Journalismus

Foodwatch: NGOs übernehmen immer mehr die Arbeit von Journalisten

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Im Zeitalter der sozialen Medien können NGOs wie Foodwatch zwar die interessierte Öffentlichkeit viel leichter als früher erreichen, dennoch sind sie weiter auf die Journalisten angewiesen. Die haben allerdings immer weniger Zeit für Recherchen, so dass im Ergebnis oft nichts sagender oder gar irreführender Verlautbarungsjournalismus heraus kommt. Nicht minder gravierend: Die Nichtregierungsorganisationen müssen immer häufiger die Recherche-Arbeit der Journalisten übernehmen. Mit Martin Rücker, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Foodwatch, sprach Lutz Frühbrodt.  

Martin Rücker leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Foodwatch

Martin Rücker leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei Foodwatch

Foodwatch hat knapp 300.000 Newsletter-Abonnenten, eine beeindruckend hohe Zahl. Allenthalben wird heute propagiert, Organisationen müssten heute nicht mehr den Umweg über die Massenmedien gehen, um ihre Zielgruppen zu erreichen. Das Internet macht es möglich, vor allem aber die sozialen Medien. Sehen Sie das genauso? Wird Journalismus für für NGOs zunehmend überflüssig?

Nein. Natürlich können wir über soziale Medien, Newsletter und Internetseiten eine große Reichweite erzielen. Aber erstens handelt es sich dabei vor allem um Menschen, die sich schon für unsere Arbeit interessieren – wir wollen jedoch darüber hinaus auch diejenigen ansprechen, denen wir bisher nicht aufgefallen sind. Zweitens müssen wir, um etwas verändern zu können, die Entscheider in Politik und Wirtschaft mit unseren Themen erreichen – und das geht nach wie vor am besten über die klassischen Medien. Hinzu kommt: Natürlich macht es eine Sache stärker, wenn sich auch renommierte Medien ihrer annehmen.

 

Beziehen die Massenmedien eindeutig Stellung – zu Ihren Gunsten oder auch zu Gunsten der Lebensmittelkonzerne? Oder halten sie sich eher heraus?

Medien beziehen außerhalb der Kommentarspalten in der Regel keine Stellung. Das erwarten wir aber auch gar nicht, weil es nicht die Aufgabe von Journalisten ist. Oft würde es schon genügen, wenn Journalisten das, was von verschiedener Seite als vermeintlich neutrale Information dargeboten wird, hinterfragen und durch Recherche überprüfen. Leider fehlt Journalisten dafür mehr und mehr die Zeit. Heraus kommen dann immer mehr Geschichten, in denen der Leser nach fünf Absätzen „A sagt“, „B sagt dagegen“ und „C widerspricht“ ratlos zurückgelassen wird.


Das heißt, die Journalisten holen einfach nur eine Stellungnahme beider Seiten ein? Oder haben sie auch die Zeit und die Expertise für tiefergehende eigene Recherchen?

Oft fehlt im täglichen Geschäft die Zeit für die Recherche – aber auch über den Tag hinaus können sich immer weniger Medien Journalisten leisten, die sich über Monate hinweg in ein Thema richtig einarbeiten können, um die Dinge dann selbst fundiert zu beurteilen. Deshalb wird ja so oft beklagt, dass PR ungefiltert in die Medienberichterstattung einfließt, ohne dass die Leser dies erkennen könnten. Natürlich werden auch Themen von uns ohne größere Überprüfung übernommen, und tatsächlich geschieht dies bei gemeinnützigen Organisationen tendenziell häufiger als bei Unternehmen.


Der gelernte Journalist Rücker vermisst immer öfter die gründliche Recherche der Presse.

Der gelernte Journalist Rücker vermisst oft die gründliche Recherche und das Nachhaken der Presse.

Die Unternehmen sind inzwischen aber auch so geschickt, dass ihre Pressemitteilungen wie journalistische Artikel daher kommen.

