Kulturgeschichte

Das Leben und Wirken des Heinrich Böll (Teil 3)

Print Friendly, PDF & Email

Misstrauen und Verunsicherung Ende der 1970er: Eine Zivilstreife „stellt“ Terrorverdächtige auf der Autobahn nach Utrecht. Foto: Niederländisches Reichsarchiv/Wikicommons

In Teil 2 der Biografie ging es um Bölls Auseinandersetzung mit dem Adenauer-Staat und um seine Weiterentwicklung als Schriftsteller. Im Mittelpunkt von Teil 3 steht nun Bölls Kampf gegen die „Bild-Zeitung“. Die Springer-Presse behauptet, er sei ein Sympathisant der RAF-Terroristen*. Daraufhin wehrt sich der Literat mit „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“. Seinen Anfang nimmt der Konflikt mit einem Essay, den Böll Anfang 1972 im „Spiegel“ veröffentlicht.   

Bölls Artikel – treffender: seine Suada – besteht zu einem Teil aus einer Gesellschaftskritik über den Umgang mit den Terroristen*, wobei er diesen Begriff geflissentlich nicht benutzt, und einer Einschätzung der Baader-Meinhof-Gruppe. In seinem zweiten Teil, ja in erster Linie handelt es sich aber um eine harsche Medienkritik, die sich vor allem gegen den Axel-Springer-Konzern richtet. Springer hat mit seiner „Bild“-Zeitung, die Anfang der Siebziger eine Auflage von 3,5 Millionen Exemplaren erreicht, ein Monopol unter den Boulevardmedien, übt auch mit seiner damals rechtskonservativen, auf ’seriös‘ frisierten „Welt“ bundesweit politischen Einfluss aus und kontrolliert zudem eine Reihe vor allem norddeutscher Regionalzeitungen. Also ein mächtiger Gegner.

 

Bölls “Bild“-Attacke Nummer eins: „Freies Geleit für Ulrike?“

Und dennoch versucht Böll, den Spieß umzudrehen, indem er vernichtende Kritik an der „Bild“ übt und eine gewisse Milde bei der Analyse der Terroristen* an den Tag legt. Sein Ton ist dabei betroffen und zugleich rau, empört und polemisch, sarkastisch, streckenweise auch arrogant. Aus Böll spricht Wut, ja regelrechter Hass. Es ist ein Dokument der gesellschaftspolitischen Eskalation.

Böll, ein streitbarer Geist. Foto: M.A. Anefo/Wikicommons

Worum geht es im Einzelnen? Zunächst kritisiert der Schriftsteller, dass sich die “Bild“ nicht an Fakten orientiere, sondern bezüglich des Banküberfalls in Kaiserlautern mutmaße mit Überschriften wie „Baader-Meinhof-Gruppe mordet weiter“. Und dies, obwohl ihr nicht nur hier, sondern auch in anderen Artikeln mit diesem Einschlag zahlreiche Recherchefehler unterliefen. Hinter der Hetze stecke System, die Überschrift sei eine Aufforderung zur Lynchjustiz, behauptet Böll. Und feuert eine mächtige Breitseite ab: „Ich kann nicht begreifen, daß irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck.“ Auch gegenüber Axel Springer persönlich wird Böll beleidigend. Aber der Nobelpreisträger schraubt sich noch weiter hoch: „Man kann die Nase schon voll kriegen, und ich habe sie voll. Wahrscheinlich wird ‘Bild‘ bald so weit sein, einen so armen Teufel wie Hermann Göring, der sich leider selbst umbringen mußte, unter die Opfer des Faschismus zu zählen.“ Im selben Atemzug echauffiert sich Böll über die Milde der westdeutschen Justiz und Politik gegenüber den NS-Verbrechern und über die jetzige Hatz auf die Baader-Meinhof-Gruppe, mithin die Doppelmoral der Gesellschaft.

