Kulturgeschichte

Wolfgang Staudte – der angebliche Nestbeschmutzer / Teil 2

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TEIL 1 der Staudte-Biografie beschäftigte sich mit seiner „ersten Karriere“ als Nazi-Kultur-Mitläufer, seiner politischen Bekehrung sowie seiner ersten Aufarbeitungstrilogie, die in der DDR entstand. Bei Teil 2 steht nun seine zweite Trilogie im Mittelpunkt, aber auch seine Jahre als Fernsehregisseur. Alles im Westen der Republik.

Der politische Kassenschlager: „Rosen für den Staatsanwalt“

Rosen für den Staatsanwalt (1959) kommt eine besondere Bedeutung zu, weil der Film mit Bravour den Spagat zwischen Anspruch und Unterhaltung schafft: Einerseits thematisiert Staudte die NS-Aufarbeitung auf ein Neues, wenn auch diesmal mit einem thematisch etwas anderen Einschlag. Andererseits bereitet er sein Thema in so populärer Weise auf, dass der Streifen zum Kassenschlager wird und noch heute, jenseits seiner rein politischen Botschaft, zu den absoluten Klassikern des Fünfziger-Jahre-Kinos zählt. Dabei war anfänglich nicht ausgemacht, dass der Film überhaupt zustande kommt. Denn sämtliche Filmstudios lehnen ab und wollen mit Staudte nichts zu schaffen haben. Erst als eine andere Filmproduktion ausfällt, kann Staudte das Filmstudio in Göttingen nutzen. Während der Dreharbeiten erscheint dann ein Abgesandter des Bundesinnenministeriums und fordert mehr oder minder direkt die Einstellung der Dreharbeiten. Schließlich finden beide Seiten einen Kompromiss, indem eine Szene mit „demokratischen Juristen“ eingefügt wird.

Warum diese Ergebenheitsadresse unumgehbar wird, ergibt sich aus der Geschichte, die der Film erzählt: Der einfache Soldat Rudi Kleinschmidt soll in den letzten Kriegstagen wegen eines Mini-Vergehens von der Wehrmacht hingerichtet werden. Dafür sorgt Kriegsgerichtsrat Dr. Wilhelm Schramm, ein fanatischer Nazi. Die Hinrichtung des „Volksschädlings“ wird jedoch in letzter Sekunde durch einen Fliegerangriff der Alliierten verhindert. Rudi kann fliehen.

Jahre später treffen und erkennen sich die beiden Männer durch Zufall wieder: Rudi verdingt sich mehr schlecht als recht als fliegender Händler, Schramm ist angesehener Oberstaatsanwalt. Schramm will Rudi mit verschiedenen, meist unlauteren Mitteln aus der Stadt drängen und damit aus seinem Leben verdrängen. Doch bevor Rudi verschwindet, schlägt er eine Schaufensterscheibe ein und landet erneut vor Gericht. Hier nun entlarvt sich Schramm wie von selbst als Nazi-Scharfrichter. Stadt, Land und Republik haben ihren handfesten Justizskandal und müssen sich ihrer Vergangenheit stellen.

Warum der Titel? Die Rosen für den Staatsanwalt spielen nur ganz am Anfang des Films eine Rolle, allerdings eine hochgradig symbolische: Im Film selbst werden sie an Schramm als heimliche Nachricht dafür geschickt, dass ein Angeklagter, der wegen antisemitischer Beleidigungen vor Gericht kommt, aus Deutschland fliehen konnte. Ausgerechnet der Staatsanwalt scheint ihm dabei sogar noch zu helfen, zumindest verzögert er die Weiterleitung des Haftbefehls. Es gibt weitere deutliche Hinweise, dass sich Schramm nach 1945 nicht in einen lupenreinen Demokraten verwandelt hat. Der vermeintliche Nebenaspekt spielt auf der Meta-Ebene auf einen realen Fall an, nämlich den des Offenburger Studienrats Ludwig Zind (im Film heißt er Zirngbiebel), der im Frühjahr 1957 einen Kaufmann auf Schwerste antisemitisch beleidigt. Zind wird jedoch erst vom Schulamt und den badischen Justizbehörden belangt, als der „Spiegel“ und danach andere Medien über den Skandal berichten. Zind wird zwar zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, kann aber ins Ausland fliehen. Von hinten durch die Brust will Staudte uns damit sagen, dass sein Film einen überaus realen Bezug aufweist und die Justiz ihre schützende Hand über Faschisten hält.

Damit spricht der Film ein extrem wichtiges und überaus sensibles Thema an: Wie viele NS-Funktionsträger nach Kriegsende, Entnazifizierung und Demokratisierung noch oder schon wieder öffentliche und einflussreiche Ämter bekleiden, nicht zuletzt eben in der Justiz. Erst 2012, mehr als 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik, gibt das Bundesjustizministerium eine unabhängige Studie in Auftrag, um die NS-Verstrickungen der Justiz zu erforschen. Das erschreckende Ergebnis lautet, dass allein im Bundesjustizministerium 1957 mehr als drei Viertel der leitenden Beamten ehemalige NSDAP-Mitglieder waren oder andere Funktionen im NS-Machtapparat innehatten. Aber auch der gesamte Justiz- und Polizeiapparat war von Nazis durchsetzt.

