Kulturgeschichte

Heinrich Böll: Das schlechte Gewissen des westdeutschen Katholizismus

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Heinrich Bölls weltweiter Ruhm begründet sich vor allem in seinem Schaffen als Schriftsteller. Bölls großes Verdienst jedoch besteht in seinen offensiven Auseinandersetzungen mit der reaktionären katholischen Amtskirche der frühen Bundesrepublik und in seinem verbissenen Kampf gegen die „Bild“-Zeitung, die ihn in den 1970ern zu einem Sympathisanten der Terroristen von der RAF brandmarken will. Heinrich Böll war nicht nur einer der größten Schriftsteller der Nachkriegsjahrzehnte. Er war vor allem auch einer der klügsten, eigensinnigsten und stimmgewaltigsten öffentlichen Intellektuellen der westdeutschen Republik. Eine Biografie in vier Teilen.

Teil 1: Kriegstrauma – Kirchentrauma – „Ansichten eines Clowns“

Heinrich Böll 1983 Foto: M.A. Anefo/Wikicommons

Als Heinrich Böll im Dezember 1972 den Nobelpreis für Literatur vom schwedischen König Karl Gustav entgegennimmt, hat er ein Jahr zuvor mit seinem dokumentarischen Roman Gruppenbild mit Dame ein literarisches Werk erster Güte vorgelegt. Es ist nicht das erste, in dem er sich intensiv mit der NS-Zeit auseinandersetzt. Aber es ist auch nicht das einzige Sujet, das er kennt. 1985 zählt der „Spiegel“ in seinem Nachruf auf den Großdichter die Haupt- und Dauerthemen Bölls auf: „Verdrängung deutscher Nazi-Schuld und neudeutsche Unfähigkeit zu trauern; Menschlichkeit und Herzenswärme der Schwachen, Armen und Mißachteten gegen Brutalität und Kälte der Karrieretüchtigen, Reichen und Wohlanständigen; Christlichkeit aus dem Geist der Bergpredigt gegen katholisch-bürgerliche Engherzigkeit und restaurativen Klerikalismus.“ Böll hat ein umfängliches literarisches Oeuvre mit Romanen, Erzählungen, Kurzgeschichten und Grotesken vorgelegt. Er hat aber auch publizistisch gewirkt – mit unzähligen Interviews, eigenen Hörspielen, TV-Dokumentationen und journalistischen Essays. 1972 bewegt sich Heinrich Böll auf dem Höhepunkt seiner Bekanntheit und seines Einflusses.

Dazu trägt allerdings nicht nur der Nobelpreis bei, sondern auch ein innenpolitischer Eklat, den er zu Beginn des Jahres herbeigeführt hat. Mit einem Essay für den „Spiegel“ erweckt der Schriftsteller den Eindruck allzu großen Verständnisses für die Baader-Meinhof-Terrorgruppe und greift dabei messerscharf die sensationsheischende Berichterstattung der „Bild“-Zeitung an. Die Springer-Presse keilt zurück. Und es entwickelt sich ein verbissener Schlagabtausch, auf dessen Höhepunkt Böll sein wohl bekanntestes Werk hervorbringt: Die verlorene Ehre der Katharina Blum.

Heinrich Böll argumentiert gern moralisch und nimmt deshalb alles und jeden gern ins Visier, das für ihn den faulen Geruch der Doppelmoral ausdünstet. Nicht zuletzt deshalb war in den Jahrzehnten zuvor die katholische Amtskirche sein Hauptgegner. Sein wichtigstes Werk hier: Ansichten eines Clowns (1963). Doch Böll ist mitnichten ein Antichrist. Ganz im Gegenteil. Eine prägende Rolle für seine Weltsicht und seinen Glauben spielt seine Sozialisation im erzkatholischen Rheinland. Heinrich Böll war ein westdeutscher Schriftsteller und dies durchaus mit der Betonung auf den Westen.

 

Das Brot der frühen Jahre

Böll wird in eine sehr schwierige Zeit hineingeboren und erlebt doch eine „sehr freie und verspielte“ Kindheit, wie er später schreibt. Am 21. Dezember 1917, knapp ein Jahr vor dem Ende des Ersten Weltkriegs, erblickt er in der Kölner Südstadt das Licht der Welt. Als sechstes und jüngstes Kind aus der zweiten Ehe seines Vaters wächst er in gesicherten und gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Vater Viktor ist Schreiner, betreibt ein Atelier für kirchliche Schnitzwerke. Kirchenbänke zum Beispiel, auch Altare und Engel. Die Geschäfte laufen gut, der junge Heinrich wächst in einer Villa mit großem Garten und Doppelschaukel auf.

