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Biogas hat ein riesiges Potenzial für die Erzeugung regenerativer Energien. Dafür müssten Deutschlands Haushalte jedoch Unmengen mehr an Bioabfall sammeln. Denn dieser bildet eine der wichtigsten Rohstoffe für Biogas. Doch das scheitert bislang nicht nur an der Trägheit der Konsument:innen, sondern auch an unzureichenden Utensilien für das Sammeln von Biomüll. Gibt es einen Ausweg?

Mülltrennung gehört schon länger zu den obersten Bürgerpflichten. Doch im Zweifelsfall interpretieren wir diese gerne großzügig als die Pflicht der anderen. Gerade auch was das Trennen von Bioabfall vom sogenannten Restmüll angeht. Oft sind wir einfach zu träge. Das Zeug beginnt nach kurzer Zeit, abartig zu stinken. Und obendrein tummeln sich aufdringliche Fruchtfliegen im Bio-Eimer, aber auch gerne außerhalb des Behältnisses.

Das Ergebnis spiegelt sich mehr als deutlich auf nächsthöherer Ebene wider, nämlich durch eine wiederholte Inspektion der eigenen Wohnanlage. Schon kurz, nachdem die Müllabfuhr da war, sind die drei Altpapier-Container wieder überfüllt – mit Pizza-Kartons und vor allem den Verpackungs-Überbleibseln der Online-Händler. Die gelben Säcke mit Plastik-Müll türmen sich in den zwei dafür vorgesehenen Rollwagen. Auf Platz Nummer drei folgen die vier Container mit Restmüll, deren Inhalt vor allem am Wochenende anschwillt, weil dort alles Mögliche und Unmögliche abgeladen wird. Eigentlich müsste man sie Hauptmüll-Tonnen nennen. Nur der einsame Container für den Biomüll muss nicht wegen Überfüllung schließen. In aller Regel bietet er selbst noch am Tag seiner Abholung zwei Drittel bis drei Viertel Platz.

So voll sind Biotonnen selten. Meist sind sie maximal bis zu einem Drittel gefüllt. Foto: Depositphotos

Schade eigentlich. Dabei könnte man mit seinem Bioabfall seinen ganz persönlichen Beitrag zur Bewältigung der Energie- und Klimakrise leisten. Wie das? Aus Bioabfall lässt sich Biogas herstellen. Daraus wiederum Strom. Biogas kann aber auch Erdgas zum Heizen ersetzen, russisches Erdgas, zumindest unter bestimmten Bedingungen. So könnte Biogas für 46 Prozent der durch Gaskraftwerke erzeugten Stromproduktion durch Biomasse aufkommen. Bislang werden nach Daten des Statistischen Bundesamtes 13 Prozent des Stroms in Deutschland mit Hilfe von Erdgas erzeugt, der Biogas-Wert belief sich 2021 auf rund sechs Prozent. Da Erdgas wegen seiner Verknappung durch Russland aber eh nicht mehr eingesetzt werden soll bzw. kann, konkurriert Biogas hier vor allem mit Atomstrom und Strom, der aus Kohle hergestellt wird.

Die „frohe“ Biogas-Botschaft verkündete – zur besten Sendezeit kurz nach 20 Uhr – die ARD-„Tagesschau“ Anfang August. Der Bericht berief sich auf eine neue Studie des Biomasseforschungsinstituts Leipzig und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie. Eine solche Studie passt hervorragend in eine Zeit, in der die Bundesregierung die Produktion erneuerbarer Energien stärker fördern will, u.a. auch Biogas.

Greenpeace: Biogas aus Mais ist problematisch

Doch es gibt auch kritische Stimmen, selbst aus den eigenen Reihen, wie etwa die von Greenpeace. Biogas sei keine ernsthafte Erdgas-Alternative, ist die NGO überzeugt und führt dafür zwei Argumente an: „Der Anbau von Energiepflanzen verdrängt die Nahrungsmittelproduktion und jeder weitere Druck auf natürliche Ökosysteme gefährdet die Artenvielfalt.“ Die Kritik von Greenpeace bezieht sich vor allem darauf, dass Biogas bisher vornehmlich aus speziellen Gärungsverfahren von Futtermais, Gras und Tiermist erzeugt wird.

