedenen Wählern das Gefühl von Sicherheit und Ordnung. Und sie personalisierte mit dem Sympathieträger Erhard den Wahlkampf, während die SPD mit ihrer „planvollen Lenkung“ abstrakt und schwer verständlich blieb. Mit ihrer Betonung der sozialen Gerechtigkeit erhob sie den moralischen Zeigefinger, der war zu dieser Zeit aber nicht gefragt. Die SPD war zu sehr auf ihren Gegner fixiert. Ihr gelang es nicht, ihre Alternativen glaubwürdig aufzuzeigen.[14]

Die Rechnung der Rechten ging auf. Zumindest insofern, als die CDU/CSU mit 31,0% knapp, aber immer noch deutlich genug vor der SPD mit 29,2% der Stimmen landete. Die Sozialdemokraten zeigten sich überrascht und maßlos enttäuscht. Sie waren fest davon ausgegangen, die Regierung bilden zu können. Die Union ging eine Koalition mit der marktradikal-nationalistischen FDP und der rechtsgerichteten Deutschen Partei ein. Adenauer tat öffentlich so, als hätte die SPD mit ihrem konfrontativen Wahlkampfkurs den Weg für eine große Koalition verbaut. Tatsächlich war von vornherein klar, dass es auf ein Zusammengehen mit den marktradikal-konservativen Kräften hinauslaufen würde: CDU und FDP hatten schon während des Wahlkampfes immer wieder gemeinsam plakatiert.

Tatsächlich war von vornherein klar, dass es auf ein Zusammengehen mit den marktradikal-konservativen Kräften hinauslaufen würde: CDU und FDP hatten schon während des Wahlkampfes immer wieder gemeinsam plakatiert.

Die FDP hatte vor allem Stimmung für eine „freie Marktwirtschaft“ gemacht, um sich von der Union abzugrenzen. Dabei nahm sie für sich in Anspruch, das Original zu sein. „Es ist müßig, mich vor ihnen zu verteidigen wegen jener Form der freien Wirtschaft, wie sie gerade durch uns, gerade durch meine Fraktion und mich in Frankfurt eingeleitet worden ist“, sagte der FDP-Spitzenkandidat Franz Blücher auf einer Wahlkampfveranstaltung. „Sie wissen, wir haben manche andere Leute sehr schwer auf diesen Weg gebracht, auch wenn sie heute bestimmte Dinge für sich in Erbpacht genommen haben.“[15]

Der angehende Vizekanzler Blücher sprach wenigstens offen aus, worum es wirklich ging – um eine freie Marktwirtschaft. Am 15. September 1949 ließ sich Konrad Adenauer zum ersten Bundeskanzler Westdeutschlands wählen, Ludwig Erhard avancierte vom de facto- zum offiziellen Bundeswirtschaftsminister.

Bei der zweiten Bundestagswahl 1953 konnte die Union bereits vom Wirtschaftsaufschwung profitieren. Die Wahl war zwar auch noch einmal eine Abstimmung über die Soziale Marktwirtschaft, doch eindeutig im Mittelpunkt standen diesmal nun Westbindung, Wiederbewaffnung und Deutsche Frage. Dies zeigt, dass die Wirtschaftspolitik Erhards zu diesem Zeitpunkt kaum noch anfechtbar schien. Die CDU/CSU konnte um mehr als 14 Prozentpunkte auf 45,2 Prozent zulegen und sich so als stärkste politische Kraft in Westdeutschland durchsetzen. Für eine absolute Mehrheit im Bundestag fehlte ihr gerade einmal ein Mandat.[16]

Vier Jahre später errang sie dann mit 50,2 Prozent der abgegebenen Stimmen die absolute Mehrheit und konnte eine Legislaturperiode lang allein regieren. Auch hier standen außen- und verteidigungspolitische Themen im Vordergrund – vor allem die mögliche Atombewaffnung des neuen NATO-Mitglieds Bundesrepublik Deutschland. Der CDU-Slogan „Keine Experimente!“ bezog sich freilich auch ganz klar auf die scheinbar erfolgreiche Wirtschaftspolitik. Deutschland befand sich mitten im ’Wirtschaftswunder‘. Auch die Bundestagswahlen 1961 konnte die Union für sich entscheiden. Die CDU/CSU, die FDP und damit der Ordoliberalismus sollten so der deutschen Politik und der Bundesrepublik anderthalb lang Jahrzehnte am Stück ihren Stempel aufdrücken.[17]