Wolfgang Staudte Mitte der 1950er Jahre. Foto: J.D. Noske/Anefo/Wiki Commons

Dass Rosen für den Staatsanwalt trotz seines heiklen Themas dennoch zum Publikumsliebling avanciert, liegt an seiner geschickten Mixtur aus Humor, Storytelling und Stars. Der Film weist zwar bitter-sarkastische Stellen auf, es dominiert aber eine Slapstick-artige Komik, die nicht richtig wehtut. „Rosen“ wirkt so wie eine Mischung aus typisch deutschem 50er-Jahre-Film und flotter Hollywood-Komödie. Heinz Erhardt meets Billy Wilder. Die zweite Komponente: Es wird ein Einzelfall dargestellt und dabei bleibt es auch. Der moralische Zeigefinger wird nicht erhoben, zumal sich Hauptfigur Rudi durch Melancholie, Langmut und auch eine gewisse Harmlosigkeit auszeichnet. Rache und Vergeltung kommen ihm nicht in den Sinn. Der böse Staatsanwalt überführt sich quasi selbst, indem er immer mehr in Panik gerät. Drittens, als Produzent fungiert Kurt Ulrich, der mit Filmen wie dem Schwarzwaldmädel bisher voll und ganz auf massentauglichen lieblichen Kommerz gesetzt hat, aber mit Das Mädchen Rosemarie (1958), einem „Tatsachenfilm“ aus dem Frankfurter Nuttenmilieu, die Erfahrung gemacht hat, dass auch sozialkritische Stoffe Anklang beim Publikum finden können – nur müssen sie eben entsprechend populär aufgemacht werden. Dazu gehört, viertens, freilich auch eine Starbesetzung der Hauptrollen. Während Schwiegermütter-Liebling Walter Giller den sympathischen Rudi Kleinschmidt geben darf, trumpft Martin Held in der Rolle des Oberstaatsanwalts Dr. Schramm genauso gewieft wie überdreht auf, um am Ende völlig in sich zusammenzufallen.

Die weibliche Hauptrolle wird mit Ingrid van Bergen besetzt, damals eine der bekanntesten Filmschauspielerinnen Westdeutschlands. Van Bergen schlüpft hier in die Haut der Lissy Fleming, eine kleine, aber attraktive Angestellte, die sich im Zeichen des Wirtschaftswunders ihr eigenes Unternehmen aufbauen will, ein kleines Hotel mit Bar und Restaurant. Immer wieder ist sie hin- und hergerissen. Auf der einen Seite steht ihre Sehnsucht nach wirtschaftlichem und sozialem Aufstieg, der Durchsetzungsvermögen, ja eine gewisse Skrupellosigkeit voraussetzt, aber auch Duckmäuserei. Auf der anderen Seite ist Lissy doch sehr menschlich und liebt den unsteten, aber liebenswerten Rudi. Lange Zeit scheinen Erfolgsstreben und Liebesglück nicht miteinander vereinbar, doch dann finden die beiden Liebenden ganz am Ende doch noch zueinander, denn die Gefühle sind einfach stärker. Das Happy End trägt ohne Frage auch dazu bei, dass Rosen für den Staatsanwalt so breiten Anklang findet.

„Kirmes“: Staudtes Anti-Kriegsfilm

Dies ist bei Teil 2 der Trilogie mitnichten der Fall. Obwohl ein sehr gut gemachter Film, gerät Kirmes (1960) zu einem fatalen Flop. Auch hier spielen die Themen Verdrängung, Restauration und Alt-Nazis in Machtpositionen die zentrale Rolle, diesmal aber nicht wie in den vorigen Staudte-Filmen in der Großstadt, sondern in einem Dorf in der Eifel. Es ist ein symbolischer Ort, der stellvertretend für die westdeutsche Provinz steht. Was passiert in diesem Provinznest? Der siebzehnjährige Robert Mertens, sehr eindringlich vom jungen Götz George gespielt, wird wie so viele andere deutsche Jugendliche in den letzten Kriegswochen eingezogen, um die sinnlose letzte Schlacht gegen die vorrückenden Alliierten zu schlagen. Aber: Robert desertiert. Er ist kein fiktiver Einzelfall: Im Zweiten Weltkrieg werden 30.000 Wehrmachtsangehörige wegen Fahnenflucht hingerichtet.

Bei seiner Familie findet der Deserteur nur vorübergehend Unterschlupf. Sein Vater behandelt zwar die Zwangsarbeiter gut, die auf seinem Gut schuften müssen. Er hat aber nicht die Kraft, Robert länger im Keller seines Hauses zu verstecken. Die Konstellation steht für die Zerrissenheit der Familie(n) im Dritten Reich (4). Auch der Gemeindepfarrer schickt Robert nach ein paar Tagen wieder fort. Immerhin hält er dicht, als die Nazis ihn foltern, um aus ihm Roberts Aufenthaltsort herauszupressen. Und selbst der Ober-Nazi, der damalige Ortsgruppenleiter und heutige Bürgermeister des Eifel-Dorfs, stößt mehrmals aus: „Wenn ich jetzt tun würde, was meine Pflicht ist…“ Aber er tut es eben nie oder nur selten. Staudte stellt seine Protagonisten nicht als kalte Unmenschen dar, sondern als Charaktere voller Schwächen und Abgründe.

Eine bizarre Situation entsteht, als die Dorfbewohner vor den nahenden US-Panzern Reißaus nehmen. Robert bleibt zurück und lernt von einer leicht verruchten, kriegsgefangenen Französin die Liebe kennen. Doch die US Army zieht weiter und als die Dorfbewohner zurückkommen und damit das alte Regime noch ein paar Tage weiterbestehen kann, geht alles nochmal von vorne los. Robert muss wieder flüchten. Und als er nach Hause zurückkehrt, will ihn seine Schwägerin verraten, die nicht verkraften kann, dass ihr Mann „im Felde“ gefallen ist, während sich Robert scheinbar drückt. Bevor es zum Verrat kommt, erschießt sich der verzweifelte Robert jedoch mit einer Maschinenpistole.

Die Geschichte spielt zwar zum ganz großen Teil in der Vergangenheit, in den letzten Wochen des Krieges. Doch die Rahmenhandlung liegt in der Gegenwart, zwölf Jahre nach den Ereignissen, als beim Aufbau einer Kirmes im Dorf Roberts Leiche gefunden wird. Die Honoratioren wollen die Geschichte am liebsten unter den Teppich kehren. Der Dorfschenk denkt dabei aber auch an Vater Mertens. „Dem armen Kerl da draußen ist es egal, wo seine Knochen liegen“, sagt er. „Aber für dich, Mertens, ist es nicht egal, wenn im Dorf erzählt wird, dass dein Sohn ein Vaterlandsverräter war.“ Und der Bürgermeister bestätigt: Es gebe wieder ein Heer (gemeint ist die 1955 ins Leben gerufene Bundeswehr) und so bekämen auch wieder Begriffe wie Ehre, Glauben, Treue ihre Geltung.