Als Kind und Jugendlicher unternimmt er aber auch immer wieder Ausflüge in Nachbarviertel und taucht damit in völlig andere Welten ein. „Mich zog’s immer in die Siedlung, die wie unsere neu erbaut war, in der Arbeiter, Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre wohnten“, schreibt er Jahrzehnte später in einem Essay. „Dort gab es die meisten Kinder und die besten Spielgenossen.“ Der junge Böll kennt keinen bourgeoisen Klassendünkel, vielmehr entwickelt er schon früh Sympathien für die unteren, benachteiligten Schichten. Böll selbst erkennt später in seiner Sozialisation ein „explosives Gemisch…von kleinbürgerlichen Resten, Bohème-Elementen und proletarischem Stolz, so recht keiner ’Klasse zugehörig‘“ zu sein. Die frühen Begegnungen lassen sein ausgeprägtes soziales Gerechtigkeitsempfinden entstehen.

Deutsche Truppen kehren aus dem 1. Weltkrieg zurück und überqueren die Kölner Rheinbrücke. Böll war damals ein Jahr jung. Jahre als Soldat erwarten aber auch ihn. Foto: Bundesarchiv_Bild_183-R27436

Mit der Weltwirtschaftskrise findet das Luxusleben allerdings ein Ende: Der Vater geht pleite und muss 1930 das Haus im Grünen verkaufen. Die Familie wohnt vorübergehend wieder in deutlich bescheideneren Verhältnissen und muss sich ein paar Jahre lang regelrecht durchschlagen. Böll prägen diese Jahre enorm: „Es war eine Art Anarchismus, Nihilismus, Anti-Bürgerlichkeit, auch Hysterie, die mich bis heute geprägt haben.“

Als Anfang 1933 die Nazis die Macht in Deutschland übernehmen, bleibt der junge Böll davon persönlich weitgehend unberührt. Er besucht ein „extrem katholisches, nicht nazi-verseuchtes“ altsprachliches Gymnasium und macht 1937 sein Abitur. Danach fängt er zunächst eine Lehre als Buchhändler an, muss seinen „Reichsarbeitsdienst“ ableisten, wechselt im Frühjahr 1939 an die Uni zum Studium der Germanistik und Altphilologie – und wird bereits wenige Tage nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs eingezogen. Erst kommt Böll als Infanterist nach Polen, dann muss er wiederholt in Frankreich „dienen“, und auch die Schützengräben Russlands lernt er nolens volens kennen. 1945 gerät er im niederen Rang eines Obergefreiten schließlich in amerikanische Kriegsgefangenschaft.

Zunächst durchaus noch mit einer gewissen jugendlichen Neugier ausgestattet, geraten die Kriegsjahre für Böll zu einer Mixtur aus Trauma und Offenbarung. Er ist danach so sehr geschwächt, dass er fast zwei Jahre lang arbeitsunfähig ist. Aber es ist noch weit mehr. Böll ist in einem ausgesprochen katholischen Milieu aufgewachsen. Zwar werden hier konservative Werte wie Familie und Vaterland hochgehalten. Doch der Vater weist als „Bildhauer“, wie Böll seinen Vater bevorzugt nannte, auch bohèmienhafte Züge auf und vermittelt seinen Kindern zudem einen demokratischen Antifaschismus, angereichert mit einem ausgeprägten rheinischen Antipreußentum, dessen wichtige Facette der Antimilitarismus ist. Das will nicht zu einem brutalen Angriffskrieg passen.

Der Leidensweg gerät indes auch zur persönlichen Offenbarung. Bölls Widerwille gegen den Irrsinn des Krieges und den Kadavergehorsam des Soldatentums lassen in ihm eine später zuweilen schon bockig anmutende antiautoritäre Grundhaltung erwachsen, einen Antiautoritarismus, der nicht selten in Aufrufen zu zivilem Ungehorsam münden wird. Entscheidend ist noch: In Briefen an seine damalige Freundin und spätere Ehefrau, Annemarie Cech, entdeckt er 1942 eine „tiefe Empfindsamkeit“ in sich und beschließt, Schriftsteller zu werden. Böll entwickelt in diesen Jahren die Gewissheit, „daß Gott mich im Auge hat und mich behütet; und ich glaube auch, daß er einen Plan hat.“ Diesen Plan will Böll dann gern erfüllen.

