Zivilgesellschaft

Widerstand muss sexy sein: Fünf Thesen zur Erfolgsstrategie von NGOs

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Foto: M.E./pixelio.de

Linksalternative Nichtregierungsorganisationen (NGOs) spielen inzwischen eine zentrale Rolle in der deutschen Politik. Doch ihr Einfluss könnte, ja er müsste noch größer sein, um die drängenden gesellschaftlichen Probleme zu lösen. Teils ist das Machtdefizit systembedingt, teils liegt dies aber auch an den Bürgerinitiativen selbst. Deshalb sollten die NGOs ihre Strategie überdenken: Sie müssen sich stärker untereinander vernetzen,  eine gemeinsame Sprache finden und die Medien besser für sich nutzen – ohne damit ihre Autonomie aufzugeben. Nur eine neue Gegenkultur kann die kulturelle Hegemonie der herrschenden Wirtschafts- und Politik-Eliten ernsthaft herausfordern. Dazu fünf provokante Thesen.

1.      NGOs dürfen nicht nur als Kritiker herrschender Verhältnisse auftreten, sie müssen den herrschenden Eliten auch eine eigene positive Gesellschaftsvision entgegen setzen.

Ohne Frage – die meisten NGOs wirken konstruktiv. Die Mehrheit der Bevölkerung nimmt sie aber (noch) als radikale, oft verbohrte Kritiker wahr, als „Gegner von irgendwas“. Dies macht es vielen Normalbürgern schwer, sich mit den Anliegen von NGOs  zu identifizieren, selbst wenn sie von der Sache her sympathisieren mögen (Stichwort „Bankenmacht“). Kurzum: NGOs und ihre Aktivisten kommen in der Öffentlichkeit zu oft noch als „Radikalinskis“, Nörgler, bestenfalls als idealistische Sozialromantiker herüber.

Dies liegt zum einen daran, dass die etablierten Medien NGOs oft nur als Kritiker zu Wort kommen lassen, sie also in diese Rolle gedrängt werden (siehe These 2). Dies ist zum anderen aber auch darin begründet, dass NGOs oft wie klassische Interessengruppen, wie Lobbys auftreten, die für das Abstellen von Missständen (Stichwort „neue Startbahn“) oder um ein größeres Stück vom Verteilungskuchen kämpfen. Sicher ist eine hohe Aktionsdynamik angesichts der Dringlichkeit vieler sozioökonomischer und ökologischer Probleme sinnvoll.  Als reinrassige Lobbygruppen, die im politischen System agieren, können sich aber nur die wenigsten (wie etwa Greenpeace, BUND oder Foodwatch) in Hinblick auf personelle und finanzielle Ressourcen mit den großen Verbänden und Konzernen messen.

Derzeit ist die deutsche NGO-Landschaft mit ihren vielen Hundert Organisationen extrem zerklüftet.  Viele beschäftigen sich nur mit einem einzigen Thema. Eine gemeinsame Gesellschaftsvision würde die NGOs stärker zusammenbringen und stärken.

Sie sind also darauf angewiesen, durch Kampagnen und Medienarbeit in der Öffentlichkeit Aufmerksamkeit und möglichst Sympathie für ihre Sache herzustellen – um so die Politik und/oder Wirtschaft unter Druck zu setzen. Ein Flash Mob oder eine Demo erzeugt jedoch noch keinen grundlegenden Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Dieser ist aber zumindest bei der interessierten Öffentlichkeit notwendig, um dauerhaft Unterstützung zu erhalten.

Lieber gemeinsam als einsam Visionen haben. Foto: G. Altmann/pixelio.de

Um diesen Bewusstseinswandel zu befördern, benötigen die NGOs einen gemeinsamen geistig-kulturellen Überbau. Sie benötigen ihn aber auch deshalb, weil sie andernfalls den Parteien hier das Feld überlassen – selbst wenn es sich um die handelt, die mit ihren Anliegen sympathisieren. Wer jedoch der politischen Elite das Feld überlässt, verliert unweigerlich an Einfluss. Und diese entscheidet dann, wohin die Reise geht. Derzeit ist die deutsche NGO-Landschaft mit ihren vielen Hundert Organisationen, die meist neben einander vor sich her arbeiten, extrem zerklüftet.  Viele beschäftigen sich nur mit einem einzigen Thema oder Themenfeld. Eine gemeinsame Gesellschaftsvision würde die NGOs stärker zusammenbringen und stärken.