Der Staat lässt sich nicht verhindern: Neoliberale Wirtschaftspolitik in der Praxis

Dies eröffnete den Neoliberalen die gewünschten Freiräume, um offensiv die Durchsetzung ihrer Forderungen anzugehen. Die Praxis erwies sich allerdings als deutlich schwieriger als die Theorie. Denn mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 hatte keineswegs die ’Stunde Null‘ geschlagen, wie so oft behauptet wird. Das Spiel begann nicht völlig von vorn. Vielmehr kamen nun wieder alte Strukturen zum Tragen, die gut 80 Jahre zuvor etabliert worden waren. „Praktisch alle Bestandteile des gegenwärtigen organisatorischen Rahmens der Wirtschaft – samt der sie regierenden Institutionen – sind im Kaiserreich entstanden und haben sich seitdem nur in kleinen Schritten gewandelt“, konstatiert Werner Abelshauser.[18] Dieser ’organisierte Kapitalismus‘ des Deutschen Kaiserreichs bestand aus drei Hauptkomponenten:

  1. Neben den Privatunternehmen trat auch der Staat als Unternehmer auf (Deutsche Reichsbahn, Deutsche Reichspost, kommunale Versorger). Darüber hinaus sorgte er sich aktiv um die öffentliche Infrastruktur und wurde sozialpolitisch aktiv (1883 Einführung der Sozialversicherung).
  2. Es herrschte ein so genanntes korporatisches Regime, ein komplexes, auf Ausgleich zielendes Wechselspiel zwischen Staat, Unternehmerverbänden und Gewerkschaften (den Körperschaften = Korporationen). Der Korporatismus ist die Keimzelle der heutigen ’Sozialpartnerschaft‘. Sein Sinnbild war aber auch die Kartell-Bewegung: Vom Beginn des Deutschen Reiches 1871 über die Weimarer Republik bis hin zum Hitler-Faschismus hatte sich in vielen Branchen eine regelrechte Kartell-Kultur entwickelt, die der Staat nicht nur duldete, sondern sogar aktiv förderte. Konkret: Der Staat tolerierte das Zusammengehen und damit die Dominanz von Großkonzernen.
  3. Mit der Reichsgründung orientierte sich die deutsche Wirtschaft vor allem am Export, um die Weltmärkte zu erobern, allen voran die deutsche Stahlbranche und die chemische Industrie. In diesem Sinne wurden auch in der Bevölkerung Kartelle gerechtfertigt: Sie führten zwar zu höheren Preisen, verhinderten aber ’ruinösen‘ Wettbewerb und brächten Großunternehmen (heute sagt man ‘national champions‘) hervor, die sich auf den internationalen Märkten behaupten könnten.

Die Neoliberalen hatten noch am wenigsten Probleme mit der Exportorientierung, ganz im Gegenteil, doch Staatsinterventionen und Korporatismus lehnten sie strikt ab. Damit mussten sie sich nicht nur gegen ihre linken Gegenspieler durchsetzen, sondern auch gegen einen nicht gerade kleinen Teil der Großindustrie, der in der jungen Bundesrepublik weiterhin in den Bahnen des Kaiserreichs dachte und handelte. Dies galt auch für die großen Industrie- und Arbeitgeberverbände.

Damit war klar, dass es keinen schnellen Sieg auf der ganzen Linie geben konnte. Dies zeigte sich zum Beispiel im Wettbewerbsrecht. So dauerte es geschlagene sieben Jahre, bis Erhard und die Neoliberalen in Union und FDP 1957 das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB), das die Kartellbildung untersagt, gegen massive Widerstände aus der Großindustrie durchsetzen konnten. Das GWB gilt als das ’Grundgesetz der Ordololiberalen‘, weil es den Wettbewerb sichern soll. Auffallend aber, dass das Gesetz nur Kartelle verbot und nicht auch Fusionen kontrollierte. Da sollte der Wirtschaft ordofreier Lauf gelassen werden. Die Fusionskontrolle führte erst 15 Jahre später die sozialliberale Koalition ein.

