Kulturgeschichte

Dieter Thomas Heck – Vetriebschef deutscher Schlagerseligkeit (Teil 2)

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Teil 1 beschäftigt sich mit dem unaufhaltsamen Aufstieg von Dieter Thomas Heck und den Erfolgen, die er mit der ZDF-Hitparade feiert. Teil 2 setzt bei der abschließenden Schlager-Typologie aus Teil 1 an und fragt nach dem gesellschaftskritischen Potenzial des Schlagers. Weitere Themen sind Hecks Engagement für die CDU, sein Verhältnis zum DDR-Schlager und zur Neuen Deutschen Welle sowie seine Zeit nach der Hitparade.

Dieter Thomas Heck 2011 bei der Vorstellung seiner autorisierten Biografie. Darin lässt er sich auch über seine konservative Geisteshaltung aus. Foto: Das blaue Sofa/Club Bertelsmann

Können Schlager gesellschaftskritisch sein?

Last but not least gibt es dann aber doch eine Schublade, in der Platz ist für zumindest scheinbar problemorientierte und gesellschaftskritische Schlager. Die wichtigste Unterkategorie des Zeitgeist-Schlagers bildet sicher das Emanzipationslied, denn die Gleichberechtigung von Mann und Frau heißt eines der großen gesellschaftspolitischen Themen der Siebziger Jahre, nicht zuletzt zählen Frauen aber auch zu einer sehr großen Zielgruppe von Schallplatten-Käuferinnen. 1975 eröffnet Juliane Werding den Reigen mit dem Zungenbrecher „Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst“, der eigentlich nur eine ganz einfache Geschichte erzählt: Eine junge Frau verirrt sich in eine Kneipe und wird von einer Männerrunde zum Skatspiel „eingeladen“, um das „Mädchen“ nach allen Regeln der Spielkunst auszubooten und zu blamieren. Doch es kommt ganz anders und Juliane Werding meldet im Refrain triumphierend:

Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst / Ein Mädchen kann das nicht

Schau mir in die Augen und dann schau in mein Gesicht / Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst

Du hast ein leichtes Spiel / Doch ich weiß, was ich will, drum lach nur über mich

Denn am Ende lache ich über dich!

1977 macht sich Elke Best über einen wohlhabenden, aber zu klein geratenen Mann lustig, dessen größtes Manko aber die Spießigkeit ist. Mit „Hey Kleiner, mit dir spielt wohl keiner?“ lässt sie ihn auflaufen und greift damit spät eine Konstellation auf, die eher in die Hippie-Zeit gepasst hätte. Die dänische Sängerin Gitte macht sich schon 1974 mit „So schön kann doch kein Mann sein“ über die Eitelkeit des eigentlich schwachen Geschlechts lustig, um 1980 nicht etwa in Agonie zu fallen, als sich ihr Schlager-Mann wegen einer anderen Frau von ihr trennt. Trotzig singt sie “Freu‘ dich bloß nicht zu früh“. Zwei Jahre später setzt die Dänin mit „Ich will alles“ zu einem regelrechten Befreiungsschlag an.

Während die US-amerikanische Männergruppe Village People selbstbewusst Homo-Hymnen wie „YMCA“ intoniert, hat es die Schwulenkultur in Deutschland deutlich schwerer. So darf Bernd Clüver 1976 die Geschichte von „Mike und sein(em) Freund“ – die deutsche Version des thematisch gleichen Rubettes-Hits „Under one Roof“ – nicht in der ZDF-Hitparade vorstellen. Vielmehr muss er sich in Interviews rechtfertigen, dass er nicht „so“ sei. Und sein Kollege Jürgen Marcus (siehe unten) erleidet einen Karriereknick, als Gerüchte über seine Homosexualität gestreut werden. In „Teddybär Eins-Vier“ macht Johnny Hill auf die Einsamkeit (heute würde man sagen: mangelhafte Inklusion) behinderter Kinder aufmerksam – immerhin das ein Novum.

Udo Jürgens kann auch ein bisschen kritisch. Ein Protestsänger ist er aber mitnichten. Foto: Bundesarchiv/Wikicommons

Die allerersten sozialkritischen Töne im deutschen Schlager gibt Juliane Werding von sich. Mit „Am Tag, als Conny Kramer starb“ trauert die gerade 15jährige Newcomerin im Frühjahr 1972 über einen jungen Mann, der an Heroin stirbt und keine Hilfe von seinen Mitmenschen bekommt. Der Song ist eine Cover-Version des genialen „The Night They Drove Old Dixie Down“ der US-amerikanischen Americana-Gruppe The Band, nur deutlich spärlicher instrumentiert und mit einem jungen Hippie-Mädchen an der Akustik-Gitarre. Damit kommt sie in der Hitparade auf Platz zwei. Der Anti-Drogen-Song bleibt indes eine Ausnahme.

Als „Gesellschaftskritiker light“ macht sich der Österreicher Udo Jürgens einen Namen. In „Ein ehrenwertes Haus“ zieht er über die Spießbürger her, die ihm seine wilde Ehe missgönnen. In „Griechischer Wein“ besingt er die Melancholie und das Heimweh der ausländischen Gastarbeiter, freilich nicht der türkischen. Die Krone des Zeitgeist-Schlagers dürfte jedoch „Ein bisschen Frieden“ der 17jährigen Nicole bilden. In der ZDF-Hitparade reicht es zwar nur für Platz 3, ausgebremst von Rolf und seinen (Kinder)Freunden mit „…und ganz doll mich.“ Doch schafft es Nicole 1982 mit ihrer Friedenshymne beim Eurovision Song Contest auf einen unangefochtenen ersten Platz.