Ein vorhersehbarer Einwand lautet: Die dezentrale Struktur ist natürlich gewachsen, und sie hat ihre Vorteile, zum Beispiel ein deutlich höheres Maß an Flexibilität und Agilität gegenüber zentralistischen Organisationsstrukturen. Aber um Zentralismus geht es auch gar nicht. Es geht um eine stärkere Vernetzung – über die Definition gemeinsamer Ziele. Diese könnten zum Beispiel in einem Manifest dokumentiert werden. Der Minimalkonsens dürfte dabei gar nicht mal so schmal sein.

 

2.      Die NGOs müssen die etablierten Medien stärker für sich nutzen.

Ob Fernsehen oder Print samt Online – etablierte Medien genießen in der NGO-Szene keinen besonders guten Ruf. Dafür gibt es mehrere Ursachen. Die eine: NGOs finden mit ihren Anliegen oft nur schwer Gehör. Und falls doch, kommen sie meist nur kurz als Kritiker zu Wort. Ausnahmen bestätigen die Regel (siehe These 1).  Die andere: NGOs halten die Berichterstattung – zumal im öffentlich-rechtlichen Fernsehen – für „verzerrt“ zu Gunsten der anderen Seite. Und gehen lieber auf Distanz.

Gar nicht zu Wort kommen oder sich lieber von Frank Plasberg grillen lassen? Foto: Superbass/Wikicommons

Wie gesagt: Die NGOs sollten stärker auch ihre positive Vision betonen, wenn es sein muss,  gebetsmühlenartig. Dann werden sie auch über kurz oder lang in den Medien damit Gehör finden. Die NGOs müssen sich aber auch noch stärker auf die Mechanismen der Medienindustrie einlassen. Konkret: Sie finden mit ihren Anliegen (und Aktionen) nur Gehör, wenn diese bestimmte Nachrichtenwerte erfüllen, wie es im Fachjargon heißt. Dazu gehören nicht nur die Aktualität und Relevanz eines Themas, sondern z.B. auch Kuriosität/Überraschungseffekt, örtliche Nähe, Konflikt, Tragweite, Emotionalität. Und nicht zuletzt Personalisierung. Was zur nächsten These führt.

 

3.      Die NGOs benötigen öffentliche Führungsfiguren, mit denen sich auch Normalbürger identifizieren können.

Wer tritt in TV-Talkshows als „Stimme des Protests“ in Erscheinung? Meist das in die Jahre gekommene Attac-Mitglied Heiner Geißler oder die eloquente Jutta Ditfurth, die selbst aber keine NGO-Aktivistin ist, sondern Vorsitzende einer Splitterpartei aus Frankfurt. Es besteht also ein riesiges Vakuum. Auch hier kann man leichter Hand die etablierten Medien schuldig sprechen. Dass für diese wichtiger ist, wer etwas sagt, als das, was gesagt wird. Dass also grundsätzlich nur Promis zu Wort kommen.

Attac-Mitbegründerin Jutta Sundermann gewinnt zunehmend öffentliche Aufmerksamkeit/Foto: Frühbrodt

Tatsächlich verfügen die Medien aber auch nur über eine überschaubare Auswahl, weil das Personaltableau der NGO-Führungsebene bisher unzureichend auf massenmediale  Erfordernisse ausgerichtet ist. Um größere mediale Präsenz und Wirkung zu erzielen, benötigen NGOs verstärkt Führungspersönlichkeiten. Zum einen kluge Vordenker, die strategischen und programmatischen Input liefern – z.B. über Bücher und Gastbeiträge in Zeitungen und Zeitschriften. Zum anderen charismatische Aktivisten, die federführend bei Aktionen auftreten und offizielle Vorsitzende und/oder Sprecher ihrer jeweiligen Organisation sind. Vorstellbar wäre aber auch ein nationaler NGO-Sprecherrat, deren Mitglieder für ein jeweiliges Feld zuständig sind (Umwelt, Umverteilung, Entwicklung etc.).

