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Betonfrisur und geistiger Sozialabbau: Der Schwulstfilm „Die Eiserne Lady“

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„Lasst uns doch mal einen Film über Demenz machen. Das ist ein absolut angesagtes Thema!“
„Da hast du Recht. Aber wir können nicht einfach einen Spielfilm mit irgendwelchen unbekannten Menschen über das Thema machen. Wir bräuchten einen Bekannten als Hauptfigur. Einen richtigen Promi. Ein echten Star!“
„Mmmmh…stimmt, wo du das sagst. Wer ist denn berühmt und altersdoof zugleich?…Ah, ich hab’s: Maggie Thatcher!“
„Bist du des Wahnsinns!? Die lebt doch noch!“
„Macht doch nichts. Das Ganze garnieren wir mit vielen Rückblenden aus ihrem Leben. Ist doch eh höchste Zeit, dass wir der Alten mit der Betonfrisur endlich mal ein filmisches Denkmal setzen, oder nicht? Hat ja schließlich ganz schön was gerissen.“

So oder so ähnlich dürfte das Planungsgespräch in der britischen Produktionsfirma abgelaufen sein, der wir es zu verdanken haben, dass „Die Eiserne Lady“ in die Kinos kommt – in englische, in deutsche und alle solche, die britische Filme in US-amerikanischer Machart vermarkten.

Die einzig wahre Maggie Thatcher/Foto: Wikicommons

Der Streifen ist – abgesehen von Meryl Streep in der Haut der gealterten Margaret Thatcher – in jeglicher Hinsicht unterste Schublade. Er ist extrem oberflächlich, weil er von allem etwas bieten will. Aber nicht nur deshalb. Die schwülstige Begleitmusik will dem Zuschauer ganz bestimmte Gefühle suggerieren, die er jetzt in dieser einen Szene haben soll. Die Gegenwelt, in der die gebrochene alte Dame lebt, wirkt für eine Demenzkranke höchst unglaubwürdig und gibt vor allem die Kulisse für die zahlreichen Rückblenden, die  die politische Karriere Thatchers Revue passieren lassen sollen.  Dabei wird aber alles – von ihrer ersten Unterhauswahl über Parlamentsdebatten und den Falkland-Krieg bis hin zu ihrem politischen Ende – derart holzschnittartig  (und in pseudo-modernen schnellen Schnitten) dargestellt, dass der historisch Unbedarfte mit einer völlig unrealistischen Schwarz-Weiß-Welt konfrontiert wird. Selbst ZDF-Oberhistoriker Guido Knopp hätte noch ein besseres Drehbuch geschrieben.

Am schlimmsten ist jedoch, dass der Film so daherkommt, als spiele die Politik nur eine Statistenrolle, als fungiere sie gewissermaßen als Staffage, um in erster Linie das individuelle Leben einer starken Frau zu beleuchten. Tatsächlich ist es jedoch so, dass das Mitleid oder zumindest die Empathie mit der dementen Maggie Thatcher, die die erste halbe Stunde des Films dominiert, den Zuschauer für diese Politikerin einnehmen sollen – für eine Politikerin, die als Premierministerin eine mitunter menschenverachtende Politik betrieben hat. Die vor allem durch ihre Politik des Sozialabbaus die britische Gesellschaft bis heute gespalten hat und deren „Modernisierung“ so aussah, dass sich in Großbritannien ein neoliberaler Finanzkapitalismus etabliert hat, der sich in breiten Teilen der Gesellschaft auch noch auf unheilvolle Weise mit einer neokonservativen  Attitüde vereint. Man denke nur an die vordemokratische Loyalität der meisten Briten zu ihrer Monarchie und ihre stillschweigende Akzeptanz überkommener Adelsprivilegien.

Die Szenen aus dem politischen Aufstieg Thatchers müssen dann schon gar nicht mehr besonders augenfällig schöngefärbt sein, sondern können auch gern pseudodokumentarisch daher kommen – denn bis es soweit ist und sie abgespult werden, haben die Zuschauer, die ihr nicht vorher schon eindeutig ablehnend gegenüberstanden, schon längst Sympathien für die „Eiserne Lady“ entwickelt und sich im politischen Kampf auf ihre Seite geschlagen. Insofern handelt es sich bei dem Film um ein reaktionäres Machwerk, das den Zuschauer – im Gegensatz zu erkennbar einseitigen Politstreifen – von hinten durch die Brust treffen will.

Dennoch. Der Film hat auch eine ungeahnt gute Seite. Er zeigt, was Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre in der Politik vieler westlicher Länder passierte. In den USA mit Ronald Reagan, in Deutschland mit Helmut Kohl und in England eben mit Margaret Thatcher setzten sich Politiker an die Spitze der konservativen Bewegung, die nicht wie die Konservativen der ersten Nachkriegsgenerationen einen sozialen Ausgleich anstrebten, sondern ihre Ziele und Interessen ohne jede Kompromissbereitschaft durchdrücken wollten. Bei breiten Bevölkerungsschichten konnten sie auf Identifikation und damit eine Art Grundsympathie hoffen, weil sie selbst aus einfachen Verhältnissen stammten und es „geschafft“ hatten. Die Stimmen dieser Wähler ergatterten sie dann tatsächlich zum einen durch plumpen Populismus („Arbeit muss sich wieder lohnen!“), so dass es wie Hohn wirkt, wenn Thatcher im Film zu ihrem Arzt sagt: „Fragen Sie mich nicht nach meinen Gefühlen. Fragen Sie besser, was ich denke. Heute geht es nur noch um Gefühle. Mir ging es immer um Ideen.“

Zum anderen ließ sich das Wahlvieh durch das Erzeugen nationalistischer Reflexe an die Urne treiben, wie z.B. durch den Falkland-Krieg, US-Militäreinsätze in Mittelamerika oder den deutschen Wiedervereinigungstaumel. Da dieses Muster also nicht nur für Großbritannien gilt und sich auch die geistige Gesundheit von Maggie Thatcher nicht allzu sehr unterscheiden dürfte, werden jetzt wohl einige deutsche Filmproduzenten in die Tischkante beißen – dass doch ihnen nicht der geniale Einfall zu einem Film über das deutsche Politik-Denkmal Helmut Kohl gekommen ist. LF

 

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