Die Baader-Meinhoff-Gruppe, so Böll, sei von ursprünglich rund 20 auf sechs Mitglieder geschrumpft. Sie hätten keine Chance: Sechs gegen 60 Millionen. Dieser Krieg sei sinnlos: „Es ist eine Kriegserklärung von verzweifelten Theoretikern, von inzwischen Verfolgten und Denunzierten, die sich in die Enge begeben haben, in die Enge getrieben worden sind und deren Theorien weitaus gewalttätiger klingen, als ihre Praxis ist.“ Böll stilisiert damit gewissermaßen die Terroristen zu Opfern hoch, die nur auf Polizeigewalt, die Repression des Staates, reagierten.

„Will sie Gnade oder wenigstens freies Geleit?“, fragt Böll in Bezug auf Ulrike Meinhof, den intellektuellen Kopf der Gruppierung. „Selbst wenn sie keines von beiden will, einer muß es ihr anbieten. Dieser Prozeß muss stattfinden, er muß der lebenden Ulrike Meinhof gemacht werden, in Gegenwart der Weltöffentlichkeit.“ Denn Ulrike Meinhof müsse derzeit damit rechnen, „sich einer totalen Gnadenlosigkeit ausgeliefert zu sehen.“ Er insinuiert damit, dass die Polizei Meinhof killen könnte, wenn sie auf ‘freier Wildbahn‘ gestellt würde. Dann macht Böll aber sogleich wieder eine rhetorische Dreiviertel-Rolle rückwärts: „Ulrike Meinhof will möglicherweise keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozeß, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozeß machen, wegen Volksverhetzung.“

 

Böll, der Obersympathisant?

Offen bleibt die Frage, was Böll konkret mit freiem Geleit meint. Sich dem Gericht stellen und bei einem Schuldspruch dennoch frei bleiben und wieder (ins Ausland?) abziehen dürfen, wie es streckenweise im Mittelalter der Fall war? So interpretiert zum Beispiel der nordrhein-westfälische SPD-Minister Diether Posser Bölls Einlassungen und tadelt deshalb den Schriftsteller dafür, sich an völlig überholten Rechtsvorstellungen zu orientieren. In der Tat klingt Bölls Vorschlag stark nach Sozialromantik. RAF-Anwalt Horst Mahler – bald selbst aktives Mitglied und später in den Rechtsextremismus abgeglitten – erteilt dem ‘Angebot‘ Bölls umgehend eine klare Absage in der „Süddeutschen Zeitung“. Es gehe nur darum, dem eigennützigen Interesse und der „lebensnotwendigen Lüge“ von Autoren zu dienen, dass „wirksamer Widerstand“ vergebens sei. Böll reagiert mit einem Plädoyer für Gewaltfreiheit („Das Recht auf die Entfaltung des eigenen Ich’s darf die anderen Ich’s nicht entrechten“), wohl nicht allein in Reaktion auf Mahler, sondern auch auf die zahlreichen Anfeindungen, die er nach seinem Essay ertragen muss.

Denn Böll wird nun von rechten, oft auch bürgerlichen Medien und Politikern als RAF-Sympathisant gebrandmarkt, zumal die „Spiegel“-Redaktion seine Polemik mit dem ursprünglichen Titel „Soviel Liebe auf einmal“ eigenmächtig umbenannt hat und allein schon die Nennung des Vornamens „Ulrike“ eine nicht vorhandene Nähe zu Meinhof suggeriert. Zur sogenannten Sympathisanten-Szene gehören anfänglich, also um 1969/70 herum, „Rote-Hilfe“-Gruppen, die die Terroristen bei ihren Gerichtsprozessen unterstützen. Immer mehr findet er jedoch Anwendung auf all jene Linken, die zwar Gewalt gegen Menschen (und auch größtenteils Sachen) ablehnen, aber sich vom ‘Kampf‘ der Terroristen* gegen das BRD-System nur wachsweich oder gar nicht distanzieren. Dabei ist die Bezeichnung ‘Sympathisant‘ ein Begriff, der gezielt zur Ausgrenzung eingesetzt wird. Denn der Sympathisant wird zwar nicht straffällig im Sinne einer konkreten Unterstützung oder gar Mittäterschaft, spricht und handelt aber angeblich moralisch verwerflich im Geiste der RAF.