Nicht die Alt-Nazis geraten also unter Druck, sondern der Vater des vermeintlichen Verräters und Deserteurs, eine gesellschaftliche Konstellation, die in der jungen Bundesrepublik durchaus verbreitet war. Am Anfang schwenkt die Kamera über eine Bretterwand mit Plakaten, auf denen u.a. steht „Unser Heer“ und „Keine Experimente“, der Slogan der CDU im Wahlkampf 1957. Vier Jahre später wird es zu einer Wahlschlacht kommen, bei der die Union dem SPD-Spitzenkandidaten Willy Brandt dessen Emigration vorwirft und rechte Politiker sogar die Frage in den öffentlichen Raum stellen, warum der Sozialdemokrat als Nazi-Widerständler nicht ins KZ gegangen sei.

Wolfgang Staudte betont indes, dass er – trotz der etwas verfänglichen Bildsprache – nicht anklagen wolle, sein Film sei vielmehr ein Plädoyer: „Den Anfängen zu wehren. Wenn es zu spät ist, gibt es nur noch Opfer. Opfer des Krieges sind nicht nur die Toten.“ Es gehe ihm um Selbstbesinnung und die Frage nach der moralischen Kraft. Es handelt sich also im Wesentlichen um einen Anti-Kriegsfilm inmitten einer Zeit, in der die Wiederbewaffnung beider Seiten Deutschlands stattgefunden hat und in der Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß (CSU) öffentlich und laut über Atomwaffen für die Bundeswehr nachdenken kann. Und es ist die Phase des westdeutschen Films, in der sich Landser- und Kriegsthemen einer wachsenden Beliebtheit beim Publikum erfreuen. Kein Wunder also, dass Kirmes im Westen bestenfalls eine gesellschaftliche Minderheit erreicht.

Bemerkenswert, fast frappierend: Einige Monate zuvor kommt Bernhard Wickis Film Die Brücke in die Kinos und wird zu einem sensationellen Erfolg. Der Film erzählt, wie in den letzten Kriegstagen sieben befreundete 16Jährige völlig sinnlos eine Flussbrücke gegen die vorrückende US-Armee verteidigen. Der Streifen gewinnt in fünf Kategorien des Deutschen Filmpreises, den zu dieser Zeit ausgerechnet das erzkonservative Bundesinnenministerium verleiht. Wie das? Die Brücke ist zwar ein Anti-Kriegsfilm, doch Regisseur Wicki nutzt geschickt zahlreiche Action-Szenen, wie sie in klassischen Landser-Filmen zum Einsatz kommen. Zudem sind die Jugendlichen in ihrem Idealismus fehlgeleitet, sie gehören wie schon der Dr. Mertens in Die Mörder sind unter uns zu den Irregeführten und Betrogenen. Einige von ihnen müssen dafür sogar mit dem Tod bezahlen.

Kirmes hat da einen anderen Zungenschlag. Hier wird nicht gekämpft, hier wird desertiert. Den Todesstoß erhält Kirmes dadurch, dass auf wundersame Weise eine Kopie des Films in den Osten gelangt und am zweiten Weihnachtsfeiertag 1960 im DDR-TV ausgestrahlt wird. Kirmes feiert also seine unfreiwillige Premiere im Ost-Fernsehen. Daraufhin kündigen die Kino-Betreiber im Westen die Aufführungsverträge. Der FFP-Verleih, eine neue Produktionsfirma, an der auch Staudte beteiligt ist, macht ein Minus von fast einer halben Million DM. Immerhin ist der Film im Ausland erfolgreich, vor allem in Schweden und Dänemark (4).

„Herrenpartie“: Wenn die Besatzer von gestern Urlaub im heutigen Osteuropa machen

Aber es kommt noch dicker. Der dritte und letzte Film aus Staudtes zweiter Aufarbeitungstrilogie trägt den Namen Herrenpartie. Er hätte aber auch gut und gerne „Herrenmenschenpartie“ heißen können. Die deutsch-jugoslawische Koproduktion aus dem Jahr 1963 ist eine beißende Satire über die deutsche „Kriegsvergessenheit“.  Der Film beginnt, wie viele Streifen aus der Frühzeit der Bundesrepublik enden: Mit einer Abreise von einem sommerlichen Strandurlaub – nur nicht im deutschen Traumland Bella Italia, sondern ein paar Hundert Kilometer weiter östlich, an der jugoslawischen Adria-Küste. Von dort macht sich der sechsköpfige Vorstand eines Männergesangsvereins im vereinseigenen Mercedes-Bus zurück nach Deutschland auf. Und als beim Weg durch die Berge die Hauptstraße wegen Bauarbeiten gesperrt ist, soll nicht die offizielle Umleitung, sondern eine vermeintliche Abkürzung genommen werden. Die endet in einer Sackgasse der besonderen Art, einem entlegenen Bergdorf, das fast nur noch von rund 50 Frauen bewohnt wird. Genau genommen handelt es sich um Witwen, deren Männer allesamt genau 20 Jahre zuvor von einem Wehrmachtskommando exekutiert worden sind.

Die verbitterten Frauen verwehren den Eindringlingen Brot und Benzin, ganz zu schweigen von Logis. Zunächst versuchen es die Herren aus Deutschland noch mit Diplomatie, ostentativer Freundlichkeit und Begrüßungsständchen, die wie Soldatenlieder klingen. „Am besten jeden überflüssigen Kontakt mit der Zivilbevölkerung vermeiden“, verspricht sich der Vereinspräsident – und auch wieder nicht. Dann wollen die deutschen Wirtschaftswunderkinder Geld einsetzen und gehen mit Überheblichkeit vor, die immer mehr in Aggression umschlägt. Der Konflikt eskaliert, es entsteht ein regelrechter Kleinkrieg zwischen beiden den deutschen Männern und den jugoslawischen Frauen.