Der Song kommt inmitten einer weltpolitisch aufgeheizten Situation auf den Markt. Die Sowjetunion hat Mittelstrecken-Raketen in Mitteleuropa stationiert, die USA ziehen nach. Aus dem Kalten Krieg droht, ein „heißer“ zu werden. Jedenfalls befürchten viele Menschen in Europa, dass sich die Welt am Rande des Abgrunds befindet. „Ein bisschen Frieden“ ist der Hilferuf eines braven Mädchens in einem halshohen Kleid und mit viel zu großer Akustikgitarre nach Wärme und Liebe sowie nach internationaler Verständigung. Das Thema der Raketen-Stationierung spricht sie nicht direkt an, aber jeder weiß, dass es genau darum geht. Nicole bezieht keine Stellung, obgleich ihr Aufruf am Ende des Songs, „ein kleines Lied“ mitzusingen, „dass die Welt in Frieden lebt“, wie eine Sympathiebekundung für die Friedensbewegung gelesen werden könnte, die vor allem die NATO-Atomraketen weghaben will. Doch ihr Appell ist absolut mehrheitsfähig, denn eigentlich will ja niemand Krieg – und alle wollen Frieden.

Der Musikwissenschaftler Dietrich Helms sieht in „Ein bisschen Frieden“ allerdings keinen wirklich sozial engagierten oder gar gesellschaftskritischen Song. Vielmehr habe Nicole nur das allgemeine Gefühl der Bedrohung in der damaligen deutschen (und europäischen) Bevölkerung aufgegriffen. Allgemeiner formuliert reagieren Schlager laut Helms „grundsätzlich nicht auf politische und soziale Ereignisse und Entwicklungen, sie reagieren auf Gefühle. Sie greifen politische Themen nur dann auf, wenn sich diese auf einfache Emotionen reduzieren lassen, wenn in der Gesellschaft längerfristig ein Konsens des Gefühls – nicht der Meinung – herrscht.“ (6) Der Schlager greift folglich nur mehrheitsfähige Stimmungen in der Bevölkerung auf. Von der Tendenz her ist diese Aussage ohne Zweifel zutreffend, doch bestätigen wieder einmal Ausnahmen die Regel. So macht sich die Gruppe Geier Sturzflug mit dem sarkastischen Appell „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt/Wir steigern das Bruttosozialprodukt“ über den Wachstumsfetischismus der marktliberalen Kohl-Regierung her und die Klaus Lage Band übt mit „Monopoli“ sogar grundsätzliche Kapitalismus-Kritik. Aber das ist bereits Mitte der Achtziger, als die Schlagerseligkeit der ZDF-Hitparade mit Dieter Thomas Heck bereits auf ihr Ende zusteuert.

Kunst und Kommerz

Wer in der ZDF-Hitparade auftritt, kann die Verkaufszahlen seiner aktuellen Single oder überhaupt den Absatz als Interpret:in immens steigern. Dies gilt für die Neuzugänge, die sich präsentieren dürfen, vor allem aber für die drei Erstplatzierten. Die Hitparade fungiert als gigantische Vertriebsplattform des deutschen Schlagers und Dieter Thomas Heck thront über ihr als eloquenter Vertriebschef. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die heile Schlagerwelt nur Fassade und die zur Schau gestellte Harmonie nicht mehr als ein musikalischer Wohlklang ist. Denn zwischen den Sänger:innen herrscht harte Konkurrenz und die Musikindustrie sucht auf verschiedene Weise Einfluss zu nehmen, um ihren Absatz zu steigern.

Werden in der ersten Sendung noch zehn erfolgreiche Schlager vorgestellt, wählt fortan eine Fachjury fünf Neuvorstellungen aus. Die Zuschauer entscheiden mit einem Postkarten-Votum über den Sieger. Die Fachjury besteht zunächst nur aus ZDF-Redakteuren, wird bald jedoch um andere Programmgestalter aus dem Rundfunk ergänzt sowie um Einkäufer von Musikboxen-Aufsteller. Die in Kneipen aufgestellten Jukeboxen haben damals einen erheblichen Einfluss darauf, welche Musik sich im öffentlichen Raum durchsetzen kann. Deshalb sind die Aufsteller auch den Einflüsterungen von Musikproduzenten und Plattenfirmen ausgesetzt.

Das Corpus Delicti des Hitparaden-Skandals 1970. Foto: Wikicommons

Die Fachleute treffen zwar die Vorauswahl, über die Gewinner entscheiden jedoch die Zuschauer:innen und Fans, die eine Postkarte an das ZDF schicken müssen. Im November 1970 zeigt jedoch ein Skandal, wie leicht manipulierbar dieses System ist. Beim ZDF gehen 14.305 Postkarten für Peter Orloff und seinen Song „Baby Dadamda“ ein, rund 11.300 davon tragen allerdings dieselbe Handschrift und sind beim selben Postamt aufgegeben worden. Orloff beteuert seine Unschuld und wird dennoch disqualifiziert. Es kursieren allerdings auch Gerüchte, dass der unmittelbare Nutznießer Ray Miller die Aktion eingefädelt hätte, um Orloff aus dem Rennen zu bugsieren. Die Plattenfirmen erkennen daraufhin das wahre Potenzial dieses Wahlsystems und bieten größeren Fanclubs von Schlagerstars an, die Portokosten zu übernehmen, wenn sie für ihren Liebling massenhaft Postkarten schreiben und abschicken. Einige Jahre später wird das System so verändert, dass die Zuschauer:innen nur eine (einzige) Stimmkarte anfordern können. 1982 führt das ZDF dann den sogenannten TED ein, den Tele-Dialog, bei dem die Zuschauer:innen für ihren jeweiligen Favoriten eine bestimmte Telefonnummer anrufen können und das technische System dann den Anruf zunächst in einen elektronischen Impuls und schließlich in eine Stimme umwandelt – alles in Sekundenschnelle. So können die Zuschauer:innen live miterleben, wer die meisten Stimmen erhält. Freilich ist auch dieses Televoting-System nicht völlig immun gegenüber Manipulationsversuchen.

