Zweite Aufklärung

Von der Aufklärung lernen heißt denken lernen

Print Friendly, PDF & Email

Keine Gesellschaft ist hoch genug entwickelt, um Aufklärung als Projekt der Vergangenheit abzutun. Der Grundgedanke der Aufklärung des 18. Jahrhunderts lautete „Weltveränderung durch Wissensausbreitung“ und bleibt mit seinem Plädoyer für Menschenwürde und geistige Entfaltung dauerhaft aktuell. Wenn auch unter anderen Vorzeichen gilt heute wie damals: Jeder, der sich nicht seines eigenen Verstandes bedient, macht sich unmündig und zum Opfer fremder Beeinflussung.

Foto: Wolfgang Pfensig/pixelio.de

Etwas vereinfacht ist das Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert anzusiedeln und berief sich auf die Vernunft als universelle Urteilsinstanz. Die Emanzipation des Bürgers, Toleranz und Bildung wurden als wesentliche Faktoren angesehen, um dem Menschen Entfaltungsmöglichkeiten und der Gesellschaft Wohlstand und Fortschritt zu garantieren. Aufklärungsphilosophen setzten sich für die Idee der Menschenrechte ein – dafür, dass alle Menschen aufgrund ihres Menschseins die gleichen, unveräußerlichen Rechte haben und dass der Staat sich aktiv für deren Einhaltung einsetzen müsse. Noch deutlicher kristallisieren sich die Anliegen heraus, wenn man betrachtet, wogegen sich die Aufklärung richtete: Aberglaube, Vorurteile, Dogmen und Intoleranz waren die erklärten Feinde. Frühere Autoritäten, damals insbesondere die katholische Kirche und das absolutistische Herrschaftssystem, wurden in Frage gestellt.

Bereits Ende des 17. Jahrhunderts war der Begriff „Aufklärung“ für die neue geistige Bewegung im deutschen Sprachraum gängig. In England sprach man im 18. Jahrhundert von „Enlightenment“. Beide Elemente kennzeichnen die Zielrichtung:  Es geht um Klarheit gegen Wolken und Nebel und um Licht gegen die Dunkelheit. Stattdessen ist das Ideal, ungehindert von Verdunkelung und Nebelkerzen die Welt zu betrachten.

 

Die berühmteste Antwort auf die Frage „Was ist Aufklärung?“

1783 stellte die Berlinische Monatsschrift die Frage „Was ist Aufklärung?“ und erhielt darauf die berühmt gewordene Antwort von Immanuel Kant, Professor für Logik und Metaphysik an der Universität Königsberg: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ Der Satz ist bekannt, aber die  Botschaft erschließt sich nicht spontan: Was heißt Unmündigkeit? Und wieso ist sie selbst verschuldet? Die Erklärungen, die Kant dazu in seinem Essay gibt, dürften heute mindestens ebenso wertvoll sein wie zu ihrer Entstehungszeit.

Immanuel Kant – der große deutsche Aufklärer/Foto: Wikicommons

„Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ Die Hoffnungen, die Kant in den menschlichen Verstand, in die Fähigkeit zur kritischen Auseinandersetzung mit seiner Umwelt setzt, sind groß – einerseits. Andererseits befürchtet er, dass die Menschen von dieser großartigen Möglichkeit keinen (hinreichenden) Gebrauch machen, weil es eben Mut braucht, sich ein eigenes, von fremden Einflüssen freies Urteil zu bilden und im Zweifelsfalle auch gegen den Strom zu schwimmen.

„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen (…) gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht ward, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat (…), so brauche ich mich nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann. (…)“ Laut Kant bezahlt der Mensch gerne dafür, dass ihm die Anstrengung erspart bleibt, gedankliche Arbeit leisten zu müssen. Dieser Satz dürfte tatsächlich noch besser zu unserer spätkapitalistischen Gesellschaft passen als zum ausgehenden 18. Jahrhundert, da heute die Ratgeberliteratur, Psychotherapien, Coachings und Lifestyle-Beratungen ins Kraut schießen.

