Medienpreis

Unser Medienkritiker 2016: Daniel Leisegang von den „Blättern“

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Daniel Leisegang, Redakteur bei den „Blättern für deutsche und internationale Politik“, ist im Jahr 2016 der Träger des renommierten Alternativen Medienpreises/Sonderpreis Medienkritik. Die Zweite Aufklärung, die den Sonderpreis stiftet, hat den Medienjournalisten für seinen Artikel „Facebook rettet die Welt“ ausgezeichnet. Im Interview mit Lutz Frühbrodt äußert sich Daniel Leisegang nicht nur über Facebook, sondern auch über Medienkritik, die „Lügenpresse“ und offene Debattenkultur.

Leisegang-Urkunde in Unser Medienkritiker 2016: Daniel Leisegang von den Blättern

Diesjähriger Preisträger der Zweiten Aufklärung: Daniel Leisegang mit der Preisurkunde

Herr Leisegang, haben Sie eigentlich selbst ein Facebook-Profil?

Daniel Leisegang: Nein, ich habe kein Facebook-Profil mehr. Facebook ist ohne Frage ein gutes Werkzeug, um miteinander in Kontakt zu bleiben und Debatten zu verfolgen. Dennoch habe ich mein Konto schon vor Jahren gelöscht, und das Netzwerk fehlt mir nicht: Privat halte ich auf anderen Wegen Kontakt zu Freunden und Bekannten. Und beruflich erhalte ich Informationen zu aktuellen Themen aus anderen Quellen – ohne dass der Aufwand dadurch größer wäre. Im Gegenteil.

Und nutzen die „Blätter“ die sozialen Medien?

Die „Blätter“ haben ein Facebook-Profil. Wir sehen uns hier in einem Dilemma: Denn wenn wir unsere Leserinnen und Leser erreichen wollen, dann müssen wir dort hingehen, wo sie sich im Netz aufhalten. Und diese Orte sind heute nun einmal die sozialen Netzwerke – allen voran Facebook und Twitter. Allerdings sind wir auch in nichtkommerziellen, dezentralen Netzwerken unterwegs, beispielsweise auf Diaspora.

In Ihrem nun ausgezeichneten Artikel werfen Sie Facebook neokolonialistische Methoden vor. In diesen Tagen gerät das US-Unternehmen in die Schlagzeilen, weil es seinen Nutzern angeblich rechtslastige Nachrichten vorenthalten habe. Wie passt das zusammen?

Der aktuelle Fall zeigt einmal mehr, wie manipulativ Facebook vorgeht – bis hin zur Zensur. Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass Facebook buchstäblich von Hand gezielt Themen setzt und andere ausblendet. Allerdings sollten wir nicht glauben, dass die Algorithmen, die Facebook und andere Anbieter sonst einsetzen, neutral und objektiv sind. Auch sie wurden von Menschen programmiert und nehmen gezielt eine Priorisierung der angezeigten Inhalte vor.

 

Manipulation steht auf der Tagesordnung

Ein Ausnahmefall?

Nein, ein weiteres Beispiel ist der vermeintlich kostenlose Internetzugang, den der Konzern unter dem Label Free Basics im globalen Süden durchsetzen will. Er bietet tatsächlich nur ein Schmalspurinternet für die Ärmsten und sperrt zahlreiche Web-Dienste aus. Letztlich dient das Angebot dazu, die Nutzerzahlen von Facebook in die Höhe zu treiben. Gleichzeitig kommt der Konzern so an die Daten der Nutzer ran, selbst wenn diese nicht auf Facebook unterwegs sind, sondern andere Dienste von Free Basics nutzen.

Das alles zeigt, dass Facebook weit mehr als nur ein soziales Netzwerk ist, nämlich ein überaus mächtiger Gatekeeper, der darüber entscheidet, was seine 1,6 Milliarden Nutzer weltweit zu sehen bekommen – und was nicht. Medienunternehmen, die über eine solch immense Macht verfügen, werden üblicherweise von der Politik weitaus strenger kontrolliert und reglementiert – und mitunter auch zerschlagen.

AMP-2016-Publikum in Unser Medienkritiker 2016: Daniel Leisegang von den Blättern

Feierliche Verleihung des Alternativen Medienpreises am 13. Mai im Bildungszentrum Nürnberg. Hinten links: Moderator Peter Lokk von der Nürnberger Medienakademie.

Wie haben Sie Ihren Artikel recherchiert? Allein vom Schreibtisch aus?

Ja, in der Tat. Ich musste zumindest nicht nach Indien fahren, um meine Informationen zu erhalten. Im Gegenteil: Konzerne wie Facebook nutzen ihre vermeintlich philanthropischen Ziele ja vor allem zu Marketingzwecken. Vergleicht man diese dann mit dem unternehmerischen Handeln, wird der Widerspruch offensichtlich.

