Kulturgeschichte

Das Leben und Wirken des Erwin Geschonneck (Teil 2)

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Teil 1 zeichnete Erwin Geschonnecks Herkunft nach, seine ersten Fingerübungen als Schauspieler, seinen antifaschistischen Widerstand, seine Flucht aus Deutschland sowie seine schwere Zeit in den KZs der Nazis. Teil 2 widmet sich Geschonnecks Zusammenarbeit mit Brecht, seinen frühen Filmen wie „Nackt unter Wölfen“ sowie seiner Bedeutung für den Gründungsmythos der DDR, den antifaschistischen Widerstand. 

Gut anderthalb Jahrzehnte nach seiner traumatischen Zeit als KZ-Häftling schlüpft Erwin Geschonneck bei dem DEFA-Film Nackt unter Wölfen (1963) in die Rolle des Lagerältesten Walter Krämer, natürlich ein gestandener Kommunist. Die Hauptrolle, wenn man so will, spielt ein dreijähriges Kind, das ein polnischer Häftling ins KZ Buchenwald schmuggelt. Der wird bald schon nach Auschwitz deportiert, doch zwei Kommunisten verstecken das Kind bei sich und geraten damit in Konflikt mit dem ’Internationalen Lagerkomitee‘. Das befürchtet, das Kind könnte die gesamte Widerstandsbewegung in Gefahr bringen. Doch die Menschenliebe erweist sich als größer denn die Parteidisziplin. Auch bei anderen Kommunisten. Einige von ihnen lassen sich sogar eher zu Tode foltern als das Versteck des Findelkindes preiszugeben.

Als die Lagerleitung eine geheime Widerstandsorganisation ausmacht und 46 ihrer Köpfe rollen lassen will, begehren die Mitglieder des Internationalen Lagerkomitees im April 1945 auf und befreien das KZ mit Hilfe selbst gebauter und eingeschmuggelter Waffen. Und selbstverständlich überleben der Lagerjüngste, der Dreijährige, wie auch der Lagerälteste, Walter Krämer. Der hatte zuvor immer wieder geschickt hin und her laviert, um einerseits das Leben des Jungen zu schützen und um andererseits die Lagerordnung zu bewahren und damit das Leben so vieler Insassen wie möglich zu retten.

Der Film „Nackt unter Wölfen“ feierte im April 1963 im Ost-Berliner Kino Colosseum seine Premiere. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-B0411-0009-003.

„Die Rolle des Lagerältesten Krämer bildete für mich sozusagen den Gipfelpunkt bei der Gestaltung antifaschistischer Kämpfer“, erinnert sich Erwin Geschonneck zwei Jahrzehnte später. Geradlinig, ungebrochen, unbeirrbar – genauso sieht sich Geschonneck in seinen Rollen. Der große Trumpf besteht für ihn darin, dass er seine „lebenslange politische Überzeugung unvermittelt, frontal, sozusagen nackt dem Zuschauer vorlegen und ihn damit zur Identifizierung auffordern“ kann. Das bewegende Drama ist ein Riesenerfolg, auch international, auch im Westen. Und im Nachhinein ist Geschonneck froh darüber, dass er an diesem Film mitgewirkt hat. Monatelang hatte er sich geweigert, weil das Grauen selbst noch ’17 Jahre danach‘ zu lebendig und zu nah für ihn schien. Doch Regisseur Frank Beyer hatte ihn immer wieder zu Hause besucht und bearbeitet. Zuletzt hatte er sogar Drehbuchautor Bruno Apitz zur Unterstützung mitgebracht. Das brachte den Durchbruch.