Diese „Eingebung“ kommt nicht von ungefähr. Während all der harten Jahre, inmitten der Stahlgewitter, findet Böll vor allem Trost in seinem Glauben. Er ist bekennender Christ und damals auch noch ein kreuzbraver Katholik. Doch dies wird sich ändern. Der Keim der Rebellion ist schon in frühen Jahren gesät und geht dann mit aller Macht in seinem literarischen Werk auf.

 

Sehr fromm und sehr kirchenkritisch

Der christliche Glaube bildet die große Konstante und den moralischen Kompass im Leben des Heinrich Böll. Die Eltern geben ihm mit ihrem undogmatisch toleranten, lebensnahen Zugang zum Katholizismus die ethische Grundierung. Noch stärker prägt Böll jedoch die geistige Begegnung mit dem französischen Theologen Léon Bloy. 1936 wird Böll Mitglied eines christlichen Gesprächskreises, in dem er die Schriften des erzkonservativen Fundamentalisten kennenlernt. Bloy predigt, allein dem Wort Christi zu folgen – freilich nach seiner, Bloys, Interpretation. Er wettert gegen die Amtskirche und verherrlicht das Leben in Armut, die angeblich die einzige Würde des Menschen darstelle.

„Der junge Böll hat sich diesem Apokalyptiker in einer heute kaum mehr nachvollziehbaren Nähe verbunden gefühlt“, schreibt sein Biograph Ralf Schnell in Heinrich Böll und die Deutschen (2017). Der linke Böll und der reaktionäre Fundi? Wie passt das zusammen? Wahrscheinlich sind es gerade die radikalen Überzeugungen Bloys, die Böll inneren Halt gegen das NS-Regime geben. Die Amtskirche war von den Nazis nach ihrer Machtübernahme schnell gleichgeschaltet worden: Bereits im Juli 1933 vereinbart der Vatikan mit Hitler ein Reichskonkordat, einen völkerrechtlichen Vertrag, der den politischen Verfolgungsdruck von der katholischen Kirche in Deutschland nimmt und über ein Geheimprotokoll regelt, dass sich katholische Geistliche im Kriegsfalle loyal zu Staat und Wehrmacht zu verhalten hätten.

Böll hatte ein spannungsgeladenes Verhältnis zur Amtskirche. Foto: Elke Wetzig/Wikicommons (auch Quelle für das Titelfoto)

Ohne dies zu wissen, erwägen Teile von Bölls Familie damals den Kirchenaustritt. Bei Böll staut sich über die Jahre noch mehr Frust an, über die Kirchensteuer und eben über den kirchlichen Gehorsam. Diese grundlegenden Bedenken schlagen sich später in seinem Brief an einen jungen Katholiken nieder, den Böll 1958 an einen fiktiven Rekruten der neu erschaffenen Bundeswehr richtet. Ganz im Geiste des politischen Widerstands gegen die Wiederbewaffnung Westdeutschlands inklusive NATO-Mitgliedschaft appelliert er an diesen Rekruten katholischen Glaubens, nicht Befehlen, sondern seinem Gewissen zu folgen. Böll erinnert sich dabei mit Grauen an seine eigene Erfahrung, als ein katholischer Geistlicher ihn und seine ’Kameraden‘ bei seiner Einberufung 1939 mit seiner „Turnlehrertheologie“ zu kriegerischer Tapferkeit und militärischem Gehorsam ermahnte. Ganz im Geiste des Konkordats.