In der ersten Hälfte der Siebziger sammelt sich in der Bundesrepublik eine sehr diffuse Sympathisanten-Szene von mehreren Tausend Menschen. Als Ende 1974 der inhaftierte Terrorist Holger Meins in Folge eines Hungerstreiks stirbt, wird eine erneute Sympathisanten-Welle entfacht, verbunden mit dem Vorwurf der „Vernichtungshaft“ an die Staatsgewalt. Es gibt auch einige Intellektuelle, die – mehr oder minder gewollt – als Gallionsfiguren fungieren, unter ihnen der französische Dichterfürst Jean-Paul Sartre, der Andreas Baader im Gefängnis besucht, sowie der linke Psychologie-Professor Peter Brückner von der Uni Hannover. Brückner setzt sich als Gutachter für den Erhalt des RAF-nahen „Sozialistischen Patientenkollektivs“ ein und hat zudem die flüchtige Ulrike Meinhof bei sich übernachten lassen. 1977 wirkt er aktiv an der „Mescalero-Affäre“ mit, als ein anonymer Autor in einer Göttinger Studentenzeitschrift seiner „klammheimlichen Freude“ über die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback Ausdruck verleiht.

Das RAF-Logo. Foto: Wikicommons.

Dagegen wirkt Böll mit seinen mediatorischen Gedankenspielen wie ein Waisenknabe. Die Ironie der Geschichte ist jedoch, dass nur wenige Monate nach seinem Artikel die RAF ihre „Mai-Offensive“ ausruft und die Terroristen immer brutaler vorgehen – mit mehreren Anschlägen auf Einrichtungen der US Army in Deutschland, auf den Springer-Verlag in Hamburg sowie auf Einzelpersonen. Als problematisch erweist sich an dem Essay außerdem, dass er sich allzu stark Ulrike Meinhof widmet, die ohne Frage am stärksten von Zweifeln getrieben ist und von ihren Mitstreitern später isoliert, unter Druck gesetzt, wenn nicht gar zum Selbstmord getrieben wird. Jenseits der hochsensiblen Ulrike M. besteht die RAF jedoch aus einem militanten Kern um Andreas Baader herum. Der Terrorismus wird immer aggressiver – die staatlichen Gegenmaßnahmen immer repressiver. So schaukelt sich die nicht zuletzt von Böll angestoßene öffentliche Debatte immer weiter hoch und gelangt so schnell auch auf die Oberränge des politischen Raums. So verkündet der CDU-Abgeordnete Friedrich Vogel am 7.6.1972 vor dem Deutschen Bundestag: „Es geht vor allem auch um diejenigen, die durch Wort und Tat den geistigen Hintergrund geschaffen haben und noch schaffen, von dem aus politische Gewaltkriminalität in unserem Lande glorifiziert und mystifiziert und vielfach sogar gerechtfertigt wird. Das habe ich gemeint, als ich neulich von den ’Bölls und Brückners‘ gesprochen habe, die das Wasser abgeben, in dem die Fische herumschwimmen.“

In einem Interview mit dem Fernsehmagazin „Monitor“ verwahrt sich Böll daraufhin gegen die „Intellektuellenhetze“ der Union. Auf dem SPD-Parteitag im Oktober 1972 in Dortmund greift er das Thema erneut auf und verurteilt „die massive publizistische Gewalt einiger Pressekonzerne, die in erbarmungsloser Stimmungsmache die Arbeit erschwert und Verleumdung nicht gescheut hat.“ Seit seinem „Spiegel“-Essay steht Heinrich Böll unter Generalverdacht und ist einer Sympathisanten-Hatz ausgesetzt: Er wird bedroht, beschimpft, verleumdet und geschmäht. Es kommt auch wiederholt zu Vernehmungen, Razzien und Hausdurchsuchungen durch die Polizei.