Apitz lieferte 1957 mit seinem weltweiten Bestseller-Roman Nackt unter Wölfen die literarische Vorlage für den Film. Der kommunistische Schriftsteller verarbeitete in dem Buch seine Jahre als Häftling im KZ Buchenwald. Dafür nahm er sich manche literarische Freiheit, die im krassen Widerspruch zur Ästhetik des Films steht, die der Geschichte im Geiste des sozialistischen Realismus einen quasi-dokumentarischen Charakter verleihen will. Das ‘Buchenwald-Kind‘ existierte zwar tatsächlich. Es überlebte aber vor allem, weil sein Name, Stefan Jerzy Zweig, neben elf weiteren Kindern von einer ‘Todesliste‘ gestrichen wurde. Stattdessen wurden zwölf andere Kinder auf die Liste gesetzt. Dieser Umstand wird im Film noch nicht einmal angedeutet. Zudem war es vor allem Stefans ebenfalls in Buchenwald internierter Vater, der seinen Sohn erfolgreich vor den SS-Schergen versteckte, und erst in zweiter Linie menschenliebende Kommunisten. Im Film dagegen wird der Vater in ein anderes KZ deportiert.

 

Der antifaschistische Gründungsmythos der DDR

Es ließe sich leichter Hand argumentieren, dass eine dramaturgische Zuspitzung wie bei Nackt unter Wölfen im Rahmen des künstlerisch Erlaubten liegt. Allerdings wurde die Geschichte vom ‘Buchenwald-Kind‘ quasi Bestandteil der offiziellen Geschichtsschreibung der Deutschen Demokratischen Republik, so dass sich die Frage aufdrängt: Warum diese sehr großzügige Interpretation historischer Tatsachen? Die Antwort lautet: Weil es sich besser macht und außergewöhnlicher wirkt, wenn sich eine Gruppe von Kommunisten heldenhaft und ganz allein um den kleinen unschuldigen Erdenbürger kümmert und dann auch noch in einem Aufwasch den Feind wegfegt. Alles andere würde die ‘Reinheit‘ der Erzählung empfindlich beeinträchtigen. Und das Narrativ hat nach absolutem Reinheitsgebot dargeboten zu werden, um seine politische Wirkkraft vollends entfalten zu können. Nackt unter Wölfen ist ein großer kultureller Mosaikstein im Gründungsmythos der DDR, der sich auf eine kurze Formel bringen lässt: Dieser erste sozialistische Staat auf deutschem Boden entstand durch den tapferen Widerstand der deutschen Antifaschisten, die in allererster Linie Kommunisten waren.

Ein Mythos muss und kann als Geschichte, die eine ganz bestimmte Botschaft massenwirksam zu vermitteln versucht, nicht hundertprozentig wahrheitsgetreu sein. Auch in diesem Fall nicht: Er tut so, als wäre die DDR eine unweigerliche historische Folge eines spezifischen Handelns, des Antifaschismus, und einer bestimmten Tradition, der aufgeklärt-humanistischen Strömungen in der deutschen Geschichte. Und er unterschlägt dabei geflissentlich, dass die DDR in erster Linie ein Staat von Moskaus Gnaden war, der im Zuge weltpolitischer Deals schnell wieder hätte fallen gelassen werden können. Wie es 40 Jahre später der Fall war.

Die „Straße der Nationen“: Die DDR baute neben dem ehemaligen KZ Buchenwald eine Etxra-Gedenkstätte. Foto: Frühbrodt

So bemühte die SED-Führung den Antifaschismus als Existenzberechtigung nach außen wie nach innen. Innenpolitisch genoss er fast schon den Rang einer säkularen Staatsreligion und wurde als Herrschaftsinstrument eingesetzt, um gegen alles ’Bourgeoise‘, den vermeintlich kaum harmloseren kleinen Bruder des Faschismus, vorzugehen. Damit verband sich die Botschaft, dass die Arbeiter quasi von Natur aus keine Nazis (gewesen) seien, was freilich nicht den historischen Tatsachen entsprach – ganz im Gegenteil. Nach außen sollte der Mythos gegenüber der ‘monopolkapitalistischen‘ Gesellschaftsordnung der BRD abgrenzen.