Böll entwickelt über diese faktische Verstrickung von Kirche und NS-Staat eine ausgesprochene Abneigung gegenüber der Amtskirche und dem politischen Katholizismus, welcher die Glaubenslehre zur Grundlage politischer Entscheidungen macht. Nimmt dieser politische Katholizismus zunächst Gestalt in der Zentrumspartei an, die ihren Kulturkampf gegen das preußisch-protestantische Deutsche Reich Bismarcks austrägt, so manifestiert er sich nach 1945 darin, dass die Bischöfe die zwar interkonfessionelle, aber vom rheinischen Katholizismus dominierte CDU offen unterstützen. Böll spricht in seinem Brief von einer „Fast-Kongruenz von CDU und Kirche.“ Von Martin Niemöller, linksprotestantischer Theologe und Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, stammt der Ausspruch, die Bonner Republik sei „in Rom gezeugt und in Washington geboren.“ Gemessen an den historischen Fakten, mag dies zwar überzogen klingen, kann gleichwohl aber als treffsichere Metapher verbucht werden.

 

Gegen den Verbandskatholizismus

Den gesellschaftlichen ’Arm‘ des politischen Katholizismus bildet der Verbandskatholizismus. Dieser wird getragen von den Pius-Vereinen, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Katholischen Kirchentage ins Leben rufen, vom sozial orientierten Kolping-Werk, vom Hilfswerk Miserior und von einer Reihe von Berufsverbänden, etwa für Lehrer. Als Antipode zu diesem formalistischen Verbandskatholizismus, der eng mit den Institutionen der Amtskirche verbandelt ist, entsteht nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die sogenannte Liturgische Bewegung. In dieser Bewegung leben Jugendgruppen ihre Sehnsucht nach ‘echter‘ Gemeinschaft aus und versuchen, ihr Alltagsleben ganz an Jesus Christus auszurichten. Der wöchentliche Kirchgang und die Beichte reichen ihrer Überzeugung nach nicht aus. Ganz in diesem Geiste argumentiert auch das frühe Böll-Vorbild Léon Bloy. Später, als schon halbwegs arrivierter Schriftsteller, wird sich Böll von Bloy lossagen, nicht zuletzt wegen dessen antideutscher Ressentiments. Was Böll von Bloy dennoch in sich weiterträgt, sind moralischer Rigorismus und eine radikale Skepsis bis hin zur Ablehnung der Amtskirche.

In einer Titelgeschichte attestiert „Der Spiegel“ Anfang 1963 Bölls literarischem Frühwerk eine große Frömmigkeit und will ihm damit den linken Zeitgeist der damaligen Kulturszene absprechen. „Der katholische Moralist Böll verspricht sich nichts von revolutionärer Programmatik, hingegen viel davon, daß die Christen wirkliche Christen wären, daß sie zum Beispiel das Gebot der Nächstenliebe tatsächlich befolgten…“, schreibt das Nachrichtenmagazin. Böll hat zwischen 1949 und 1951 mit Der Zug war pünktlich und Wo warst du, Adam? erste literarische Achtungszeichen gesetzt. „Ernsthafte Glaubenskonflikte kommen…bei ihm nicht vor“, moniert „Der Spiegel“.“…und die Welt, die er darstellt, ist eine Welt voller unbeirrt praktizierender Katholiken.“ In den ersten Nachkriegsjahren hofft Böll tatsächlich noch darauf, dass sich in ganz Europa ein neuer Geist christlicher Kultur entfalten möge. Doch diese Hoffnung verliert Böll immer mehr, schon recht deutlich spürbar in seiner Erzählung Und sagte kein einziges Wort von 1953. Voll und ganz, als er 1963 seine Ansichten eines Clowns veröffentlicht.

 

„Ansichten eines Clowns“: Breitseiten gegen die Unwürdenträger

Der Roman sorgt bereits für Wirbel, als ihn die „Süddeutsche Zeitung“ vorab druckt. Die katholische Kirche reagiert mit heftiger Kritik, ja mit Wut. Aus dem Umfeld der Amtskirche erschallen zahlreiche Boykottaufrufe, die den Clown in katholischen Buchhandlungen zur Bückware machen. Aber all das beschert dem Buch nur zusätzliche Publicity: Es erreicht eine Gesamtauflage von fast zwei Millionen Exemplaren und wird in 38 Sprachen übersetzt. Und es trägt maßgeblich dazu bei, dass sich Heinrich Böll als schlechtes Gewissen des Katholizismus und Querdenker der Nation etablieren kann.

