Gutes Leben

Urban Gardening: Wie aus Parkplätzen Gemüsegärten werden

Urban-Gardening-Rhabarber-300x225 in Urban Gardening: Wie aus Parkplätzen Gemüsegärten werden1.4.2013 – Das einstige Öko-Mantra „Zurück zur Natur“ lässt sich heute durch das Motto „Eine andere Welt ist pflanzbar“ ergänzen. Denn seit einiger Zeit ist das Stadtgärtnern schwer im Kommen – als Protest gegen die globalisierte Agroindustrie, aber auch als Konzept, um lokale Gemeinschaften zu bilden. Besonders vielfältig ist das Urban Gardening in Deutschland. Das Spektrum reicht vom mobilen Biogarten bis zum Klimafarming mit Terra Preta, einer schwarzen Zaubererde, in der Treibhausgase in Form von Kohlenstoff dauerhaft in der Erde gespeichert werden.

Von Ute Scheub*

Stadtgärtnern ist in den letzten Jahrzehnten zu einem weltweiten Trend geworden. Urbane Gärtnerinnen und Gärtner wollen der globalisierten Warenproduktion ein selbstbestimmtes Tun entgegensetzen. Die Wiederaneignung verlernter sinnlicher Praktiken wie Säen, Pflanzen, Hegen, und Pflegen verstehen die Beteiligten als Widerstand gegen Entfremdung und gegen die globalisierte Agroindustrie, die einen Lebensmittelskandal nach dem anderen verursacht sowie Produzierende und Konsumierende gleichzeitig unglücklich macht.

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Vorzeigeobjekt der deutschen Urban-Gardening-Szene: Der Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg. Foto: Ute Scheub

In den letzten Jahrzehnten entstand in London, New York und anderen Metropolen das Guerilla-Gardening: Menschen besetzten Brachflächen, wandelten sie in Nachbarschaftsgärten um und begrünten Baumscheiben. In Havanna liefern urbane Gemeinschaftsgärten bereits 70 Prozent der dort konsumierten Lebensmittel – Weltrekord für eine Großstadt. Nach ausbleibenden Öl- und Düngerlieferungen aus der zusammenbrechenden Sowjetunion musste Kubas Landwirtschaft fast über Nacht die weltweit erste postfossile Agrarproduktion aufbauen – die notgedrungen biologisch ist, weil sie auf Dünger und Chemie verzichten musste.

 

Einbettung in ökologische Kommunalpolitik

In zwei kleinen Orten in Großbritannien gründete der Visionär Rob Hopkins 2005 bzw. 2006 die Bewegung der „Transition Towns“. Diese hat sich zum Ziel gesetzt, Städte und Gemeinden auf das ölfreie Zeitalter vorzubereiten und sie gegen kommende ökonomische und ökologische Schocks „resilient“ – elastisch widerstandsfähig – zu machen. Alteingesessene und Zugezogene legen seitdem Gemeinschaftsgärten an, arbeiten an kommunalen Plänen zur Energiewende oder zur Förderung des Radverkehrs, gründen Tauschringe und Regionalwährungen, pflanzen Obst- und Nussbäume auf öffentlichen Plätzen oder wandeln Parkplätze in Gemüsegärten um.

2012 umfasste die Bewegung der Transition Towns weltweit bereits rund tausend Kommunen und Kieze, Dörfer und Städte in 35 Ländern. Schwerpunktländer sind Australien, Brasilien, Großbritannien, Irland, Kanada und die USA. In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind etwa 60 Initiativen aktiv.

Viele Stadtgärtnernde sind sehr politisch und gleichzeitig explizit undogmatisch. Sie verbinden politische Statements gegen die Agroindustrie mit privaten Wohlfühl-Strategien.

In Deutschland hat sich das Urban Gardening in den letzten Jahren so vielseitig entwickelt wie vielleicht nirgendwo sonst auf der Welt. Viele Stadtgärtnernde sind sehr politisch und gleichzeitig explizit undogmatisch. Sie verbinden politische Statements gegen die Agroindustrie mit privaten Wohlfühl-Strategien. Sie wollen nicht mehr wie die Hippies in den 1970er Jahren aus dem System aussteigen und sich eine Zuflucht auf dem Lande suchen, sondern versuchen das bessere Leben in der Stadt experimentell auszuprobieren. Sie gärtnern individuell oder gemeinsam, kochen bio, saisonal und regional, vegetarisch oder vegan. Und sie lehnen mehr oder weniger konsequent die Ausbeutung von Tieren und von Dritte-Welt-Produzenten ab.

Aus dem früheren Motto der Globalisierungskritik, „Eine andere Welt ist möglich“, wurde auf diese Weise „Eine andere Welt ist pflanzbar“. Einige Initiativen züchten alte samenfeste Sorten, damit Gärtner von den Hybridsamen der Agrokonzerne Monsanto, Bayer und Syngenta unabhängig sein können. Andere Gruppen beleben Brachflächen in schrumpfenden Städten wie Dessau oder Halle mit urbanen Impulsen, kartografieren Wildobst zum allgemeinen Verzehr oder bauen mit Flüchtlingen oder Migrantinnen Lebensmittel an. Sie sind mobil, extrem gut vernetzt und tauschen sich per Internet und Smartphones aus. Junge Gärtnernde, die selbstgezogenes Junggemüse über Facebook veröffentlichen, bevor sie es auffuttern, sind keine Seltenheit mehr – und ein deutlicher Kontrapunkt zu der weltabgewandten deutschen Romantikbewegung von früher.

