Blog

Mobiler Journalismus: Smartphone statt Ü-Wagen

Print Friendly, PDF & Email

Live aus Hamburg von der 15. Jahreskonferenz des Netzwerk Recherche

Wenn BBC-Reporter Nick Garnett von den Krisenorten dieser Welt berichtet, dann reist er lediglich mit Handgepäck. Während die Teams seiner Kollegen am Flughafen noch auf ihre Kisten voller Kamera-Ausrüstungen warten, ist er schon längst am Ort des Geschehens. In kürzester Zeit ist Garnett bereit für den Live-Dreh und liefert Beiträge von Flüchtlingsbooten an der Küste von Malta oder wie kürzlich vom IS-Attentat im tunesischen Badeort Sousse. Sein einziges Aufnahmegerät: Das Smartphone.

Einfach draufhalten! Die Aufnahmetechnik vieler Smartphones ist heute schon so ausgefeilt wie professionelles Equipment.

Einfach draufhalten! Die Aufnahmetechnik vieler Smartphones ist heute schon extrem ausgefeilt. Foto: ChiccoDodiFC/Fotolia

Vom Mobile Journalism, kurz: „MoJo“, schwärmen auch seine Kollegen Glen Mulcahy von RTE Irland und Wytse Vellinga von einem friesischen Regionalsender aus den Niederlanden. Es spart nicht nur immense Kosten, lediglich ein iPhone, Samsung oder Nokia für Aufnahmen zu nutzen, anstatt mit einem schwerfälligen Ü-Wagen unterwegs zu sein. Die MoJo-Reporter sind auch viel näher an ihrer Geschichte dran, weil sie sie eben halt selbst filmen und nicht ein Kameramann. Zudem wirkt der Anblick eines wohlbekannten Smartphones auf Interviewpartner meist weniger einschüchternd als eine große Fernsehkamera – vor allem in Krisensituationen. Sogar an Aufnahmen aus Ebola-Krankenstationen sei er gekommen, erzählt Garnett, obwohl man wegen der extremen Ansteckungsgefahr dort keine Reporter habe hineinschicken können: Stattdessen hat er einfach einem behandelnden Arzt sein Smartphone gegeben und ihn damit Aufnahmen machen lassen.

 

Der optische Zoom fehlt noch, wird aber bald kommen

Die Qualität des übertragenen Bilds und Tons stehen den mit herkömmlich hohem Aufwand produzierten Aufnahmen nicht oder kaum nach – davon kann sich der Zuschauer leicht überzeugen. Lediglich für Berichte von Sport-Events ist das Smartphone derzeit noch ungeeignet, unter anderem weil den meisten Geräten derzeit eine optische Zoom-Funktion fehlt. Aber auch das wird sich wahrscheinlich mit den nächsten Produktinnovationen ändern.

Neben ihrem Smartphone brauchen Garnett, Mulcahy und Vellinga nur noch ein Powerpack, eine Art Superakku, damit ihrem Handy nicht so schnell der Saft ausgeht, und für alle Fälle einen tragbaren Satelliten bei schlechtem Netz – beide Geräte passen bequem in eine Aktentasche. Es sei leicht, die entsprechenden Apps für die Video-Aufnahmen, zum Beispiel: Voddio, zu bedienen, und man habe viel besseren Einfluss auf die produzierten Endbeiträge, als wenn erst diverse Ton- und Bildtechniker Hand anlegen müssten.

Findig muss man als Mobile Journalist sein: Nick Garnett schützt sein Smartphone mit einer Duschkappe vor Wasser.

Findig muss man als Mobile Journalist sein: Nick Garnett schützt sein Smartphone mit einer Duschkappe vor Wasser.

Natürlich handelt es sich beim Mobilen Journalismus längst nicht nur um eine Frage der eingesetzten Technik. Es geht, wieder mal, um eine kleine Revolution für die Zunft der Video- und Fernsehjournalisten. Denn ihren Vorsprung in Form von professioneller und teurer Ausstattung, den die Reporter bisher gegenüber dem Normalbürger hatten, verlieren sie.

Graben sie sich damit ihr eigenes Grab? Keinesweg, glaubt Lokaljournalist Wytse Vellinga. Die Journalisten könnten sich jetzt ganz auf ihre eigentliche Aufgabe, das Storytelling, konzentrieren, und die einfachere Technik gebe ihren Beiträgen die gewünschte persönliche Note. Die Konkurrenz von verwackelten Amateur-Videos fürchten Vellinga und seine Kollegen keineswegs. Sie sehen ihren Trumpf darin, Geschichten von Anfang bis Ende zu erzählen, Hintergrundinformationen zu liefern und als Medienvertreter eine höhere Glaubwürdigkeit zu besitzen als selbst ernannte „Bürgerreporter“.

Dass MoJo ein neues Berufsverständnis erfordere und manche ältere Kollegen überfordern könne, räumt der irische Journalist Glen Mulcahy ein. So lautet sein entsprechender Ratschlag denn auch, keine Angst vor neuen Technologien und auch keine Angst vor Fehlschlägen zu haben – allerdings verbunden mit dem Nachsatz, dass darin die jungen Nachwuchsjournalisten den Alteingesessenen oft einiges voraus hätten.

© 2015 Die Zweite Aufklärung (Text und Foto Garnett)

Keine Tags zu diesem Beitrag.
Previous post

Content Marketing kontrovers: Alles ganz harmlos oder was?

Next post

Monitor, Panorama & Co: Wird Politisches zu seicht verkauft?

Annette Floren

Annette Floren ist studierte Geisteswissenschaftlerin und heute Projektmanagerin / Prokuristin eines Berliner IT-Unternehmens, wo sie unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Anfang 2014 rundete sie ihr Profil als Kommunikationsexpertin mit dem Abschluss "PR-Referentin / PR-Beraterin" ab. Ihr Credo im Job und bei der Zweiten Aufklärung: "Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Annette Floren behandelt bei der Zweiten Aufklärung insbesondere Themen wir saubere PR, CSR, Gutes Leben.

No Comment

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.