Zwar auch aus Bioabfällen, womit wir wieder direkt beim Thema wären, aber bisher nur zu einem recht kleinen Anteil. Nach einer Studie des Umweltbundesamts von 2019 lag dieser Anteil 2016 gerade einmal bei 20 Prozent. Um die Nahrungsmittelproduktion zu sichern und die Artenvielfalt zu schützen, aber auch um mehr Biogas produzieren zu können, müsste der Anteil der Biogas-Produktion aus Biomüll sehr deutlich gesteigert werden. Das Problem: Es gibt zwar jede Menge Bioabfall, aber der landet noch zu oft im Restmüll. Zwischen 1985, als in Deutschland erstmals Bio- von anderem Müll getrennt wurde, und Anfang der Nullerjahre gab es einen gewaltigen Anstieg von gesammeltem Bioabfall. Doch seitdem nimmt das Volumen (2020: ca. 13,6 Mio. Tonnen) langsamer zu, obgleich die Zahl der Vegetarier:innen und Veganer:innen stetig steigt und auch in der Breite der Bevölkerung in den vergangenen zwanzig Jahren das Ernährungsbewusstsein gewachsen ist und deshalb anteilmäßig mehr Obst und Gemüse verzehrt wird.

Wenn aus Biomüll Biogas wird: So sehen die Mini-Kraftwerke aus. Foto: ADMC/Pixabay

Woran liegt es dann also, dass es mit dem Sammeln von Biomüll hapert? Ein Grund dürfte darin liegen, dass die meisten nicht wissen, was mit dem Bioabfall passiert und welche Bedeutung er für die regenerative Energie-Erzeugung hat. Ein kleiner Teil kommt übrigens als Kompost in der Landwirtschaft zum Einsatz, was zunächst einmal einleuchtender als Biogas erscheint. Ein weiterer Grund liegt darin, dass viele Verbraucher:innen es als zu mühsam, umständlich und nicht zuletzt auch unhygienisch empfinden, sauber zu trennen. Und dies ist zumindest ein Stück weit nachvollziehbar.

Mülltrennung: Mühsam, umständlich, unhygienisch?

Es fängt damit an, dass man sich als umweltbewusste/r Bürger/in zunächst einmal einen eigenen Mülleimer (oder zumindest einen „Mülli“ mit einem separaten Bio-Abteil) anschaffen muss. Wer Müll trennt, verteilt diesen auf verschiedene Entsorgungs-Einheiten. Und selbst bei dem, der viel Biomüll erzeugt, wird sich der Eimer wahrscheinlich etwas langsamer füllen als ohne strikte Trennung. Da der Faulungsprozess meist recht bald nach dem Wegwurf beginnt, fängt der Müll schnell zu stinken an. Zudem fliegen bald schon kleine Geschwader von Fruchtfliegen aus dem Bio-Eimer, sobald man diesen öffnet. Einige kehren auch nicht wieder in ihr „Bio-Reservat“ zurück, sondern schwirren in der Küche herum und legen womöglich auch noch Eier auf frischem Obst ab. Die nächste Generation der Drosophilidae folgt dann ganz bestimmt.

Die Marktteilnehmer schaffen es alleine ganz offensichtlich nicht, sowohl bei den Mülleimern als auch bei den Müllbeuteln im Sinne des Wortes tragfähige Lösungen zu entwickeln. Angesichts dieses Marktversagens ist der Staat gefragt.

