Blog

„Anne Will“: Und die AfD ist doch rechts

Printfriendly-pdf-button-nobg in „Anne Will“: Und die AfD ist doch rechts

Blog3 in „Anne Will“: Und die AfD ist doch rechts26.9.2013 – Eine dreiviertel Stunde lang schwadronierten die Talkgäste darüber, ob sich SPD und Grüne nun mit der Union ins Koalitionsbett legen sollten. Und falls nicht, in welcher Form. Bis zu diesem Zeitpunkt unterschied sich „Anne Will“ (ARD, 25.9., 23.45) keinen Deut von den politischen Plauderrunden der drei Tage zuvor.  Doch dann durfte Bernd Lucke mitreden, die Sendung hieß ja schließlich „Euro-Kritiker auf dem Vormarsch“. Der AfD-Sprecher wurde schwer in die Zange genommen, was entlarvende Wirkung hatte.

Während ein wie gewohnt radebrechender Edmund Stoiber, die eloquente SPD-Intellektuelle Gesine Schwan, der politisch irrlichternde Kabarettist Serdar Somuncu und der neoliberale Kampfschreiber Ulf Poschardt sich in großen Gedanken über große Koalitionen ergingen, musste Bernd Lucke noch wie ein Grundschüler am Katzentisch warten. Dann jedoch kam Anne Will zu ihm und fragte ziemlich scheinheilig, wo Lucke denn die „Alternative für Deutschland“ in der politischen Gesäßgeografie einordnen würde.

Anne-Will-Bernd-Lucke-AfD-2013-k in „Anne Will“: Und die AfD ist doch rechts

Los ging es noch relativ friedlich mit einem Zwiegespräch Lucke-Will. Foto: NDR/W. Borrs

Als der nicht übers Stöckchen springen wollte, ließ Will einen Film einspielen: Gezeigt wurde der AfD-Chef, wie er am Wahlabend vor Anhängern über die – Zitat – „Entartungen der Demokratie“ herzog. Gezeigt wurden Wahlkampfplakate, die vor „Sozialeinwanderern“ aus anderen europäischen Ländern warnten. Ein Politikwissenschaftler verglich diese Art von Wahlkampf mit den „Republikanern“.

Lucke schien den Film vorab gesehen zu haben, denn er hatte schon ein Blättchen vor sich liegen – mit einem Auszug aus dem CDU-Wahlprogramm, das eben genau diesen Punkt enthält und den er nun genüsslich vortrug. Mag sein, dass es hier eine Überschneidung mit der Union gibt, überraschend ist es auch nicht (in memoriam Roland Koch). Dennoch besteht der gravierende Unterschied darin, dass die Union daraus kein Wahlkampfthema gemacht hat, die AfD in ihrem TV-Spot und mit ihren Plakaten neben ihrem „Weg mit dem Euro!“-Mantra sehr wohl stark die Karte der Fremdenangst gespielt hat. Dieses Argument fiel allerdings keinem der Dampfplauderer ein.

 

Wenn das Nussknackerlächeln zur Grimasse erstarrt

Noch entlarvender war jedoch, wie schnell der ansonsten betont sachlich auftretende und mithin dauerlächelnde Lucke aus der Fassung geriet. Das grinsende Lächeln soll ja Souveränität, ein professorales, fast majestätisches Über-den-Dingen-Stehen signalisieren. In dieser Mittwochnacht gefror das Nussknackerlächeln jedoch schnell zur Grimasse. Zunächst versuchte Lucke, den historisch schwer belasteten Begriff der „Entartung“ rein medizinisch zu interpretieren, Krebszellen würden halt auch zu Entartungen führen. Aber die Demokratie als Krebsgeschwür?

Der (sich) hoch intelligent (gebende) AfD-Kopf hat hier möglicherweise einen schweren Fehler gemacht. Es wäre sicher klüger gewesen, die Sache zu entschärfen, etwa durch einen Satz wie „Im Nachhinein muss ich sagen, das war nicht die ganz richtige Wortwahl.“ Das Beharren auf der „Entartung“ wirkte aber persönlich stur, politisch unprofessionell und muss dann letztlich doch auch als historisch höchst unsensibel interpretiert werden. Womit wir wieder bei der politischen Verortung der AfD wären.