Das Ironische dabei ist: Die Silicon-Valley-Konzerne glauben meist felsenfest, dass ihre Produkte eine Lösung für die drängenden globalen Probleme bieten und dem Wohl der Menschheit dienen. Eine Ideologie, die technische Lösungen an die Stelle von demokratischer Politik setzen will, ist fatal. Das offenzulegen, halte ich gerade in der heutigen Zeit für entscheidend, in der Konzernchefs wie Mark Zuckerberg von Facebook, Elon Musk von Tesla, Jeff Bezos von Amazon oder Steve Jobs, der verstorbene Apple-Chef, verehrt werden wie Rockstars.

 

Der Anruf vom Facebook-Sprecher blieb aus

Welche Art von Reaktionen gab es auf Ihren Artikel?

Nun, ich habe viel Zuspruch für den Beitrag erhalten. Wenn Sie aber darauf anspielen, dass Facebooks Pressesprecher sich bei mir gemeldet hat, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Darum geht es mir aber auch nicht. Eher will ich die Facebook-Nutzer erreichen.

In den „Blättern“ haben Medienthemen einen kleinen, aber festen Platz. Lässt sich heute Medienkritik überhaupt noch ausüben, ohne damit mehr oder minder explizit politisch Stellung zu beziehen?

Das hängt ganz davon ab, was Sie unter Medienkritik verstehen. Wenn es darum geht, einem Journalisten unsaubere Recherchen nachzuweisen, dann ist das noch nicht explizit politisch. Wenn der Kollege in seinem Text aber eine bestimmte Linie verfolgt, weil er sich davon Vorteile verspricht oder weil er gar dafür bezahlt wird, dann wird es bereits politisch. Denn dann haben wir es mit PR und nicht länger mit unabhängigem Journalismus zu tun. Und wenn sich Werbebeiträge von redaktionellen Texten dann auch nicht länger klar unterscheiden lassen, dann gerät ab einem bestimmten Punkt auch die demokratische Öffentlichkeit in Bedrängnis.

Leisegang-Treppe in Unser Medienkritiker 2016: Daniel Leisegang von den Blättern

Leisegang ist für eine offene Debattenkultur. Dies setze jedoch eine gewisse Offenheit bei den Beteiligten voraus.

Wie das?

Besonders virulent wird es, wenn die Vermachtung der medialen Sphäre überhand nimmt – beispielsweise wenn Amazon-Chef Bezos gleich die ganze „Washington Post“ kauft oder Facebook eben den Zugang zum Internet erheblich einschränkt. Dann sind auch Grundrechte wie die Meinungs- oder die Pressefreiheit massiv bedroht.

Die „Blätter“ sind ja eher politisch links zu verorten. Nicht nur von rechts, sondern auch von links gibt es seit einiger Zeit massive Kritik an den so genannten Mainstream-Medien. Welche Haltung haben die „Blätter“ in dieser Frage?

Die Kritik an den so genannten Mainstream-Medien hat in den letzten Jahren tatsächlich massiv zugenommen. Sie ist allerdings breit gestreut: So gibt es zum einen Kritik an der Ausdünnung der Redaktionen und der zunehmenden Ausbeutung der Journalisten. Zum anderen wurde gerade den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgeworfen, unter anderem mit Blick auf den Ukrainekonflikt und die russische Politik einseitig zu berichten. Der Kritik haben sich die Anstalten zum Teil auch offen gestellt – zu Recht.

Und dann gibt es schließlich den Begriff der „Lügenpresse“. Ich glaube jene, die dieses Wort im Munde führen, geht es nicht um konstruktive Medienkritik, sondern um reine Diffamierung und Anklage der „etablierten“ Medien. Als Medienmacher nehme ich diesen dramatischen Vertrauensverlust sehr ernst. Allerdings ist mir unklar, wie ein Gespräch möglich sein soll, wenn schon zu derart feindseligen Metaphern gegriffen wird.

Sehen Sie sich insofern selbst als Teil des attackierten Mainstreams – durchaus auch positiven Sinne?

Die „Blätter“ sehe ich in dem von mir bezeichneten Sinne als gelebte Medienkritik. Die Zeitschrift erscheint im Eigenverlag – völlig unabhängig von Konzernen, Parteien, Kirchen und Verbänden. Wir verfolgen das Ziel, Themen zu analysieren und zu kommentieren, die bei anderen Medien zu kurz kommen. Dabei meiden wir die Nische – in politischer wie auch thematischer Hinsicht –, sondern peilen stattdessen inhaltliche Tiefe und eine offene Debattenkultur an. Wenn jemand Kritik an einem der Beiträge hat, dann kann er sie jederzeit in den „Blättern“ ausführen. Ich hätte nichts dagegen, wenn dieser Ansatz Mainstream würde.

© Die Zweite Aufklärung 2016 (Fotos: Frühbrodt)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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