Aus der scheinbar harmlosen Spießergruppe der 50- bis 60jährigen Männer, die mit ihren Wohlstandsbäuchen, Shorts und Kniestrümpfen so albern wie Schießbudenfiguren wirken, werden nun schnell wieder die alten Besatzer, die sich als Herrenmenschen aufspielen. „Vergeltungsmaßnahmen sind völlig normal. Das ist international anerkannt!“, krakeelt einer der Sangesbrüder. Und auch hier wird es wieder doppeldeutig: Die Aussage spielt genauso auf die aktuelle, „verfahrene“ Situation im Dorf wie auf die historische Gräueltat an.

Auch die Frauen zeigen sich nicht zimperlich: So stoßen sie den Kleinbus der Sänger in eine Schlucht und intonieren danach stolz ein Partisanenlied. Schließlich geleitet ein kleines Mädchen die Männerrunde aus dem Dorf, die aber genau an dem Ort landet, an dem die deutschen Soldaten damals die Partisanen erschossen haben. Hier geht es nicht weiter, aber auch nicht zurück, denn die Frauen haben nach der Passage der deutschen Männer einen wichtigen Brückensteg zerstört. Die Krisensituation führt zum zumindest zeitweisen Bruch des Männerbunds. Denn jetzt werfen sich plötzlich alle ihre gegenseitige NS-Vergangenheit vor: frühe NSDAP-Eintritte und SS-Mitgliedschaften, aber auch angebliche Drückebergerei im Krieg und peinliche Reden auf Veteranentreffen. Derweil besinnen sich die Frauen auf ihre Menschlichkeit, reparieren die Brücke und retten damit die deutsche Männertruppe. Die „bedankt“ sich damit, dass sie keine Anzeige wegen des zerstörten Busses stellen will. In der Schlussszene, kurz vor der Weiterfahrt nach Deutschland, gibt sich der Vorsitzende des Männergesangsvereins geradezu gönnerhaft: „Schwamm drüber! Wir Deutschen sind immer bereit, schnell zu vergessen. Wir ja!“

Der Ausspruch ist – zumindest vom Drehbuchautor – einmal mehr bewusst doppeldeutig gemeint. Denn in dem Film geht es, ganz platt gesagt, um Probleme bei der Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Hang vieler Deutscher, ihre objektive Täterrolle kleinzureden. Zwar wird der „Chef-Organisator“ des Holocaust, Adolf Eichmann, 1962 hingerichtet, aber eben in Israel. Zwar beginnen Ende 1963 die Auschwitz-Prozesse gegen Angehörige von SS-Wachmannschaften, doch sind diese von der Justiz angestrengt, nach jahrelangen, äußerst mühsamen Vorermittlungen. Zwar handelt es sich dabei um den größten Strafprozess der deutschen Nachkriegsgeschichte, doch große Teile der Bevölkerung schieben das Thema lieber beiseite. Der Regisseur Rolf Hädrich hat diese Atmosphäre der Gleichgültigkeit kongenial in seinem Film Mord in Frankfurt von 1968 eingefangen.

Staudte dreht seinen Film also in einem gesellschaftlichen Prä-68er-Klima, in dem die Kindergeneration ihren Eltern zunehmend unbequeme Fragen ob ihrer Vergangenheit stellt, die individuelle wie kollektive Verdrängung aber noch weit verbreitet ist. Bei der Herrenpartie wird deutlich, dass die Herren unfähig sind, die Wut, die ihnen von Seiten der Frauen entgegenschlägt, überhaupt nur zu begreifen. „Da sie sich der Wahrheit des Krieges und ihres Vorlebens als Täter nie gestellt haben, sind die Männer blind für die Empfindungen der Opfer“, schreibt Malte Ludin (1). „Ihre Reaktion gleicht der jener Deutschen, die sich 1945 über die Unfreundlichkeit der Sieger beschwerten.“

Die „hässliche Fratze“ der Deutschen wird dem Zuschauer besonders eindringlich vor Augen geführt, als die Sangesbrüder aus der Hungersnot heraus ein Lamm töten und grillen, sich betrinken und dabei Kriegsanekdoten und Chauvi-Sprüche austauschen. Die Kamera, die währenddessen immer wieder sehr nah an die entstellten Gesichter und weit aufgerissenen „Futterluken“ der Männer heranzoomt, entlarvt sie als unverbesserliche Revanchisten. Symbolik spielt bei dem Schwarz-Weiß-Streifen auch jenseits satirischer Überzeichnungen eine herausgehobene Rolle: Als die hell gekleideten Deutschen erstmals auf die durchweg schwarz gewandeten Witwen treffen, wirkt dies fast wie aus dem Aufzug einer antiken Tragödie, in der sich zwei feindliche Formationen gegenüberstehen. Weiß trägt nur eine junge Frau, die als Gast ins Dorf gekommen ist und immer wieder zu Mäßigung und Ausgleich aufruft. Ihr entspannungspolitisches Gegenüber auf deutscher Seite ist der Sohn des Vereinsvorsitzenden, gespielt vom hellblond gefärbten, damit also auch „weißen“ Götz George. Er macht sich in vielen Szenen über die Spießertruppe lustig und hinterfragt als eine Art Hofnarr die irrwitzigen Gedanken der Altherren-Riege.