Die Deutsche Bundesbank, Festung einer monetaristischen Geldpolitik. Foto: Dontworry/Wikicommons

Zu den Meilensteinen marktpuristischer Wirtschaftspolitik gehörte zweifellos die Gründung der Deutschen Bundesbank 1957, für die es schon Vorläufer mit anderen Namen gab. Die Bundesbank ist per Gesetz der Geldwertstabilität verpflichtet und hat deshalb über die Jahrzehnte eher eine Hochzinspolitik zu Gunsten des Kapitals verfolgt. Es hätte aber auch Alternativen gegeben: So ist die 1918 ins Leben gerufene Federal Reserve Bank in den USA per Gesetzesauftrag nicht nur der Geldwertstabilität, sondern auch der Vollbeschäftigung verpflichtet – und zwar gleichrangig. Dies hat bei der ’Fed‘ über weite Strecken zu einer eher expansiven Geldpolitik mit niedrigen Zinsen geführt. In der Bundesrepublik haben die Marktradikalen jedoch einen anderen Weg durchgesetzt.

Eine Niederlage mussten die Neoliberalen sicher mit der Einführung des noch heute gültigen, aber längst aufgeweichten Umlageverfahrens (‚Generationenvertrag‘) bei der Rentenversicherung hinnehmen. Erhard hatte sich für das Kapitaldeckungsverfahren ins Zeug gelegt, bei dem jeder Versicherte individuell für sich selbst vorsorgen muss. 1957 führte Adenauer sogar die dynamische Rente ein, die Kopplung an die realen Lohnzuwächse. Die Löhne stiegen zwar dank des ’Wirtschaftswunders‘ in den Fünfzigern – damit nun auch die Renten. Dessen ungeachtet ging  die Schere zwischen Erträgen aus Arbeit und Kapital in diesem Jahrzehnt immer weiter auseinander, so dass die Gewerkschaften Anfang der Sechziger mit teilweise massiven Streiks ein größeres Stück vom Kuchen einforderten.

Als große sozialpolitische Meisterleistung der Gründerjahre und damit als eine Art Gegenbeweis zu neoliberaler Politik wird gern auch der so genannte Lastenausgleich ins Feld geführt. Ihn hatten ursprünglich vor allem die Sozialdemokraten gefordert. Durch das Gesetz wurden Kriegsgeschädigte und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten mit Abermilliarden D-Mark entschädigt. Dazu gehörten allerdings auch Großgrundbesitzer aus Schlesien und Ostpreußen, die für ihre verlorenen Ländereien oft mit exorbitant hohen Summen kompensiert wurden.

Eine weitere sozialpolitische Weichenstellung bildete scheinbar das Betriebsverfassungsgesetz von 1952. Es gewährt Belegschaften von Unternehmen mit mehr als fünf Vollzeitbeschäftigten das Recht, Betriebsräte zu bilden. Tatsächlich handelt es sich jedoch nicht mehr als um eine Neuauflage eines ganz ähnlichen Gesetzes der Weimarer Republik, bedeutete also mitnichten eine sozialpolitische Revolution. Und die Montanmitbestimmung von 1951, Keimzelle der paritätischen Mitbestimmung, wie sie ähnlich 1976 für Großunternehmen anderer Branchen ausgeweitet wurde, beruhte keineswegs auf einem freiwilligen Vorgehen der Bundesregierung. Vielmehr hatten die Alliierten mit der Entflechtung der Eisen-, Stahl- und Kohleindustrie gedroht, wenn die Mitbestimmung nicht eingeführt würde.

Die Haushalts- und Steuerpolitik der Adenauer-Erhard-Regierung war eindeutig wirtschaftsfreundlich. Ein Beispiel dafür ist die große Steuerreform von 1954, die vor allem die Großverdiener bediente. Fast noch wichtiger als die operative Ebene war jedoch die ständige Seelenmassage, die Ludwig Erhard immer wieder mit der deutschen Öffentlichkeit betrieb. Angelehnt an ein entsprechendes Mantra des neoliberalen Vordenkers Friedrich August Hayek behauptete er unablässig, dass eine expansive Wirtschaftspolitik mit hohen Wachstumsraten die wirksamste aller Sozialpolitiken darstelle, also besser sei als jedes sozialpolitische Programm und jede staatliche Transferleistung. Heute heißt dies im CDU-Jargon: „Sozial ist, was Arbeit schafft!“ Und Arbeitsplätze entstehen nach dieser Philosophie nur durch Wachstum. Insofern war Erhard nicht nur der Vater des Sozialen Marktwirtschaft, sondern auch eines blinden Wachstumsfetischismus.[19]

