Medienkritik

„Mit irrelevantem Quatsch verlieren Medien ihre Orientierungsfunktion“

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Gute Nachrichten kosten Zeit – das gilt für Nachrichtenmacher ebenso wie für Rezipienten. Im Interview mit der Zweiten Aufklärung erklärt Rita Vock, Nachrichtenredakteurin beim Deutschlandfunk und Initiatorin des Projekts „Vergessene Nachrichten“, ihre Arbeit. Sie erläutert, wie der Stil der Privatsender auch öffentliche Nachrichten negativ beeinflusst, welche Informationsmedien sie jung und alt empfiehlt und warum die Nachrichtenredaktionen sich um größere Diversifikation bemühen sollten. 

Zweite Aufklärung: Es gibt eine ganze Palette von so genannten Nachrichtenwerten, nach denen Redakteure entscheiden, welche Nachrichten sie auswählen: Relevanz, Aktualität, Konflikt und geografische Nähe gehören zu den klassischen Nachrichtenwerten. Kuriosität, Sex, Drama und Prominenz sind vor geraumer Zeit dazugekommen. Nach welchen Nachrichtenwerten wählen Sie in der Redaktion des Deutschlandfunks aus?

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Schon ihre Diplomarbeit schrieb Rita Vock über Nachrichtenwerte. Foto: Frühbrodt

Rita Vock: Wir orientieren uns an den klassischen Nachrichtenwerten, mit einem besonderen Schwerpunkt auf politischen Debatten. Die geografische Nähe spielt keine so große Rolle – unser Berichterstattungsgebiet ist die Welt, oder sie sollte es zumindest sein. Wir freuen uns, wenn wir Themen etwa aus Afrika oder Lateinamerika aufgreifen können, die andere Nachrichtenmedien vernachlässigen. Diese Meldungen zu finden, bedeutet manchmal viel Arbeit, weil man sich vielfältige Quellen erschließen muss. Daran sieht man, wie wichtig es für die Qualität der Nachrichten ist, wie viel (Recherche-)Zeit die Kollegen haben – und auch, wie viel Sendezeit. Eine lange Nachrichtensendung im Deutschlandfunk dauert bis zu 10 Minuten, das ist im deutschsprachigen Hörfunk schon eine Besonderheit. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als wenn Sie nur drei Schlagzeilen vorlesen dürfen.

 

Sex, Drama und Prominenz spielen vor allem bei den kommerziellen Privatanbietern eine wichtige Rolle. Hat dies über die Zeit auch auf die Nachrichtenauswahl bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ausgestrahlt?

Ich würde gerne Nein sagen. Ganz ist es aber nicht so. Viele Entscheider denken offenbar, dass wir konkurrieren und uns angleichen müssen. Die Öffentlich-Rechtlichen müssten meiner Meinung nach aber gar keine Konkurrenz fürchten. Wir haben einen Programmauftrag, so altmodisch das für manchen heute klingen mag, und diesen müssen wir nach inhaltlichen Kriterien erfüllen, nicht nach werblichen. Aus meiner Sicht ist es ein großer Fehler, dass öffentlich-rechtliche Sender Werbung ausstrahlen. Jetzt, da die Rundfunkbeiträge neu berechnet werden, besteht eine Chance, zumindest in Teilen Werbefreiheit durchzusetzen. Das wäre ein wichtiger Schritt, die Unabhängigkeit und die Qualität der Sender zu stärken.

Private Sender wie RTL argumentieren, dass sie ihre (Fernseh)Nachrichten gezielt mit Unterhaltungsthemen anreichern, um ein nur bedingt an Politik interessiertes Publikum auch mit ’harten Nachrichten‘ versorgen zu können. Wird dieses Beispiel in der gesamten deutschen Medienlandschaft immer mehr Schule machen?

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Nachrichten haben eine Orientierungsfunktion – und die sollten sie auch ernst nehmen. Foto: Rainer Sturm, pixelio

Es ist eine unsinnige Argumentation. Denn wenn relevante Nachrichten mit völlig irrelevantem Quatsch verrührt werden, verlieren die Medien ihre Orientierungsfunktion. Außerdem kann es ja nicht das Ziel sein, das Publikum zu überlisten. Es erinnert mich ein wenig an Eltern, die versuchen, gesundes Gemüse in kleinen Portiönchen in ungesundes Essen hineinzuschmuggeln. Das funktioniert schon bei Kindern eher selten. Und ein erwachsenes Publikum, das einfach nur bunte Unterhaltung sucht, wird diese auch finden und nicht auf Mogelpackungen hereinfallen.

An der Berichterstattung des Deutschlandfunks wird immer wieder kritisiert, dass sie bei aller Seriosität und Qualität zu nah am offiziellen Politikbetrieb dran sei. Orientieren sich die Nachrichtensendungen des DLF, aber auch anderer öffentlich-rechtlicher Sender zu sehr an der offiziellen Politik?