Nach ostdeutscher Lesart setzte Westdeutschland rechtlich wie politisch das Erbe des faschistischen Deutschen Reiches fort. In der Tat führte die DDR ihre Entnazifizierungsmaßnahmen viel rigoroser als die Bundesrepublik durch. Wie der Historiker Herfried Münkler schreibt, wirkten Entnazifizierung und antifaschistischer Gründungsmythos allerdings auch wie „eine große Entschuldungsmaschine, die dafür sorgte, dass sich viele DDR-Bürger als die besseren Deutschen fühlen konnten.“ Dies sollte Minderwertigkeitskomplexe gegenüber den Westdeutschen kompensieren, die seit Mitte der 1950er im ’Wirtschaftswunder‘ schwelgten.

Vor allem in den ersten zwei Jahrzehnten nach Staatsgründung setzte die DDR-Führung viele Hebel in Bewegung, um den antifaschistischen Gründungsmythos in der Psyche breiter Teile der Bevölkerung zu verankern. Nicht nur in der politischen Bildung und in der Geschichtsschreibung, sondern vor allem auch in der Kulturpolitik – mit einem beachtlichen Output als Folge. Die DDR förderte auf großzügige Weise Künstler, die sich mit dem antifaschistischen Erbe beschäftigten und die kommunistischen Widerständler als Helden glorifizierten. Zu den Begünstigten zählten Schriftsteller, Bildhauer, Maler wie auch Filmregisseure und Schauspieler. An deren erster Stelle Erwin Geschonneck.

Das physische Zentrum antifaschistischer Erinnerungskultur bildete das befreite KZ Buchenwald. Nach 1945 nutzten es die Sowjets noch fünf Jahre lang als ‘Speziallager‘ für ihre eigenen politischen Gefangenen. In den 1950ern wurden in Buchenwald dann fast alle Gebäude abgerissen, um daraus eine bis ins Kleinste durchdachte, eindringlich wirkende Wallfahrtsstätte des Antifaschismus und des kommunistischen Martyriums zu machen. So bildete es die perfekte Folie für die große Antifa-Hymne Nackt unter Wölfen mit ihrem Dreiklang aus Leiden, Kämpfen und Siegen. Rund einen Kilometer entfernt vom ’Hauptareal‘ baute die DDR eine Gedenkstätte mit Wandreliefs des Bildhauers Walter Cremer, die das Leid und den Kampf der Lagerinsassen künstlerisch darstellen sollen. Wer den Erinnerungsgang hinabsteigt, kommt in der ’Straße der Nationen‘ an, die als Ausdruck der Hoffnung für ein weltweit friedliches Miteinander dienen sollte. Die DDR brachte hier über die Jahrzehnte Millionen von Schulkindern, FDJ-Gruppen und Betriebsangehörige hin – ganz im Geiste der antifaschistischen Erinnerungsarbeit.

 

Der Mann von der Cap Arcona

Im wirklichen Leben des Erwin Geschonneck bleibt kein Platz für eine Heldensaga. ‘Sein‘ KZ befreit er nicht im Stile des Lagerältesten Walter Krämer von der SS. Seine realen Erlebnisse sind viel profaner, viel grausamer, viel brutaler. Als er sich weigert, Mitgefangene auszupeitschen, wird Geschonneck im Oktober 1944 vom KZ Dachau in das Straflager Neuengamme bei Hamburg deportiert. Als er dort in einem Brief unvorsichtig von einem „rauhen Wind“ schreibt, nimmt ihn der Lagerkommandant, ein ehemaliger Boxer, aufs Korn. Fast täglich setzt es Prügel, nicht selten geht Geschonneck dabei regelrecht k.o.