Kühlschrank, Sonntagsbraten und VW Käfer: das ’Wirtschaftswunder‘

Die Konservativen und Marktradikalen um Erhard präsentierten das so genannte Wirtschaftswunder als scheinbar absolut folgerichtiges Ergebnis ihres Erfolgsmodells der Sozialen Marktwirtschaft. Die Fakten schienen für sie zu sprechen. Nach der Krise 1948/50 erholte sich die Konjunktur, und die bundesdeutsche Volkswirtschaft erzielte in den nächsten Jahren und Jahrzehnten reale Zuwächse von bis zu 12 Prozent jährlich – bis zunächst die Rezession von 1966/67 und dann endgültig der Ölpreisschock von 1973 der Wachstumsstory ein Unhappy End bescherten. Ab 1952 verwandelte sich die noch spürbare Arbeitslosigkeit in Vollbeschäftigung, die Produktivität stieg rapide und auch die Realeinkommen wuchsen kräftig. Wohlstand für alle eben.

Dies war ein Lieblingsslogan von Erhard, die Bezeichnung ‘Wirtschaftswunder‘ lehnte er ab. Ein Redakteur der renommierten Londoner Tageszeitung The Times hatte 1952 erstmals den Begriff ins Spiel gebracht, den auch die deutschen Medien im Laufe der Jahre gern und oft aufgriffen. Aber auch die CDU nutzte ’ihr‘ Wirtschaftswunder in den Wahlkämpfen der fünfziger Jahre als vermeintlich stichhaltiges Argument für das Kreuzchen an der richtigen Stelle auf dem Stimmzettel. Erhard indes tat all dies als „das seichte Gerede vom deutschen Wunder“ ab. Warum, war klar: Ein Wunder ist unerklärlich, Erhard hatte aber eine klare Erklärung für den großen Aufschwung – nämlich seine eigene Politik.

Der VW Käfer stellt gewissermaßen das fahrende Wirtschaftswunder war. Hier 1960 bei einer kleinen Verschnaufpause im Oberammergau. Foto: Bundesarchiv/Wikicommons

Auch in der bundesdeutschen Bevölkerung der fünfziger Jahre kam der Begriff nicht gut an, schien er doch die eigene, handfeste Arbeitsleistung nicht ausreichend zu würdigen und das Übernatürliche in den Vordergrund zu schieben. Dessen ungeachtet setzte sich der Begriff ’Wirtschaftswunder‘ durch und wird in der historischen Rückschau heute gern unbedacht für den Aufschwung der fünfziger Jahre verwendet. Denn um ein Wunder handelte es sich nun wirklich nicht – auch wenn es größtenteils andere Ursachen hatte als die von Erhard behaupteten.[20]

Vom ’Wirtschaftswunder‘ profitierten vor allem die Unternehmen, aber auch die Arbeitnehmer hatten sichtbaren Anteil daran, wenn auch einen deutlich kleineren. Zunächst in Form von Butter, Wurst und Käse auf dem Brot und in Gestalt eines Stückes Fleisch am Sonntag. Dann konnten sich auch die ‘einfachen Leute‘ immer mehr dauerhafte Konsumgüter zulegen – in den Fünfzigern den Kühlschrank, in den Sechzigern den Fernseher. Und natürlich den VW Käfer nicht zu vergessen, der im besten Sinne des Wortes zum Volkswagen avancierte. Die Deutschen konnten sich nun ihren kleinen, aber eben persönlichen Pkw leisten. Mit zunehmendem Wohlstand verdrängten dann die genauso noblen wie biederen Karossen von Mercedes und damit der Mercedesstern den Käfer als Symbol des Mythos Soziale Marktwirtschaft. Dies schien eine gewisse kulturelle Steigerung darzustellen, denn beim Käfer klebte – metaphorisch gesprochen – Blut an der Stoßstange.[21] Der Käfer war in den 1930ern als braunes ‘Kraft -durch-Freude‘-Auto auf die Welt gekommen und wurde im Zweiten Weltkrieg von der Wehrmacht als Kübelwagen eingesetzt. Ein paar Jahre später funktionierte ihn Volkswagen dann in den niedlichen, runden Käfer um und machte ihn zum weltweiten Verkaufsschlager.

