Journalismus

Stiftung „Vor Ort NRW“ steht vor dem Aus

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Die öffentliche Journalismus-Stiftung „Vor Ort NRW“ dürfte bald aufgelöst werden. Ende Mai wird der nordrhein-westfälische Landtag aller Voraussicht nach die dazu notwendige Änderung des Landesmediengesetzes verabschieden. Die Aktivitäten der Stiftung sollen zwar unter dem Dach der Landesmedienanstalt fortgeführt werden. Doch bisher war die Nachfrage danach nicht sehr groß, so dass die Zukunft der Journalismus-Förderung in Nordrhein-Westfalen vorerst ungewiss bleibt.

Stiftungen wie „Vor Ort NRW“ fördern in erster Linie Non-Profit-Projekte. Foto: Warakorn/Fotolia (auch Titelbild)

„Die journalistische Freiheit ist in Gefahr“, behauptete die CDU/FDP-Opposition im nordrhein-westfälischen Landtag und unterstellte der damals amtierenden rot-grünen Landesregierung, sie wolle mit ihrem Projekt „Staatsjournalismus“ herbeiführen. Ins selbe Horn blies der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger (BDZV), dem Teile der marktliberalen Printmedien assistierten: Einige sprachen von einer „medienpolitischen Absurdität“, andere glaubten sogar, eine „verfassungswidrige Bombe“ zu erkennen.

Die erhitzten Gemüter kühlten sich jedoch schnell wieder ab, nachdem Rot-Grün die öffentliche Stiftung, die anfänglich noch politisch korrekt „Partizipation und Vielfalt“ hieß, Ende 2014 durch den Landtag gebracht hatte. Denn schnell hat sich herausgestellt, dass die Stiftung „Vor Ort NRW“ der Landesregierung nicht dazu dienen soll, um – wie zuvor unterstellt – finanziell klamme Zeitungen zu subventionieren oder durch die gezielte Vergabe von Stipendien linksalternativen Tendenzjournalismus zu finanzieren. Seit Mitte 2015 fördert „Vor Ort NRW“ in erster Linie regionale und hyperlokale Medienprojekte im Bundesland, bevorzugt Neugründer digitaler Lokalmedien, die – so der offizielle Duktus – „zur publizistischen Vielfalt in den Regionen“ beitragen sollen. Hinzu kommen Angebote zur Weiterbildung und zur Vernetzung.

 

Ein politischer Racheakt?

Nun heißt es: Zurück ins Glied! Ende Mai dieses Jahres wird die CDU-FDP-Mehrheit im nordrhein-westfälischen Landtag mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das Landesmediengesetz dergestalt ändern, dass die „Stiftung Vor Ort NRW“ aufgelöst wird. Ein entsprechender Passus war bereits im Koalitionsvertrag zwischen CDU und FDP vom Juni 2017 vereinbart worden. Jetzt wird es ernst: Nach noch nicht mal einem Jahr Schwarz-Gelb wird die Stiftung aufgelöst und in die Landesmedienanstalt eingegliedert, die bisher schon als Träger fungierte. Durch diese Konstruktion wurde die Stiftung indirekt über die Rundfunkgebühren finanziert.

Auf den ersten Blick wirkt die Aktion wie ein politischer Racheakt an dem ehemaligen nordrhein-westfälischen Medienstaatssekretär Marc Jan Eumann. Denn die Stiftung war das Lieblingskind und Vorzeigeprojekt des ehrgeizigen SPD-Politikers, der sich mit seiner Medienpolitik nicht nur Freunde gemacht hat. So verabschiedete der nordrhein-westfälische Landtag im Juli 2014 ein Gesetz, nach dem der Direktor der Landesmedienanstalt die Qualifikation eines Juristen mit Befähigung zum Richteramt mitbringen muss. Der damals amtierende Direktor, Jürgen Brautmeier (CDU), ist Historiker und wurde so an einer nochmaligen Kandidatur gehindert. Der promovierte Geisteswissenschaftler Eumann ist vor einigen Monaten zum Direktor der rheinland-pfälzischen Landesmedienanstalt gewählt worden. Dort war allerdings keine rechtswissenschaftliche Qualifikation gefragt.

