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OBS-Studie-PolitmagazineSie gelten als die Legende des deutschen Fernsehens, aber kommen ihrem hohen Anspruch heute nur noch mit Mühe hinterher: Die ARD-Politmagazine Panorama, Monitor sowie das ZDF-Magazin Frontal 21 haben ihr Gesicht in den vergangen Jahrzehnten sehr verändert und schlagen längst nicht mehr so hohe politische Wellen wie früher. Eine aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung mit dem Titel „… den Mächtigen unbequem sein“ untersucht Anspruch und Wirklichkeit der TV-Politikmagazine. Ihr Autor, Bernd Gäbler, diskutiert die Ergebnisse mit den Moderatoren der genannten Magazine – die sich für seine Kritik aber nicht unbedingt offen zeigen.

Für seine Studie hat Gäbler drei Monate lang sechs TV-Politikmagazine genau untersucht im Hinblick auf Themenauswahl, Sendezeiten, Länge und Machart der Beiträge. Sein wichtigstes Ergebnis: „Politisches wird zu seicht verkauft“. Er macht das fest an diversen Beispielen aus der Kategorie „Patronizing Journalism“, zu Deutsch etwa „Kümmer-Journalismus“. Da steht im Mittelpunkt der Geschichte etwa eine weinende alte Frau, mit ihren Schmerzen von der Krankenversicherung im Stich gelassen, und „die Politik“ wird für ihr Nichtstun angeklagt. Der Zuschauer, kritisiert Gäbler, soll dadurch nur Mitleid empfinden und werde nicht zu einem eigenständigen Urteil angeregt.

 

Rührende Opfergeschichten und komisches Politikverständnis

Das zugrunde liegende Politikverständnis findet Gäbler „komisch“. Politik müsse doch immer für einen vernünftigen Ausgleich von Interessen sorgen und im gesellschaftlichen Diskurs auch diese Rolle zugewiesen bekommen. Mit rührenden Opfer-Geschichten – die dank der Intervention der Reporter im Einzelfall oft ein Happy-End finden – verfolgten die Politik-Magazine eher eine kontraproduktive Richtung.

Kritiker Bernd Gäbler (rechts) bekam nicht nur von Ilka Brecht, Chefin von Frontal 21, viel Gegenwind.

Kritiker Bernd Gäbler (rechts) bekam nicht nur von Ilka Brecht, Chefin von Frontal 21, viel Gegenwind.

Die Magazin-Leiter Anja Reschke (Panorama), Georg Restle (Monitor) und Ilka Brecht (Frontal 21) hören diese Anwürfe nicht besonders gern und geben Kontra. Gäblers Thema an sich fände sie ja gut, sagt Anja Reschke, aber zeigt sich dann doch sehr „enttäuscht, dass das keine Studie ist“, da viel zu subjektiv und unwissenschaftlich. Auch Brecht wehrt sich: „Der Beobachtungszeitraum ist viel zu klein und die Thesen zu steil.“ Einzelfallschicksale darzustellen sei nun einmal ein gutes Instrument, um Zuschauer an die Sendung zu binden, aber im Übrigen habe sie immer einen „unbedingten Aufklärungswillen“. Restle gibt sich ein wenig moderater und gesteht ein, dass er seichte Einstiegsbeiträge, mit denen der „Audience Flow“ etwa von der vorangegangenen Krankenhausserie gewährleistet werden soll, auch nicht besonders mag. Aber: „Solche Storys sind ja auch nicht repräsentativ für das Gesamtmagazin.“

 

Mit der Regierung anlegen – oder lieber nicht?

Keine Frage: Die Zeiten sind vorbei, als Klaus Bednarz im Strickpulli und mit gewichtiger Miene weltanschauliche Grundsatzerklärungen abgab oder als Panorama-Gründer Gert von Paczensky erklärte: „Nun wollen wir uns noch ein wenig mit der Regierung anlegen.“ Auch die Sender selbst haben den Magazinen – allein schon in Bezug auf die Länge der Sendungen – die Flügel gestutzt. Früher waren die ARD-Magazine 45 Minuten lang, heute nur noch 30 – und sind zudem auf eher ungünstigen Sendeplätzen gelandet.

Dabei betont Reschke, dass die Magazine heute eine mindestens ebenso große Bedeutung wie früher hätten, da sie in der gegenwärtigen Informationsflut die oft nachgefragte Einordnung und Gewichtung lieferten. Den Mächtigen unbequem sei man auch noch heute, ergänzt Brecht, und führt als Beleg an, dass Regierungspolitiker nicht zu Statements in ihrem Magazin bereit seien. Die Darstellungsformen, auch die journalistische Wucht der Politik-Magazine unterliegen nun einmal einem Wandel. Dem Trend zu Boulevardisierung und reiner Unterhaltung sollten sie trotzdem widerstehen.

Anja Reschke von Panorama, Georg Restle von Monitor, Moderator Tom Schimmeck, Frontal-21-Chefin Ilka Brecht sowie Bernd Gäbler, Autor der kritischen Studie.

In Uneinigkeit vereint: Anja Reschke von Panorama, Georg Restle von Monitor, Moderator Tom Schimmeck, Frontal-21-Chefin Ilka Brecht sowie Bernd Gäbler, Autor der kritischen Studie.

© Die Zweite Aufklärung (Text und Fotos)

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Annette Floren

Annette Floren ist studierte Geisteswissenschaftlerin und heute Projektmanagerin / Prokuristin eines Berliner IT-Unternehmens, wo sie unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Anfang 2014 rundete sie ihr Profil als Kommunikationsexpertin mit dem Abschluss "PR-Referentin / PR-Beraterin" ab. Ihr Credo im Job und bei der Zweiten Aufklärung: "Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Annette Floren behandelt bei der Zweiten Aufklärung insbesondere Themen wir saubere PR, CSR, Gutes Leben.

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