Inhaltlich nein, formal ja. Inhaltlich halte ich den DLF und auch andere Sender für recht unabhängig. Wir folgen keinen politischen Vorgaben. Formal besteht aber in der Tat eine große Nähe. Damit meine ich: Wenn ein Minister oder Fraktionsvorsitzender etwas sagt, ist uns das zu oft eine Meldung wert – auch wenn es eigentlich weder neu noch relevant ist. Es ist dabei nicht so, dass einer bestimmten Partei besonders viel Raum eingeräumt würde, aber hohe Funktionsträger an sich haben einfach sehr viel Redezeit. Das gilt auch für die Wirtschaftseliten. Für eine Ministerin oder einen BDI-Chef genügt es, eine Ankündigung oder eine Behauptung in den Raum zu stellen, um in die Nachrichten zu kommen. Eine Nicht-Regierungsorganisation muss dagegen schon mindestens eine aufwendige Studie vorstellen. Dies steht nirgends so geschrieben, es schreibt den Redakteuren niemand vor, so zu entscheiden, aber es ist oft gelebte Praxis.

Wie ließe sich dies ändern?

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Wer würfelt die Nachrichten eigentlich zusammen? Nachrichtenredaktionen sind manchmal nicht vielseitig genug, kritisiert Rita Vock. Bild: Tony Hegewald, pixelio

Nachrichtenredaktionen sind nicht divers genug. Sie sind geprägt von der gehobenen Mittelschicht. Um es etwas zu überspitzen: Viele von uns sind Lehrer- oder Anwaltskinder, die es sich leisten konnten, irgendwas mit Medien zu studieren und viele unbezahlte Praktika zu machen. Menschen aus ärmeren Milieus sind krass unterrepräsentiert. Sie würden Nachrichten vermutlich aus einem anderen Blickwinkel schreiben.

Mit der Initiative Nachrichtenaufklärung e.V. machen wir auf Themen und Nachrichten aufmerksam, die von vielen Medien vernachlässigt werden. Und wir untersuchen auch, welche Gründe es hat, dass bestimmte Themen strukturell vernachlässigt sind. Dabei geht es zum Beispiel um etwas, das wir „soziale Realität“ genannt haben. Missstände verlieren leider ihren Nachrichtenwert, wenn sie nur lange genug andauern – oder wenn sie Menschen betreffen, die keine Lobby haben.

 

Nachrichten findet man heute an verschiedensten Stellen im Internet. Deshalb heißt es oft, der eigentliche Mehrwert journalistischer Medien bestehe vor allem in der Interpretation, Einordnung und Kommentierung von Ereignissen. Welchen Wert haben heute Nachrichten überhaupt noch?

Journalistisch ausgewählte, gewichtete und aufbereitete Nachrichten bieten im besten Fall eine Orientierung: Sie geben einen sinnvollen Überblick, den man in angemessener Zeit auch aufnehmen kann. In der Zukunft werden Journalisten beweisen müssen, dass sie Nachrichten in besserer Weise auswählen und präsentieren können, als ein Computerprogramm das kann. Besser heißt hier: relevanter für den Nutzer und für die Gesellschaft.

Viele Jugendliche informieren sich heute in erster Linie über soziale Medien. Reicht das aus?

Soziale Medien bieten grundsätzlich sehr vielfältige Informationen. Es liegt aber allein in der Hand des Nutzers, mit wem er sich vernetzt. Das Problem dabei ist, dass wir alle dazu neigen, lieber auf das zu hören, was sowieso unserer Meinung entspricht. Soziale Medien verstärken also eher die eigene Weltsicht, als dass sie uns neue Perspektiven nahe bringen. Dieses Phänomen ist als „Filter Bubble“ bekannt. Facebook arbeitet ganz gezielt damit, der Effekt ist dort deshalb besonders stark. Nachrichten, die uns über Twitter oder Facebook erreichen, können eine wertvolle Ergänzung zu klassischen, journalistischen Medien sein, aber kein Ersatz dafür.

Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, um sich auf dem Laufenden zu halten?

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Die gute alte Tageszeitung hat als Informationsmedium längst nicht ausgedient. Foto: Andreas Hermsdorf, pixelio

Zeitung lesen! Und zwar am besten nicht nur eine. Natürlich kann man nicht jeden Tag mehrere Tageszeitungen durchlesen. Aber gerade Jugendliche oder junge Erwachsene sollten verschiedene Zeitungen ausprobieren. Man muss sie ja nicht gleich abonnieren, aber eine „Süddeutsche Zeitung“, eine „FAZ“ und eine „taz“ sollte man sich auf jeden Fall probeweise einmal vornehmen. Dazu kommt dann das Radio – wer im Tagesablauf ein oder mehrmals Radionachrichten auf einem vernünftigen Sender hört, der auch überregionale Nachrichten bringt, der schafft sich eine gute Grundlage.