Die späte Genugtuung bei Schwarz-Gelb ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere: Die Stiftung, bei der es sich rechtlich gesehen um eine gemeinnützige GmbH handelt, wurde ursprünglich gegründet, um regionale Medienhäuser als Mitgesellschafter ins Boot zu holen. Die haben sich auch nach Jahren dort nicht mit „reingesetzt“ – wahrscheinlich aus Trotz und um sich keine Konkurrenz heranzuzüchten. Die relativ aufwändige Konstruktion einer Stiftungs-GmbH muss so inzwischen überflüssig erscheinen.

 

Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein

„Alles andere bleibt jedoch“, betont ein Sprecher der nordrhein-westfälischen Landesanstalt für Medien. So sollen die Aktivitäten der Stiftung unter dem Dach der Landesmedienanstalt fortgeführt werden. Wie das Konstrukt dann aber konkret aussieht und ob es zurückgestutzt wird oder nicht, steht derzeit noch in den Sternen. Bekanntlich wollen die CDU und vor allem die FDP die Medien so weit wie möglich dem Spiel der Marktkräfte überlassen.

Simone Jost-Westendorf, Geschäftsführerin der Stiftung. Foto: Landesmedienanstalt NRW

Mit einem jährlichen Etat von rund einer Million Euro ist die Stiftung finanziell vergleichsweise gut ausgestattet. Doch seien bisher „noch nicht sehr viele Anträge auf Förderung gestellt worden“, heißt es aus Kreisen der Stiftung. Mit anderen Worten: Das Angebot war bisher größer als die Nachfrage – trotz einer insgesamt instabilen Einkommenslage bei Medien und Journalisten. Die Ursache: Die verschiedenen hyperlokalen Start-ups in NRW brauchen nicht nur findige Journalisten, sondern auch Mitstreiter mit IT-Kenntnissen und welche mit kaufmännischem Knowhow. „Es ist viel Potenzial da“, sagt Vor-Ort-Geschäftsführerin Simone Jost-Westendorf. „Aber die praktische Umsetzung gestaltet sich nicht selten als schwierig.“ Die Gründer hätten oft so sehr mit dem laufenden Betrieb zu tun, dass sie nicht über die Zeit und den Nerv verfügten, sich über die stiftungsgeförderte Vernetzung die nötige fachfremde Expertise zu holen, geschweige denn einen Förderantrag bei der Stiftung zu stellen. Deshalb, so Jost-Westendorf, führe „Vor Ort NRW“ derzeit ein entsprechendes Coaching-Programm durch.

Das Beispiel „Vor Ort NRW“ legt ein Dilemma offen, das weit über die nordrhein-westfälische Stiftung hinausgeht: Es erweist sich oft als schwer, Journalisten, die ihre eigene Medienmarke gründen, mit den dafür notwendigen externen Experten zusammenzubringen. Betriebswirte und Informatiker haben, selbst wenn sie in der Medienbranche arbeiten wollen, journalistische Unternehmen nur selten auf dem Schirm. Die Journalisten wiederum werden nicht ausreichend auf den Markt vorbereitet. So hat sich der seit einigen Jahren diskutierte „unternehmerische Journalismus“ (entrepreneurial journalism) noch nicht in den Curricula der deutschen Hochschulausbildung niedergeschlagen. Andere Länder sind in dieser Hinsicht schon weiter: Beispielsweise bringt die Hochschule Utrecht in den Niederlanden im Rahmen ihrer Journalisten-Ausbildung die angehenden Kommunikatoren in gemeinsamen Projekten mit BWL- und IT-Studierenden zusammen.

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

1 Comment

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