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Wie viel Nabelschau muss sein?

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8.2.2012 / Genauso anrührend wie erschreckend war der Moment, als ein Arzt Rudi Assauer nach dem aktuellen Jahr fragte und dieser keine Antwort wusste. Auch die Ziffern einer Uhr konnte der frühere Fußball-Manager nicht mehr auf Papier bringen. Schonungslos, ohne jeden aufgesetzten Gestus der Betroffenheit und deshalb umso bewegender dokumentierte gestern Abend die Reportage „37 Grad“ (ZDF, 23.15) die Alzheimer-Krankheit von Rudi Assauer, dem einst starken Mann des deutschen Fußballs.

Rudi Assauer/Foto: Wikicommons

Sicher wäre es auch möglich gewesen, einen Film über einen Demenzkranken zu zeigen, der keinen bekannten Namen trägt. Solche Filme hat es auch schon gegeben. Doch die Wirkung ist größer, wenn der Zuschauer den Vorher-Hinterher-Effekt erfährt, wie hier die Wandlung des Rudi Assauer vom erfolgsverwöhnten Macher zu einer weitgehend hilflosen Kreatur. Und noch tiefer gräbt sich der Eindruck in das Gedächtnis des Medienkonsumenten ein, wenn der Betroffene ein Promi ist, den fast jeder kennt.

Über Prominente lässt sich trefflich tratschen und klatschen, sie erzeugen Kommunikation und wirken so als sozialer Kitt. Sie fungieren aber auch als integrierende Vorbilder der Massengesellschaft. Man mag zu Recht bezweifeln, ob  Comedians, Starköche und Soap-Sternchen in gesellschaftlich wünschenswerter Weise diese Vorbildfunktion erfüllen. Tatsache ist jedoch, dass sich Millionen von Menschen mit diesen Promis identifizieren, sie verehren und aus deren Äußerungen und Verhalten Handlungsmuster für ihr eigenes Leben ableiten. Dies gilt für den Weg nach oben – in der Regel die Gebrauchsanleitung für die Jüngeren. Dies gilt aber auch für das Management schwerer Lebenskrisen – eher das Nachschlagewerk für die über 40jährigen.


Wie man auch mit Krankheit umgehen kann: Gaby Köster

Rudi Assauer hat hier Maßstäbe gesetzt, indem er sich ohne Wenn und Aber der Gnadenlosigkeit der laufenden Kamera ausgesetzt hat. Und indem er ein Buch veröffentlicht hat, das nicht vorgaukelt, er hätte es selbst mit letzter Kraft geschrieben. „Wie ausgewechselt“ (Riva-Verlag) ist eine Autobiografie mit den wichtigsten Stationen seines Fußballer-Lebens und zwei Kapiteln über seine Krankheit. Dabei wechseln sich längere Zitatpassagen des Erkrankten mit den Faktenschilderungen des Co-Autors Patrick Strasser ab. Eine saubere, da authentische Lösung.

Es gibt allerdings auch weniger glaubwürdige Promi-Bücher, zumal wenn man sie in den Kontext ihrer Entstehung einbettet. Als die Kölner Comedian Gaby Köster Anfang 2008 plötzlich eine Tournee abbrach, schossen in den Medien die Spekulationen  über mögliche Krankheiten ins Kraut. Kösters Management ging rigoros mit juristischen Schritten gegen einschlägige Zeitungsberichte vor, ohne selbst die Tatsachen auf den Tisch zu legen. Über drei Jahre nach ihrem Schlaganfall zeigte sich die Komikerin dann erstmals wieder in der Öffentlichkeit, in der Sendung „stern TV“, das bezeichnenderweise zusammen mit der verwandten Wochenzeitschrift vorerst das Exklusivrecht auf Bilder von Gaby Köster beanspruchen durfte.

Fast zeitgleich erschien Kösters Buch „Ein Schnupfen hätte auch gereicht“ (Scherz-Verlag), in dem sie die Leser auffordert: „Ich haben Ihnen die Fenster zu meinem Herz und meiner Seele geöffnet und bitte Sie sehr herzlich, sie nach der Lektüre wieder behutsam zu schließen.“ Damit will die Autorin suggerieren, sie würde für die Käufer ihres schmalen Büchleins ihr Innerstes nach außen kehren – aber das sollten diese ja nicht weiter tragen. Genau das Gegenteil ist natürlich mit dieser „Bitte“ bezweckt. Allerdings gibt es auch kaum etwas zu „verraten“. Denn nach Einschätzung vieler Leser, die das Buch auf Amazon.de rezensiert haben, geht Gaby Köster nur sehr oberflächlich auf ihre Krankheit ein.


Mehr Transparenz, mehr Authentizität

Das Köster-Buch bildet mitnichten eine Ausnahme. In den vergangenen Monaten und Jahren sind zahlreiche Werke erschienen, in denen Promis davon erzählen, wie sie mit ihrem Krebs, ihrem Burnout, dem Altern oder anderen Widrigkeiten des Lebens fertig werden. Gern darf es ein bisschen menscheln, denn auch Stars haben ja schließlich auch ihre sensible, ihre verletzliche Seite. Doch meist lassen sie den Leser nicht wirklich an sich heran und/oder meistern ihre Probleme dann letztlich doch mit Bravour. Man ist ja nicht umsonst ganz oben.

Viele dieser Bücher dürften aus dem persönlichen Profitinteresse des Promis und/oder aus Gründen der Imagepflege geschrieben werden. Dies ist aber auch ganz im Sinne der Medienindustrie, die kein Interesse daran hat, dass die verkaufsträchtigen Helden-Mythen von einzigartiger Autorität und Stärke prominenter Personen zerstört werden. Die Medienindustrie wie ihre Protagonisten versuchen in diesem Sinne schon seit längerem, jedwede Image-prägende Information zu filtern und zu kanalisieren, um das öffentliche Bild vom Promi (weitgehend) selbst zeichnen zu können. Hier kommen nicht nur Nachrichtensperren wie in der Causa Köster zum Tragen. So müssen sich Journalisten zum Beispiel auch immer häufiger vor Interviews mit Promis schriftlich dazu verpflichten, nur über das neue Buch oder die neue CD des Stars zu sprechen und nicht nach persönlichen Dingen zu fragen. Der Medienkonsument bekommt von dieser Knebel-Kultur kaum etwas mit.

So glich es fast schon einer Ironie des Schicksals, als genau am Tag der Assauer-Reportage der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte eine Klage von Prinzessin Caroline von Monaco scheitern ließ. Der Gerichtshof gab der Pressefreiheit Vorrang vor dem Recht auf die Privatsphäre öffentlicher Personen, wie eben Caroline eine ist. Im Kern handelt es sich zwar um ein Urteil, das den Paparazzi das dreiste Ablichten erleichtert. Aber es ist ein Anfang, wie sich der mediale Umgang mit Prominenz insgesamt verändern muss. Nämlich mehr in Richtung Transparenz und Authentizität. Dies ist aber nicht allein auf rechtlichem Wege zu erreichen, sondern muss mit einem Wandel in der Kultur einhergehen. Vor allem die Journalisten sollten das Mythen-Spiel nicht länger mitspielen. Von den Promis selbst ist weniger zu erwarten. Aber es gibt auch immer wieder positive Überraschungen. Rudi Assauer ist eine solche – und wird hoffentlich nicht die einzige bleiben.  Denn warum soll ein Promi nicht auch als Vorbild für andere Promis wirken? LF

 

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