Der Käfer stellte gewissermaßen die Steigerung des Sonntagsbratens dar. Sein Kauf war die rituelle Inszenierung des Mythos Soziale Marktwirtschaft. Genau wie der mehr oder minder tägliche Verbrauch von Konsumgütern aller Art. Denn anders und auch kaum effektiver, wenn auch wenig feierlich ließ sich dieser Mythos nicht inszenieren. Einen Feiertag für die Soziale Marktwirtschaft? Der große politische Feiertag der Deutschen fand lange Zeit am 17. Juni statt, der Gedenktag an die Arbeiteraufstände Mitte Juni 1953 in der DDR. Er beschwor die deutsche Einheit, erinnerte die Westdeutschen daran, dass ihr Land geteilt war, dass sie in einem staatlichen Provisorium lebten – und war deshalb ein trauriger Anlass. Den Grund zum Feiern sollte dagegen das ’Wirtschaftswunder‘ liefern.

Die wirklichen Ursachen des „Wirtschaftswunders“

Soweit die Fakten. Und die Ursachen? Was (oder wer) das ‘Wirtschaftswunder‘ bewirkt hat, ist weit weniger klar, mithin unter Wirtschaftshistorikern einigermaßen umstritten. Klar ist aber, dass Erhard und seine Wirtschaftspolitik nicht die Hauptursache dafür bildeten. Eine wissenschaftliche Deutungsrichtung betont dennoch die spezifisch deutsche Entwicklung. Aber nur eine. Und wenn, dann müssten neben der Sozialen Marktwirtschaft noch andere Faktoren aufgeführt werden, die sich von anderen europäischen Ländern unterschieden. Zum Beispiel dass die junge Bundesrepublik von einem gigantischen brain drain aus dem Osten Deutschlands profitierte. Fast drei Millionen Menschen wechselten vor dem Mauerbau 1961 die Seiten, darunter mehrere Hunderttausende hoch qualifizierte Akademiker. Darüber hinaus verlegten zahlreiche mittelgroße und große Unternehmen ihren Sitz von Ost nach West, wie etwa Carl Zeiss oder Audi.

Gleichwohl reichen die Argumente vom ‘deutschen Sonderweg‘ nicht aus, um den Aufschwung der Nachkriegszeit zu erklären. Denn auch andere westeuropäische Länder (sowie Japan) erzielten in diesen Jahren imposante Wachstumsraten, so zum Beispiel Frankreich, obwohl es eine völlig andere, eher staatsinterventionistische Wirtschaftspolitik verfolgte. Insofern ist es viel wahrscheinlicher und wissenschaftlich plausibler, dass Westdeutschland wie die meisten anderen westeuropäischen Marktwirtschaften auch seinen Hauptschub durch den Wiederaufbau nach dem Weltkrieg erhalten hat (Rekonstruktionsthese). Deutschland begab sich nach dem großen Zusammenbruch über die hohen Zuwächse wieder auf einen Wachstumspfad, den es schon Jahrzehnte zuvor eingeschlagen hatte – und zwar in der Anfangszeit als ausgesprochenes Niedriglohnland, das so vor allem über den Export seine Konjunktur wieder ankurbeln konnte. Hinzu kam offensichtlich, dass Westdeutschland von den Marshallplan-Milliarden profitierte sowie von dem Technologie-Transfer, den US-amerikanische Unternehmensniederlassungen in der Bundesrepublik beförderten.[22]

Es ist wissenschaftlich am plausibelsten, dass Westdeutschland seinen Hauptschub durch den Wiederaufbau nach dem Weltkrieg erhalten hat – genau wie wie die meisten anderen westeuropäischen Marktwirtschaften.

Die Rekonstruktionsthese dominiert inzwischen die wissenschaftliche Diskussion eindeutig. Es ist klar, dass sich manchmal erst lange im Nachhinein wissenschaftlich fundierte Erklärungen finden lassen und es noch länger dauert, bis sich die am besten fundierte davon durchsetzt. Dessen ungeachtet stellte es aber schon eine gewisse politische Dreistigkeit der Adenauer-Erhard-Regierung dar, sich für den Erfolg allein den Orden an die Brust zu heften. Allerdings wollten die (meisten) Westdeutschen diese hanebüchene Version auch glauben, um ihr durch Hitler-Barbarei und Kriegsniederlage angeknackstes Selbstbewusstsein mit scheinbar selbst erbrachten wirtschaftlichen Glanzleistungen wieder aufzupäppeln. Der Wohlstand war greifbar und es schien immer so weiterzugehen. Die Bevölkerung glich das Mythos-Angebot mit ihrer persönlichen Realität ab – und es schien zu passen. Der Mythos Soziale Marktwirtschaft funktionierte also bestens.