 

„Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat (…), so brauche ich mich nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.“ (Immanuel Kant)

 

Mit menschlichen Schwächen geht Kant ungnädig ins Gericht: Feigheit und Bequemlichkeit sieht er als große Feinde einer mündigen Lebensgestaltung an. Warum er es für gefährlich hält, wenn Menschen sich (bewusst oder unbewusst) fremden Manipulationen überlassen, erläutert er ebenfalls:  „Dass der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit außer dem, dass er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“ Mit anderen Worten: Mündigkeit ist auch eine Machtfrage. Wer sein Denken und sein Handeln nicht selbstbestimmt verantwortet, macht sich zum Spielball. Er eröffnet damit ein Macht-Vakuum, das jemand anderes zur Verfolgung seiner ganz eigenen Interessen ausnutzen wird.

Kants Definition zielt darauf ab, dass die Menschen sich durch eigene Willenskraft selbst befreien. Er selbst räumt ein, dass die Menschen unter den gegebenen Umständen schlechte Vorrausetzungen dafür hätten. In einer Zeit, da die ständische Ordnung weiterhin vorherrschte und der alphabetisierte Anteil der Bevölkerung in der Minderheit war, war diese Einschränkung sicherlich gerechtfertigt.


Verstand, Tugend, Bildung

Die meisten Aufklärer des 18. Jahrhunderts wollten durch die Verbreitung von „Verstand und Tugend“ die Gesellschaft reformieren. Sie waren überzeugt, dass der Mensch von Natur aus gut ist und lediglich der Erziehung bedarf, um tugendhaft, friedlich und glücklich zu leben. Den Aufklärern ging es um die Fragen, wie sich moralische Werte auch ohne christlich-religiöse Herleitungen begründen lassen (Naturrechtslehre) und auf welchem Wege der Mensch zu Erkenntnissen gelangt: Einerseits verbreitete sich die Überzeugung der Empiristen, dass Erkenntnis aus Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen herrühre, andererseits betonte der Rationalismus die im Verstand gegründeten Denkfähigkeit und Urteilskraft. Beide Richtungen wandten sich gegen die Auffassung, dass Wissen und Erkenntnis aus überlieferten Dogmen entstünde, und trugen zu einem Aufschwung der Wissenschaften bei.


Volksaufklärung

Es gab konkrete Versuche, das neue Gedankengut an die aufklärungsferne Basis heranzutragen. Die Bewegung der „Volksaufklärung“ richtete sich an die einfachen Leute auf dem Land, z.B. mit dem „Noth- und Hülfsbüchlein für Bauersleute“, mit dem der Autor Rudolf Zacharias Becker 1788/89 Toleranz und Weltoffenheit vermitteln wollte. Die Volksaufklärung stieß allerdings bei den Bauern auf Skepsis. Auch bei den Aktivisten selbst erhob sich die Frage, ob Aufklärung überhaupt ein steuerbarer, beeinflussbarer Prozess sein kann. Ähnliche Zweifel sollten übrigens auch späteren „Volksaufklärern“ kommen, wie z.B. den russischen Narodniki bei ihrem Gang ins Volk Ende des 19. Jahrhunderts oder den 68er-Studenten, die vor Fabriktoren Flugblätter verteilten: Die agitierten Bauern und Arbeiter zeigten sicher eher unbeeindruckt oder gar ablehnend, beide Aktionen blieben ohne die gewünschte Resonanz.


Bildung

Vordenker in Sachen Erziehung: Jean Jacques Rousseau Bild: M. Heinemann/pixelio.de

Sehr viel nachhaltiger, wenn auch nicht kurzfristig, wirkten die Bemühungen der Aufklärer um Erziehung und Bildung. Kinder wurden nicht länger als unvollkommene kleine Erwachsene betrachtet. Zu einer der berühmten Schriften der Aufklärung zählt Rousseaus Roman „Emile“, in dem er die Entwicklungsphasen von Kindern und Jugendlichen behandelt.

John Locke, ein anderer Großer, bemerkte bereits Ende des 17. Jahrhunderts: „Die Erziehung ist es, welche die großen Unterschiede unter den Menschen schafft.“ Um eine Gesellschaft von aufgeklärten, mündigen Bürgern zu schaffen, kam und kommen Bildung und Erziehung eine große Bedeutung zu – im Rahmen der Familie wie vor allem an Schule und Hochschule. Hier werden auch die Grundlagen dafür gelegt, dass der Mensch sich in seinem weiteren Leben selbst bilden und kritisch mit seiner Umwelt auseinandersetzen kann. Unter diesen Voraussetzungen kann dann auch Kants individualistischer Aufklärungsansatz auf umso fruchtbareren Boden fallen, während er bei völlig unvorbereiteten, im Denken ungeschulten Menschen wohl eher auf Unverständnis stoßen muss.

