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Unfairer Talk über faire Verteilung

Blog3 in Unfairer Talk über faire Verteilung22.08.2012 – Eines hat das neue Bündnis „Umfairteilen“ aus Gewerkschaften, Attac und der Linken schon mal geschafft: Dass höhere Steuern für Deutschlands eine Million Vermögensmillionäre in den Medien diskutiert werden. So auch in den Talkshows von Günther Jauch und Sandra Maischberger. Doch ob es volkswirtschaftlich sinnvoll und moralisch angemessen ist, dass die Reichen stärker geschröpft werden sollen, konnten beide Rede-Runden nicht beantworten – zumindest nicht mit logischen Argumenten. Immerhin, die Fürsprecher der Millionarios haben sich selbst böse entlarvt.

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Der Umgang von Moderatorin Maischberger mit der „Umfairteilung“ blieb ziemlich plakativ. Foto: : Grande/WDR

Dumm, wenn die Gäste nicht wirklich zur Sendung, also die Menschen nicht zu Maischberger passen. Der Drogeriekönig Dirk Roßmann und die Luxusklamotten-Billigverkäuferin Claudia Obert legten sich so für eine Sache ins Zeug, um die es gar nicht ging: um die Besteuerung von Unternehmen. Die Hälfte der 75-minütigen Sendung „Der Millionär hat’s schwer“ (21.8.) war schon vorbei, bis Sahra Wagenknecht feststellte, dass es die Linke und ihre politischen Klassenbrüder  wie Attac vielmehr auf den Geldadel abgesehen haben – auf diejenigen, die ihre Milliönchen durch schnöde Erbschaft und/oder durch abgezockte Anlageschäfte angehäuft haben.

Sandra Maischberger störte sich an dieser nicht ganz unwichtigen Einlassung aber kaum und versuchte ob der nun eben auf ihrer Couch sitzenden Gäste unverdrossen, weiter die (Moderations)Karte, auf der „Bringen denn Unternehmer keine Leistung?“ stand, zu spielen. Kardinalfehler Nummer zwei: Maischberger schaffte es nicht, nach dem eigentlichen Warum zu fragen. Warum Vermögensmillionäre eine Zwangsabgabe zahlen sollen? Warum Jahreseinkommen über 500.000  Euro weggesteuert werden sollen? Da musste „Umfairteiler“ Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband – diesmal immerhin schon nach 20 Minuten – erst feststellen, dass man in der Diskussion „am Thema vorbeigerasselt“ sei. Höhere Steuern seien notwendig, so Schneider, um wichtige Infrastrukturprojekte wie Kita-Plätze, bessere Bildung etc. zu finanzieren.

 

Wie ein republikanischer Präsidentschaftsbewerber aus Texas

Statt sachlich darüber zu diskutieren, ob es Alternativen bei der und zu der Staatsfinanzierung gebe, ließ Maischberger lieber ihren marktradikalen „Bullterrier“ Roger Köppel von der Kette. Der Chefredakteur der rechtsgerichteten Schweizer Zeitung „Weltwoche“ gerierte sich wie ein republikanischer Präsidentschaftsbewerber aus Texas: Alles, was mit Staatseingriffen zu tun hat (außer vielleicht Polizei und Militär), brandmarkt Köppel als „Sozialismus“ – und der sei ja schließlich gescheitert. Da wisse er die Geschichte auf seiner Seite.

Tatsächlich hatte er ideologisch aber nur die Unternehmerin und Selfmade-Millionärin Claudia Obert an bzw. auf seiner Seite. Und die wirkte genauso unfreiwillig komisch wie Köppel, dachte man doch, die ARD habe – ganz im Geiste von Scripted Reality – eine sehr schlechte Schauspielerin engagiert, die eine mit Klunkern zugehängte, bildungsferne Neureiche geben muss. Obert sprach gern über ihr eigenes Talent, um dann zu Protokoll zu geben: „Es kann nicht jeder schaffen, denn nicht jeder hat Talent.“ Aber jeder müsse es zumindest versuchen, denn: „In Deutschland gibt es keine Arbeitslosen, sondern nur Arbeitsscheue.“

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Komisch: Die Selfmade-Millionärin Claudia Obert (links). Foto: Grande/WDR

Damit richtete sie ihren Blick auf ihren Sitznachbarn Johannes Ponader, den Politischen (sic!) Geschäftsführer der Piratenpartei. Fast noch peinlicher: Maischberger entblödete sich doch tatsächlich nicht, Ponader auf Grund seines angeblichen Sozialschmarotzertums als früherer Hartz-IV-Empfänger ins Kreuzverhör nehmen zu wollen – eine Geschichte, die langsam aber sicher einen Vollbart und schon gar nichts mit der Reichensteuer zu tun hat. Ponader machte deutlich, dass er sich auf das Thema nicht einlassen wolle – womit er voll und ganz auf seiner Linie blieb, hatte er doch auch zum eigentlichen Thema der Sendung nicht wirklich etwas beizutragen außer den niedlichen Spruch „Wir wollen Armut, nicht Reichtum verhindern.“ Schön, dass „Maischberger“  wenigstens dazu beitrug, die Piraten weiter als politisches Heißluftgebläse erster Güte zu entlarven. Denn ansonsten konnte eine völlig überforderte Moderatorin am Schluss nur feststellen, „wie groß die Differenzen sind.“ Aha.