Die radikalste unter den Frauen ist Miroslawa, die durch die Vergeltungsaktion der SS ihre gesamte Familie verloren hat. Als sich gegen Ende des Films die deutschen Männer auf dem mörderischen Bergplateau wie auf einem Präsentierteller befinden, greift sie zu einem Maschinengewehr, zielt auf die Männer…lässt dann die Waffe aber wieder niedersinken. Hier tut sich einer der wenigen Schwachpunkte des Films auf: Denn er zeichnet die Frauen als allzu friedliebend und versöhnungsbereit. Im ursprünglichen Drehbuch ist vor allem Miroslawa viel verbitterter und ballert im Amok ihrer Ohnmacht ihre gesamte Munition gegen die Felswand, nicht sehr weit über den Köpfen der Alt-Nazis. Auf diese Weise will Staudte auch die eindimensionale Heroisierung des „Volksbefreiungskrieges“ im sozialistischen Jugoslawien kritisieren. Er versucht damit zu demonstrieren, dass die Opfer dauerhaft Schaden genommen haben und auch die Opfergesellschaft ihre Positionen gegenüber den Tätern überdenken sollte. Verhärtungen gibt es auf beiden Seiten, lautete Staudtes Botschaft. So sagt er über den Film: „Eine satirische Attacke gegen politische Instinktlosigkeit deutscher Touristen im ehemals besetzten Gebiet. Auf der anderen Seite wendet er sich aber auch gegen betonierten Deutschenhaß, gegen Unversöhnlichkeit und späte Rache.“ Auf jugoslawische Intervention hin muss die besagte Szene dennoch abgemildert werden (5). Ein interessanter Aspekt in diesem Zusammenhang: Als Touristen sind die Deutschen in den sozialistischen Ländern willkommen, nicht jedoch als normale Menschen im Hinterland.

Abgesehen von dem leicht fauligen Kompromiss in Hinblick auf die verhärmte Miroslawa zeichnet sich der Film durch eine ausgesprochene Handlungsstärke aus, weist dabei dennoch Tiefgang auf, ist voller geistreicher und teils unerwarteter Wendungen, setzt eine sehr ausdrucksstarke Bildsprache ein, ist prall gefüllt mit Witz und Ironie – mit der Satire-typischen Überzeichnung, ohne Pointen um des reinen Gags willen. Herrenpartie ist getragen von einer provokanten Kernaussage, die zur Diskussion anregt. Was will man mehr? Der Streifen ist ein Glanzlicht des deutschen Films. Und dennoch wird Herrenpartie zu einem grandiosen Misserfolg. Zumindest im Westteil der Republik. Das hat vier Gründe.

Der erste: Die große Politik. Es fängt damit an, dass Anfang 1964 die staatliche Filmbewertungsstelle Wiesbaden (FBW) Herrenpartie das Prädikat „(besonders) wertvoll“ verweigert, was dem relativ kostspieligen Film zahlreiche Steuervorteile verwehrt. Als Vorsitzender der FBW fungiert Karl Korn, Mitherausgeber und Feuilletonchef der FAZ und nicht zuletzt auch Nazi-Schreiberling, u.a. seinerzeit mit einer positiven Rezension von Jud Süß. Die FBW-Begründung: Die Deutschen seien unrealistisch dargestellt und selbst eine Satire müsse einen „Kern Wirklichkeit“ aufweisen. Staudte findet das „bestürzend“ und wehrt sich mit einem Brief: Versöhnung könne nicht im Film, sondern nur durch den Film stattfinden. Schon Kirmes bleibt ein Prädikat verwehrt. Allerdings bekommt er fast zeitgleich eines für seinen Film Der letzte Zeuge (1960), einem sozialkritischen Krimi, in dem Staudte die Chancenungleichheit zwischen Anklage und Verteidigung anprangert.

Es kommt aber noch schlimmer. Das Bundesinnenministerium Bonn lehnt es ab, den Film als deutschen Beitrag zu den Filmfestspielen in Cannes zu schicken. Immerhin bescheidet Berlinale-Direktor Alfred Bauer, dass der Film bei ihm im Juli 1964 gezeigt wird. Während der Aufführung ertönt demonstrativer Beifall, aber es gibt auch viele Buhrufe. Zwei Darstellerinnen erhalten immerhin Preise für ihre Rollen, aber der vom Innenministerium verliehene Deutsche Filmpreis geht ausgerechnet an das Kriegsdrama Kennwort Reiher. Immer wieder wird Staudte als angeblicher Nestbeschmutzer angegangen. Die Deutsche Nationalzeitung-Soldatenzeitung hat zuvor eine Hetzkampagne losgetreten, die offensichtlich auch einen gewissen Widerhall im Innenministerium findet. Die Festspielleitung veröffentlicht einen Text Staudtes, der sich gegen den Vorwurf der Nestbeschmutzung wehrt. „Politische Filme sind ein Stück Geschichtsdarstellung der Gegenwart“, schreibt der Regisseur. „Sofern sie Kunst sind, werden sie parteiisch sein, herausfordernd und subjektiv, aber immer teilnehmend und besorgt um den Zustand des ’eigenen Nestes‘.“ Viel scheint er damit nicht zu bewirken.

Nach der Premiere von „Herrenpartie“ im Ost-Berliner Kino International. Im Osten gab es Jubel, im Westen Buhrufe.

Der zweite Grund ist eine irreführende und schwache Vermarktung. Herrenpartie läuft nur in wenigen Städten und Kinos: In Köln, Düsseldorf, Hamburg, München. In den Info-Broschüren für Filmverleiher* und Kinobetreiber* heißt es, die armen Deutschen müssten angeblich für andere büßen. Als Negativverstärker wirken dabei – Ursache Nummer drei – die fast durchgehend kritischen, teils vernichtenden Rezensionen in den westdeutschen Medien. Der zentrale Kritikpunkt wird der Filmbewertungsstelle nachgebetet: Es gebe keine richtigen Identifikationsmöglichkeiten mit den Sangesbrüdern. Aber vielleicht mit dem Lästermaul Götz George? Oder vielleicht sogar mit den Frauen aus dem Dorf? Der Rezensent der Neue Rhein-Zeitung stöhnt: „Es handelt sich um die tausendfach zur Bewältigung feilgebotene Vergangenheit: Nationalsozialismus, Krieg, Verbrechen.“