Am schärfsten kreuzen jedoch Böll und Springer die Klingen. Die „Bild“ vergleicht Böll mit NS-Reichspropagandaminister Josef Goebbels und dem politischen Chefkommentator des DDR-Fernsehens, Karl-Eduard von Schnitzler. Der Springer-nahe ARD-Kommentator Matthias Walden behauptet 1974, dass Böll zu denjenigen zähle, die „den Boden der Gewalt…durch den Ungeist der Sympathie mit den Gewaltttätern gedüngt“ hätten. Im selben Jahr verunglimpft ihn der Reaktionär Heinrich Lummer, damals Fraktionschef der Berliner CDU, als einen „der Großväter der Gewalt.“ Lummer bleibt aufgrund seiner Immunität als Abgeordneter straffrei. 1982 wird Walden vom Bundesverfassungsgericht wegen Persönlichkeitsverletzung verurteilt. Böll ist bis in die oberste Instanz gegangen, so verbissen ist der Kampf.

 

Bölls “Bild“-Attacke Nummer zwei: „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Inmitten der Böll-Springer-Fehde wehrt sich der Literat mit einem großen Befreiungsschlag – und zwar auf seine Weise, mit der Novelle Die verlorene Ehre der Katharina Blum, die der „Spiegel“ zunächst Ende Juli 1974 in vier Folgen veröffentlicht. Das Buch avanciert schnell zum Bestseller, es steht zehn Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste, verkauft sich millionenfach und wird in 18 Sprachen übersetzt. Die Springer-Zeitungen stellen für diese Zeit ihre Bestseller-Listen wohlweislich ein.

Warum schlägt diese relativ kurze Geschichte so derart ein? Möglicherweise weil es sich um die erste literarische Abrechnung mit den Praktiken des Sensationsjournalismus handelt. Und wahrscheinlich auch, weil die Story ein hochbrisantes aktuelles Thema aufgreift, den Umgang der Gesellschaft mit dem Terrorismus und dem, was diese dafür halten mag.

Worum geht es in der Novelle? Die scheinbar leicht ‘verhuschte‘ Hauswirtschafterin Katharina Blum lernt inmitten des Kölner Karnevals einen angeblichen Bankräuber und Terroristen namens Ludwig Götten kennen, verliebt sich auf den ersten Blick und verbringt mit ihm die Nacht in ihrer Wohnung. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei das Liebesnest, da sie die ganze Zeit schon Götten beobachtet hat. Doch der Gesuchte ist bereits getürmt.

Ausgabe 1974. Foto: Wikicommons

Da die Blum als sehr zurückhaltend gilt und zurückgezogen lebt, unterstellt ihr die Polizei, dass sie Götten schon vor dem staatlich observierten Techtelmechtel gekannt haben muss. Tatsächlich hatte Katharina Blum zwar geheime Herrenbesuche, jedoch nicht von Götten, sondern von einem verheirateten Unternehmer und politischen Würdenträger, der anonym bleiben will. Die falschen Annahmen von Polizei und Staatsanwaltschaft werden von der ZEITUNG auf die Spitze getrieben („Terroristenbraut“) und obendrein auch noch veröffentlicht.Werner Tötges, Reporter der ZEITUNG, stellt Freunden, Bekannten und Verwandten der Blum nach, verzerrt ihre Aussagen, wie es ihm passt, oder verkehrt sie gar ins Gegenteil. Überdies lässt sich Tötges vom ermittelnden Kommissar mit Insider-Infos füttern, was keine Übertreibung darstellt, sondern bis heute eine weit verbreitete Realität abbildet. Im Boulevardjournalismus sitzt das Scheckbuch traditionell locker. Durch die völlig verzerrten Schmähartikel der ZEITUNG ist Katharina Blum zunehmend weiteren Verunglimpfungen ausgesetzt: In einem Fort erhält sie obszöne Anrufe und faschistoide Drohbriefe. Kurzum: Katharina Blum verliert ihre Ehre.

Als ein befreundetes Ehepaar darauf hinweist, dass andere Medien viel sachlicher berichten würden, wischt die Blum dies mit einem Satz beiseite: „Alle Leute, die ich kenne, lesen die ZEITUNG!“ In der Tat zählt die „Bild“ Mitte der siebziger Jahre bis zu 12 Millionen Leser*, mithin ein Fünftel der westdeutschen Bevölkerung. Als dann auch noch ihre kranke Mutter nach einer Tötges-Heimsuchung im Krankenhaus stirbt und ihr Lover Ludwig Götten gefasst wird, erschießt Katharina Blum Tötges und stellt sich der Polizei. Ohne jede Reue.