 

Aufschwung der Ideen: Die Rahmenbedingungen der Ersten Aufklärung

Um die Ideale der Aufklärung besser zu begreifen, hilft ein Blick auf die politischen Gegebenheiten. Sozialhistorisch war das 18. Jahrhundert in eine Zeit der Umbrüche eingebettet.

  • Die Religions- und Konfessionskriege sowie die kopernikanische Wende führten zu einer Krise der Kircheninstitutionen. Ihr Herrschafts- und Weltdeutungsanspruch waren erheblich erschüttert.
  • Die „gottgewollte“ ständische Ordnung geriet ins Wanken, das feudalistische Gesellschaftsmodell ging allmählich in das bürgerliche über. Zwischen die bisherigen Stände mit ihren klar definierten Zuständigkeiten – Adel („Wehrstand“), Klerus („Lehrstand“), Bauern („Nährstand“) – drängte sich langsam das Bürgertum, unterteilt in kaufmännische und gelehrte Bürger.
  • Foto: M. Heinemann/pixelio.de

    Es gab einen Aufschwung der Ideen und das wissenschaftliche Zeitalter begann. Insbesondere die Naturwissenschaften bekamen Auftrieb und mit ihnen die Methode, durch Beobachtungen, Erfahrungen und logische Schlussfolgerungen zu neuem Wissen zu gelangen. Dies war eine klare Abgrenzung zum früheren Universitätssystem, wo Latein die Wissenschaftssprache war und man festgelegte Lehrmeinungen nicht in Frage stellte.
    Als berühmte Erfindung des 18. Jahrhundert ist die Dampfmaschine in die Annalen eingegangen. Durchaus symbolisch für die Aufklärung ist aber auch eine Erfindung Benjamin Franklins in den 1740er Jahren: Der Blitzableiter erhöhte nicht nur auf ganz praktische Weise die Sicherheit für Leib und Leben, sondern half auch den Aberglauben zu überwinden, dass Gewitter eine dämonische Kraft besäßen.

  • Die Menge der publizierten Bücher vervielfachte sich im 18. Jahrhundert. Insbesondere populär verfasste naturwissenschaftliche Abhandlungen und Reiseberichte standen hoch im Kurs. In Frankreich erschien von 1751 bis 1772 die vielbändige „Encyclopedie“ von Jean Le Rond d’Alembert und Denis Diderot. Mit aufklärerischem Ehrgeiz stellte das Werk den Wissensstand der Zeit zusammen, zwischenzeitlich war die Publikation wegen „unchristlicher“ Tendenzen verboten.

Die aufgezählten Punkte zeugen davon, in welcher geistigen Dynamik sich das 18. Jahrhundert befand. Die ganze Euphorie wird in einem Text des französischen Aufklärers Marie Jean Antoine de Condorcet aus dem Jahr 1794 deutlich: „Wir werden (heraus)finden, dass in der Erfahrung, die die Menschheit in der Vergangenheit gemacht hat, in der Beobachtung der Fortschritte, welche Wissenschaften und Zivilisation bisher gemacht haben, in der Analyse des Ganges des menschlichen Geistes und der Entwicklung seiner Fähigkeiten die stärksten Beweggründe zu der Überzeugung liegen, dass die Natur unseren Hoffnungen keine Grenzen gesetzt hat.“

 

Politische Implikationen: Frankreich, Preußen, USA

Frankreich

Das Pariser Panthéon ist in vielerlei Hinsicht Inbegriff der französischen Aufklärung: Hier fanden neben anderen Voltaire und Rousseau ihre letzte Ruhe/Foto: B.Winter (pixelio.de)

Zwangsläufig denkt man beim 18. Jahrhundert an die französische Revolution: Wenn sie auch keine unmittelbare Folge der Aufklärung war, so hat diese die Revolution doch vorzubereiten geholfen, indem sie den uneingeschränkten französischen Absolutismus anprangerte. Herrscher und Aufklärer standen sich im Frankreich des gesamten 18. Jahrhunderts feindselig gegenüber. Anknüpfend an John Locke postulierte der einflussreiche französische Philosoph Charles-Louis de Montesquieu die Gewaltenteilung. Die französischen Aufklärer (Montesquieu, Voltaire, Rousseau) gehörten zwar nicht zu den Menschen, die am 14. Juli 1789 die Bastille erstürmten, aber sie haben doch theoretische Grundlagen geschaffen. Bis heute hat die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 – trotz der nachfolgenden Ereignisse: dem brutalen Ende der Revolution und Napoleon – eine hohe Symbolkraft für das französische Selbstverständnis.