Insgesamt stoßen sich die Kritiker* an der Inszenierung. So moniert der Rezensent im Branchenblatt Film-Echo/Filmwoche: „…mit Wolfgang Staudtes politisch engagierten Filmen hat man es seit ein paar Jahren nicht mehr ganz leicht.“ Und: „Er schlägt voller Rage blindwütig drein (obschon er dabei natürlich auch häufig ins Schwarze trifft).“ Völlig absurd wird es dann aber, als der Kritiker befindet: „…Staudtes Stil ist unsicher.“ Vielleicht wirkt er eher verunsichernd, weshalb die Medienhistorikerin Ulrike Weckel darauf hinweist, dass „Satiren ja auch nicht reihenweise Bekehrungen seitens der Karikierten [zeitigen], sondern [sie] wenden sich als Zielgruppe zuallererst an diejenigen, die sich über sie noch Illusionen machen.“ Außerdem deute wenig darauf hin, „dass sich in der Bundesrepublik zu wenige von der Satire getroffen fühlten, als vielmehr darauf, dass es zu viele waren.“ (5)

Weckel wartet aber noch mit einem weiteren, sehr plausiblen Aspekt der Deutung auf (= Grund Nr. 4). In Herrenpartie werden Frauen ausnahmsweise als moralisch überlegen dargestellt und nicht wie üblich in Filmen der ersten Nachkriegsjahrzehnte als Sexualobjekte. Hier zeigen die Frauen so gar kein Interesse an den Männern. Es deutet sich noch nicht einmal eine Romanze zwischen dem politisch korrekten Sohn (Götz George) und der hübschen weißen Bluse aus Montenegro an.

Während es im Westen der Republik schlechte Noten hagelt, kommen aus dem Ostteil Deutschlands nur positive Reaktionen. Bei der Erstaufführung im Ost-Berliner Vorzeigekino International ertönt stürmischer Beifall. Die Rezensionen in den ostdeutschen Medien sind durchweg wohlwollend bis euphorisch. Staudte lässt sich einmal mehr politisch vereinnahmen, ob er will oder nicht. Mit den rein positiven Stimmen von den „Kommunisten“ ist er im Westen aber quasi automatisch unten durch. Das Desaster mit der Herrenpartie löst bei Staudte Langzeitfolgen aus.

„Der Kommissar“, „Der Seewolf“ und auch „Tatort“: Schuldentilgung in den 1970ern

Staudte lässt zunächst die Hände weg vom Drehbuchschreiben und führt bei mehreren Filmen, einige davon mit sozialkritischem Touch, einfach nur Regie. Dann nimmt er nochmal einen neuen Anlauf und gründet 1967 sogar eine eigene Filmgesellschaft, um ein Jahr darauf das bulgarische Kooperationsprojekt Heimlichkeiten zu finanzieren: Ein Geschäftsmann aus der Bundesrepublik trifft an der Schwarzmeerküste seine Geliebte aus der DDR, die ihm aber nicht in den Westen folgen will. Dies klingt ein wenig nach einem Aufguss vom Geteilten Himmel, dem Konrad-Wolf-Film von 1964, der die gleichnamige Erzählung von Christa Wolf filmisch umsetzt. Doch der westdeutsche Film gerät weniger kunstvoll als sein östliches Pendant, nicht zuletzt wegen der wiederholten Interventionen der staatlichen bulgarischen Produktionsfirma. Der Film wird ein veritabler Flop – und Staudte steht mit 350.000 DM Schulden da. Er muss seine Villa in Dahlem verkaufen, obendrein seinen Sportwagen – die restliche Summe gilt es, für den Rest seines Lebens abzustottern.

Spätlese von 1977 – Staudtes bester Tatort.

Damit einher geht ein Wechsel vom Kino zum Fernsehen. Diesen vollzieht Staudte, weil seine weiteren Filmprojekte, wie etwa Menetekel über die Gefahren der Atomenergie, keine Finanziers finden. Er muss aber auch deshalb das Medium wechseln, weil er beim Fernsehen mehr Aufträge ergattern kann. Sein Name zieht immer noch. Allein zwischen 1970 und 1982 führt Staudte bei 40 TV-Produktionen Regie – in in den drei Jahrzehnten zuvor kam er auf 26 Kinofilme. Dazu gehören Fernsehproduktionen, die man Staudte niemals zuordnen würde. Abenteuerfilme zum Beispiel. Am populärsten wird sein Vierteiler Der Seewolf (1971) nach einem Roman von Jack London. Darin spielt Raimund Harmstorf den gewalttätigen Piraten-Kapitän Wolf Larsen, der über so viel unbändige Kraft verfügt, dass er eine rohe Kartoffel mit einer Hand zerquetschen kann. Harmstorf fühlt sich fortan als Schauspieler allerdings auf die „Kartoffel-Szene“ reduziert, bekommt Depressionen und Parkinson und scheidet knapp 20 Jahre später durch Suizid aus dem Leben.

Außerdem dreht Staudte mehrere eher unterhaltende Fernsehspielreihen wie MS Franziska, Der eiserne Gustav oder Die Pawlaks. Er tritt nun aber auch verstärkt als Krimi-Regisseur in Erscheinung. So dreht er mehrere Folgen für den Klassiker Der Kommissar (1970-73) und setzt eher komplexe Wirtschaftsverbrechen (Steuerhinterziehung, Subventionsbetrug, Korruption etc.) in der ARD-Vorabendserie Kommissariat K9 (1975) auf genauso anschauliche wie unterhaltsame Weise um. Hier stellt Staudte einmal mehr unter Beweis, dass er sein Handwerk versteht. Viel mehr muss Staudte beim Fernsehen auch nicht können. Der Routinier dreht auch sieben Tatort-Folgen, bei einigen läuft er noch einmal zu echter Hochform auf. So zum Beispiel bei Spätlese (1977), einem Kriminalfilm, der nur in seinem notwendigen Handlungsstrang ein Krimi ist. Im Vordergrund stehen hier weniger Spannung und Täterfrage, sondern menschliche Schicksale und deren Verstrickungen. Staudte-Biograf Egon Netenjabob entdeckt in den Hauptakteuren sogar „Figuren von Tschechow, die es in einen Krimi verschlagen hat.“ (3)

Die letzten Jahre: Bundesverdienstkreuz und Anonymität

In seinen Fernsehjahren wird Wolfgang Staudte weder mit Preisen überhäuft noch wird er auf dem roten Teppich von Premierenfeiern (anderer Filmemacher:innen) gesichtet. So tritt er fast zwangsläufig in den Hintergrund, gerät fast etwas in Vergessenheit. Ende 1976, zu seinem 70. Geburtstag, wird Staudte allerdings mit Ehrungen förmlich überschüttet, auch von offizieller Seite. 1980 erhält er sogar das Große Bundesverdienstkreuz am Bande. Zwischenzeitlich meldet sich Staudte mit vereinzelten Interviews zu Wort. So moniert er etwa, dass es in Westdeutschland keine intakte kommunistische Partei gebe, und kritisiert, dass die SPD zu weit nach rechts gerückt sei. 1980 setzt er sich neben anderen Künstler:innen gegen die Wahl des reaktionären Franz-Josef Strauß zum Bundeskanzler ein.