Geschonneck 1954 im Profil. Foto: Bundesarchiv. Bild. 183-26724-0002

Ende April 1945 wird Geschonneck zusammen mit mehreren Tausend KZ-Häftlingen auf einen riesigen Kreuzer verbracht, der in der Lübecker Bucht vor Anker liegt. Am 3. Mai 1945 bombardieren britische Kampfflugzeuge die ’Cap Arcona‘, ohne zu wissen, dass sich an Bord des Schiffes vor allem Opfer des Nazi-Regimes befinden. Das ’schwimmende KZ‘ ist nicht entsprechend beflaggt. Von den rund 4000 Häftlingen überleben ganze 350, einer von ihnen ist Erwin Geschonneck. Er rettet sich durch einen Sprung in die Ostsee. Das schreckliche Erlebnis frisst sich tief ein in die Seele des Erwin Geschonneck. Viele Jahre später, 1982, wird er versuchen, seine ungeheuerlichen Erlebnisse mit Der Mann von der Cap Arcona – hier heißt er nun Erwin Gregorek – in Form eines Fernsehfilms zu verarbeiten. Mit Kriegsende strandet Geschonneck zunächst in Hamburg. Er wirkt bei der Entnazifizierung der hanseatischen Filmindustrie mit, doch das Bemühen erweist sich aus seiner Sicht als Farce. Geschonneck will aber vor allem eines: Als Künstler arbeiten. Schnell bekommt er ein Engagement bei den Hamburger Kammerspielen, er leiht dem Nordwestdeutschen Rundfunk seine Stimme für Hörspiele und Dokumentationen. Und er macht seine ersten Erfahrungen mit dem Film. 1947 darf er in Helmut Käutners In jenen Tagen eine kleine Rolle übernehmen. Doch immer mehr überkommt ihn das Heimweh, so dass er im Frühjahr 1949 nach Berlin zurückkehrt. Es ist aber mehr als die Rückkehr in die Heimat, es ist der Wechsel von West nach Ost, von der Trizone, die bald Bundesrepublik heißt, in die Sowjetische Besatzungszone, die wenig später Deutsche Demokratische Republik getauft wird.

Hier erlebt er einen geradezu kometenhaften Aufstieg. Es ist auch höchste Zeit für ihn, denn Geschonneck ist bereits 43 Jahre alt. Intendantin Helene Weigel, zu der er schnell ein enges Verhältnis entwickelt, engagiert ihn von der Stelle weg für das Berliner Ensemble, das ‘BE‘. Schon wenige Monate später darf er den Knecht in Bertolt Brechts Stück Herr Puntila und sein Knecht Matti spielen. Brecht, der große sozialistische Dramatiker, glaubt in Geschonneck den Idealtypus des proletarischen Schauspielers zu erkennen. Umgekehrt bricht Geschonnecks Talent durch die Begegnung mit dem großen Theaterrevolutionär „vulkanartig“ auf, wie Geschonnecks Biograf Günter Agde festhält. Das Stück wird zu einem riesigen Publikumserfolg – Geschonneck wird in den nächsten vier Jahren noch weitere Hauptrollen am BE übernehmen. Er steigt – neben Ekkehard Schall und Käthe Reichel, um nur einige zu nennen – zum ’Brecht-Schauspieler‘ auf. Eine Ehrung erster Güte in diesen Jahren, denn die erste Generation des Berliner Ensembles erlangt Weltgeltung.

 

Bert Brecht: Anziehung und Anschreiung

Bei der Premiere des Puntila am 8. November 1949 sitzen Staatspräsident Wilhelm Pieck und Ministerpräsident Otto Grotewohl in der Loge des Deutschen Theaters, in dem damals Brecht noch seine Stücke inszeniert, bevor er 1954 sein eigenes Haus am Schiffbauerdamm bezieht. Geschonneck schmeichelt diese Nähe zur politischen Macht. Gut einen Monat zuvor ist die DDR aus der Taufe gehoben worden. „Ich empfand diese Staatsgründung als richtiges und notwendiges Ergebnis unseres jahrzehntelangen Kampfes“, schreibt Geschonneck 1984. „Die Arbeiterklasse nahm sichtbar die Macht in ihre Hände und übte sie von nun an zu Wohle des Volkes aus.“ Solche Sätze wirken nach 35 Jahren DDR-Realität blauäugig, ja fast schon grotesk – doch zeigen sie auch, wie sehr sich Geschonneck durch sein NS-Trauma mit der ostdeutschen Arbeiter- und Bauernmacht identifizierte. Folgerichtig tritt er noch 1949 der SED bei und bleibt ihr bis an sein Lebensende verbunden, auch als sie sich erst in PDS und später in Die Linke umbenennt.

