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23. Salon: Foodwatch – ein Essensretter zu Gast

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8.11.2014 – Das ambivalente Verhältnis der deutschen Verbraucher zu ihren Lebensmitteln lässt sich ganz einfach an den Eiern packen: Seitdem genügend Bilder von eingepferchten Hühnern in Legebatterien gezeigt wurden, kaufen die Deutschen fast nur noch Eier aus Bodenhaltung und mit der Kennzeichnung bio. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Bei Nudeln, zu deren Herstellung bekanntlich auch Eier nötig sind, und selbst bei hartgekochten, bunt gefärbten Supermarkteiern fragt kein Mensch nach der Herkunft – und hier kommen weiter die Eier von weniger glücklichen Hühnern aus Käfighaltung zum Einsatz.

Wie viel Information, wie viel Verantwortungsbewusstsein benötigt der mündige Verbraucher bei der Auswahl seiner Lebensmittel? Das war das Thema des 23. Salon-Abends am 07.11.2014 mit Martin Rücker, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Foodwatch – den „Essensrettern“, wie sie sich selbst nennen. Seitdem Thilo Bode, ehemals Greenpeace, die NGO 2002 als Reaktion auf den damaligen BSE-Skandal gegründet hat, erfreut sich Foodwatch zunehmender Beliebtheit: 2 Mio. € Jahresbudget aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen, 30.000 Fördermitglieder, stolze 300.000 Newsletter-Abonnenten und große öffentliche Aufmerksamkeit beispielsweise für den „Goldenen Windbeutel“, mit dem der Verein alljährlich irreführende Werbeversprechen von Lebensmittelproduzenten demontiert.

Foodwatch-Martin-Rücker_Gruppe

Martin Rücker von Foodwatch im Gespräch mit Salon-Teilnehmern. Foto: Zweite Aufklärung

„Verständliche Informationen auf den Lebensmitteln sollen die Basis sein für Verbraucherentscheidungen“, erklärte Martin Rücker den Salon-Teilnehmern und prangerte es als Bevormundung und Manipulation an, wenn die Menschen stattdessen irreführende oder falsche Werbeversprechen an die Hand bekommen. Foodwatch setzt sich daher ein für Transparenz, Information und Aufklärung – aber nicht für eine Erziehung der Verbraucher. Nur wenn rote Linien überschritten werden, etwa bei eindeutig gesundheitsgefährdenden Nahrungsmitteln oder bei der Verführung von Kindern durch Werbung in Schulen, fordert der Verein auch gesetzliche Regularien. Doch im Kern will der Verein die Rechte der Verbraucher stärken und sieht sie nicht als schutzbedürftige Objekte. Das wurde an dem Abend deutlich.

 

Wie politisch ist Foodwatch?

Aufklärung ja, Erziehung nein, lautet die Devise von Rücker.

Aufklärung ja, Erziehung nein, lautet die Devise von Rücker.

Wie lässt sich das Interesse der Deutschen an ihren Lebensmitteln stärken? Gehören Ökologie und Tierschutz auch zu den Foodwatch-Bewertungskriterien? Kann man in einem Wirtschaftssystem, das im wesentlichen mit Hilfe von Werbung Kaufanreize schafft, speziell für die Nahrungsmittelbranche auf redliche Verbraucherinformationen setzen? Und entwickelt Foodwatch aus seinem Lebensmittelengagement heraus auch übergeordnete politische und gesellschaftliche Visionen? Aus diesen Fragen ergab sich eine lebendige Diskussion mit Rücker. Der verwahrte sich zwar gegen gute Ratschläge an die Verbraucher, etwa in Form von Appellen zu vegetarischer oder veganer Ernährung. Allerdings plädierte er dafür, „wahre Preise“ für Lebensmittel einzuführen, in die die Umweltkosten mit eingerechnet würden – anders als dies beispielsweise aktuell bei einem Kilo Schweinefleisch für 3,99 € der Fall sein könne.

Doch auch die Grenzen der Foodwatch-Arbeit wurden deutlich: Der Verein hat keine politische Macht und, wie Rücker einräumte, auch keinen besonders heißen Draht ins Bundesministerium für Landwirtschaft und Ernährung. Nach dem eigenen Selbstverständnis kann Foodwatch „nur“ Einfluss auf die öffentliche Meinung ausüben. Zu einem bewussteren Lebensmitteleinkauf regen die Aktivitäten der Initiative allemal an.

© Die Zweite Aufklärung 2014 (Foto auf der Homepage: Foodwatch)

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Annette Floren

Annette Floren ist studierte Geisteswissenschaftlerin und heute Projektmanagerin / Prokuristin eines Berliner IT-Unternehmens, wo sie unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Anfang 2014 rundete sie ihr Profil als Kommunikationsexpertin mit dem Abschluss "PR-Referentin / PR-Beraterin" ab. Ihr Credo im Job und bei der Zweiten Aufklärung: "Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Annette Floren behandelt bei der Zweiten Aufklärung insbesondere Themen wir saubere PR, CSR, Gutes Leben.