Im Laufe der 30jährigen Geschichte der ZDF-Hitparade gibt es zwar immer wieder einzelne Skandale, Skandälchen und böse Gerüchte. Doch insgesamt kann sich DTH sein Saubermann-Image bewahren. Auch als Mitte der Siebziger Jahre Gerüchte kursieren, er würde unter dem Pseudonym Fred Maat Texte schreiben und diese Schlager dann gemeinsam mit seiner Frau, damals bereits seine Managerin, in der Hitparade platzieren wollen. Als „Gerüchtestreuer“ stellt sich Regisseur Truck Branss heraus, der nicht ertragen kann, dass Heck so sehr ins Rampenlicht gerückt ist und nunmehr als Kopf der Sendung gilt und nicht länger er. Branss muss sich öffentlich entschuldigen. (1) Branss bleibt noch einige Jahre Hitparaden-Regisseur, doch der zuständige Redakteur muss gehen – allerdings wegen einer anderen Affäre. Zeugen beobachten, wie er eine Manuela-Platte von deren Manager entgegennimmt. In der Hülle sind Geldscheine eingesteckt.

Die Plattenfirmen machen in den 1970ern ein hervorragendes Geschäft mit dem deutschen Schlager – auch in enger Zusammenarbeit mit dem Hörfunk, gibt der altgediente Musikmanager Peter Sauerbrey zu Protokoll (2). Vor allem Labels wie Polydor, Ariola, Electrola und Teldec sind dick im Schlagergeschäft vertreten. In der zweiten Reihe positionieren sich die Produzenten, allen voran Jack White und sein schärfster Konkurrent Ralph Siegel, der unter anderem für Nicoles „Ein bisschen Frieden“ oder auch für die Gruppe Dschinghis Khan samt ihres gleichnamigen Songtitels verantwortlich zeichnet. White findet Siegel „von Anfang an unsympathisch“ – und wahrscheinlich auch umgekehrt. Schon besser kommt White mit Frank Farian („Rocky“) klar, ebenfalls ein Produzent (und Sänger), der zwar auch in Schlagergewässern fischt, aber vor allem mit Boney M. einen englischsprachigen Top-Act an die Angel bekommt.

Als Produzenten kümmern sie sich vor allem – der Name deutet es an – um die Produktion der Musiktitel: Sie organisieren die Studioaufnahmen mit Studiomusikern und bestimmen über die musikalischen Arrangements auch weitgehend den Charakter der Songs. Zudem kümmern sie sich um die Vermarktung ihrer Interpret:innen und deren Songs. White, Siegel wie auch Farian komponieren aber auch viele Songs selbst. Weshalb zumindest einige Sänger auf die Idee kommen, es ebenfalls selbst als Songwriter wie als Produzent zu versuchen. Peter Orloff („Jeder hat dich gern, doch nur einer hat dich lieb“) gehört zu den Erfolgreicheren aus dieser Gruppe, ebenso der exzentrische Christian Anders („Es fährt ein Zug nach Nirgendwo“), der sogar sein eigenes Plattenlabel gründet. Auch Michael Holm („Tränen lügen nicht“) gilt als überaus geschäftstüchtig.

Mit phänomenaler Stimme und Frisur: Jürgen Marcus im Jahr 1974. Foto: Nationalarchiv der Niederlande/Wikicommons

In seinen Memoiren „Mein unglaubliches Leben“ gibt Jack White punktuelle Einblicke, wie das Geschäft läuft. Denn: „Für mich war es immer ein großer Thrill, einen Künstler zu ’machen‘.“ Musikalisches Können spielt dabei eine wichtige Rolle, aber eben nicht allein. So erzählt White die Geschichte von einem gewissen Jürgen Beumer, der die Hauptrolle in der deutschen Version des Musicals „Hair“ gespielt hat. „Ich habe Jürgen nach Berlin eingeladen, und das Erste, das mir auffiel, war, dass er fast schwarze Zähne hatte“, erinnert sich White. Also muss sich Beumer neue Zähne zaubern lassen und aus dem Zahnarztsessel schält sich ein gewisser Jürgen Marcus. Das ist kein Einzelfall. So muss zum Beispiel auch Nina vom Gesangsduo Nina & Mike sich die Nase begradigen lassen. Der Grund liegt für Jack White auf der Hand: „Optik war und ist mindestens die Hälfte des Erfolgs.“

Mit „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ schreibt White seinem neuen Schützling 1972 eine zündende Melodie auf den Leib. Marcus wird Dauergast in der Hitparade, sie war „damals die ultimative Fernsehsendung, die wirklich die Hits gemacht hat“, schwärmt White. „Dem deutschen Schlager konnte nichts Besseres passieren als die Erfindung der ZDF-Hitparade mit dem genialen Moderator Dieter Thomas Heck.“ Heck gibt zwar den großen Zampano und verdient sicher auch allerbestens, den ganz großen Reibach machen jedoch die anderen. Um das zu ändern, gründet DTH Ende der Siebziger zusammen mit seiner Frau die DITO Multimedia GmbH, die u.a. „Die deutsche Schlagerparade“ der ARD produziert, später auch „Melodien für Millionen“, die Heck selbst moderiert.

Ab Mitte der Siebziger Jahre zieht DTH mit seinen Schlagersternchen durch die Lande. Die „Hitparaden-Tournee“ ist ein großer Erfolg, zieht in der Provinz jede Menge Publikum an. Und wie Heck in seiner autorisierten Biografie schildert, ist die alljährliche Tour ein großer Spaß. Denn die Mitreisenden nehmen sich mit viel Schabernack und überraschenden Tricksereien immer wieder gegenseitig hoch. Doch das von Heck gepriesene Gemeinschaftsgefühl ist teilkontaminiert durch erbarmungslose Konkurrenz. Einige Stars wie Marianne Rosenberg fremdeln mit dem Showbusiness. Andere wie Roy Black („Ganz in Weiß“) stürzen seelisch ab, als der Erfolg ausbleibt. 1991 stirbt Black unter mysteriösen Umständen an Herzversagen.

Acht Jahre später springt Rex Gildo aus dem zweiten Stock eines Hauses. Am selben Abend hat er noch ein Konzert in einem Möbelhaus in Bad Vilbel gegeben. Wenige Tage später stirbt Gildo an den Folgen seines Sturzes. Sein Herz wurde zerquetscht – wie symbolisch. Gildo ist mit seiner Cousine verheiratet, eigentlich ist er aber schwul. Das kann er jedoch nicht öffentlich machen. Als es in den 1990ern zudem noch mit der Karriere steil bergab geht, bekommt er Probleme mit der Psyche, mit Medikamenten und mit Alkohol. In einer Fernsehsendung, in der gealterte Schlagerstars wie Bernd Clüver nach dem Ableben Gildos über die Härten des Berufslebens sinnieren, diskutiert auch Dieter Thomas Heck mit. Er hält die persönlichen Dramen von Black und Gildo für tragische Einzelfälle. Von einem übermäßigen Druck in der Branche will er nichts wissen.