Preußen

Friedrich der Große (1712 – 1786) zeigte sich nicht nur innovativ, indem er die Kartoffel einführte, sondern war einer der frühesten Vertreter des aufgeklärten Absolutismus und bezeichnete sich selbst als ersten Diener des Staates (primus inter pares). Er hatte ein ausgeprägtes Interesse an der Aufklärung und hielt eine Zeitlang engen Kontakt zu Voltaire. Zu den traditionell staatsnäheren deutschen Aufklärern wie Immanuel Kant und Christoph Martin Wieland passte diese Haltung durchaus.

Allerdings scheint sich Friedrich der Große de facto stärker in Worten als in Taten der Aufklärung verpflichtet gefühlt zu haben. Zwar schaffte er die Folter ab; aber die Leibeigenschaft behielt er bei, und das 1792 fertig gestellte Allgemeine Gesetzbuch für die Preußischen Staaten schuf eine rechtliche Untermauerung für das ständische Herrschaftssystem. Dass bei den Nachfolgern Friedrichs des Großen die Aufklärung auch ideell eine geringere Rolle spielte, hatte neben den unterschiedlichen Herrscherpersönlichkeiten auch mit dem Grauen der französischen Revolution zu tun. Im 19. Jahrhundert entfalteten die Ideen der Aufklärung phasenweise durchaus Wirkung, etwa bei den Stein-Hardenberg‘schen Staats- und Verwaltungsreformen Anfang des Jahrhunderts. Letztlich unterlagen sie aber gegenüber dem autoritären Anspruch der preußischen Könige.


Verhältnis zwischen Aufklärern und Herrschern

Welche Lehren ergeben sich aus den beiden Beispielen für das Verhältnis zwischen Aufklärern und Staat? Offensichtlich führte die vereinnahmende Haltung in Preußen nicht zu einer wirklichen politischen Modernisierung. Die Staatsform hing noch allzu sehr alten Traditionen an, und es gab keinen hinreichend hohen politischen Druck zur Veränderung. Die Aufklärungsphilosophen sahen es anscheinend auch aufgrund ihrer eigenen privilegierten Stellungen nicht als ihre Rolle an, sich tatsächlich politisch – und dann noch gegen die Obrigkeit – zu engagieren. Ihnen fehlte die praktische Konsequenz.

Das war in Frankreich zwar ähnlich. Aber die dortigen politischen Spannungen waren sehr viel schärfer und entluden sich 1789 in der Revolution. Auf der Straße wirkten die Erstürmer der Bastille und die Pariser Marktfrauen als deren Akteure. Doch die politischen Werte, die die französische Revolution mit hoher Symbolkraft verkündete, orientierten sich sehr wohl am Gedankengut der Aufklärer: Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, die Forderungen nach einer konstitutionellen Monarchie (und letztlich nach Demokratie) wären ohne die ideelle Vorarbeit der Aufklärer nicht möglich gewesen. Sie haben das gedankliche Fundament bereitet.


USA

Thomas Jefferson amüsierte sich über die Rückständigkeit des alten Europa – heute würde er sich auch über die USA wundern

Während in Frankreich die Revolution tobte, wurden die Vereinigten Staaten von Amerika zur ersten modernen Demokratie. Ausdrücklich beriefen sich die früheren Kolonien auf die Ideen der Aufklärung, um sich von der englischen Monarchie loszusagen. Die Unabhängigkeitserklärung von 1776 erkannte „Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit“ als universelle Menschenrechte an. Ihr Verfasser, Thomas Jefferson, spottete bei seinen Reisen in „das alte Europa“ Ende des 18. Jahrhunderts über die hoffnungslose Rückständigkeit in (Land-)Wirtschaft und Gesellschaft. Ohne den Ballast verkrusteter Traditionen war es verständlicherweise sehr viel leichter, die Aufklärungsideale in der Verfassung des neuen Staates zu verankern. Dass dies indes noch nicht deren praktische Umsetzung garantiert (Sklaverei, McDonalds, George W. Bush), muss kaum extra erwähnt werden. Die Freiheit der Wirtschaft sollte im Selbstverständnis der USA eine sehr viel größere Rolle spielen als die Bürgerrechte.