Um Themen zu vertiefen, in denen man sich gerne besser auskennen würde, empfehle ich Podcasts zu abonnieren, zum Beispiel die thematischen Sendungen des Deutschlandfunks oder von DradioWissen. Die Sendungen laufen dann automatisch auf dem Smartphone ein, und man kann sie zum Beispiel beim Joggen oder Zugfahren hören.

Was würden Sie Nachrichtenmachern empfehlen, um junge Menschen zu erreichen? Sollten Nachrichten mehr unterhaltenden Charakter haben – auch in der Darstellung?

Nein. Die Sprache soll sich gerne modernisieren, natürlicher werden – aber bei den Inhalten glaube ich nicht, dass junge Menschen wirklich so sehr anders ticken als ältere. Nachrichten-Anfänger brauchen natürlich mehr Erklärungen, weil sie noch nicht so viel Wissen angesammelt haben. Ein sehr gutes Angebot machen hier zum Beispiel die Nachrichten unseres Digital-Senders DradioWissen, vor allem mit der Sendung „Update“.

Die deutsche Nachrichtenkultur scheint sehr stark von der ARD-Tagesschau geprägt zu sein. Die Betonung liegt auf Sachlichkeit und Neutralität, was zu vermeintlicher Objektivität führt. Nun sind inzwischen die Einspieler, also die Nachrichtenfilme der Tagesschau, auch von der Meinung der Autoren geprägt. Ist der Anspruch der Objektivität überholt?

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Der Nachrichtenklassiker schlechthin: Die ARD-Tagesschau als Website, App oder Pflichttermin abends um Acht.

Dazu könnte man jetzt ganze Bände füllen. In meinen Augen ist schon viel gewonnen, wenn zum Beispiel in einem Konflikt beide Seiten zu Wort kommen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit, aber es ist nicht immer der Fall. Und dann sollte man noch einen Schritt weitergehen und anerkennen: Es gibt meistens mehr als zwei Seiten – und auch mehr Herangehensweisen als nur die Logik des Konflikts und der Eskalation. Wenn es Journalisten gelingt, dies darzustellen, machen sie ihre Arbeit so gut, wie es geht.

Die Nachrichtenredakteure in den Redaktionen beziehen ihre Informationen zu einem ganz großen Teil von Nachrichtenagenturen wie dpa, Reuters oder AP. Aus täglich mehreren Hundert Meldungen der Agenturen wählen sie einige wenige für ihre Sendungen aus. Wie verlässlich sind die Agenturen? Müsste man sich nicht auch bei anderen Quellen informieren?

Selbstverständlich, und das tun wir auch. Allerdings ist das eine Frage der Zeit – und damit der Ressourcen. In den vergangenen Jahren erleben die Redaktionen eine Arbeitsverdichtung, die eigene Recherchen zunehmend schwerer macht. Dadurch droht ein großer Qualitätsverlust.

Wer sich internationale Nachrichtensendungen ansieht oder anhört, zum Beispiel Euro-News, stellt fest, dass Meldungen über ein Thema, zum Beispiel über die Euro-Schuldenkrise, teilweise völlig unterschiedliche Inhalte und Aussagen aufweisen. Welche Ursachen hat das?

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Rita Vock plädiert für mehr europäische und internationale Zusammenarbeit bei den Nachrichtenmachern. Foto: Dr. Stephan Barth, pixelio

Wir haben noch immer keine europäische Öffentlichkeit und schon gar keine internationale. Sprachbarrieren sind nur ein Teil des Problems. Journalistische Übersetzungsdienste wie zum Beispiel eurotopics oder unsere internationale Presseschau im Deutschlandfunk können den Nutzern auch „fremde“ Sichtweisen nahebringen. Ich würde mir wünschen, dass Journalisten selbst häufiger in internationalen Teams zusammenarbeiten, etwa in der EU-Berichterstattung. Von den Regierungen gewünscht scheint aber das Gegenteil: Nach Gipfeltreffen und anderen EU-Ereignissen veranstaltet jedes Land in der Regel seine eigenen Pressekonferenzen – und versucht so, der Berichterstattung „zu Hause“ einen eigenen Drall zu geben.

Was empfehlen Sie vor diesem Hintergrund dem Medienkonsumenten?

Nutzen Sie möglichst viele verschiedene Medien – wenn Sie können, in verschiedenen Sprachen. Bleiben Sie offen für neue Gedanken und Sichtweisen. Und bedenken Sie: Wenn Sie für Ihre Nachrichten nichts zahlen, sind Sie auch nicht der Kunde – sondern die Ware.

© 2015 Die Zweite Aufklärung (Titelfoto: Christian Schwier – Fotolia)

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