Heck, seine CDU, die DDR und ihre Schlager

Die ZDF-Hitparade erwirbt schon zu ihren Lebzeiten Kultstatus, weil sie sich aus Ritualen zusammensetzt. So beginnt DTH die Sendung immer wieder mit den (fast) gleichen Worten. Zunächst sagt er das Datum und die Uhrzeit inklusive Sekunden an, um damit den Live-Charakter der Ausstrahlung zu unterstreichen. Bevor Heck dann schließlich ausruft: „Hier ist die Zett-Dee-Eff-Hitparade!“, fügt er noch ein: „Hier ist Bärrrlien!“ Genauer gesagt West-Berlin, denn die Sendung wird in den Studios der Berliner Union Film in Tempelhof produziert. Das ist nicht als reine Ortsangabe zu verstehen, Heck will auch den Frontstadt-Charakter West-Berlins hervorheben. Der westdeutsche Schlager soll ein Stachel im Fleisch des Kommunismus sein.

So jedenfalls empfindet es Heck und fragt sich und die Welt: „Wie oft habe ich den Weg über diese verdammte Grenze machen müssen?“ Und weiter: „Wenn ich zur Hitparade flog, habe ich immer runtergeguckt und mir gesagt, diese Mauer, warum kann man nicht eine riesige Schaukel an ein Flugzeug hängen, damit die Menschen da unten draufklettern und in die Freiheit fliegen können? Solche verrückten Sachen habe ich mir überlegt.“ Heck hat eine mehr als eindeutige Haltung zur DDR. 1972 unterstützt er die CDU in ihrem Bundestagswahlkampf. Das große Streitthema ist dabei die Entspannungspolitik gegenüber dem Ostblock im Allgemeinen und der DDR im Besonderen. Die Union kämpft vehement gegen SPD-Kanzler Willy Brandt an, der die Personifizierung der Entspannungspolitik verkörpert. DTH unterstützt Rainer Barzel, den Kanzlerkandidaten der Unionsparteien, nach Kräften und mit dem, was er am besten kann: Laut sprechen und schlecht singen. So trällert er auf einer Single „Wähl‘ auch duuu CDUuuuuh!“.

Die CDU in Ravensburg präsentiert Heck. Und Heck präsentiert die CDU. Plakat von 1972. Foto: KAS-ACDP/Wikicommons.

Und so zieht er mit einer Reihe von Sänger:innen durch die Lande, um Schlagerdarbietungen mit Wahlkampf-Werbung zu verbinden. Das gelingt mal besser und mal schlechter. In Hamburg zum Beispiel darf die Halle nicht zu politischen Zwecken angemietet werden und so hält sich Heck auch brav zurück. Doch als am Ende sich noch einmal alle Stars vor dem jubelnden Publikum verneigen, ruft der eigensinnige Drafi Deutscher: „Und nicht vergessen: Willy Brandt wählen!“ In dem Moment hätte er Deutscher umbringen können, erinnert sich Heck (1). Doch ihm selbst schlägt auch der blanke Hass entgegen. Denn an fast jedem Abend gibt es Bombendrohungen und Drohbriefe an das „Kapitalistenschwein“ Heck. Mehr als ein Jahrzehnt später, 1983, ebenfalls in Hamburg, will tatsächlich ein geistig umnachteter Zuschauer auf DTH mit einem Messer losgehen. Für das Motiv spielen laut Heck Tarot-Karten und Antikapitalismus die entscheidende Rolle. Hecks politisches Engagement ist in gewisser Hinsicht mutig. Denn zu dieser Zeit spricht sich die erdrückende Mehrheit der Promis aus dem Kulturbetrieb für Willy Brandt aus. In der „Sozialdemokratischen Wählerinitiative“ engagieren sich nicht nur Großkopferte wie Günter Grass und Siegfried Lenz, sondern auch Showmaster wie Peter Frankenfeld und Hans-Joachim Kulenkampff. Bekannte Schlagersänger:innen sind nicht vertreten – mit Ausnahme von Katja Ebstein. Heck wird im ZDF-Fernsehrat für seine CDU-Wahlkampfauftritte schwer angegangen, zumal auch schnell bekannt wird, dass Kanzlerkandidat Rainer Barzel als Trauzeuge bei Hecks Eheschließung mit seiner zweiten Frau Ragnhild dabei war. Doch DTH darf weitermachen, solange er nicht politische Botschaften in die Moderation der Hitparade einfließen lasse, so die Vorgabe. Daran hält sich DTH sklavisch.

Heck freundet sich später auch mit Helmut Kohl, dem „Kanzler der Einheit“, an. Den großen Moment der Maueröffnung verschläft DTH allerdings in einem Münchener Luxushotel. Am nächsten Morgen erfährt er dann aber doch im Radio von den großen Ereignissen: „Die Mauer war gefallen. Ich musste heulen. Ich saß allein in meinem wunderschönen Zimmer mit Blick auf die Maximilianstraße und heulte Rotz und Wasser.“ Sechs Jahre zuvor hat Heck noch eine verlorene Wette bei „Wetten, dass…“ eingelöst: Mit dem Fahrrad von seiner badischen Heimat nach Berlin zu fahren. Die letzten 180 Kilometer nach West-Berlin geht es für ihn jedoch nicht weiter, denn die DDR versagt ihm die Durchreise. Jahre später nimmt Heck Einblick in seine Stasi-Akten und will nach deren Lektüre die Gewissheit haben: Machthaber Honecker und Stasi-Chef Mielke verboten die Heck’sche DDR-Tour, weil sie einen Volksaufstand befürchteten.