Lucke-Somuncu-bei Anne Will 2013-k in „Anne Will“: Und die AfD ist doch rechts

Später wurde Lucke fairerweise in die große Runde mit aufgenommen und lieferte sich sogleich hitzige Wortgefechte – hier mit dem Kabarettisten Serdar Somuncu. Foto: NDR/W. Borrs

Lucke als Gesicht der AfD ist bisher sehr geschmeidig aufgetreten. Ein freundlich-seriöses Konterfei, aus dem allerdings starker Tobak kommt. Die Alternative für Deutschland ist sicher keine rechtsradikale Partei. Aber wer in ihr Wahlprogramm schaut, findet neben technokratisch-undogmatischen Versatzstücken, die die Handschrift der Professorenclique um Lucke erkennen lassen, viele (rechts-)konservative und nationalliberale Elemente. Unter den „Sprechern“ der Partei gibt es mit Alexander Gauland und Konrad Adam zudem zwei ausgesprochene Rechtsausleger.

Lucke kam bei „Will“ dagegen mit seinem Standardspruch um die Ecke, die AfD hätte nicht nur aus dem bürgerlichen Lager starken Zulauf erhalten, sondern auch von Hundertausenden Wählern der Linkspartei. Mag sein, dies sagt aber noch längst nichts oder zumindest nicht alles über den Charakter der eigenen Partei aus. Lucke betreibt hier Augenwischerei, um mit dem Anti-Euro-Thema und den Verlustängsten vor allem ärmerer und weniger gebildeter Bürger zunächst einmal eine möglichst breite Basis für sein Projekt zu bekommen. In dieser Hinsicht wirkt die AfD wie eine Partei gewordene BILD-Zeitung. Diese Art von Populismus ist letzthin Rechtspopulismus.

Als Anne Will die Sendung für beendet erklärte, grätschte noch einmal Kabarettist Somuncu rein. Zuvor von Lucke der Polemik geziehen, revanchierte sich der Deutschtürke nun mit den Worten: „Herr Lucke, Sie sind ein Westentaschen-Demagoge!“ Das war zwar unfaires Nachtreten, rein inhaltlich gesehen aber ein ziemlich guter Treffer.                                                                                       LF

© 2013 Die Zweite Aufklärung

Keine Tags zu diesem Beitrag.
Previous post

Demokratie in Zeiten des Internets

Next post

19. Berliner Salon: Aufgeklärt und doch religiös - ein Widerspruch?

admin

admin

3 Comments

  1. Falk
    28. September 2013 at 07:04 — Antworten

    Und wo ist jetzt hier die Aufklärung?

    Anstatt über Inhalte zu diskutieren(fachlich wäre wohl keiner der Diskutanten dazu in der Lage gewesen)betrieb man eine mediale Hetzjagt und geilt sich an irgendwelchen Worten auf.

    Jehova!

    • 28. September 2013 at 10:25 — Antworten

      Warum sollten die Inhalte auf der Strecke geblieben sein? Wenn die Sendung heißt „Euro-Kritiker auf dem Vormarsch?“, dann stehen halt die Euro-Kritiker – Lucke und seine AfD – auf dem Prüfstand.
      Dabei können auch „irgendwelche Worte“ – wie zum Beispiel die von den „Entartungen der Demokratie“ – sehr wohl Aufschluss über den Charakter und die Absichten ihres Senders geben. Aufklärung heißt hier dann, den Subtext solcher Aussagen offen zu legen.
      Sapere aude!

  2. Commandante
    28. September 2013 at 19:11 — Antworten

    Die AfD wird den ganzen rechten Rand von FDP und CDU absaugen und den „linken“ Rand der … naja, erklärt sich von selbst. Hier sollte der Verfassungsschutz mal genauer hingucken und nicht immer nur bei Linken!

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.