Bereits am Anfang des Buches heißt es: „Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der ’Bild‘-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.“

 

Geteiltes Echo, selbst beim Thema Pressefreiheit

Die Öffentlichkeit reagiert entsprechend heftig und kontrovers auf die „Blum“-Novelle. Wenig überraschend ist, dass vor allem die Springer-Presse über das Werk und seinen Autor herzieht. Aber auch in der Politik gelangt die Blum zu ungeahnter Prominenz. So fordert Karl Carstens, damaliger CDU-Fraktionsvorsitzender im Bundestag und späterer Bundespräsident, im Dezember 1974 vor 3000 Menschen in Duisburg die deutsche Bevölkerung auf, „sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Wochen unter dem Pseudonym Katharina Blüm [sic!] ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“

Offensichtlich hatte Carstens das Buch nicht gelesen, wahrscheinlich noch nicht einmal in der Hand gehabt (als Bundespräsident wanderte er auch lieber). Böll-Biograf Klaus Schröter kann eine intensive Lektüre nachweisen, wenn er wahre Lobeshymen anstimmt: „Das Thema Gewalt ist in das Medium der Sprache von Böll aufs Subtilste verwoben worden. Auch der Aufbau der Novelle ist außerordentlich kunstvoll.“ Man könnte aber auch sagen: Perfekt konstruiert. Unter literarisch-ästhetischen Gesichtspunkten stellt der Text sicher eine außergewöhnliche Leistung dar, wiewohl der Erzählstil zuweilen arg gewollt ironisch-distanziert wirkt.

Seine kongeniale cineastische Umsetzung findet das Werk im gleichnamigen Spielfilm von Volker Schlöndorff und Margarethe von Trotta, an dessen Drehbuch Böll mitwirkt. Vielleicht ist der Film auch deshalb so gut gelungen, weil die Novelle von vornherein fast schon wie ein Drehbuch wirkt. Der Streifen aus dem Jahr 1975 ist nicht nur hochklassig besetzt (u.a. mit Mario Adorf, Heinz Bennent, Angela Winkler und Peter Laser als Reporter Tötges). Er ist zudem hervorragend, wenn auch stellenweise etwas sehr plakativ inszeniert. Der Film orientiert sich sehr eng am Buch. Doch einen wesentlichen Unterschied gibt es: Die Novelle endet mit der Inhaftierung der Katharina Blum, der Spielfilm mit einer angehängten Grabrede.


Vor die große Trauergemeinde voller Honoratioren stellt sich ein Mann in dunklem Mantel mit dickem Pelzbesatz und hält eine Rede auf den getöteten Tötges, aber nicht nur auf diesen: „Die Schüsse, die Werner Tötges tödlich getroffen haben, haben nicht nur ihn getroffen. Sie galten der Pressefreiheit, einem der kostbarsten Güter unserer jungen Demokratie. Und durch diese Schüsse sind auch wir, die wir hier trauern und entsetzt stehen, nicht nur betroffen, sondern getroffen!“. Der Mann mittleren Alters, der offenbar den Chefredakteur der ZEITUNG oder möglicherweise sogar ihren Herausgeber (= Axel Springer) darstellen soll, setzt seine übelste Leichenbittermine auf. „Wer spürt nicht die Wunde, wer spürt nicht den Schmerz, der weit über das Persönliche hinausgeht? Wer spürt nicht den Atem des Terrors und die Wildheit der Anarchie? Wer spürt nicht die Gewalt, mit der hier an der freiheitlich-demokratischen Grundordnung gerüttelt wurde, die uns allen so am Herzen liegt? Hier wurde scheinbar private Motivation zum politischen Attentat.“

Der Chef der ZEITUNG versucht also ganz offensichtlich, der Verzweiflungstat der Katharina Blum eine gesellschaftspolitische, mithin terroristische Dimension zu verleihen. „Und wieder einmal gilt: Wehret den Anfängen! Seid wachsam! Denn mit der Pressefreiheit steht und fällt alles. Wohlstand, sozialer Fortschritt, Demokratie, Pluralismus, Meinungsvielfalt. Wer die ZEITUNG angreift, greift uns alle an.“ Damit konstruiert der ZEITUNGs-Chef einen Zusammenhang zwischen dem von ihr grenzen- und schamlos ausgereizten Grundrecht der Pressefreiheit und anderen Grundpfeilern der bundesdeutschen Gesellschaft. Vor allem aber erklärt er aber die ZEITUNG für „systemrelevant“, wie man heute sagen würde, und will ihr damit eine Immunitätsgarantie erster Güte verleihen.