dtv-Cover von „Ansichten eines Clowns“

Die Geschichte des Clowns ist so einfach wie genial. Der Bonner Industriellensohn Hans Schnier verliebt sich in Marie Derkum, Tochter eines kleinen Händlers, der Widerstandskämpfer gegen die Nazis war. Marie ist einerseits streng katholisch, andererseits aber durchaus sinnenfreudig genug, um sich auch ohne Ehering und damit ohne kirchliche Weihen dem verliebten Hans hinzugeben. Als Hans bei Marie die Nacht verbringt, hat er nach damaligen Moralvorstellungen Schande über alle gebracht. Er und Marie ziehen kurzerhand von Bonn nach Köln. Und Hans, der sich länger von seiner Familie entfremdet hat, verdingt sich zunächst recht erfolgreich als Komiker. Marie und er verstehen sich scheinbar prächtig, doch immer wieder überkommen Marie Zweifel. So glaubt sie, dass die Fehlgeburt, die sie erleidet, in der Vorhölle schmoren müsse, weil das Kind nicht getauft werden konnte. Als Marie darauf besteht, dass ihre späteren Kinder katholisch erzogen werden müssten, willigt Hans zwar ein, aber nur widerwillig. Für Marie ist dies der endgültige Anlass, um Hans zu verlassen. Sie hinterlässt ihm einen Zettel, auf die Worte stehen: „Ich muss den Weg gehen, den ich gehen muss.“ Hilfe erhält sie dabei von Züpfner, einem hochrangigen katholischen Verbandsfunktionär, mit dem Marie schon vor ihrer Beziehung mit Hans eine Art Liebelei gehabt hat. Marie brennt mit Züpfner durch, just als dieser beim Kirchentag in Hannover ist und Hans in der Stadt einen Auftritt hat. Es handelt sich mitnichten um eine spontane Aktion. Vielmehr haben Züpfner und seine Freunde aus einem katholischen Gesprächskreis Marie ganz offenbar schon länger bearbeitet.

Nachdem Marie ihn verlassen hat, geht es mit Hans steil bergab. Er verliert seine Komik, verfällt dem Alkohol und muss immer schlechtere Engagements annehmen. Als er sich auch noch am Bein verletzt, steigt er aus dem Showbusiness aus und kehrt in seine Heimatstadt Bonn zurück. Er braucht Geld und will zugleich herausbekommen, wo sich Marie aufhält und ob sie inzwischen Züpfner geehelicht hat. Deshalb ruft er alle möglichen Verbandsfunktionäre an, die er zuvor bei dem Züpfner‘schen Gesprächskreis kennengelernt hat. Ganz offenbar sind Züpfner und Marie nach Rom durchgebrannt und haben geheiratet. Schnier beschließt, sich als Clown verkleidet vor den Bonner Hauptbahnhof zu stellen und für Geld zu singen.

 

Eine echte Abrechnung

Böll hat sein Werk im Nachhinein selbst als zu konstruiert abgewertet. Doch gerade Hans Schniers viele Telefonate eröffnen wortgewaltig und dramaturgisch grandios die vielen Facetten des katholischen Verbandswesens. So führt er launige Streitgespräche mit dem Starken wie mit dem Schwachen, mit dem Dogmatiker wie dem Pragmatiker, mit dem Konservativen wie mit dem Progressiven. Alle unterscheiden sich in Nuancen voneinander und sind sich letztlich doch ganz gleich. Sie haben zwar alle ihre individuellen Züge und erfüllen dabei doch die übelsten Klischees. Eine veritable Abrechnung allererster Güte.

Unterbrochen werden die Gespräche immer wieder durch Flashbacks in die sechs Jahre gemeinsamer Zeit mit Marie und durch Kontakte mit seiner Familie. Vater wie Mutter haben sich in der Nazi-Zeit die Hände politisch schmutzig gemacht. Doch im Nachklang weist Böll die linke Kulturkritik deutlich darauf hin, dass nicht die bürgerliche Doppelmoral das Hauptthema seines Buches sei. Sie bildet lediglich einen integralen Bestandteil des Milieus, in dem der katholische Verbandskatholizismus am besten blühen und gedeihen kann.