Auch hier sind Einwände sicher nicht von der Hand zu weisen: Die Vorsitzenden von NGOs könnten zu Medienstars aufsteigen, die NGO in erster Linie zu persönlichen Selbstdarstellung missbrauchen und das basisdemokratische Grundgefüge in eine totalitär anmutende Ein-Personen-Maschinerie umfunktionieren. Um solchen Entwicklungen keinen Vorschub zu leisten, sollten nur SprecherInnen und nicht die Vorsitzenden (unter Ausschluss einer Doppelfunktion) die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Darüber hinaus ist es wichtig für die Glaubwürdigkeit der Organisation, dass diese/r Sprecher/in bereits langjähriges Mitglied derselben ist.

Es ist wichtig für die Glaubwürdigkeit der Organisation, dass der Sprecher bereits langjähriges Mitglied derselben ist.

Die Protagonisten sollten dabei nicht wie die Bürgerschrecke der 68er-Generation wirken. Durchaus unangepasst, unkonventionell, anders eben als die Vertreter des Establishments – aber von der Art des Auftretens auch akzeptabel für ein größeres, bürgerliches Publikum. Mit der Bankenkritikerin Jutta Sundermann und dem Gemeinwohlökonom Christian Felber gibt es immerhin schon Protagonisten der Gegenbewegung, die nach und nach mehr öffentliche Bekanntheit erlangen.

Eine weitere Variante: Der Botschafter für die gute Sache. In seiner Sendung „Jamie Oliver’s Food Revolution“ [!] hat der englische Starkoch Ende 2011 seinem amerikanischen Publikum buchstäblich vor Augen geführt, wie billiges Hackfleisch aus Schlachtabfall und Ammoniak hergestellt wird. Prompt setzte ein Käuferstreik ein, und auch Schulmensen müssen das legalisierte Gammelfleisch inzwischen nicht mehr verwenden. Jamie Oliver hat aus eigenen Stücken gehandelt. Doch wäre in solchen Fällen auch sicher eine (dauerhafte) Zusammenarbeit zwischen wohlwollenden Prominenten und NGOs vorstellbar.

 

4.      Die NGOs müssen in der öffentlichen Debatte stärker „kulturelle Hegemonie“ anstreben.  

Das Konzept der kulturellen Hegemonie besagt im Wesentlichen, dass die herrschenden Eliten ihre Macht nicht in erster Linie durch Zwang, sondern durch scheinbaren Konsens stabilisieren. Indem sie ihr Einzelinteresse zum Allgemeininteresse deklarieren. Beispiel: Im Zeitalter der Globalisierung lässt sich neoliberale Wirtschaftspolitik leichter durchsetzen, weil argumentiert wird, es gehe um den Erhalt des – gemeinsamen – Produktionsstandorts. Ein zentrales strategisches Moment beim Kampf um die kulturelle Hegemonie besteht darin, bestimmte Begriffe mit bestimmten Inhalten zu versehen – oder auch umgekehrt prekäre Inhalte mit grundsätzlich positiv besetzten Begrifflichkeiten zu versehen („Reform“, „Liberalisierung“).

Antonio Gramsci hat das Konzept der kulturellen Hegemonie entwickelt. Foto: Wikicommons

NGOs müssen diese Strategien noch effektiver durchkreuzen. Sie sollten klarmachen, dass ihre Anliegen (in der Regel) im allgemeinen öffentlichen Interesse sind, auf jeden Fall im Interesse der Mehrheit und nicht der herrschenden Eliten. Und sie müssen die Macht der Sprache deutlicher erkennen. Konkret: Die Sprachverzerrungen der anderen Seite müssen entlarvt werden. Wichtiger noch: Es müssen stärker eigene Begriffe geprägt werden. Auch hier bietet es sich an, den Sprachgebrauch zwischen den NGOs stärker zu koordinieren – damit sich Begrifflichkeiten etablieren und sich bis weit in die Medien hinein festsetzen. Nur so wird sich das öffentliche Bewusstsein verändern. Nur so können die NGOs die kulturelle Hegemonie der herrschenden Eliten effektiv herausfordern.