Zumindest in kulturpolitischer Hinsicht wirkt Hecks Abneigung gegen die DDR überraschend, denn der ostdeutsche Staat sorgte sich sehr aktiv um die Pflege der deutschen Sprache und förderte dabei gezielt den Schlager. Mit Heinz Quermann, Jahrgang 1921, gibt es sogar ein ostdeutsches Pendant zu Heck. Quermann ist in den 1950ern zunächst mit Sendungen wie „Herzklopfen kostenlos“ oder „Schlagerrevue“ im Hörfunk erfolgreich, um sie dann später in Fernsehformate zu übertragen. Bei der Förderung schwingt immer ein anti-amerikanisches Element mit. So verkündet die Kommission für Kunstangelegenheiten 1952 das Motto: „Gegen eine kosmopolitische – für eine nationale Tanzmusik und Tanzkultur!“ Dies geht sogar so weit, dass sich die DDR-Kulturstrategen mit dem Lipsi-Tanz eine Alternative zum Twist ersinnen. Die DDR-Jugend spielt allerdings nicht so recht mit. Und als DDR-Machthaber Walter Ulbricht 1965 bescheidet, dass „die ewige Monotonie des ’yeah, yeah, yeah‘ doch geisttötend und lächerlich“ sei, wollen die DDR-Kulturideologen die Beatmusik aggressiv zurückdrängen – auch zugunsten des Schlagers (7).

In den frühen 1970ern kommt jedoch auch in der DDR die Rockmusik stark auf, so dass Bands wie die Puhdys, City, Stern Combo Meißen und später auch Karat regelmäßig die Spitzenplätze der DDR-Charts belegen. Der Schlager fristet in der DDR also ein relativ ähnliches Dasein wie im Westen, vor allem den Jüngeren gilt er als zu poliert und harmlos. „Mokka-Milch-Eisbar“ (1969) und „Himmelblauer Trabant“ (1971) sind typische Beispiele. Geht es nach den Wünschen der DDR-Führung, so soll der deutsche Ohrwurm vor allem die gesellschaftliche Harmonie fördern. Das ist immerhin eine klare Ansage. Dass der Schlager als sozialer Kitt alleine nicht taugt, zeigt der stete Verfall der DDR in den 1980ern. Trotzdem oder gerade deshalb heißt mit 1,4 Millionen Exemplaren die meistverkaufte Single der DDR „Weihnachten in Familie“, die Frank Schöbel zusammen mit seiner Ehefrau Aurora Lacasa und seinen beiden Töchtern ins Mikrofon schmachtet. Der Titel erscheint 1985.

Frank Schöbel war der Superstar der DDR-Schlagerszene. Hier 1980 von Ost-Berliner Kindern umringt. Foto: Bundesarchiv/Wikicommons

Frank Schöbel gilt als Mega-Star des ostdeutschen Schlagers. 1964 schmettert der freundliche „Frankie“ mit seiner damaligen Partnerin Chris Doerk „Lieb‘ mich so, wie dein Herz es mag“, um 1971 mit „Wie ein Stern“ einen Mega-Hit zu landen, dessen Qualitäten auch das Massenpublikum im Westen schätzt. Der „Stern“ steigt zum ersten gesamtdeutschen Hit auf, weshalb Schöbel 1974 eine Einladung in die ZDF-Hitparade erhält. Die DDR-Führung untersagt ihm allerdings den Auftritt – mutmaßlich, weil sich Heck öffentlich gegen die deutsch-deutsche Entspannungspolitik gestellt hat. Denn Schöbel darf in anderen Sendungen des West-Fernsehens auftreten. 1977 kann dann jedoch das DDR-Duo Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler in der Hitparade seinen Song „Als ich dich heute wiedersah“ vorstellen, ohne sich allerdings zu platzieren. Es bleibt der erste und einzige Auftritt von DDR-Interpret:innen in der ZDF-Hitparade (8).

Eine eher indirekte deutsch-deutsche Kooperation entsteht, als Peter Maffay (West) 1980 den Hit „Über sieben Brücken musst du gehen“ von Karat (Ost) übernimmt. Bei den „Sieben Brücken“ handelt es sich indes mehr um eine Rockballade als um einen Schlager. Weitere Verbindungen und Kontakte entstehen über das Fernsehen. In der beliebtesten Samstagsabend-Show „Ein Kessel Buntes“ treten regelmäßig West-Stars wie Howard Carpendale, Gitte und Udo Jürgens auf – allesamt allerdings keine „regulären“ BRD-Bürger. Dies alles sind kulturpolitische Lockerungsübungen der späten 1970er und 1980er Jahre. Für den Rundfunk wie für den öffentlichen Raum wie Jugendclubs gilt indes die Richtlinie, dass mindestens 60 Prozent der Musik aus dem Ostblock, bevorzugt der DDR, stammen muss. Nicht alle „Diskotheker“, wie DJs in der DDR genannt werden, halten sich an diese Vorgabe.

Neben Frank Schöbel hat auch die DDR ihre Vorzeige-Sänger:innen. Zu den Stars zählen Regina Thoss, Dagmar Frederic, Veronika Fischer und Ute Freudenberg, die mit „Jugendliebe“ (1978) einen echten Evergreen geschaffen hat. Viele Songs sind musikalisch anspruchsvoller als die Gassenhauer aus dem Westen. Was nicht verwundert, denn die Interpret:innen sind durch die Bank weg gesanglich hervorragend ausgebildet. Aber gerade durch das Nadelöhr der staatlichen Ausbildung scheinen sie auch politisch besser kontrollierbar. Nicht so der Schauspieler Manfred Krug, der auch als höchst erfolgreicher Schlagersänger auftritt. Als der Liedermacher Wolf Biermann 1977 von der DDR-Staatsführung ausgebürgert wird, folgt ihm wenig später Krug in den Westen nach. In die BRD siedelt auch Nina Hagen über, die erst im Westen zur Punk-Lady mutiert. 1974 hat die staatlich geprüfte Schlagersängerin mit „Du hast den Farbfilm vergessen“ noch einen echten Smash-Hit im Osten. Weder die Songs von Krug noch von Hagen dürfen fortan im DDR-Rundfunk gespielt werden.

