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PR paradox: Können Mandate für autoritäre Staaten den politischen Wandel befördern?

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Es ist in jedem Fall ein lukratives Geschäft, wenn PR-Agenturen autoritäre und autokratische Länder in hiesigen Gefilden vertreten. Ist es auch ein unsauberes, unmoralisches Geschäft? Oder fördert es eher den Dialog und letzthin auch die Demokratisierung dieser Länder? Bei der Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche in Hamburg können ein Agenturchef und zwei Kritiker noch nicht einmal einen Minimalkonsens finden.

Es gibt PR-Agenturen, die vermarkten Produkte oder sprechen für Unternehmen. Und es gibt PR-Agenturen, die machen Pressearbeit für ganze Staaten oder – genauer – deren Regierungen. Oder – noch genauer – deren Regime. Agenturen aus der westlichen Welt wohlgemerkt. Dazu zählt zum Beispiel die global agierende Agentur Burson-Marsteller. In Deutschland gehört WMP Eurocom dazu (WMP = „Wirtschaft – Medien – Politik“).

Michael Inacker, Vorstand von WMP Eurocom

Michael Inacker, Vorstand von WMP Eurocom

Wie schlimm muss ein Regime sein, dass solche Agenturen Aufträge ablehnen? Podiumsdiskutant Michael Inacker, Vorstand bei WMP Eurocom, macht es zunächst, wie es eben ein PR-Profi macht: Er zitiert einen anderen Entscheidungsträger. Mit „Menschenhändlern, Waffenhändlern und Drogenhändlern“ würde seine Agentur keine Geschäfte machen, hat Aufsichtsratschef Hans-Hermann Tiedje gesagt, früher Chefredakteur der BILD-Zeitung. So würde WMP nicht für Nordkorea, Weißrussland oder den Iran arbeiten. Wie sehe es denn mit Russland und China aus?, will die Moderatorin des Netzwerk-Recherche-Panels wissen. „Mit denen würden wir zumindest reden“, sagt WMP-Vorstand Inacker. Derzeit zählt Katar zu den Kunden von Inackers Agentur. „Und würden Sie zum Beispiel auch eine Frau Assad vertreten?“, fragt die Moderatorin in Anspielung darauf, dass die Modezeitschrift Cosmopolitan ein sehr wohlwollendes Porträt über die Gattin des syrischen Diktators veröffentlicht hat. „Auf eine hypothetische Frage werde ich nicht hypothetisch antworten“, weicht Inacker aus.

 

Wer für wen: LobbyControl fordert mehr Transparenz

Der BMP-Chef will lieber darüber reden, dass er deutschen Journalisten Türen öffne, wenn diese zum Beispiel Interviews mit Ministern außereuropäischer Regierungen benötigten, vor Ort aber nicht weiterkämen. „Eine Infrastruktur bereit stellen“, ist sein Begriff dafür. WMP liefere aber auch „Content“, Inhalte und Geschichten, die die hiesigen Medien verwenden könnten – oder auch nicht. „Wenn ein Journalist das für Quatsch hält, kann ich da auch nichts machen.“ Inacker beschwört das Prinzip der freien Presse und hält dieses nach eigenem Bekunden auch gegenüber potenziellen und tatsächlichen Kunden weniger freisinniger Länder hoch. „Insofern hat meine Arbeit sogar einen erzieherischen Aspekt“, sagt er. „Wir sind dafür, im Dialog zu bleiben.“

Fördern PR-Agenturen den Dialog zwischen autoritären Regime und demokratischen Regierungen? Oder kassieren sie nur ab?

Fördern PR-Agenturen wirklich den Dialog zwischen autoritären Regime und demokratischen Regierungen?

Dagegen hat Timo Lange von der Nichtregierungsorganisation LobbyControl grundsätzlich nichts einzuwenden. Er verweist aber darauf, dass große Staaten wie Russland über eigene Fernsehsender wie Russia Today die westliche Öffentlichkeit direkt beeinflussen wollten. Kleine Staaten wie etwa Aserbaidschan seien dagegen auf Agenturen wie WMP Eurocom oder Burson Marsteller angewiesen, das derzeit ein PR-Mandat für die Türkei wahrnehme. Wer in wessen Auftrag handele, sei aber nicht immer transparent. So seien von Agenturen wie WMP Eurocom zum Beispiel Elder Statesmen angeworben worden, die sich positiv über autoritäre Regierungschefs geäußert hätten. Dass diese Statesmen-Statements gezielt lanciert seien, könne der normale Bürger aber nicht wissen. Deshalb solle nach dem Vorbild des US-amerikanischen Foreign Agents Regsitration Act eine Offenlegungspflicht eingeführt werden. Dann werde deutlich, wer „politisch problematische“ Kunden vertrete. „Wer legt fest, welches Land problematisch ist?“, grätsch Inacker dazwischen. Was so viel heißen soll wie: Auf keinen Fall ja wohl LobbyControl. Der WMP-Chef wird jetzt etwas ungehalten. Von Langes Vorschlag hält er auch konzeptionell nicht viel. „Es macht keinen Sinn, so etwas an die Litfasssäule zu hängen“, glaubt er. „Außerdem sind wir ja transparent! Wir sagen gegenüber den Medien, die wir ansprechen, klar und deutlich, wen wir vertreten.“ Der breiten Öffentlichkeit will die WMP indes nicht verraten, für wen sie arbeitet. So sucht man zum Beispiel vergeblich Kundenreferenzen auf der Firmenwebsite. „Niemand im Gerichtssaal wird dem Verteidiger unterstellen, dass er wirklich alle Überzeugungen des Angeklagten übernimmt“, wehrt sich Inacker. „Im Gerichtssaal der Öffentlichkeit wird uns dies jedoch nicht zugestanden.“

Emin Milli kann darüber nur den Kopf schütteln. Der heutige Redakteur des Exil-Senders Meydan TV engagierte sich in der Opposition gegen den aserbaidschanischen Machthaber Alijew und landete dafür ein Jahr im Gefängnis. „Die Personen, die in Aserbaidschan und Russland an der Macht sind, stammen aus KGB-Familien. Das sind riesige kriminelle Netzwerke. Und die EU-Länder tolerieren das auch noch“, kritisiert Milli. Transparenz reiche nicht aus, um gegen diese Netzwerke anzukommen. Und ein fadenscheiniger Dialog erst recht nicht.

© Die Zweite Aufklärung (Titelfoto: IamCitrus/Fotolia. Foto Inacker: Lutz Frühbrodt)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.