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Scholls Tabubruch: Schlecht für Gomez, gut für die Fußballfans

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11.6.2012 – Hat sich Mehmet Scholl eine dreiste Majestätsbeleidigung gegenüber Mario Gomez erlaubt? Hinter der von den Medien hochsterilisierten Kontroverse steht mehr als nur die rein sportliche Frage: „Schwitzt Gomez auf dem Platz zu wenig?“ Es geht vor allem darum: Was dürfen und was sollen Fußball-Kommentatoren? Die Antwort darauf liegt nicht (nur) auf dem Platz.

Findet meist die richtigen Worte: Mehmet Scholl/Foto: Adrian Zawislak/Wikicommons

Auf der Pressekonferenz am Tag danach zeigte sich Deutschlands Sturmspitze betont gelassen. Und verwies auf seine großen Leistungen als Toreschießer. Das Medientraining samt Teflon-Taktik hat bei Mario Gomez also fast so gut geklappt wie bei Ober-Phrasendrescher Oliver Bierhoff. Frei nach der Devise: Jetzt nur keinen Streit entfachen – das bringt nur Unruhe in die Mannschaft und ihr Umfeld. Das „Umfeld“ besteht aus Sportjournalisten, und vor allem die Vertreter der Holzpresse witterten einen schönen kleinen Skandal. Nicht nur für den Boulevard, auch für die seriösen Blätter waren die Breitseiten Scholls an den Tagen nach dem Portugal-Spiel wichtiger als alles andere bei der EM.

„Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund gelegen hat“ – solche Einlassungen über die mangelnde Einsatzfreude eines Nationalspielers sind schon heftig, wenn auch mit hohem Unterhaltungswert und eindringlicher Metaphorik verbunden. ARD-Kommentator Scholl hat aber auch sachliche Kritik geäußert, untermauert durch seine hohe fachliche Kompetenz. Und genau dies ist der eigentliche Skandal.

Die so genannten Experten bei den Fußball-TV-Übertragungen sind seit jeher eh nur dafür da, um mit berufenem Munde das öffentlich nachzuplappern, was Millionen Zuschauer kurz zuvor schon auf dem heimischen Sofa ausgesprochen haben. Damit sich alle wie echte Experten fühlen können. Ob Kahn, Netzer oder Beckenbauer. Freilich, ein bisschen Kritik dürfen sie auch mal einstreuen. Aber nicht zu viel, bitte.

Die Reporter und Moderatoren im deutschen Sport-Fernsehen sind dagegen die klassischen Zum-Munde-Redner – untertänig und stets servil. Am liebsten stellen sie noch zur Schau, wie dicke sie mit den Stars sind. Die Waldemar-Hartmänner der deutschen Fernsehnation sind oft die reinsten Duz-Maschinen. Dies ist ein grundsätzliches Problem: Dem deutschen Sportjournalismus in den elektronischen Medien fehlt die kritische Distanz zu den Sportlern, vor allem den Promis unter ihnen.

Mehmet Scholl hat mit seiner Gomez-Breitseite einen Tabubruch begangen: Den der direkten Kritik. Dem Sportjournalismus hat er damit einen großen Gefallen getan, denn er hat ihm und seinen Protagonisten vor Augen geführt, dass es auch anders, besser geht. Kritik, auch wenn sie manchmal überspitzt sein mag, nicht als Showeffekt, sondern als natürlicher Bestandteil der Berichterstattung. Das ist neu. Aber nicht nur das: Scholl hat mit seinen Sprüchen demonstriert, wie durchschnittlich die Rhetorik der meisten Sportreporter ist.

Schade, dass dieser Mann in der nächsten Saison Nachwuchstrainer beim FC Bayern wird. Scholl würde Fußball-Deutschland einen größeren Gefallen tun, wenn er in den Sportredaktionen der Sendeanstalten Fortbildungsseminare gäbe.

Lutz Frühbrodt

© Die Zweite Aufklärung 2012

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