Und er bewies nach innen wie nach außen seine Stärke. Die ‘freiheitliche‘ Soziale Marktwirtschaft ließ sich in der Öffentlichkeit hervorragend als Gegenstück zur Zwangswirtschaft der Nazis und damit als ‘ganz anders‘ und neu verkaufen. Aber auch als diametral entgegengesetzte Alternative zur zentralen Planwirtschaft der Sowjetunion, ihrer Vasallenstaaten wie der DDR sowie zu den Sozialdemokraten im Westen, die ja augenscheinlich etwas ganz Ähnliches propagierten wie die Kommunisten. Wer die Soziale Marktwirtschaft kritisierte, musste folglich gegen die Freiheit, auch die politische, sein. So gesehen ließ sich der Mythos Soziale Marktwirtschaft auch als hervorragendes Instrument der Disziplinierung wirtschaftspolitisch Andersdenkender einsetzen.

Der Mythos Soziale Marktwirtschaft sollte freilich auch von der Überlegenheit des westlichen Gesamtmodells gegenüber der Variante Ost zeugen. Die DDR wartete mit ihrem Mythos des Antifaschismus auf: Im Osten gab es scheinbar keinerlei Kontinuitäten zu Hitler-Deutschland, dies manifestierte sich am deutlichsten im politischen Spitzenpersonal, das sich größtenteils aus Widerstandskämpfern gegen die NS-Diktatur rekrutierte. Die DDR berief sich auf die demokratisch-sozialrevolutionären Traditionen der deutschen Geschichte und eben auf den kommunistisch-sozialdemokratischen Widerstand gegen das Hitler-Regime. Im Gegensatz zur Bundesrepublik war hier der Bruch mit der NS-Vergangenheit klar und eindeutig. Doch bekanntlich kommt das Fressen vor der Moral. Und so wusste die Bundesrepublik mit ihrer Sozialen Konsumgüterwirtschaft einen wichtigen Trumpf im Wettkampf der Systeme in der Hand.

Fußnoten

[1] Der folgende Abschnitt über die ökonomisch relevanten Regelungen des Grundgesetzes basiert im Wesentlichen auf Wilms (2010).

[2] Ambrosius (1977), S. 194-195.

[3] Zitiert nach Wilms (2010), S. 218.

[4] Zitiert nach Ptak (2004), S. 161-62.

[5] Riedl (1992), S. 13-14.

[6] Niemann (1994), S. 45.

[7] Jaeger (1988), S. 217-218.

[8] Toman-Banke (1996), S. 111-124.

[9] Zitiert nach Koch-Wegener (2007), S. 104.

[10] Zitiert nach Koch-Wegener (2007), S. 104 und 105.

[11] Erhard trat dann auch bei einigen FDP-Veranstaltungen auf. Thomas Dehler nahm für sich in Anspruch, im März 1948 Erhard für den Posten des Wirtschaftsdirektors lanciert zu haben.

[12] Toman-Banke (1997), S. 126-135.

[13] Niemann (1994), S. 51.

[14] Niemann (1994), S. 53-54, 59-63.

[15] Zitiert nach Niemann (1994), S. 69.

[16] Vgl. Friedel (2007).

[17] Auch 1965 ging die Union mit ihrem Spitzenkandidaten Ludwig Erhard als eindeutiger Sieger aus der Wahl hervor. Doch bald darauf zerbrach die Koalition mit der FDP, so dass 1966 die Große Koalition mit der SPD entstand. Hier wurden die Weichen für eine eher keynesianisch geprägte Wirtschaftspolitik gestellt.

[18] Abelshauser (2011), S. 30.

[19] Ambrosius (1977), S. 196-200.

[20] Wengeler (1995), S. 63-64.

[21] In den neunziger Jahren wurde dann allerdings ruchbar, dass die Mercedes-Mutter Daimler-Benz während der NS-Zeit in größerem Umfang Zwangsarbeiter eingesetzt hatte.

[22] Vgl. Abelshauser (2011), S. 283-301 und Werding (2008), S. 304-308.

Quellen

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Wilms, Heinrich (2010): Kapitalistische Marktordnung und Grundgesetz? Verfassungsrechtliche Rahmenbedinungen für die Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland, in: Pasero, Ursula/Van den Berg, Karen/Kabalak, Alihan (Hg.), Capitalism revisited. Anmerkungen zur Zukunft des Kapitalismus. Marburg, S. 217-239.

© Die Zweite Aufklärung 2022 (Titelbild: Institut für Wachstumsstudien)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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