Die Neue Deutsche Welle – Hecks Hitparaden-Aus – die Zeit danach

In vielerlei Hinsicht sind Parallelen zwischen der deutschsprachigen Unterhaltungsmusik Ost und West sichtbar. Das gilt auch für die Neue Deutsche Welle (NDW), die Ende der Siebziger anläuft und mit einigen Jahren Verzögerung auch in den Osten überschwappt. Und die NDW erreicht auch ziemlich schnell die ZDF-Hitparade. Erobert im Juni 1982 Hubert Kah mit „Rosemarie“ erstmals einen Top-3-Platz in der Hitparade, setzen sich 1983 Gruppen wie Trio oder DÖF und Einzelinterpreten wie Markus und Peter Schilling ganz oben fest. Hinzu kommen Gruppen wie Nena und „Mundart-Rocker“ wie die Spider Murphy Gang und Relax, die eher seichten Pop machen, aber im Bugwasser der NDW segeln.

Die Neue Deutsche Welle lehnt sich musikalisch an die oft schrägen Töne der New Wave und des Post-Punk an. Arttypisch sind auch der deutschsprachige, nicht selten bewusst sinnentleerte Gesang und der geradezu kultivierte Minimalismus – beide Merkmale finden sich idealtypisch in Trios „Da, da, da“ wieder. Zuweilen bedient sich die NDW aber auch ganz bewusst beim deutschen Schlager, wenn etwa die Gruppe DÖF (Deutsch-Österreichisches Feingefühl) mit „Codo…Düse im Sauseschritt“ sich von den oft abgehackten, harten Beats der NDW löst und einen seicht-melodiösen Mitsing-Refrain liefert, der DÖF im Nu auf Platz 1 der Hitparade katapultiert.

Trio waren angeblich Hecks NDW-Lieblingsband. Foto: Havelbaude/Wikicommons

As die jungen NDW-Wilden in die Hitparade vorstoßen, kommt dies zunächst einer Kulturrevolution gleich. Anfangs buht das Publikum die neuen Protagonist:innen sogar teilweise aus. Heck wirkt zuweilen hochgradig irritiert, seine Moderationen geraten unüberhörbar distanzierter. Möglicherweise tut er sich auch schwer mit den teils überdrehten Bühnenshows der NDWler, denn damit geben sie einem völlig anderen Lebensgefühl Ausdruck als der klassische deutsche Schlagerfuzzi. Sie sind impulsiver und ungeduldiger, sarkastischer und zumindest scheinbar unkonventioneller. In jedem Fall wirken sie wie das krasse Gegenteil von gutbürgerlich. Bereits 1984 ebbt die Neue Deutsche Welle auch schon wieder ab, die guten, alten Zeiten in der ZDF-Hitparade scheinen troztdem endgültig vorüber.

Die Journaille erkennt durchaus, dass DTH seine Probleme mit der NdW hat. Sie sei ihm zuwider, heißt es. In seinen Memoiren von 1988 tut Heck dies als „völligen Unsinn“ ab. „Wie kann einem, der sich seit zwanzig Jahren für den deutschsprachigen Schlager einsetzt, eine Welle nicht gefallen, in deren Zentrum die deutsche Sprache ist?“, hält er den Kritikern entgegen. „Ich war begeistert.“ Besonders will es ihm Trio angetan haben. Ob es wirklich so war? In seinen Memoiren handelt Heck die NDW auf einer halben Seite ab (9).

Nach Heck kommt erst Viktor Worms, dann folgt Uwe Hübner. Foto: Udo Grimberg/Wikicommons

Jedenfalls verwundert es kaum, dass sich DTH 1983 mit ernsthaften Gedanken trägt, aus der ZDF-Hitparade auszusteigen. Ende 1984 moderiert er seine letzte Sendung und verabschiedet sich tränenreich. Den Staffelstab reicht er zunächst an Viktor Worms weiter – wie er ein ehemaliger Radiomoderator von RTL. Doch damit enden auch schon die Gemeinsamkeiten. Worms krempelt die Hitparade kräftig um – er führt das Vollplayback sowie ein Tippspiel ein, und es darf mit sofortiger Wirkung auch Englisch gesungen werden. „Wenn ich mir heute die Hitparade anschaue“, schreibt Heck in seinen 88er-Memoiren, „dann habe ich das Gefühl, Viktor Worms liebt die deutschen Schlager nicht…“ Und an anderer Stelle ätzt er: „Ich habe dem Viktor ein Traumschiff hinterlassen – er hat ein Gummiboot daraus gemacht.“ 30 Jahre später kommt die Replik von Worms. Er hebt hervor, dass er auch die deutsche Rockszene in die Hitparade integriert habe. Und nicht nur dies: „Zu Hecks Zeiten haben sich noch viele Künstler aus der linkeren Szene der Hitparade verweigert, weil Heck politisch für etwas stand. Er war ja mit Helmut Kohl befreundet, und an dem haben sie sich sehr gerieben!“ Folglich kommen nun auch Heinz-Rudolf Kunze und Wolf Maahn, Falco und Georg Danzer (10). Worms bleibt nur bis 1989, ihm folgt Uwe Hübner, der zuvor die erfolgreiche Show „Spiegel-Ei“ im RTL-Fernsehen moderiert hat. Er dreht das Rad an einigen Stellen zurück, Live-Gesang und deutsche Titel stehen wieder im Vordergrund. So schreibt er sich zu, dass bewährte Interpret:innen wie Nicole und Roland Kaiser ihr Comeback feiern, er aber auch neue Stars wie Michelle und Andrea Berg zum Ruhm verholfen habe. (11) Auch an Hübner lässt Heck kein gutes Haar, wenn er kritisiert, er habe die Hitparade zu sehr zu einer One-Man-Show gemacht: Er war zu sehr ’Ich‘ und zu wenig ’Wir‘.“ (1) Und die „Wir-Zeiten“ lagen natürlich allein in der Heck-Ära. Im Dezember 2000 wird der Schlager-Dino „ZDF-Hitparade“ endgültig eingestellt – von niemand anderem als Viktor Worms, der inzwischen zum Unterhaltungschef des Senders aufgestiegen ist. Er begründet den Todesstoß mit anhaltend schlechten Quoten.