Ohne Aufklärung ist kein Staat zu machen

Das theoretische Konzept der Aufklärung erscheint also als die notwendige, aber bei weitem nicht hinreichende Voraussetzung für praktizierte Gleichberechtigung, Bildung, Toleranz, Selbstentfaltung und Mündigkeit. Es bedarf gesonderter Kraftanstrengungen, um diese Ideale in Staatsverfassungen und Gesetzen zu verankern und sie darüber hinaus alltäglich zu verteidigen und mit Leben zu füllen.

Diese Aufgabe kann man nicht allein einer geistigen Elite zuzuweisen – egal, ob diese sich im Schulterschluss mit dem Staat oder in einer bewusst distanzierten Position gegenüber den Herrschenden befindet. Um tatsächlich etwas zu bewirken, müssen die Aufklärungsideale auch bei den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Akteuren sowie bei der breiten Bevölkerung präsent sein.

 

Sozialhistorisches oder philosophisches Phänomen?

Verändert die Welt die Ideen, oder verändern die Ideen die Welt? Ist es anachronistisch, die Ideale der Aufklärung in unsere Zeit übertragen zu wollen, da die politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen völlig andere geworden sind?

Die Fortschrittseuphorie der Ersten Aufklärung – die Überzeugung, dass „die Natur unseren Hoffnungen keine Grenzen gesetzt hat“ (s.o.) – wird man heute  belächeln. Der unbedingte Fortschrittsglaube der Aufklärung erscheint heute naiv, wenn nicht sogar gefährlich, da wir um die ökologischen Grenzen des Wachstums und die Risiken eines ungebremst auf Wachstum setzenden Kapitalismus wissen.

„Allem Anschein nach werden die früheren Autoritäten Staat und Kirche durch den internationalen Finanzkapitalismus abgelöst. Die Demut vor dieser neuen Macht lässt für den mündigen Bürger deutlich weniger Raum. Immer stärker unterwirft sich die Politik den Gesetzen der Wirtschaft und lässt sich zu scheinbar „alternativlosen“ Entscheidungen zwingen.“

 

Zweifellos haben sich auch die Lebensumstände und die Mentalität innerhalb der vergangenen 250 Jahre gravierend verändert– nicht zuletzt, weil wir von der Aufklärung des 18. Jahrhunderts profitiert haben. Im Westeuropa des 21. Jahrhundert verfügen wir über relativ stabile Demokratien. Natürlich kann man an dieser Stelle sowohl über den fortbestehenden Unfehlbarkeitsanspruch des Papstes inklusive Kondomverbot als auch über Ministerpräsidenten à la Berlusconi nachdenken, die sich Gesetze zu ihren persönlichen Gunsten basteln und weite Teile der öffentlichen Meinung kontrollieren.

Aber alles in allem wird das Individuum im Vergleich zum 18. Jahrhundert heute erheblich weniger bevormundet – zumindest schränken absolutistische Herrscher und kirchliche Dogmen im Großen und Ganzen nicht mehr die Freiheit des einzelnen ein. Dennoch wäre es naiv zu glauben, dass das dadurch entstandene Machtvakuum unangetastet bleiben würde.

Mittlerweile schwingen Rating-Agenturen das Zepter, und Finanzmärkte werden in den Nachrichten wie einflussreiche (menschliche) Akteure behandelt, die „beruhigt“ werden müssen oder die bestimmte „Entscheidungen sehen wollen“. Allem Anschein nach werden die früheren Autoritäten Staat und Kirche durch den internationalen Finanzkapitalismus abgelöst. Die Demut vor dieser neuen Macht geht ohne Zweifel zu Lasten der Demokratie und lässt für den mündigen Bürger deutlich weniger Raum. Immer stärker unterwirft sich die Politik den Gesetzen der Wirtschaft und lässt sich zu scheinbar „alternativlosen“ Entscheidungen zwingen. Der Buchtitel „Wirtschaftsdiktatur oder Demokratie?“ (Hans Joachim Schemel, Dezember 2010) bringt die Krise provokant auf den Punkt.

Es lohnt also, den Aufklärungsgedanken in unsere Tage hinüberzutragen. Denn gerade die begeisterten Einfärbungen der Ersten Aufklärung zeigen, was für elementare Schätze es zu gewinnen gibt: Verstand, Urteilskraft, Selbstentfaltung – und eine gerechtere Gesellschaft. Diese Werte gehören keineswegs in die Mottenkiste der Geschichte, sondern bedürfen einer ständig neuen Ausgestaltung. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es allerdings so, als hätten wir uns von den Idealen der Aufklärung ziemlich weit entfernt.

