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Was Adam Smith wirklich meinte

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1.1.2013 – Mit seinem angeblichen Freihandelsdiktum gilt Adam Smith heute als Pate des Neoliberalismus und der Globalisierung. Weit gefehlt, meint Reinhard Blomert. Der Autor hat in seinem neuesten Buch eine Frankreich-Reise von Smith nachgezeichnet, die er als wichtigste Quelle der Inspiration für dessen Hauptwerk „Wohlstand der Nationen“ (1776) ausmacht. Am Ende dieser Reise und des damit verbundenen Erkenntnisprozesses steht eine ganz und gar nicht neoliberale Lesart des schottischen Moralphilosophen.

Drei große Konzepte der modernen Volkswirtschaftstheorie gehen auf Adam Smith (1723-1790) zurück: die Arbeitsteilung, die „unsichtbare Hand“ und der Freihandel. Die Arbeitsteilung gilt als weithin unumstrittenes Konzept; es kommt vor allem darauf an, ob es in humaner Weise umgesetzt wird. Die „unsichtbare Hand“ dient als Metapher für die Selbstregulierung des Marktes ohne staatliche Intervention, die angeblich optimale ökonomische Ergebnisse hervorbringt. Ein marktpuristisches Credo, dem in Deutschland öffentlich nur noch fanatische FDP-Anhänger huldigen, das de facto in den vergangenen drei Jahrzehnten aber immer stärker Einzug in die Wirtschaftspolitik gehalten hat. Die Idee des Freihandels schließlich  – der ungehinderte Austausch von Waren und (Finanz-)Dienstleistungen zwischen Ländern, heutzutage auch die volle grenzüberschreitende Investitionsfreiheit – fungiert als Argumentationsgrundlage für die ökonomische Globalisierung seit den 1980ern. Sie ist also auch äußerst fragwürdig, weil der Trend zum globalen Freihandel zu einem unseligen Standortwettbewerb, verbunden mit Sozialabbau geführt hat.

Egal, ob Freunde oder Kritiker: Adam Smith gilt auf Grund dieser Theoreme heute als Urheber des freien Marktes. Reinhard Blomert, Redakteur der renommierten sozialwissenschaftlichen Zeitschrift „Leviathan“,  will mit seinem Buch nun eine Wende in der Smith-Interpretation erreichen, in seinen eigenen Worten „die Korrektur eines seit dem neunzehnten Jahrhundert verzerrten Bildes von Adam Smith, als man den berühmten schottischen Moralphilosophen zum Urvater eines radikal-darwinistischen Marktverständnisses erklärte.“ Dazu schickt Blomert Smith auf eine knapp zweijährige Reise in das vorrevolutionäre Frankreich.

 

Schöne Geschichten und ökonomische Analyse

Als Mentor des jungen Herzogs von Buccleugh reiste Smith zwischen 1765 und 1767 zunächst nach Toulouse und in die Republik Genf, um dann vor allem in Paris die vielen verschiedenen Salons der Aufklärung zu besuchen. Reinhard Blomert lässt den Leser ausgiebig in diese Welt des Geistes eintauchen und erklärt detailliert die teilweise komplexen historischen Zusammenhänge in Politik, Ökonomie und Kultur dieser Zeit. Blomert verwandelt sich dabei oft vom investigativen Sozialwissenschaftler in einen eloquenten Geschichtenerzähler, was sich hervorragend in die Zeit einpasst, über die er schreibt. Der lockere, aber immer stilvolle Plauderton harmoniert darüber hinaus blendend mit dem sehr edel gestalteten Einband.

Doch nach zwei Dritteln des 300 Seiten starken Buches geht die Erzählung in eine vergleichende ökonomische Analyse über. Blomert stellt die These auf, dass Adam Smith sich für sein opus magnum „Wohlstand der Nationen“ in erster Linie von den Pariser Begegnungen mit Francois Quesnay, dem Kopf der Physiokraten, habe inspirieren lassen. Der „Wohlstand“ ist zwar fast ein Jahrzehnt später nach dem Paris-Trip entstanden, aber Smith schrieb mehrere Jahre daran, so dass ein Zusammenhang durchaus wahrscheinlich ist.