Heck hat sich schon zu Hitparade-Zeiten auf anderen Gebieten der Unterhaltung ausprobiert – als Showmaster wie als Schauspieler. Diese Aktivitäten baut er jetzt aus, nicht selten in Verbindung mit seiner Produktionsfirma. Ab 1986 gibt er in der Arzt-Serie „Praxis Bülowbogen“ einen familiären Gegenspieler des Hauptdarstellers Günter Pfitzmann. Die Rolle des Unsympathen, des „lieben Saalbach“, wie er sich in der Serie nennt, spielt Heck durchaus überzeugend. Mit viel Verve profiliert sich DTH auch als Quizmaster, unter anderem bei der ZDF-Sendung „Die Pyramide“, die von Anfang 1979 bis Ende 1994 läuft. Tiefere Spuren in der deutschen Fernsehlandschaft hat sicher Hecks Gala „Melodien für Millionen“ hinterlassen, weil hier Schlager mit persönlichen Schicksalen und einer Spendenaktion für die Deutsche Krebshilfe verbunden werden. Start ist 1985, das Ende kommt 2007, nach 42 Sendungen. Danach führt Carmen Nebel die Sendung allerdings in ähnlicher Form und mit anderem Titel weiter. Heck bekommt zwar zu seinem 70. Geburtstag am 29.12.2007 noch die Abschiedsshow „Danke, Dieter Thomas Heck!“. Dies ändert jedoch nichts daran, dass DTH regelrecht abgesägt wird von der ZDF-Leitung. Bitter enttäuscht verkündet er seinen Rückzug aus dem Fernsehgeschäft, verkauft sein Schloss im Badischen und zieht mit seiner Frau nach Südspanien. Anfang 2017 tritt Heck dann doch noch ein letztes Mal im Fernsehen auf: Als ihm die „Goldene Kamera“ für sein Lebenswerk verliehen wird, ist er schon von der chronischen Lungenkrankheit COPD gezeichnet – möglicherweise die Folge eines dauerhaften, zu starken Tabakkonsums. Am 23. August 2018 stirbt Dieter Thomas Heck im Alter von 80 Jahren in einem Berliner Krankenhaus.

Dieter Thomas Heck: Eine kritische Würdigung

Die späten Sechzigerjahre sind geprägt von der linken Außerparlamentarischen Opposition (APO) und von einer Jugendsubkultur, die sich in der Musik zunächst im Rock’n’Roll, dann in Beat und Pop sowie – in potenzierter Form – im Rock widerspiegelt. Die vielzitierten Beatles und Stones bilden eher die kommerziellen, leichter zugänglichen Gesichter dieser Entwicklung. In diesem neuen kulturellen und gesellschaftlichen Klima, dessen Protagonisten der Spießbürgerlichkeit der Fünfziger mit einem geharnischten Fußtritt „Adé“ sagen, erscheint es mutig, wenn ein Dieter Thomas Heck sich öffentlich zum deutschen Schlager bekennt. Und diesem Bekenntnis auch neue eindeutige Handlungen folgen lässt. Denn in diesen Tagen sehen viele die gesungene deutsche Sprache in erster Linie verwandt mit lauthals gegrölten Soldatenliedern. „…und morgen die ganze Welt.“ Die kulturrevolutionären Sittenwächter der APO wollen die deutsche Sprache bestenfalls bei linken, widerständigen Liedermachern wie Franz-Josef Degenhardt oder Hannes Wader tolerieren.

Hecks Grab in Stahnsdorf bei Berlin. Foto: LieberMary/Wikicommons.

Dieter Thomas Heck wird dies – trotz späterer Anfeindungen – egal gewesen sein, denn er bewegt sich nicht in diesen Kreisen. Zudem dürfte er sich auf eine schweigende Mehrheit treudeutscher Spießerinnen und Spießer berufen haben, wenn auch mit anderen Worten. So sorgt er mit seiner ZDF-Hitparade dafür, dass der keimfreie, unpolitische Singsang der 50er-Jahre-Nierentisch-Ära auch in den Siebzigern seine nahtlose Fortführung erfährt, wenngleich musikalisch etwas zeitgemäßer und stilistisch aufgepeppter. Die „Interpreten“ dürfen sich auch schon mal frech und aufreizend kleiden, allein Heck bleibt seinem Anzug mit Krawatte treu. Das, findet er, ist er dem Publikum schuldig. Die bürgerliche Tugend des Respekts braucht unbedingt ihre äußerliche Formgebung. Insofern ist es auch nur folgerichtig, dass sich DTH 1972 für den CDU-Wahlkampf ins Zeug legt und mit Rainer Barzel und Helmut Kohl zwei neue, erzkonservative Freunde gewinnt. Später einmal merkt DTH an: „Der deutsche Schlager hat mich den ganzen Tag über begleitet: in der Badewanne, während der Autofahrt oder nach Feierabend.“ In den Siebzigern geht das sehr vielen Deutschen so. Und der Produzent Jack White gibt in seinen Memoiren für einen kurzen Moment den Kulturhistoriker: „Ich wage in der Retrospektive die Behauptung aufzustellen, dass in den 70er-Jahren niemand die Feierkultur der Bundesrepublik stärker geprägt hat als Tony Marshall.“ Das mag sogar so sein. In jedem Fall lässt sich festhalten, dass gefeiert wird, was das Zeug hält – auch „auf Arbeit“, in der Fabrikhalle, vor allem aber im Büro. Ein- und Ausstände werden gebührend gefeiert, Geburtstage und Urlaubsantritte, Weihnachten sowieso. Und Schlager sind immer mit dabei, mit oder ohne Tony Marshall.