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Mobiles Gärtnern sieht zwar nicht immer schön aus, ist aber schön praktisch, falls mal eine Räumung droht. Foto: Ute Scheub

Ein Beispiel dafür ist der Prinzessinnen-garten in Berlin-Kreuzberg. Die Brachfläche am Moritzplatz ist seit 2009 ein grünes Paradies. Die beiden Initiatoren Robert Shaw und Marco Clausen haben zusammen mit Freunden und Nachbarinnen einen 6.000 Quadratmeter großen Gemein-schaftsgarten aufgebaut. Weil die Stadt als Vermieterin der Fläche sich vorbehielt, diese schnellstmöglich zu verkaufen, entwickelten Shaw und Clausen das Konzept eines mobilen Bio-Gartens, der im Falle einer Räumung woanders hinziehen kann.

„Nomadisch Grün“ heißt deshalb ihre gemeinnützige GmbH, die mit Jugendlichen arbeitet, Workshops, Konzerte und Veranstaltungen organisiert und Ein-Euro-Jobbern zu neuen Perspektiven verhilft. „Nomadisch grün“, nämlich tragbar, sind auch ihre Beete – sie bestehen aus Reis- und Mehlsäcken oder Bäckerkisten. Ein pfiffiges Konzept, das jährlich rund 50.000 Besucher aus aller Welt anlockt. 13 neue Vollzeitstellen wurden geschaffen, in 16 Schulen, Universitäten, Kitas oder Hinterhöfen sind Zweig-Gärten entstanden. Pro Saison leisten über 100 Ehrenamtliche rund 30.000 Stunden Gartenarbeit.

 

Terra Preta: „Die mächtigste Klimaschutzmaschine der Welt“

Im Prinzessinnengarten, aber auch im Allmende Kontor auf der Tempelhofer Freiheit und im Botanischen Garten von Berlin wird Gemüse in Terra-Preta-Kisten gezüchtet. Das ist eine uralte, aus dem Amazonas stammende Kulturtechnik, die erst nach der Jahrtausendwende wiederentdeckt wurde und von jedermann und jederfrau auf kleinsten Flächen nachgestellt werden kann. Der entscheidende Bestandteil von Terra Preta ist Holzkohlenpulver, das heutzutage mittels klimaneutraler Pyrolyse hergestellt wird.

Pyrolysiert man pflanzliche Abfälle, so kann der Kohlenstoff, den die Pflanzen der Atmosphäre in Form von CO2 entzogen haben, danach dauerhaft in der Erde gespeichert werden. Die porenreiche Pflanzenkohle dient als Langzeitspeicher von Nährstoffen und Wasser und macht selbst magere Berliner Sandböden wieder ertragreich. Verkürzt gesagt, wird das Treibhausgas Kohlendioxid auf diese Weise in eine Art ökologischen Dauerdünger umgewandelt.

Terra-Preta-Cover-Scheub-2-197x300 in Urban Gardening: Wie aus Parkplätzen Gemüsegärten werdenDie Vorteile der Terra-Preta-Technik sind ungeheuer vielfältig: Sie fördert fruchtbare Böden, gesunde Pflanzen und gesunde Lebensmittel, ermöglicht auf kleinem Raum hohe und sichere Ernteerträge, macht Kleinbauern und Gärtnerinnen unabhängig von teurem Dünger, giftigen Pestiziden oder Gentechnik, kann Abfallstoffe in Naturdünger verwandeln, Kreisläufe schließen, Böden entgiften sowie Steppen und trockene Magerböden zu Agrarland machen. Klimagärtnern mit Terra Preta könnte den Treibhauseffekt in der Erdatmosphäre stark abmildern. Auf die Landwirtschaft ausgeweitet, weltweit angewandt und flankiert mit weiteren Umweltmaßnahmen, könnte die Terra-Preta-Technik ihn womöglich sogar stoppen. Wenn die Menschheit mittels Klimafarming den Humusgehalt der Böden in den nächsten 50 Jahren um zehn Prozent erhöhen würde, könnte der Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre sogar auf vorindustrielles Niveau gebracht werden. Vielleicht ist die Nutzung von Pflanzenkohle wirklich die „mächtigste Klimaschutzmaschine, die wir haben“, wie der australische Umweltprofessor Tim Flannery glaubt.

* Die Berliner Publizistin Dr. Ute Scheub hat ein Dutzend Bücher veröffentlicht, zuletzt „Terra Preta – die schwarze Revolution aus dem Regenwald.“ Sie schreibt Geschichten des Gelingens für verschiedene Zeitungen, für die Stiftung www.futurzwei.org und für ihre eigene Website www.visionews.net.

© 2013 Die Zweite Aufklärung

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