Zweite Aufklärung

19. Berliner Salon: Aufgeklärt und doch religiös – ein Widerspruch?

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17.11.2013 – Wir sind Papst! Ein Limburger Protz-Bischof. Missbrauchs- und Beschneidungsdebatten. Hunderttausende Menschen auf Kirchentagen. Ob wir es wollen oder nicht, Kirche und Religion sind in unserem Alltag omnipräsent. Die Aufklärung im 18. Jahrhundert fungierte zwar als Ausgangspunkt einer umfassenden Säkulari-sierung, in Deutschland fiel sie aber letztlich viel zahmer aus als beispielsweise in Frankreich. Eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche gibt es nicht. Hätten die Aufklärer nicht doch besser ganze Sache machen sollen? Oder hat sich das Verhältnis zwischen Staat und Kirche, zwischen Vernunft und Religion über die Zeit doch auf für die große Mehrheit akzeptable Weise eingependelt? Die Meinungen darüber gingen beim 19. Salon-Abend am 15.11.2013 weit auseinander.

Vor allem die abtrünnigen Katholiken unter den Teilnehmern betonten, dass die Institution Kirche noch nicht weit genug als gesellschaftlicher Taktgeber und selbst ernannte moralische Instanz zurück gedrängt worden sei. So wurde zum Beispiel auf die noch immer enge Verzahnung zwischen den Eliten aus Kirche und Politik verwiesen. Und: Das Gebot der Stunde und weit darüber hinaus müsse gerade für junge Menschen nicht Freiheit zu, sondern auch Freiheit von der Religion heißen.

Die Jüngeren hätten heute eh ein sehr entspanntes Verhältnis zur Religion, hielten andere entgegen. Es deute sich also eine biologische Lösung an. Ein weiteres Argument, das ins Spiel gebracht wurde: Jenseits aller Verwerfungen, für die die Kirche über die Jahrhunderte verantwortlich sei, sei die christliche Religion ein wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes und diene so als wichtiger Werteproduzent und Sinnstifter. Und zwar auch tief in Bevölkerungskreise hinein, die bewusst nichts mit Religion am Hut hätten.

Im zweiten Teil des Diskussionsabends ging es um den persönlichen Umgang mit Spiritualität und Religion. Ein Teil brandmarkte Religion als Selbstbetrug und Strategie, nicht auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Dabei fungiere Gott als „jolly joker“, als wohlfeile Erklärung für alles, was nicht vollständig erklärbar sei. Andere Teilnehmer sahen Religion indes als Möglichkeit, erhabene Momente des Zaubers und ein tiefes Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu erleben. In einer Gemeinde sei dieses Gefühl deutlich anders als etwa in einem Fußballverein.

Jeder Mensch habe eine Sehnsucht nach dem Erhabenen, Reinen und Übersinnlichen in sich, hieß es. Aber jeder müsse sich für sich selbst auf den meist beschwerlichen Weg machen, um Antworten auf die Frage zu finden, wie sich diese Sehnsucht am besten stillen lässt.

© 2013 Die Zweite Aufklärung (Foto: Sergej Nivens – Fotolia)

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