Dies kann freilich nur gelingen, wenn er den Täter zu einem Opfer stilisiert. In dieser Szene kommt noch einmal die Verlogenheit der ZEITUNG voll zum Tragen. Der Kabarettist Achim Striezel spielt den Chef der ZEITUNG betont schmierig und voll von falschem Pathos, eben genauso, wie man es in der schnöden Wirklichkeit erwarten würde – vielleicht nur eine kleine Spur weniger dick aufgetragen.

 

Springer-Kritik als Fortsetzungsroman: Günter Wallraff

Buch und Film knüpfen gewissermaßen nahtlos, wenn auch vergleichsweise subtiler an die „Enteignet Springer!“-Forderungen der 68er-Bewegung an. Nach dem Mordanschlag auf Rudi Dutschke machten viele 68er vor allem die Springer-Presse dafür mitverantwortlich, den rechtsradikalen Attentäter, aber auch weite Teile der Bevölkerung aufgehetzt zu haben. Demonstranten* verhindern die Auslieferung der „Bild“-Zeitung, und es werden auch Brandsätze geworfen. Das Buch wirkt jedoch nachhaltiger, denn es avanciert zur Pflichtlektüre des Deutschunterrichts an vielen gymnasialen Oberstufen. Noch sinnvoller wäre es freilich, „Katharina Blum“ an allen Schultypen zu diskutieren, denn die Methoden der „Bild“ sollten in allen Bildungsmilieus analysiert und diskutiert werden.

Bild-Kritiker Günter Wallraff 1981 bei einer Lesung 1981 in Schweinfurt. Foto: Mramius/Wikicommons

Die Thematik wird auch von dem Investigativ-Journalisten Günter Wallraff aufgegriffen, der nicht nur über die Ehe mit einer Nichte Bölls enge Beziehungen zum Literaten pflegt. 1977 arbeitet er mehrere Monate undercover bei der „Bild“-Lokalredaktion in Hannover und veröffentlicht danach seine Erfahrungen in dem Bestseller Der Aufmacher – Der Mann, der bei ’Bild‘ Hans Esser war. Hier geht es nicht mehr um literarisch verbrämten, sondern realen Lug und Trug. Wallraff veröffentlicht noch zwei weitere Bücher zum Thema. Doch für Furore und mindestens genauso viel Ärger sorgt der Erstling. Über Wallraff geht eine vom Springer-Konzern entfachte Prozesslawine nieder, die sich in Teilen sogar bis zum Bundesverfassungsgericht zieht. Erst seit 2012 kann „Der Aufmacher“ wieder ohne gerichtlich erstrittene Schwärzungen erscheinen.

War aber letztlich alles nur ein Schattengefecht? Schwer zu sagen. Nach den großen Auseinandersetzungen hat die „Bild“ in den nächsten Jahrzehnten ihre dubiosen Praktiken stärker journalistischen Standards angeglichen. Grundsätzlich ist sie seitdem aber nicht von ihrem Kurs des Sensationsjournalismus abgewichen und fährt auch immer wieder politische Kampagnen gegen unliebsame Politiker* (Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Christian Wulff etc.) und auch Länder wie das hochverschuldete Griechenland. Julian Reichelt, seit 2017 Chefredakteur, hat diesen Kurs noch einmal verschärft.

© Die Zweite Aufklärung 2020

In Teil 4 geht es um Bölls letzte Jahre. In Teil 2 erfahren Sie, wie Böll sich mit Adenauer angelegt hat. Teil 1 beschäftigt sich mit Bölls Sozialisation und seiner Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche.

Previous post

Das Leben und Wirken des Heinrich Böll (Teil 2)

Next post

Das Leben und Wirken des Heinrich Böll (Teil 4)

Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.