„Außerdem sind sie die eingebildetste Menschengruppe, die ich kenne“, lässt Böll seinen Schnier über die Katholiken herziehen. „Sie bilden sich auf alles was ein: auf das, was stark an ihrer Kirche, auf das, was schwach an ihr ist, und sie erwarten von jedem, den sie für halbwegs intelligent halten, daß er bald konvertiert.“ Aber die Suada geht noch weiter: „…fast alle gebildeten Katholiken haben diesen gemeinen Zug, entweder hocken sie sich hinter ihren Schutzwall aus Dogmen, werfen mit aus Dogmen zurechtgehauenen Prinzipien um sich, aber wenn man sie ernsthaft konfrontiert mit ihren ‘unerschütterlichen Wahrheiten‘, lächeln sie und beziehen sich auf ‘die menschliche Natur‘. Notfalls setzen sie ein mokantes Lächeln auf, als wenn sie gerade beim Papst gewesen wären und der ihnen ein Stückchen Unfehlbarkeit mitgegeben hätte.“

Genauso ergeht es Hans Schnier, als er gegenüber einem katholischen Würdenträger argumentiert, er habe mit Marie doch wie in einer Ehe gelebt. Daraufhin entgegnet dieser, dass es nicht um Treue und Liebe gehe, Schnier sei wohl „monogam wie ein Esel.“ Es gehe einzig und allein darum, die Regeln und zwar die der katholischen Kirche zu befolgen. Gehorsam und Gefolgschaft als oberstes Gebot – selbst wenn es nur zum Schein befolgt wird.

 

Immun gegen die Schübe der Modernisierung

Im Nachwort einer dtv-Ausgabe von 1985, also über zwei Jahrzehnte nach Erscheinen des Clowns, nennt Böll die Verbandsreaktion auf seinen Roman „dumm“. Denn die katholischen Würdenträger hätten nicht erkannt, dass es sich um eine Satire handele. In der Tat hatte Böll zuvor schon sanft humoristische bis beißend-ironische Stoffe geliefert, handele es sich um Nicht nur zur Weihnachtszeit (1952) oder um Doktor Murkes gesammeltes Schweigen (1958). Doch der Clown ist nicht eindeutig als Satire erkennbar. Er ist zwar streckenweise von und mit bitterer Ironie gezeichnet. Doch überwiegt ganz klar die sehr ernste, ja teilweise verbissene Auseinandersetzung mit dem Katholizismus. Abgesehen davon hätte Böll mit einer lupenreinen Satire wohl nur noch mehr Öl ins Feuer gegossen.

Böll – und da hat er sicher Recht – deutet die Reaktion der Kirche direkt nach Veröffentlichung des Clowns 1963 als „kulturelles Defizit“, weil der institutionalisierte Katholizismus dem Ideal einer verkitschten Erbauungsliteratur nachhänge und sich sehr schwer damit tue, sich einer kritischen Auseinandersetzung mit ihren Glaubens- und Alltagspraktiken zu stellen. In diesem Belang hätte sich die katholische Kirche seit einem Jahrhundert nicht modernisiert.

In seinem Nachwort von 1985 bezeichnet Böll die Ansichten eines Clowns auch als „historischen Roman“, denn bereits zwei Jahrzehnte danach könne kaum noch jemand begreifen, warum es damals so einen Wirbel um das Buch gegeben habe. Heute, also Mitte der 1980er, würden wilde Ehen in den allermeisten katholischen Familien „nicht immer gebilligt, aber hingenommen.“ Sein Clown sei ein „Eheroman“, mithin ein Werk, das sich für die dauerhafte monogame Zweisamkeit stark mache – aber eben auf der Basis eines individuellen gegenseitigen Versprechens zweier sich liebender Menschen. Damit zweifelt Böll den Anspruch der Kirche (aber auch des Staates, wie er schreibt) an, darüber zu entscheiden, was eine Ehe ist – und was nicht.

Klar vorgegebene Wege: Bischöfliche Prozession anlässlich der Beisetzung des erzkonservativen Kölner Kardinals Meisner im Sommer 2017. Foto: Elke Wetzig/Wikicommons

Bölls Katholizismus-Kritik fällt in eine Zeit, als sich auch andere Künstler mit dem Thema auseinandersetzen. Rolf Hochhuth in seinem Theaterstück Der Stellvertreter (1962) zum Beispiel. Oder Carl Amery mit seiner Streitschrift Die Kapitulation – Deutscher Katholizismus heute, die im zweiten Halbjahr 1963 mehrere Monate lang auf Platz 1 der „Spiegel“-Beststeller-Liste rangiert. Eine öffentliche Debatte gibt es auch im katholisch geprägten Frankreich, die sich beispielhaft in dem Spielfilm Meine Nacht bei Maud (1970) von Eric Rohmer widerspiegelt.