 

Lieber aufgeklärt als abgeklärt

Foto: G. Altmann/pixelio.de

Die Aufklärer der ersten Generation, größtenteils Philosophen, haben die Vernunft als universelle Urteilsinstanz in den Mittelpunkt gestellt. Heute wird man das relativieren und Gefühle und Körperlichkeit von vornherein stärker einbeziehen. Die ersten Aufklärer waren mit viel Begeisterung und dem Glauben an bessere Verhältnisse bei der Sache – durchaus erfrischende Eigenschaften im Vergleich zu der heute weit verbreiteten „Da-kann-man-halt-nix-machen“-Haltung und dem anschließenden Rückzug ins Privatleben. Eine Besinnung auf die Werte der Ersten Aufklärung hilft, um zu überlegen, in welcher Welt wir eigentlich leben – und in welcher Welt wir leben wollen.

Im 18. Jahrhundert war die Kluft zwischen den Aufklärungs-Idealen und den gegebenen politischen Verhältnissen viel offensichtlicher als heute. Gerade diese klare Diskrepanz hat dem Aufklärungsstreben eine besondere Dynamik gegeben, hat die neuen Visionen im Kontrast zu den alten Gegebenheiten umso strahlender hervortreten lassen.

Heute liegt die Schwierigkeit genau darin, dass die Missstände schwerer zu erkennen sind – denn gemessen an früheren Zeiten geht es uns ja augenscheinlich ganz gut. Die Verflachung und Verdummung passiert im Hintergrund und kommt so unterhaltsam daher, dass viele spontan gar nichts Schlechtes daran finden können. Dabei sind die Indizien der Gegenaufklärung gefährlich genug: Krisenmanagement statt politischer Visionen, reduziertes, negatives Menschenbild, verletzte Menschenrechte, sinkende Bildung und Unselbständigkeit im Denken.

Die Erste Aufklärung war vor allem eine philosophische und kulturelle Bewegung. Auf die politischen Verhältnisse wirkte sie eher indirekt; sie bekam nur dann Gelegenheit dazu, wenn sich dies mit den sozialen, machtpolitischen, außenpolitischen Verhältnissen vertrug. Eine revolutionäre Sprengkraft nahm sie nicht für sich in Anspruch.

Niemand, der im politischen Geschehen der Gegenwart ernst genommen werden will, wird sich von Werten wie Menschenwürde, Mündigkeit, Bildung und Selbstentfaltung distanzieren. Trotzdem sind die Ideale der Aufklärung in unserer Gesellschaft kaum noch präsent. Weder in Worten noch im Handeln füllen die Akteure aus Politik, Wirtschaft und Medien und anderen gesellschaftlichen Bereichen die Aufklärungsideale mit Leben. Um das zu ändern, gibt es kein einfaches, schnelles Rezept, und es wäre ein Widerspruch in sich, den Geist der Aufklärung zwangsweise von oben verordnen zu wollen – denn es geht ja eben um die individuelle Mündigkeit. Was aber unbestritten bleibt, ist Kants Plädoyer an jeden einzelnen Menschen, egal in welcher Funktion und egal ob im beruflichen oder privaten Handeln: Habe Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen!

Annette Floren

© 2012 Die Zweite Aufklärung

Keine Tags zu diesem Beitrag.
Previous post

Always on - Überleben in der Mediengesellschaft

Next post

Gemeinnütziger Journalismus: Geht da was?

admin

admin

1 Comment

  1. Thomas Gottschlich
    5. Oktober 2012 at 13:51 — Antworten

    Danke Annette Floren,

    für diesen aus meiner Sicht hochaktuellen Beitrag. Ich bin davon überzeigt, dass uns heute ähnlich fundamentale Umbrüche der Gesellschaft bevorstehen wie sie die Renaissance und die Aufklärung hervorgebracht haben. Über die Aufklärung zu sprechen, ermöglicht, den Blick dafür zu weiten.
    Ein wenig stoße ich mich an dem Titel „Zweite Aufklärung“. Insbesondere mit Blick auf Sokrates wird legitimerweise von der klassischen Epoche im antiken Griechenland als einer „ersten“ Aufklärung gesprochen.

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.