 

5.      Die NGOs müssen eine eigene Protest- und Gegenkultur etablieren – wie in den späten 1960ern. Dies wird nur funktionieren, wenn sie langfristig eigene institutionelle Strukturen aufbauen.

Das Konzept der Zivilgesellschaft, so wie es Jürgen Habermas in seinem Buch „Faktizität und Geltung“ (1993) modelliert hat, fußt auf der Annahme, dass Staat und Wirtschaft nicht die Werte und Mechanismen der Aufklärung (gesellschaftliche Gleichberechtigung, breite politische Teilhabe etc.) eingeschrieben werden können. Folglich müssten Bürgerinitiativen und NGOs öffentlichen Druck ausüben, um diese Ziele zu erreichen.

Eine Alternative könnte darin bestehen, wie in den späten 1960ern eine eigene Protestkultur zu etablieren und diese dann – wie in den 1970ern – mit eigenen Institutionen auszufüllen.

Mit Ausnahme großer NGOs wie Greenpeace oder BUND reicht dieser Druck oftmals aber nicht aus. Anliegen fließen deshalb meist in die nahestehenden Parteien Grüne, Linke, SPD ein – und werden dort verwässert. Auf der operativen Ebene werden sie dann noch mehr verdünnt. Eine Alternative könnte folglich darin bestehen, wie in den späten 1960ern eine eigene Protestkultur zu etablieren (Stichwort kulturelle Hegemonie) und diese dann – wie in den 1970ern – mit eigenen Institutionen auszufüllen.

Dies könnten „Akademien“ (im weitesten Sinne des Begriffs) sein, aber auch unabhängige Schulen – Modell Waldorf. Im Bereich der Wirtschaft gibt es zahlreiche alternative Unternehmensformen, die sich unter dem Rubrum Solidarische Ökonomie subsumieren lassen. Dazu gilt es, Kräfte stärker zu bündeln und intensiver zu kooperieren. So sollten sich auch die alternativen Medien stärker miteinander vernetzen (z.B. über eine alternative Nachrichtenagentur, eine kostenlose Tauschplattform und einen jährlichen Mediengipfel), um im Geiste der kulturellen Hegemonie verstärkt eine Gegenöffentlichkeit herzustellen.

Ziel ist es, mit Gegenstrukturen konkrete Alternativen aufzuzeigen und den Bewusstseinswandel voran zu treiben. Auf diese Weise wird auch das Establishment zur Reaktion gezwungen.

Lutz Frühbrodt

© 2012 Die Zweite Aufklärung

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2 Comments

  1. 13. August 2012 at 15:07 — Antworten

    Ein paar Fragen dazu: Was ist mit einer NGO, die nach dem St.-Florians-Prinzip arbeitet? Also z.B. mit einer Bürgerbewegung, die gegen eine Müllkippe in Sichtweite ihrer Wohnungen eintritt? Sind die mit gemeint oder wo ist sonst die Grenze? Jedenfalls wäre ich vorsichtig mit der Annahme, dass alle NGOs die gleichen und keine widerstreitenden Ziele haben.

    Was sind denn die Institutionen der 1960er Jahre, die heute fehlen? Auch ich glaube, dass man auch konkret erfahbare Alternativen aufbauen müsste. Nur, wie müssten diese aussehen, dass sie nicht gleich wieder mit dem Stempel „linke Spinner“ o.ä. belegt werden?

    • 13. August 2012 at 15:55 — Antworten

      Hallo „Ernte 23“ – zunächst einmal danke für die Kommentare! Zu den Fragen:
      + Ich meine eher größere NGOs wie Attac, Lobbycontrol etc. Da ich Thesen aufgestellt habe, wollte ich die Leserschaft nicht mit langen Definitionen langweilen, sondern habe mich auf den Terminus „linkslaternativ“ beschränkt.
      + Zu den Institutionen der späten 60er und vor allem 70er zähle ich z.B. freie Schulen oder auch Unternehmen, die selbstverwaltet wirtschaften. Nicht zuletzt haben wir den 70ern eben die ersten größeren Bürgerinitiativen zu verdanken.
      Ich hoffe, ich konnte damit ein bisschen der Aufklärung dienlich sein.
      Freilich weiter diskussionsbereit grüßt
      Lutz Frühbrodt

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