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Weselsky privat oder: Der GdL-Chef und die Medien

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Live aus Hamburg von der 15. Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche 

Christian Schertz gilt als der prominenteste Medienanwalt Deutschlands und führt eine Kanzlei, die in den vergangenen Jahren immer weiter expandiert ist. Inzwischen zählt das Anwaltsbüro rund 30 Mitarbeiter. Schertz vertritt die Interessen zahlreicher Promis gegenüber den Medien. Nur Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft der Lokführer (GdL), gehört noch nicht zu den Schertz-Mandanten. Immerhin sitzt Weselky nun neben ihm bei der Diskussionsrunde „Im Visier der Meute – Wie Betroffene die Medien erleben“.

Claus Weselsky hält sich für "gut gebaut"

Claus Weselsky redet gern über sich. Der GdL-Chef hält sich für „gut gebaut“.

Ob er denn Weselsky gerne zum Mandanten hätte, will der Moderator von Schertz wissen. Der Medienanwalt scheint nicht abgeneigt, denn bei Weselsky hätte Schertz allen Grund zum Klagen. Die Boulevard-Presse hatte Weselsky während der mehrfachen Streikaktionen zum Beispiel als „Größenbahnsinnigen“ oder „gemeingefährlichen Irren“ gebrandmarkt, die Bild wollte ihn in einer Kampagne als ewigen Außenseiter abstempeln und nicht zuletzt kursierten zahlreiche unfreundliche Tweets von Journalisten. Einer davon wollte sich Weselsky zum Waterboarding vornehmen, was aber angesichts der Zugtoiletten ein fast unmögliches Unterfangen sei. „Das alles geht überhaupt nicht“, regt sich Schertz auf. „Das überschreitet eindeutig die Grenze der Schmähkritik.“ Weshalb Weselsky vor Gericht zahllose Unterlassungen hätte erwirken können. Nicht minder bei dem ganz groben Foul, das sich Focus Online erlaubte: Das Münchner Magazin brachte mitten während der Streiks ein Foto vom Privathaus des Gewerkschafters und lieferte die Adresse noch gleich mit. Eine klare Verletzung von Weselskys Persönlichkeitsrecht, befindet Scherz.

Und Weselsky? Der gibt sich vollkommen gelassen und abgebrüht. „Was schert es eine deutsche Eiche, wenn sich irgendeine Wildsau daran reibt“, sagt er und gibt damit zu verstehen, dass ihn das, was die Medien berichten, so gar nicht interessiert. Nur einmal gab es eine Ausnahme: Die Focus-Story über sein Privathaus. Er persönlich habe keine Angst gehabt, sagt er: „Ich bin halbwegs gut gebaut.“ Deshalb habe er auch Personenschutz abgelehnt. „ Aber ich habe Angst um meine Frau gehabt.“ Nach dem Artikel habe er die „Organe eingeschaltet“ (ostdeutsch für Polizei) und dann plötzlich den Staatsschutz am Telefon gehabt. Da habe er gemerkt, wie ernst die Sache sei. „Ich habe daraufhin meine Frau angewiesen, für zwei Tage im Hotel zu übernachten“, erzählt er.

 

Organe eingeschaltet, Frau angewiesen

Zwischen den Zeilen klingt durch, dass Weselsky in den Streikmonaten allerdings auch seelisch sehr belastende Phasen durchleben musste. In der Öffentlichkeit konnte er sich kaum zeigen. „Da waren wir die Gejagten.“ Während der Verhandlungen habe er sich einmal abends mit zwei anderen GdL-Vorständen unbefugten Zugang zum Dach eines Luxushotels verschafft und dort zu einem Whiskey eine dicke Zigarre geraucht. „Wir hätten nicht in die Raucherlounge gehen können“, erzählt er. „Dann wäre von uns gleich ein Foto geschossen worden und am nächsten Tag wäre eine deftige Schlagzeile erschienen.“

Medienanwalt Schertz gibt einen tiefen Einblick in das Seelenleben seiner Promi-Mandanten, wenn er einräumt, dass viele auf Dauer traumatisiert aus einer extrem negativen Medienberichterstattung hervorgingen. Claus Weselsky kennt dieses Problem offenbar nicht. Ob ihm denn nie Zweifel gekommen seien, wenn sich die Medien kritisch geäußert hätten, will jemand aus dem Publikum wissen. Von den Medien sieht sich der Gewerkschafschef so gar nicht beeinflusst. Seine Strategie ändere sich höchstens durch Einwände seiner Berater. „Denken Sie nicht, ich würde mich in einem völlig unkritischen Umfeld bewegen, wo alle Mitarbeiter ständig vor mir auf die Knie fallen und mich fragen, was sie noch für mich tun können“, behauptet er. An anderer Stelle erzählt er dann, dass Protestler gegen ihn „bezahlt“ worden seien, während er in der harten Zeit immer nur Zuspruch aus der Bevölkerung erhalten habe. Wenn es nicht gleich schon wieder die Grenze zur Schmähkritik überschreiten würde, müsste man hier glatt noch etwas über Sozialautismus und unglaubliche Arroganz anfügen. LF

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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