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Zehn Thesen zur Zweiten Aufklärung

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Die im 18. Jahrhundert entfachte erste Aufklärungswelle hat viel in Gang gebracht – Demokratie, wissenschaftlichen und technischen Fortschritt, mehr Freiheit. Vor allem aber Wirtschaftsfreiheit, die die Menschen oft zu reinen Konsumenten degradiert. Um dies zu ändern, ist eine Zweite Aufklärung notwendig. Die zehn folgenden Thesen bilden eine kurze, zugspitzte Zusammenfassung des „Manifest der Zweiten Aufklärung“.

 

Fünf Thesen, warum die Erste Aufklärung gescheitert ist

1. Mit der Ersten Aufklärung im 18. Jahrhundert sollte und wollte sich der Mensch aus seiner Unmündigkeit befreien. Auch wenn er oft das Gegenteil glaubt:  Selbst in den westlichen Gesellschaften hat sich der Mensch bis heute nicht voll emanzipieren können, es besteht sogar wieder ein Trend zu seiner schleichenden Entmündigung.

2. Haben in früheren Jahrhunderten Klerus und Adel die vollständige Selbstbestimmung des Bürgers behindert, so sind es heute Konzerne und Großbanken, die die Wahlfreiheit der Menschen einschränken. Sie degradieren das Individuum zum Konsumenten, um ihre kommerziellen Verwertungsinteressen durchzusetzen.

3. Die Konditionierung des Individuums erfolgt heute längst nicht mehr über direkte Repression. Die Methoden der Wirtschaft sind vergleichsweise subtiler:  Die Großunternehmen haben viele Lebenswelten der Menschen wie Sport und Kultur kolonialisiert, indem sie dort ihre Organisationsmechanismen durchgesetzt und die Finanzierung  übernommen haben. Der Effekt: Die meisten Menschen halten dies inzwischen für ganz normal.

4. Über gezieltes Lobbying beeinflusst die Wirtschaft wesentlich die Politik. Über die Werbefinanzierung determiniert sie die Inhalte des profitorientierten Privatfernsehens, das für einen Großteil der Bürger als Leitmedium fungiert. Zusätzlich hat das Internet die Boulevardisierung und Sinnentleerung des Journalismus vorangetrieben. Kritisches Bewusstsein bei den Bürgern und demokratische Diskurskultur in der Gesellschaft werden auf diese Weise systematisch untergraben.

5. Seit dem Ende des Kalten Krieges gilt der Kapitalismus als „alternativlos“. Dabei hat der Kapitalismus in seiner jetzigen – tendenziell neoliberalen – Form eine Krise nach der anderen fabriziert. In Kombination mit Globalisierung und steigendem Wettbewerbsdruck führt dies bei den Menschen zunehmend zu Existenzängsten, damit zu sozialer Anpassung insbesondere gegenüber den Arbeitgebern und zu Ellenbogen-Verhalten im Alltag. Dies widerspricht den Prinzipien eines aufgeklärten, gemeinschaftsorientierten Sozialverhaltens.

 

Fünf Thesen, wie die Zweite Aufklärung aussehen könnte

1. Jeder Bürger sollte dazu befähigt werden, klar zu erkennen, welche gesellschaftlichen Kräfte sein Leben in welcher Weise bestimmen und ihn möglicherweise zu manipulieren versuchen. Mit Hilfe seiner Vernunft und seines Verstandes prüft er externe, oft medial vermittelte Affekte wie Gier, Angst, Eitelkeit etc. Über diesen persönlichen Spam-Filter sortiert er aus, was für ihn plausibel, glaubwürdig, mit seinen Werten vereinbar ist – und was eben nicht.

2. Diese individuelle Entwicklung hin zu einem kritischen (Selbst)Bewusstsein sollte durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen ermöglicht und gefördert werden. Insbesondere dem Bildungssystem kommt die Aufgabe zu, jungen Menschen beizubringen, welche Interessen verschiedene Institutionen (Wirtschaft, Medien etc.) verfolgen und in welcher Weise sie ihr Leben beeinflussen wollen.  Und sie sollten stärker als bisher erfahren, dass neben dem Warenkonsum andere Lebensmodelle und Werte existieren.

3. Sobald die individuelle Aufklärung in der Breite wirkt, dürfte aus ihr ein Massenphänomen mit enormen gesellschaftspolitischen Auswirkungen werden. Es dürfte sich die Erkenntnis durchsetzen, dass Wirtschaft und Geld dem Menschen und der Gesellschaft dienen sollen – und nicht umgekehrt wie bisher. Eine – demokratische – Mehrheit der Gesellschaft könnte darauf dringen, dass Kapital und Wirtschaft wieder aus ihren Lebenswelten, aus Freizeit und Kultur, und nicht zuletzt aus der Politik zurückgedrängt werden. Die viel zitierte Bürgergesellschaft könnte endlich wahre Form annehmen.

4. Nur wer über eine abgesicherte materielle Existenz verfügt, kann wirklich unabhängig denken und handeln. Die politischen Voraussetzungen dafür müssen geschaffen werden, zum Beispiel durch ein bedingungsloses Grundeinkommen, aber auch durch weiterführende Umverteilungsmechanismen „von oben nach unten“. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für eine stärkere politische Partizipation breiterer, vermeintlich unpolitischer Bevölkerungskreise.

5. Das gesellschaftliche Fundament sollte nicht mehr der Konsum bilden, der Wertekonsens sollte vielmehr lauten: „Sein statt Haben“. Nicht die Akkumulation von Geld und Gütern sollte im Vordergrund stehen, sondern die zwischenmenschliche Begegnung, das Miteinander. Zentral ist dabei das Prinzip der Humanitas, der Menschenfreundlichkeit und Menschlichkeit. Wir sind eine Kulturgesellschaft, keine Konsumgesellschaft.

© 2012 Zweite Aufklärung

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.