Schon seit einigen Jahren bringen diverse Hersteller angeblich dichte Mülleimer auf den Markt, die Gestank und Fruchtfliegen verhindern sollen. Spezielle Verschlusstechniken (z.B. mit Druckknopf) und Aktiv-Kohlefilter mit „cleverer Luft-Zirkulation“ sollen es richten. Wenn man sich die Rezensionen auf den Plattformen großer Online-Händler anschaut, dann bekommen zwar fast alle Kompost-Tönnchen vier bis fünf Sterne (ein Fake?). Aber wer genauer liest, dem drängt sich der Eindruck auf, dass die viel gepriesene Technik bisher nicht wirklich ausgereift ist. „Es stinkt dennoch!“, lautet ein häufiger Kommentar. Oder: „Keine Ahnung wie, aber die Fruchtfliegen riechen den Bioabfall und finden ganz einfach einen Weg in den Mülleimer.“

Ein weiteres Problem: Um den Bio-Eimer sauber zu halten und um nicht versehentlich die Kohlefilter mit auszuschütten (ebenfalls eine oft geäußerte Kritik), wollen viele trennungsbewusste Verbraucher:innen entsprechende Bio-Mülltüten für die Entsorgung verwenden. Doch auch dies ist mit Hinder- und Ärgernissen verbunden. Obwohl sich die meisten Hersteller darauf berufen, einschlägige EU-Vorgaben einzuhalten, sind viele dieser Beutel in zahlreichen Kommunen verboten, weil sie schlichtweg eben doch nicht oder nur sehr schwer kompostierbar sind. Hinzu kommt ein ganz praktisches Problem: Der Gärungsprozess erzeugt Flüssigkeit. Und egal, ob die Biomüll-Beutel aus Papier oder anderen Stoffen wie etwa Maisstärke hergestellt sind, die Fabrikate reißen in aller Regel viel zu schnell. Um diesen Eindruck zu gewinnen, muss man nur persönliche Erfahrungen mit A**z**-Rezensionen kombinieren.

Notwendig: Produktinnovationen fördern – Aufklärungskampagnen fahren

Was folgt aus all dem? Dass es die Marktteilnehmer alleine ganz offensichtlich nicht schaffen, sowohl bei den Mülleimern als auch bei den Müllbeuteln im Sinne des Wortes tragfähige Lösungen zu entwickeln. Die Ursachen? Weil es sich zum Teil um ostasiatische Hersteller handelt, die mehr versprechen als sie halten, die mehr Geschäft als Umwelt wollen. Weil es sich zum anderen Teil um deutsche Mittelständler handelt, die die Herausforderung offenbar alleine nicht meistern können. Angesichts dieses Marktversagens ist der Staat gefragt. Vielleicht sollte das Bundesumweltministerium ernsthaft erwägen, ein paar Millionen Euro in die Erforschung neuer Technologien zu stecken, die dichte(re) Biomülleimer sowie reißfeste, kompostierbare Müllbeutel ermöglichen.

Die Fruchtfliege, lateinisch Drosophilida, gilt als beste Freundin des Biomülls. Foto: Nuzree für Pixabay

Auch nicht ganz unwichtig in diesem Zusammenhang: Schon seit 2015 existiert eine gesetzliche „Getrenntsammlungspflicht“. Aber wie soll man die praktisch durchsetzen? Zielführend wären hier wohl raffiniert-effektive Aufklärungskampagnen. Das Umweltbundesamt hat 2019 ermittelt, dass eine bessere Biomülltrennung durch die Verbraucher:innen und damit größere Mengen von getrenntem Bioabfall der Produktion von Biogas den größten Schub geben würden.

All dies mag banal wirken, aber es würde sehr wahrscheinlich dabei helfen, dass die Verbraucher:innen mehr Biomüll trennen, der Anteil von Bioabfall an der Biogas-Produktion gesteigert werden und so das Biogas seinen festen, da ökologisch unbedenklichen Platz beim Erzeugen erneuerbarer Energien erhalten kann.

© Die Zweite Aufklärung 2022 (Titelbild: Depositphtos)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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