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Der „ARD-Check“: Dauerwerbesendung in eigener Sache

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In ihrer „Checker“-Reihe am Montagabend sollte mal nicht Nestlé oder TUI kritisch unter die Lupe genommen werden. Vielmehr sollte der Kontrolleur kontrolliert werden: Die ARD höchstselbst. Die Themen Gebühren und Qualität standen auf dem Programm, aber es kam ganz anders. Und das, obwohl die Öffentlich-Rechtlichen nach 20 Uhr doch eigentlich keine Werbung mehr senden dürfen.

Moderatorin Maischberger mit einem "weiteren Star, der vorbildlich für den Informationsauftrag unseres Fernsehens steht": Udo Lilischkies, Leiter des ARD-Studios Moskau.

Moderatorin Maischberger mit Udo Lilischkies. Der Leiter des ARD-Studios Moskau meinte, journalistische Arbeit würde durch russische Propaganda erschwert. Nur dadurch?

Gleich zu Beginn der Sendung verspricht sich die Moderatorin wiederholt. Sandra Maischberger scheint sehr aufgeregt. Denn die nächsten anderthalb Stunden muss sie vorwiegend mit ihren Chefs verbringen, dem ARD-Vorsitzenden Lutz Marmor und WDR-Intendant Tom Buhrow. Da will Maischberger wohl ganz besonders bella figura machen. Die Anbiederung geht sogar soweit, dass sie später in der Sendung ihre Gäste, Talkshow-Kollegin Anne Will und Udo Lilischkies, Leiter des ARD-Studios in Moskau, als „zwei weitere Stars“ ankündigt, „die in vorbildlicher Weise für den Informationsauftrag unseres Fernsehens stehen.“

Maischbergers Moderation passt bestens zum Rest der Sendung. Die Einspieler zu den Themenblöcken „Gebühren“ und „Glaubwürdigkeit“ werfen zwar die wichtigen Fragen auf, etwa nach der angemessenen Verwendung der Mittel und nach tendenziöser Berichterstattung in der Politik. Doch die Antworten werden immer gleich mitgeliefert, so dass man sich die folgende Diskussion ersparen könnte. Viel zu sagen haben die Herren Intendanten eh nicht. Tom Buhrow grinst alles nieder, was sich ihm entgegenstellt. Und Lutz Marmor, als amtierender ARD-Chef auch NRD-Intendant, gibt den Apparatschik alter Schule. „Eine interessante Anregung, die ich mal mitnehme“, sagt er wiederholt auf Einlassungen aus dem Publikum. Oder: „Das werden wir mal prüfen.“ Wenn es eng wird, wie zum Beispiel bei dem Thema der horrenden Ausgaben für den Fußball, rettet sich Marmor gerne mit dem Totschlagargument der Einschaltquote.

 

Viel Gehalt – aber nicht gehaltvoll

Substantiell kritische Fragen und bissige Kommentare von Seiten des Studiopublikums müssen die Intendanten sowieso nicht erwarten. So kommt keiner auf die Idee, danach zu fragen, warum die ARD (ebenso wie das ZDF) nicht ihre Einzelposten für Sendungen veröffentlicht – damit man zum Beispiel sehen kann, in welcher Höhe Gagen für ABC-Promis gezahlt werden. Denn angesprochen auf sein Gehalt, das über dem eines Bundeskanzlers liegt, erklärt Buhrow, der Vorstandschef des Privatunternehmens Pro Sieben Sat Eins verdiene mit Boni 20 Millionen Euro im Jahr, also ein Vielfaches seines Gehaltes – und das sei auch gut so. An anderer Stelle behaupten ARD-Funktionäre immer wieder, sie müssten bei den Honoraren für ihre Chargen doch mit den Privatsendern mithalten. Hier scheint ein gewisser logischer Bruch zu bestehen.

Die Intendanten Tom Buhrow (links) vom WDR und Lutz Marmor vom NDR. Marmor war vor allem darauf bedacht, Argumente ins Spiel zu bringen, die eine Erhöhung des Rundfunkbeitrages rechtfertigen.

Die Intendanten Tom Buhrow (links) vom WDR und Lutz Marmor vom NDR. Marmor war vor allem darauf bedacht, Argumente ins Spiel zu bringen, die eine Erhöhung des Rundfunkbeitrages rechtfertigen.

Von den 150 ausgewählten Studiogästen fordert immerhin einer die „Entschlackung“ des Senderkolosses. Ansonsten drehen sich die meist harmlosen Fragen darum, warum so wenige Randsportarten gezeigt werden und warum Bundeswehrsoldaten in Spielfilmen so total verzerrt dargestellt würden. Selbstredend kommt natürlich auch die Frage nach der verlorenen Jugend – eine Sau, die auch schon mehrfach durchs Dorf gejagt worden ist und mit der man bei Lutz Marmor auf Granit beißt. Den absoluten Höhepunkt bildet freilich die Zuschauerfrage, warum denn das ARD-Wunschkonzert eingestellt worden sei. Auch so ein Thema, das nach fast 20 Jahren unbedingt noch einmal ausführlich und kontrovers diskutiert werden sollte.

„Danke, dass Sie so schöne Fragen gestellt haben“, bedenkt Moderatorin Sandra Maischberger (ein weiterer ARD-Star, der vorbildlich…) am Ende der Sendung das Publikum mit einem Lob, als säße eine Grundschulklasse vor ihr. Kurz zuvor, als die Zeit nach hinten hin knapp wird, lässt Maischberger kein Nachfragen der Zuschauer mehr zu. Und verbindet dies mit den Worten: „Ich weiß, das ist unbefriedigend. So nach dem Motto: Schön, dass wir darüber geredet haben.“ Die einzig wahren Worte an diesem Abend. Und vorüber ist diese Kreuzung aus Dauerwerbesendung und Realsatire.

© Die Zweite Aufklärung 2015

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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