Wäre Geschonneck im Westen geblieben, wäre dann auch ein großer Schauspieler aus ihm geworden? Wäre er in der Adenauer-Ära mundtot gemacht worden, um dann von den 68ern auf den Thron des künstlerisch-sozialistischen Widerstands gehievt zu werden? Tatsache ist, dass er wie Bert Brecht, Hanns Eisler, Anna Seghers, Ernst Busch und andere seiner Generation zu einem wichtigen Bündnispartner der neuen Herrschenden wurde –  für eine „einer auf nationaler Repräsentanz ausgerichteten sozialistischen Kultur der DDR“, wie Frank Hörnigk in seiner Geschonneck-Biografie schreibt. Künstler wie er, die voller „Aufbaupathos“ (Hörnigk) sind, werden von den SED-Oberen nach Kräften gefördert und gewürdigt, so lange sie sich im Geiste der Partei artikulieren. Denn die Partei hat schließlich immer Recht.

Genauso sieht es Geschonneck, wenn auch mit geringen Abstrichen – und zwar bei sich selbst. Er hält sich für einen „Querdenker“, weshalb er auch nie ein politisches Amt übernommen habe, schreibt er. 1969 wird er zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste der DDR gewählt. Tatsächlich regt sich sein alter Widerstandsgeist, wenn Partei und Staat in stalinistischer Manier allzu sehr in die Freiheit der natürlich stets sozialistischen Kunst einzugreifen beabsichtigt. So fordert er auf Versammlungen wiederholt, die Kulturpolitiker sollten doch die ’Giftschränke‘ öffnen und verbotene Filme zeigen.

Doch seine kulturelle Liberalität kennt Grenzen. Als der Liedermacher Wolf Biermann 1977 ausgebürgert wird und zahlreiche namhafte Künstler dagegen aufbegehren, hüllt er sich in Schweigen. Auf Grund seiner Position und seines fortgeschrittenen Alters hätte er im Gegensatz zu anderen DDR-Künstlern kaum mit Repressionen und Berufsverboten rechnen müssen. Stattdessen prangert er angebliche Menschenrechtsverletzungen in Westdeutschland an. Geschonneck kann aber auch noch ganz anders: Als am 17. Juni 1953 die Arbeiter rebellieren, bewacht er das Theater zusammen mit Gesinnungsgenossen gegen ’Provokationen‘ und schwingt sich im Ensemble zum Wortführer derjenigen auf, die die gewaltsame Niederschlagung durch russische Panzer ohne Wenn und Aber befürworten: „Wäre die sowjetische Armee nicht gekommen, es hätte nicht nur in Berlin ein Blutbad gegeben, sondern wir hätten mit einem dritten Weltkrieg rechnen müssen.“

Sein erster großer Bühnenerfolg: Erwin Gechonneck als Knecht Puntila, zusammen mit Gisela Trowe. Uraufführung am 7. November 1949 vor der DDR-Staatsführung. Foto: Illus Kemlein. Bundesarchiv. Bild_183-S89589.