In seiner Freizeit bastelt Staudte Modellflugzeuge zusammen. Freunde hat er kaum. Dies steht in Kontrast zu den zahlreichen Fotos des Filmemachers von Empfängen, auf denen er sich gutgelaunt in geselliger Runde zeigt. Die stammen allerdings aus früheren Jahren, die eine weitere Besonderheit aufweisen: Die Empfänge werden meist von genau denjenigen ausgerichtet, die Staudte in seinen Filmen und/oder seinen öffentlichen Stellungnahmen angeht. Nein, keine Nazis, aber großbürgerliche Filmproduzenten und konservative Politiker. Wie dies zu erklären ist? Vielleicht mit der Widersprüchlichkeit oder auch inneren Zerrissenheit, die Künstler:innen gerne für ihr zuweilen erratisches Handeln in Anspruch nehmen.

Biograph Netenjakob hat Staudte auch persönlich kennengelernt. Er beschreibt ihn als wenig eitel und nicht um bestimmtes öffentliches Image bemüht. „Er war kommunikativ, unkompliziert, direkt, hielt in der Öffentlichkeit mit seinen Ansichten nicht hinter dem Berge“, so Netenjakob weiter. Aber: „Vielleicht wurde hinter seiner tatfreudigen Art der Pessimist übersehen und der Ängstliche, der er auch war. Daß ihm übel mitgespielt worden ist, war ihm nicht anzumerken.“ (3) Staudte scheint sich in den 1970ern nicht nur wegen seiner vielen Schulden in die Arbeit zu stürzen. Schließlich ist er auch ein Regisseur, der das Leben am Set wie die Luft zum Atmen braucht. Dass ihm die zahllosen politischen Knüppel, die ihm über die Jahre zwischen die Beine geworfen wurden, nicht verbittert gemacht haben sollen, käme einem fast unmenschlichen mentalen Willensakt gleich. Folglich wird er seine Verbitterung mit Hilfe von Arbeit verdrängt haben.

Allerdings wohl auch mit Nikotin und Alkohol. Staudte ist von Natur aus ein hagerer, knochiger Typ. Durch den teils starken Konsum der Genussmittel wirkt er noch kantiger und auch oft gereizt. So auch bei seinen letzten Dreharbeiten in den slowenischen Bergen. Wiederholt kommt es zu Konflikten mit der Produktionsfirma und der Filmcrew. Am 17. Januar 1984 bricht Wolfgang Staudte während eines Drehs zusammen und stirbt an Herzversagen.

Seit 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, verleiht die Berlinale jährlich ihren Wolfgang-Staudte-Preis für den besten internationalen Nachwuchsfilm. Das passt hervorragend, denn Staudte sah sich als gesamtdeutscher und damit grenzüberschreitender Filmemacher. Und er lebte die meiste Zeit seines Lebens in Berlin. 2006 geht der Preis allerdings in eine namenlose Auszeichnung für Debütfilme über.

Wolfgang Staudte: Würdigung seines Gesamtwerks

Wolfgang Staudte bleibt zunächst als der Mann Erinnerung, der den ersten Nachkriegsfilm in Deutschland geschaffen hat. Aus der heutigen zeitlichen Distanz betrachtet handelt es sich bei Die Mörder sind unter uns um ein zwiespältiges filmisches Dokument. Stilistisch gesehen kann es sich nicht völlig von der NS-typischen Dramatik der Jahre zuvor lösen, aus inhaltlicher Sicht fängt der Film – fast schon etwas selbstmitleidig – vor allem die Verbitterung der Mitläufer des NS-Regimes ein, von denen auch Staudte einer war. Er arbeitet sich also gewissermaßen an sich selbst ab.

Der Duktus verändert sich jedoch schnell. Schon mit Rotation (1948/48) bezieht Staudte eindeutig eine kategorisch antifaschistische Position. Mit diesem Film beginnt seine siebenjährige Karriere als „DDR-Filmemacher, der im Westen lebt.“ Er macht verschiedene Filme für den „ersten Arbeiter- und Bauernstaat auf deutschem Boden“, darunter Der Untertan nach Heinrich Mann. Diese Filme werden zwar im Westen entweder verboten oder boykottiert, doch zumindest indirekt sind sie auch in der jungen Bundesrepublik Stoff für öffentliche Debatten, denn sie finden meist auch international großen Anklang und zwar nicht nur in den Ländern des Ostblocks. Staudte wird von den West-Medien, auch den linksliberalen, immer wieder wegen seiner vermeintlichen Sympathien für den ostdeutschen Staat angezählt. Und tatsächlich ist es so, dass Staudte zwar die Verhältnisse im Westen anprangert, sich aber über die autoritären Entwicklungen im Osten geflissentlich ausschweigt. Hätte sich Staudte Mitte der 1950er nicht mit der DEFA überworfen, wäre es sicher spannend geworden, wie er sich verhalten hätte, als sechs Jahre später die Mauer hochgezogen wurde.