Es passiert bei kommerziellen Absendern eben genauso, es passiert bei Behörden oder Ministerien sehr regelmäßig, die eine hohe Glaubwürdigkeit genießen – und wenn man sich in einem Thema einigermaßen auskennt, dann ist man manchmal fassungslos, was für ein Unsinn von einem Ministerium als Fakt dargestellt wird. Da wünsche ich mir schon mehr Journalisten, die dies mit eigener Expertise bewerten könnten.

Übrigens bin ich keineswegs glücklich darüber, wenn eine Pressemitteilung von uns ohne Gegenrecherche übernommen wird. Denn eine kleine, distanzierte Meldung, in der es dann heißt: „Nach Angaben von foodwatch sei das so…“ – und dann kommt vielleicht noch ein Unternehmenssprecher, der widerspricht, ohne ein echtes Argument zu nennen – das ist für uns nur begrenzt hilfreich. Besser wäre es, wenn ein Medium prüft und am Ende schreiben kann: Das ist ja wirklich so. Über die Bewertung der Fakten lässt sich dann noch genug streiten.

 

Welche Folgen hat das von Ihnen beschriebene Recherche-Defizit der Massenmedien?

Die Recherche hat immer schon zur Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen gehört, aber sie nimmt heute einen zunehmenden Teil ein. Forderungen aufstellen, Kampagnen gestalten, Öffentlichkeit zu mobilisieren und so weiter – das ist ja alles erst der zweite Schritt. Und wenn Journalisten weniger recherchieren, dann sind es wir NGOs, die hier einen Teil dieser Arbeit übernehmen und dafür sorgen, dass wichtige Informationen überhaupt erst an die Öffentlichkeit gelangen.

 

Foodwatch betont, die Menschen nicht erziehen zu wollen. Die Organisation will vielmehr mit wichtigen Informationen in ihrem Themenfeld aufklären. Dadurch rückt die Öffentlichkeitsarbeit in den Mittelpunkt. Reicht allein der öffentliche Druck aus, um Einfluss zu nehmen auf Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt auch das Verhalten der Verbraucher?

Der letzte Punkt ist entscheidend: Wir wollen nicht nur aufklären, sondern auch Verhältnisse ändern. Was ist denn die Alternative zum öffentlichen Druck? Als zivilgesellschaftliche Organisation haben wir nur das öffentliche Wort. Im besten Falle können wir durch überzeugende Argumente und durch kreative Kampagnen Einfluss auf Entscheidungen gewinnen. Aber Macht, diese Entscheidungen zu treffen, haben wir nicht. Hier sitzen andere am Hebel: Politiker natürlich, aber auch Unternehmen, die über ihre Geschäftspraktiken entscheiden können.

 

Wer spitzt hier zu? Rücker meint, die Medien würden Foodwatch zu oft „anprangern“ lassen.

Sind dabei für NGOs wie Foodwatch Kampagnen wichtiger als die klassische Presse- und Öffentlichkeitsarbeit?

Da würde ich keinen Gegensatz aufbauen. Eine gute Kampagne wird in Medien und Öffentlichkeit wahrgenommen, sonst verpufft sie. Und eine gute Presse- und Öffentlichkeitsarbeit führt kein Eigenleben, sondern sie ist Teil der Kampagnenarbeit.

Wenn Foodwatch mit einem Thema in den Medien ist, dann ist häufig von einem „neuen Lebensmittelskandal“ die Rede. Jazzt Foodwatch das Thema denn so hoch? Oder sind eher die Medien für die Skandalisierung verantwortlich?

Eine gewisse Zuspitzung gehört dazu, wenn man öffentliche Debatten entfachen möchte. Manchmal ist es einfach so, dass wir die Dinge beim Namen nennen, bei denen andere um den heißen Brei herumreden. Ein Beispiel: Es werden in Deutschland Jahr für Jahr rund 25 Prozent der kontrollierten Lebensmittelbetriebe bei den amtlichen Lebensmittelkontrollen beanstandet. Jedes vierte Unternehmen hat sich also nicht an alle hygiene- oder sonstigen lebensmittelrechtlichen Vorgaben gehalten – soweit die Fakten. Was machen Sie jetzt daraus? Aus unserer Sicht ist das ein permanenter Skandal. Ein zuständiger Minister würde das anders formulieren, vielleicht so: „Die Statistiken sind ein Beleg dafür, dass die Kontrollen funktionieren.“ Dass sich an den Beanstandungsquoten aber über die Jahre hinweg nichts ändert – sei’s drum. Jetzt entscheiden Sie selbst, welche Wortwahl die angemessenere ist.