Brecht sieht das bekanntermaßen differenzierter, zumindest ein paar Jahre später schlägt er sich auf die Seite des „aufgelösten Volkes.“ Doch will das Geschonneck nicht wahrhaben. Sein Verhältnis zum Großmeister der Theaterkunst ist eh ambivalenter Natur. Einerseits blickt er mit Ehrfurcht zu ihm herauf, weil er die Dialektik auf die Bühne gehoben habe, während das bürgerliche Theater quasi von Natur aus oberflächlich bleiben müsse. Geschonneck schätzt an Brecht auch eine gewisse Warmherzigkeit, die sich unter anderem darin ausdrückt, dass der privilegierte Stardramatiker ihm immer wieder damals so rare Traubenzucker-Tabletten zusteckt. Andererseits kommt Geschonneck schwer mit Brechts Distanziertheit zurecht. Ihm wie auch anderen Schauspielern schreibt der Regisseur kurze Briefe, wenn er Verbesserungswünsche hat. Dabei geht es oft um Details. Brecht sieht allerdings auch, dass der ’Jungschauspieler‘ Geschonneck noch in vielerlei Hinsicht entwicklungsfähig ist. Geschonneck wiederum will das nicht so recht einsehen, hat vor allem aber Probleme mit Brechts Art, vor allem mit dessen cholerischen Ausbrüchen, die als Brandbeschleuniger für das endgültige Zerwürfnis zwischen beiden wirken.

Schon während seiner Jahre am Berliner Ensemble hat Erwin Geschonneck weitere Filme gedreht. So etwa 1950 den Märchenfilm Das kalte Herz, einen der größten Kassenschlager des DDR-Kinos. Geschonneck zieht es immer mehr zum Film, hier erzielt er größere Massenwirkung, wie er glaubt. Brecht versucht, Geschonneck zu halten, indem er ihm großzügige Ausnahmeregelungen für seine cineastischen Ausflüge gewährt. Anfänglich funktioniert dieses Arrangement noch. Doch als Brecht bei einer Aussprache seinen Lieblingschargen wiederholt anschreit, kommt es zum Bruch. Denn Geschonneck kann es nicht ertragen, jemals wieder wie im KZ angebrüllt zu werden. Voller Wut unterschreibt er 1956 bei der ostdeutschen Produktionsgesellschaft DEFA einen Vertrag, der ihm zwei Hauptrollen pro Jahr garantiert. Für Geschonneck beginnt nun die „glücklichste Zeit meines Lebens.“ Während Brecht kurze Zeit später, im August desselben Jahres, stirbt.

 

Die 1950er: Filmrollen der besonderen Art

Der Abschied von Berlin und die Ankunft in Babelsberg bedeuten eine tiefe Zäsur im Leben des Erwin G.: Aus dem schon sehr bekannten Bühnenschauspieler wird der extrem populäre Filmstar. Nach einer Weile. 1956 spielt Geschonneck in dem Zweiteiler Schlösser und Katen – mit über drei Millionen Zuschauern ebenfalls ein Publikumsmagnet – einen intriganten Gutsverwalter und damit einen kapitalistischen Bösewicht. Es gehört wohl zur Künstlerseele, zu ihrer unbändigen Neugier und ihrer oft tiefen Zerrissenheit dazu, in die Rolle von gegensätzlichen Menschentypen, wenn nicht gar von Feinden zu schlüpfen.

Fünf Jahre zuvor hat er bereits die Rolle des Schlachtermeisters Albert Teetjen bei Das Beil von Wandsbek übernommen. In dem Filmdrama wollen die Nazis vier Kommunisten hinrichten lassen, doch es fehlt ein Henker. Also dient sich Teetjen an – allerdings weniger aus politischen als vor allem aus opportunistisch-materiellen Gründen, was beim SED-Politbüro und in Moskau auf barsche Kritik stößt. Der Film wird bald abgesetzt, später gekürzt gezeigt und erst 1981, zum 75. Geburtstag von Geschonneck, in einer restaurierten Fassung der ostdeutschen Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht.

Der Schlussteil von Geschonnecks Biografie beschäftigt sich mit seinen großen Filmen der Fünfziger und Sechziger Jahre sowie seinem Spätwerk. Und endet mit seinem Tod und einer würdigen Trauerfeier. Teil 1 widmet sich seinen frühen Jahren: Hilfsarbeiter, KPD-Mitglied, KZ-Häftling.

© Die Zweite Aufklärung 2020

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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