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Das Erste trickst beim Live-Boxen

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blog3Linke Tour von der ARD! Normalerweise geraten die Kommerzsender in das Kreuzfeuer der Medienkritik: Wenn bei Sportevents vor allem nach Werbepausen suggeriert wird, als werde live gesendet, es aber in Wirklichkeit zeitversetzt weiter geht. Das Erste setzt bei seinem Box-Abend an diesem Samstag aber noch einen drauf: Es tut so, als würde es live senden, flanscht an seinen Echtzeit-Part am Anfang aber eine stundenlange Aufzeichnung an, ohne dies seinen Zuschauern zu sagen. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute: Das war bis auf weiteres das letzte Mal Preisboxen, das vom Öffentlich-Rechtlichen übertragen wurde.

Samstagabend, 23 Uhr. „Boxen im Ersten“. Live. Vorberichte. Dann der Hauptkampf. Weltmeister Jürgen Brähmer gegen den Polen Pawel Glazewski. Doch die Spannung hält nur kurz an. Sehr kurz. Schon nach 43 Sekunden in der ersten Runde streckt Brähmer seinen Widersacher mit einem gekonnten Leberhaken nieder. Glazewski kommt nicht mehr vom Ringboden hoch. Wird ausgezählt. K.O. Eine peinliche Situation für die ARD. Es gab schon immer wieder mal hochkarätige Live-Kämpfe, die nach zwei, drei Runden vorbei waren. Doch gleich zu Beginn der ersten Runde?

Nach der Urteilsverkündung durch den Ringrichter, eine reine Formsache, folgen die Interviews mit den Protagonisten. Die sind aber relativ einsilbig. Auch die Analyse von Moderator Alexander Bommes mit dem „so genannten Box-Experten“ Henry Maske (er bezeichnet sich treffenderweise selbst so) fällt zwangsläufig nicht allzu ausufernd aus. Im Hintergrund ist deutlich zu sehen, dass sich inzwischen die volle Halle schon deutlich sichtbar geleert hat.

Weltmeister Jürgen Brähmer machte mit seinem Gegner kurzen Prozess. Kurz danach war mit der Live-Übertragung auch schon Schluss. Foto: Sauerland Event

Weltmeister Jürgen Brähmer machte mit seinem Gegner kurzen Prozess. Kurz danach war mit der Live-Übertragung auch schon Schluss. Foto: Sauerland Event

Dann spielt die ARD einen Trailer ein, der den nächsten Kampf ankündigt: Europameister Jack Culcay gegen seinen französischen Herausforderer Karim Merroudj. Als der Trailer zu Ende ist, läuft Moderator Bommes behenden Schrittes quer durch die Halle auf den Ring zu, um die Kampf-Kommentatoren zu interviewen. Denn es ist der letzte Box-Abend, den das Erste nach 14 Jahren Zusammenarbeit mit dem Sauerland-Boxstall aus Berlin überträgt. Die ARD hat den Vertrag zum Ende des Jahres gekündigt. Die Kommentatoren sprechen von Wehmut. Und während sie diese äußern, ist die Halle wie durch Zauberhand plötzlich wieder voll. Man könnte auch sagen: noch voll. Ein deutlicher Hinweis darauf, dass hier schon nicht mehr live gesendet wird, sondern vielmehr die Regie eine Aufzeichnung aus der Zeit vor dem Brähmer-Fight an den Trailer angeflanscht hat. Der Moderator weist jedoch weder vorher noch jetzt darauf hin – auch später nicht. Es soll offenbar den Zuschauern suggeriert werden, als seien sie weiter live dabei.

Dieser Eindruck verfestigt sich, als nach einem vierminütigen Einspieler über die Highlights von anderthalb Jahrzehnten ARD-Boxübertragungen direkt zum nächsten Kampf Culcay gegen Merroudj übergeleitet wird. Ringsprecher Roman Roell verkündet, der Kampf werde „live im Ersten“ gezeigt. Wirklich? Der Sportinformationsdienst SID und selbst die Website von Sauerland (www.boxen.com) geben da bereits Auskunft, dass Culcay das Match nach Punkten gewonnen hat. Also nach zwölf Runden à drei Minuten mit jeweils einer Minute Pause dazwischen. Der Kampf kann also auf keinen Fall live übertragen worden sein. Danach gibt es wieder einen Schnitt: Bommes und Maske fachsimpeln vor leeren Rängen. Ist das jetzt wieder live, also echtes live? Dann ein weiterer aufgezeichneter Kampf und zum Schluss noch einmal Bommes-Maske. Bei den letzten Auftritten weiß der Zuschauer schon gar nicht mehr (und kann es auch gar nicht wissen), ob hier aufgezeichnete Teile einfach nur zusammengeschnitten worden sind oder ob das Moderatoren-Duo zwischendurch noch einmal live plaudert.

 

Ab welchem Punkt wird Manipulation gefährlich?

Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, dass es nach dem Hauptkampf noch Aufzeichnungen geben kann und sollte. Aber sie sollten auch entsprechend als Aufzeichnung angekündigt werden. In den letzten Sendungen „Boxen im Ersten“ ist dies auch immer erfolgt. Es gab früher aber auch schon Fälle, wo offen gelassen wurde, ob der Zuschauer eine Live-Übertragung oder eine Aufzeichnung zu sehen bekommt. Der letzte Kampfabend bildete in dieser Hinsicht aber einen traurigen Tiefpunkt, weil hier regelrecht so getan wurde, als würde in Echtzeit übertragen. Das ist Trickserei.

Es handelt sich um einen eher kleinen, nicht ganz so einschneidenden Vorfall. Doch was, wenn diese Live-Fake-Praxis Schule macht? Wenn dies bei solchen Events beginnt, wo geht diese Manipulation dann weiter? Bei anderen Sport-Events? Oder künftig vielleicht sogar bei gesellschaftspolitisch relevanten Ereignissen? Ab wann werden dann nur noch Sequenzen nach Belieben zusammengewürfelt und dennoch ein Live-Eindruck suggeriert? Wann kommt Scripted Reality für nonfiktionale Formate? Dem muss frühzeitig Einhalt geboten werden.

Das Gute an dem schlechten Abend: Die ARD überträgt künftig keine Kämpfe mehr vom Sauerland-Boxstall, der deshalb zu Sat Eins weiterziehen muss. Dort ist er eindeutig besser aufgehoben. Denn Sauerland und andere Boxställe sind bei der Finanzierung ihrer Profi-Kämpfe zu einem sehr großen Teil auf Einnahmen aus Fernsehrechten angewiesen. Preisboxen gehört aber mitnichten zum öffentlich-rechtlichen Bildungs- und Informationsauftrag.

© Die Zweite Aufklärung 2014 (Titelbild auf Homepage: Lutz Frühbrodt)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.