 

Das liegt sicher in den Augen des kritischen Betrachters. Aber nochmal zurück zum Thema Skandalisierung…

Nicht immer kommt die medial verbreitete Formulierung von uns. Wenn wir eine Kennzeichnung als irreführend kritisieren, heißt es in den Medien oft: foodwatch prangert Produkt XY an. Wir sind schon dazu übergegangen, am Ende von Pressemitteilungen ganz vorsichtig Formulierungsempfehlungen zu geben, in denen wir erklären, warum wir das mit dem Pranger nicht für angemessen halten und selbst so nie sagen würden. Manchmal hilft das alles nichts. Als wir kürzlich gemeinsam mit Zahn- und Kinderärzten sehr fundiert einige Säuglingsprodukte als ungeeignet für Babys kritisiert haben, titelte Focus Online erst: „So füttern wir unsere Babys mit Brei und Keksen krank“. Weder wir noch die Ärzte haben das je so formuliert. Das Beste war aber: Am nächsten Tag stand die Gegen-Geschichte auf Focus Online, der Titel: „Hört doch mal auf, Eltern dauernd zu verunsichern!“. Beide Texte stammten übrigens von derselben Autorin. Was will man da machen?

Pressearbeit, Kampagnen und Aktionen wie hier bei Capri-Sonne werden bei NGOs wie Foodwatch integriert.

Pressearbeit, Kampagnen und Aktionen wie hier bei Capri-Sonne werden bei NGOs wie Foodwatch integriert.

Die Lebensmittelkonzerne haben in der Regel deutlich mehr Mittel zur Verfügung als Foodwatch, um öffentlichen Einfluss zu gewinnen. Die Strategien setzen oft schon bei Kindern an, indem die Konzerne den Schulen z.B. in ihrem Sinne eingefärbtes Unterrichtsmaterial zur Verfügung stellen. Mit welchen weiteren Mitteln arbeiten die Lebensmittelkonzerne noch?

Sie sponsern Schulveranstaltungen, sie entwickeln ganze Markenwelten für Kinder und sie haben sehr subtile Lobbyingstrategien. Natürlich ist die halbe Süßwarenindustrie dabei, wenn es eine staatliche Initiative gegen Übergewicht bei Kindern gibt. Was dabei herauskommt, ist absehbar: Eine ganze Palette an Programmen zur Bewegungsförderung, aber sicherlich nichts, was den übermäßigen Konsum von Süßigkeiten reduzieren oder die überbordende Werbung für ungesunde Snacks einschränken könnte.

 

Wird Foodwatch auch schon mal medial boykottiert oder zumindest diskriminiert?

Es gab schon Minister, die bei der Anfrage einer Talkshow zur Bedingung machen, dass kein Vertreter von foodwatch dabei ist. Manchmal durchaus mit Erfolg, wie wir hören. Oder Unternehmen und Verbandslobbyisten meiden die öffentliche Diskussion. Aber es scheint eher ein Problem der Branche insgesamt zu sein, dass sie das Licht scheut wie der Teufel das Weihwasser. Sie glauben gar nicht, wie viele Fernsehjournalisten darüber klagen, wie schwer es ist, eine Drehgenehmigung für einen so alltäglichen Ort wie einen Supermarkt zu erhalten. Oder überlegen Sie mal, welchen Chef eines Lebensmittelherstellers Sie namentlich von seinen öffentlichen Auftritten her kennen – also außer vielleicht Claus Hipp?

 

© Die Zweite Aufklärung 2014 (Titelfoto: Fotolia/Reimer-Pixelvario/Alle anderen Fotos: Foodwatch)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.