„Die Herrschaft einer privilegierten Gesellschaft von Kaufleuten ist wohl die schlimmste aller Regierungen für jedes Land.“ Adam Smith 1776

Wie für den Physiokraten Quesnay waren auch für Smith die Landwirtschaft und der Grundsatz der (unternehmerischen) Freiheit Kernelemente des jeweiligen wirtschaftstheoretischen Ansatzes, doch entwickelte der Schotte seine Gedanken weit über die eher einfachen Theoreme des Franzosen hinaus. Blomert identifiziert Smith zwar als Sympathisanten der Aufklärung, indem dieser jedem Menschen eine naturgegebene Gleichheit zusprach. Doch sei Smith letztlich immer ein Anhänger der konstitutionellen Monarchie Großbritanniens und ein Parteigänger der adligen Grundbesitzer geblieben. Daraus und aus den Schriften von Smith leitet der Autor ab, dass die „unsichtbare Hand“  so zu verstehen sei, dass die Grundbesitzer eine Art Fürsorgepflicht für die einfachen Arbeiter hätten und ihre Überschüsse an diese verteilen müssten.

Smith, so befindet Blomert, sei außerdem mitnichten ein Freihandelsdogmatiker gewesen. Modern gewendet hätte er sich vielmehr für einen sozialverträglichen Strukturwandel eingesetzt. Wenn Handelsschranken abgebaut würden und ausländische Importe die Existenz einheimischer Unternehmen bedrohten, dann könne zwar der Investor sein Geld schnell anderweitig anlegen, doch der Fabrikant und seine Beschäftigten könnten nicht ohne Weiteres neues Knowhow in einer wettbewerbsfähigen Branche erwerben. Deshalb, so das Plädoyer von Smith, müssten zum Beispiel Zölle langsam und mit Augenmaß abgebaut werden.

Das Konterfei von Adam Smith, wenige Jahre vor seinem Tod. Foto: Wikicommons

Und schließlich verweist Blomert auf Smith’ Verständnis von Wohlstand, den dieser mit Luxus, aber auch mit Kultur gleichsetzte, die nur die erzielten Überschüsse ermöglichten. Kultur umfasst Tugend und Verantwortungsgefühl. Dies kann Smith beim Bürgertum aber ganz offensichtlich nicht erkennen. „Die Herrschaft einer privilegierten Gesellschaft von Kaufleuten ist wohl die schlimmste aller Regierungen für jedes Land“, schreibt Smith im Wohlstand der Nationen. Und begründet dies: „Eine Gesellschaft von Kaufleuten ist aber offensichtlich unfähig, sich selbst als Landesherr zu begreifen, selbst dann nicht, wenn sie diese Aufgabe wahrnehmen. Sie betrachten nach wie vor den Handel oder den Einkauf von Waren, die sie wieder verkaufen, als ihre entscheidende Funktion, und in seltsamer Verkennung der Tatsachen sehen sie in der Aufgabe des Souveräns bloß ein Anhängsel zu den Pflichten des Kaufmanns, etwas, was diesem untergeordnet werden sollte.“

Das Zitat von gestern wirkt wie maßgeschneidert für eine Analyse der heutigen Verhältnisse. Wenn denn dem so ist, könnte man das Argument weiterspinnen und fragen, was dann so verwerflich daran sei, einzelne Gedanken wie die „unsichtbare Hand“ aus dem historischen Werk von Adam Smith für das Hier und Jetzt herauslösen, wie es die Neoliberalen getan haben? Anders formuliert: Nicht der Sender ist entscheidend, sondern der Empfänger und das, was er aus der „Botschaft“ macht. Blomert ist dies wohl klar, nur wehrt er sich eben gegen verzerrte, bewusst selektive Interpretationen von Smith.

 

Adam Smith, der politische Ökonom

Ganz gezielt hat er in seinem Buch den historischen Kontext aufgezeigt, der klar macht: Wer wie viele Adam Smith gern als „Moralphilosoph“ tituliert, der sollte auch wissen, dass Philosophie im 18. Jahrhundert Ethik, Ökonomie und Politik umfasste. Deshalb müsse Adam Smith‘ Werk auch nicht als reine Volkswirtschaftstheorie, sondern vielmehr als politische Ökonomie verstanden werden. „Ohne politische Ökonomie lassen sich allenfalls die Schönwetterlagen der Ökonomie überstehen“, schließt der Autor sein Buch. „Die Probleme der integrierten Ökonomie jedenfalls, wie sie sich in Finanzkrisen und Währungskrisen zeigen, sind ohne sie nicht lösbar.“ Dem lässt sich kaum widersprechen.

Die große Frage ist jetzt, ob Blomerts Buch ein neues Paradigma der Smith-Interpretation hervorbringt und ob dies wiederum Auswirkungen auf die Wirtschaftstheorie hat. Höchste Zeit wäre es allemal.

Reinhard Blomert: Adam Smiths Reise nach Frankreich oder die Entstehung der Nationalökonomie. Berlin. Erschienen 2012 in „Die Andere Bibliothek“. 300 Seiten. Preis 34,90 Euro.

Lutz Frühbrodt

© 2013 Die Zweite Aufklärung

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