Einen zusätzlichen kräftigen Säkularisierungs- und Liberalisierungsschub haben beide Länder durch die 68er-Bewegung erfahren. Und so behauptet Böll rückblickend, dass alle Versuche einer verbandskatholischen „Rückwende“ gescheitert seien. Keine drei Jahre zuvor, im Herbst 1982, hat der frisch gekürte Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) eine „geistig-moralische Wende“ für „dieses unseres Land“ gefordert, welche auch eine Rückbesinnung auf alte Traditionen und Werte wie Familie und Kirche, Anstand und Sitte einschloss. Vieles davon erweist sich jedoch als überholt und deshalb nicht mehrheitsfähig.

Doch letztlich haben sich die konservativ-reaktionären Beharrungskräfte in der katholischen Amtskirche als erstaunlich stark erwiesen, so dass die katholische Gegenwartsrealität in Deutschland von einer neuen Art „Dreifaltigkeit“ geprägt scheint: Von einer nach wie vor weithin modernisierungsunfähigen Amtskirche. Von Gruppierungen, die immer wieder, aber auch immer wieder erfolglos auf Reformen wie die Abschaffung des Zölibats drängen. Und auf die Masse der Gläubigen, die meist ein eher pragmatisches Alltagsleben führen. Von den Millionen von Menschen ganz zu schweigen, die über die Jahre und Jahrzehnte aus der katholischen (und auch protestantischen) Kirche ausgetreten sind.

 

Körper ≠ Körperschaft

Damit haben sie es Heinrich Böll nachgetan, der schon 1976 die Konsequenzen aus seiner Kirchenskepsis zieht. 1982 kommentiert der Schriftsteller seinen Austritt mit den Worten: „Zum Körper rechne ich mich noch zugehörig, zur Körperschaft organisierter Deutscher Katholizismus nicht.“ Nicht nur im Clown hat sich Böll mit der katholischen Amtskirche auseinandergesetzt und angelegt, sondern im Laufe der Jahrzehnte auch an anderen Stellen und bei anderen Gelegenheiten. So attestiert er 1971 in einem WDR-Fernsehfeature über Die Sprache der kirchlichen Würdenträger eben diesen eine „Sprache von Kontaktgestörten.“

1979 spricht Böll in einem Interview ein vernichtendes Urteil über die katholische Kirche der Gegenwart, die „eine derart militante, unfriedfertige Rolle im Nachkriegsdeutschland gespielt“ habe, „daß mir fast die groben und wirklich gefährlichen Fehltritte in der Nazi-Zeit harmlos verkommen, weil sie unter Druck passierten.“ Die Kirche sei mitverantwortlich für den gesellschaftlichen Rückbau nach 1945. „Das, was wir Restauration nennen, ist eigentlich von der Körperschaft Katholizismus in Deutschland am intensivsten betrieben worden und auch die Fast-Identität mit der CDU.“

Konsequenterweise versucht Böll seine politischen Überzeugungen und seinen religiösen Glauben in den „Politischen Nachtgebeten“ umzusetzen. Zusammen mit der linksprotestantischen Theologin Dorothee Sölle und anderen Mitstreitern* ruft Böll hier 1968 eine ökumenische Basisbewegung ins Leben, die die Initialzündung für die heutige „Kirche von unten“ bildet. Mit den „Nachtgebeten“ will Böll Politik und Glaube auf für ihn glaubwürdige Weise zusammenführen. Über Jahre treffen sich bis zu 1000 Teilnehmer* jeden Monat in Köln und streckenweise auch in anderen Städten, um die Vision einer anderen Gesellschaft zu diskutieren. Damit geraten die „Nachtgebete“ und ihre Protagonisten auch zeitweilig ins Visier des Verfassungsschutzes. Der eh schon radikale Böll wird dadurch nur noch mehr radikalisiert.

Lesen Sie in Teil 2 dieser vierteiligen Biografie, wie Böll über die „Gruppe 47“ zum erfolgreichen Schriftsteller wird, mit Adenauer abrechnet und den 68ern den Boden bereitet.

© Die Zweite Aufklärung 2020

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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