In der Hochzeit des Kalten Krieges verliert Staudte so fast zwangsläufig ein gewisses Maß an politischer Glaubwürdigkeit, was es seinen Gegnern umso leichter macht, ihn im Westen als Nestbeschmutzer zu brandmarken. Der Vorwurf ist absurd, denn er arbeitet mehr als eine Art Nestreiniger mit filmischen Sandstrahlgebläse. Als er seine zweite „Aufarbeitungstrilogie“ mit Rosen für den Staatsanwalt startet, scheint er noch gute Karten zu haben. Doch Kirmes und Herrenpartie geraten zu gewaltigen Flops, sofern man dies allein am Medienecho und an der Zuschauerreichweite misst. „Wie die Botschaft, so kam auch ihr Überbringer ungelegen“, bilanziert Staudte-Biograph Malte Ludin. „Die Deutschen wollten nicht in den Spiegel sehen, den er ihnen vorhielt. Sie wollten vergessen und vergessen machen, sie vertieften sich in den Wiederaufbau…“ Und schauten lieber Heimat- und Landserfilme.

Hätte sich Staudte Mitte der 1950er nicht mit der DEFA überworfen, wäre es sicher spannend geworden, wie er sich verhalten hätte, als sechs Jahre später die Mauer hochgezogen wurde.

„Meine Freunde nennen mich, etwas spöttisch, einen ewigen Weltverbesserer“, gibt Staudte 1960 zu Protokoll. „Vielleicht ist etwas Wahres daran. Aber dann werden Sie erst recht verstehen, wie schwer es ist, die Welt verbessern zu wollen mit dem Gelde von Leuten, die die Welt in Ordnung finden.“ Das erwies sich wiederholt als anstrengend bis unmöglich, wobei noch hinzukam, dass ihm die konservative Bundesregierung in Bonn über verschiedene Wege das Künstlerleben schwermachte. „Er hätte der Rolf Hochhuth des deutschen Kinos werden können“, schreibt der Publizist Gerhard Bliersbach in Anlehnung an den Dramatiker Hochhuth (u.a. Der Stellvertreter/1963), der unter anderem mit Vatikan und NS-Diktatur abrechnete, was in der Theaterszene leichter zu sein schien. „Aber Filme-Machen“, so Bliersbach weiter, „ist zuerst ein Geschäft, bei dem die Geldgeber, die Banken zumeist (…), kassieren möchten.“

Genau deshalb gründet Staudte in den 1950ern mit Gleichgesinnten eine gemeinsame Filmproduktion und Mitte der 1960er eine zweite, eigene. Sein großes persönliches Drama liegt darin, dass er sich 1967 mit seiner eigenen Produktionsfirma hoch verschuldet – und deshalb fortan verstärkt Unterhaltungsfilme machen muss, um seine Schulden abzubezahlen. Genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich der Markt auch für seine Themen öffnet, kann er keine politischen Filme mehr machen. Die bittere Ironie der Geschichte liegt dabei darin, dass ihm nicht etwa die profitgierigen Medienmogule des Westens den entscheidenden Schlag versetzen, sondern ausgerechnet ein Kooperationspartner aus dem sozialistischen Bulgarien, der mit seinen ständigen Querschüssen sein Filmprojekt Heimlichkeiten verstümmelt und so marktuntauglich macht.

So oder so, gerade Staudtes Filme aus seiner zweiten Aufarbeitungstrilogie bilden eine absolute Ausnahme im westdeutschen Kino seiner Zeit – abgesehen von wenigen Ausnahmen wie Wir Kellerkinder (1960) und mit Abstrichen Die Brücke (1959). Insofern bilden sie die politisch-kulturellen Leuchttürme in einem Meer voller Belanglosigkeiten. Zweifellos war Staudte seiner Zeit um ein bis zwei Jahrzehnte voraus. In Zeiten der Entspannungspolitik und der 68er-Rebellion wäre er genau der Richtige gewesen, wenngleich die Protagonisten des Neuen Deutschen Films wie etwa Edgar Reitz deutlich zu verstehen geben, dass sie mit der Machart von Staudtes Filmen nichts am Hut haben.

Dabei sind Staudtes Werke nicht zuletzt auch unter filmästhetischen Aspekten durchaus bemerkenswert: Neben einigen technischen Finessen zeichnen sie sich durch eine vergleichsweise schnelle Schnittfolge und straffe Handlung aus, wie sie dann in späteren Jahrzehnten zum Standard werden. Mit diesem Ansatz begründet Staudte im Film Ende der 1940er einen kritischen Realismus, ähnlich wie er in der Literatur seiner Zeit Fuß fasst. Dies wiederum färbt auf das neu entstehende Fernsehen ab, das von vornherein kritischere Töne wagt als das weitgehend politisch handzahme Kino. Apropos Fernsehen: Wolfgang Staudte hat die Zuschauer:innen auch mit hervorragenden TV-Produktionen beglückt. Vor allem bei seinen Krimis steht immer das menschliche Schicksal im Vordergrund, Gewalt und Spannung müssen dahinter zurücktreten. Das mag altmodisch wirken. Aber auf eine sehr sympathische Weise.

Quellen

(1) Ludin, Malte (1996): Wolfgang Staudte. Hamburg.

(2) Schmidt-Lenhard, Uschi (o.D.): „Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur“. Ein Gespräch mit den Initiatoren und Vorstandsmitgliedern der Wolfgang-Staudte-Gesellschaft Uschi Schmidt-Lenhard und Andreas Lenhard. In: Wolfgang-Staudte-Gesellschaft.

(3) Netenjakob, Egon et al. (1991): Staudte. Edition Filme. Berlin.

(4) Bliersbach, Gerhard (1985): So grün war die Heide…Der deutsche Nachkriegsfilm in neuer Sicht. Weinheim und Basel.

(5) Weckel, Ulrike (2013): Herrenpartie. Eine bemerkenswerte Satire auf deutsche Vergangenheitsbewältigung, die nur wenige zu sehen bekamen. In: WerkstattGeschichte, Nr. 62, S. 94-114.

Einige Originaldokumente, die in Quelle (3) enthalten sind. Und natürlich seine Filme und TV-Produktionen.

© Die Zweite Aufklärung 2021

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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