Die ZDF-Hitparade bildet freilich nicht nur eine Bastion des (klein)bürgerlichen Konservativismus in Zeiten gesellschaftlicher Libertinage. Sie stellt auch die zentrale Marketing- und Vertriebsplattform für die deutsche Musikindustrie, Hauptabteilung Schlager, dar. Der Begriff stammt ursprünglich vom Verkaufsschlager, bezogen auf ein beliebiges Handelsprodukt. Und so zielt Industrie beim (Musik)Schlager per Definition auch darauf ab, möglichst viele Singles oder Langspielplatten, heute: CDs oder Downloads an den Mann und die Frau zu bringen. Schlager sind Massenware. Und wie es diese Güter nun einmal an sich haben, stehen sie nicht für die allerhöchste Produktqualität – in Hinblick auf Musik und Texte. Die Einblicke, die Produzenten wie Jack White geben, lassen Schreckliches erahnen.

Dieter Thomas Heck macht die deutsche Sprache salonfähig

Kulturelle Wegwerf-Produkte sind zunächst einmal kein Problem. Kritiker:innen der Hitparade werfen dieser allerdings schon in den Siebzigern vor, die dort verbreitete Schnulzenromantik diene in keiner Weise der kulturellen Bildung, auch nicht der reinen Unterhaltung auf einem halbwegs erträglichen Niveau. Vielmehr gehe es darum, müde und abgestumpfte Fabrikarbeiter und Bürohengste wieder einigermaßen fit für die nächste Arbeitswoche zu machen. Solche Gedanken entspringen der damals angesagten Kritischen Theorie der Philosophen Adorno/Horkheimer, welche sich noch auf die Spitze treiben lässt: Demnach soll der letzte Gedanke an politischem Widerstand gegen eine kranke Gesellschaftsordnung im Keim erstickt werden. Folglich sind die Produkte der „Kulturindustrie“ wie der Schlager nur die Variation des Immergleichen, kulturelles Aufputschmittel und politisches Valium in einem. Wer sich die ZDF-Hitparaden der Siebziger und frühen Achtziger anschaut, wird dies in gewissem Maße nachvollziehen können. Allerdings haben auch die Variationen einen gewissen Unterhaltungswert und müssen nicht zwangsläufig das eigenständige Denken abtöten. Allein Dieter Thomas Heck bleibt der Immergleiche.

Genau damit hat es Heck allerdings auch geschafft, die ZDF-Hitparade und sich zu einer außergewöhnlichen Marke mit großer Strahlkraft zu formen. Der Live-Gesang, die besondere Studio-Architektur und nicht zuletzt Hecks Moderationen, die er in teils halsbrecherischem Tempo vorträgt, tragen zu seiner Popularität bei und steigern den Bekanntheitsgrad der Sendung in allen Bevölkerungsschichten. Die ZDF-Hitparade wird zu einer „Institution“, die nicht allein, aber doch ganz wesentlich die deutschsprachige Musik salonfähig macht, selbst wenn sie eben nicht von widerständigen Liedermachern stammt.

Die Kanzlerschaft Helmut Kohls 1982 fordert eine Rückbesinnung auf die „guten Seiten“ der deutschen Geschichte ein. Ohne direkten Konnex, aber parallel dazu setzt die Neue Deutsche Welle im wahrsten Sinne des Wortes die ersten Lockerungsübungen in Sachen Deutschsprachigkeit in Gang. Die deutsche Wiedervereinigung 1990 schreibt diese Entwicklung fort, denn in der abgewickelten DDR ist Deutsch auch die „lingua franca“ fast aller Rockgruppen, nicht nur wie im Westen bei einzelnen Musikern wie Marius Müller-Westernhagen oder Herbert Grönemeyer. Egal, ob Schlager, Pop oder Rock – über die Jahrzehnte ist Deutsch zu einer beim Publikum allseits akzeptierten Währung geworden. Dieter Thomas Heck hat hier sicher wichtige Vorarbeit geleistet.

Als sich DTH Ende 2007 vom Fernsehen verabschiedet, schreibt das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ über ihn: „Mit Hecks Abschied als Moderator endet nicht nur ein Kapitel Fernsehgeschichte – es stirbt auch ein Teil der alten Bundesrepublik.“ Das ist sicher richtig, wenn man es auf die Person, seine Herkunft und seine Überzeugungen beschränkt. Heck hat aber nicht nur Westdeutsche angesprochen. In den neuen Bundesländern scheint ein bürgerlicher, zuweilen deutschtümelnder Kulturkonservatismus sogar noch verbreiteter. Insofern war Dieter Thomas Heck letztlich die Symbolfigur einer gesamtdeutschen Schlagerseligkeit.

Quellen

(1) Lanz, Peter (2011): Dieter Thomas Heck. Die Biografie. 1. Aufl. Hamburg.

(2) Sauerbrey, Peter (2009): „…glänzende Schlagerumsätze in den 1970er Jahren“, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers. Bonn, S. 76-77.

(3) Rosenberg, Marianne (2006): Kokolores. Autobiographie. München.

(4) White, Jack (2010): Mein unglaubliches Leben. München.

(5) Wicke, Peter (2009): „Wenn der Zeitgeist singt“. Warum Schlager klingen, wie sie klingen, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers. Bonn, S. 14-20.

(6) Helms, Dietrich (2009): „Sing mit mir ein kleines Lied“. Frieden, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers. Bonn, S. 152-159.

(7) Saldern, Adelheid von (2009): „Der Schlager ist grundsätzlich ein Politikum“. Populäre Musik in der DDR, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers. Bonn, S. 106-111.

(8) Wilczek, Annette (2009): „Was willst du denn in Rio“. Interpreten und Themen des DDR-Schlagers, in: Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hg.), Melodien für Millionen. Das Jahrhundert des Schlagers. Bonn, S. 114-121.

(9) Lache, Annett (2019): Was macht eigentlich…Viktor Worms?, in: Stern, 13.10.2019.

(10) Heck, Dieter Thomas (1988): Der Ton macht die Musik. Erinnerungen. München.

(11) Tichler, Andy (2019): 50 Jahre ZDF-Hitparade. Alles über die Kultshow des ZDF. Stadelpost Spezial (Ausgabe April/Mai/Juni).

Sowie viele Sendungen der ZDF-Hitparade und Hunderte von Schlagern der Zeit.

© Die Zweite Aufklärung 2021

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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