 

Jauch: Ein ständiges Hin- und Hergespringe

Während es bei „Maischberger“ wie üblich nicht sehr lange dauerte, bis alle wild gegeneinander anredeten, hatte die politische Talk-Stunde mit Günther Jauch etwas mehr Gehalt. Aber auch nur wenig mehr. „Her mit Euren Millionen – drücken sich die Reichen?“ Vom Thema der Rederunde am vorigen Sonntagabend (19.8.) hätte man sich eigentlich Gedanken über gesellschaftliche Gerechtigkeit und den Grundgesetz-Artikel „Eigentum verpflichtet“ versprechen dürfen.

Stattdessen sprangen die Diskutanten zwischen den Themen hin und her: zwei Minuten verwendeten sie auf die Frage „Ab wann beginnt Reichtum“, im Anschluss stritten sich NRW-Finanzminister Walter-Borjans (souveräner Auftritt!) und der Schweizer Botschafter in Deutschland über das geplante deutsch-schweizerische Abkommen zur Legalisierung von Steuerhinterziehung.  Dann gab es noch ein bisschen Vermögenssteuer, ein bisschen Steuerfahndung – und viel ermüdende Talkshow-Rhetorik, um die sich vor allem der „typische“ Mittelständler Thomas Stelter verdient machte: „Die Politiker müssen endlich ihre Hausaufgaben machen.“ Gähn.

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Moderation nach Schema J. Foto: Grob/ARD

Immerhin hatte der Talk auch etwas Entlarvendes: FDP-„Querkopf“ Wolfgang Kubicki empörte sich über die moralische Impertinenz der Umverteiler, um dann quasi im selben Atemzug  die Liechtensteiner Banken für ihren seriösen Umgang mit seinem Geld zu danken.  Könnte das die Kreissparkasse Kiel nicht auch leisten? Der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping schleuderte Kubicki dann auch noch entgegen, wenn sie das monatliche Netto-Einkommen auf 40.000 € begrenzen wolle, dann würde er nur noch einen Bruchteil seiner Zeit auf Arbeit verwenden. Wenn Kubicki mit Arbeit Politik meint, dann wäre ja schon mal ein guter Anfang gemacht.

Dass der Sendung letztlich Ziel und Richtung fehlten, zeigte sich auch an den Einspielern: Im ersten wurde zu rein plakativen Zwecken der Staatsverschuldung das enorme Privatvermögen in Deutschland gegenübergestellt, der Zusammenhang aber nicht wirklich herausgearbeitet. Im nächsten wurde Katja Kipping für ihre Vorschläge zur Reichensteuer lächerlich gemacht. Diese Machart ist eines seriösen Journalismus, wie ihn die ARD propagiert, absolut unwürdig. Kipping blieb cool und machte auch darüber hinaus bella figura: Indem sie immer wieder Armut und Reichtum in ein Verhältnis zueinander stellte, war sie die einzige, die dem Thema eine wirklich politische Dimension verlieh.

LF/AF

© Die Zweite Aufklärung 2012

 

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1 Comment

  1. 15. August 2013 at 15:57 — Antworten

    Eine gesonderte Reichensteuer ist ungerecht. Finanziell besser gestellte, wenn Sie nicht gerade geerbt haben, haben sich ihren Reichtum erarbeitet.
    Das erreichte Kapital ist bereits besteuert worden. Diese Personen zahlen alleine durch ihren Mehr-Konsum mehr Steuer, in dem sie mehr ausgeben.
    Mehr ausgeben heißt: Sie zahlen mehr Mwst, tragen zu mehr Konsum bei, es muss mehr produziert werden, es schafft Arbeitsplätze. Die Gesellschaft sollte darauf achten, dass das Kapital im Land bleibt und dort verbraucht wird.
    Beispiele, wie beleidigte oder schlaue Vielverdiener geruhsam in der Schweiz oder in anderem Ausland leben, gibt es genug. Michael Schumacher, Ralph Schumacher, Boris Becker, Zumwinkel, Müller (Milch) und viele mehr.
    Das sollten unsere Gesellschaft (Politik) durch geschickte Lösungen verhindern.
    Hans Spängler, 79199 Kirchzarten, Fürstenbergstrasse 2

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