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Ohne NGOs geht nichts: Eine Doku über den Kampf gegen Kinderarbeit

Blog3 in Ohne NGOs geht nichts: Eine Doku über den Kampf gegen Kinderarbeit29.5.2012 – Ist Kinderarbeit immer noch ein Thema? Leider ja. Zwar konnte die U16-Sklavenarbeit in den vergangenen zwei Jahrzehnten einigermaßen eingedämmt werden, doch mit der großen Wirtschafts- und Finanzkrise ist sie wieder unrühmlich aufgekeimt. In seinem beeindruckenden Dokumentarfilm „Kinder als Arbeitssklaven“ (Arte, 20.15-21.35) hat sich Hubert Dubois zwar etwas zu wenig mit den Tätern beschäftigt. Doch er zeigt auch, welche wichtige Rolle NGOs spielen.

In einem herunter gekommenen Vorort von Neu-Delhi müssen 50 Kinder, die meisten um die zehn Jahre alt, Reissäcke aus Plastik herstellen. Die ganz Jungen schneiden sie zurecht, die Älteren nähen sie zusammen. Was den Kindern gemein ist: Menschenhändler aus Westindien haben sie verschleppt und an die örtliche Mafia verkauft.  Doch die Aktivisten einer Nichtregierungsorganisation wollen dies nicht hinnehmen und befreien die Kinder. Der herbeigelaufene Mob, wahrscheinlich von den Mafiosi aufgestachelt, versucht, die Kinder wieder in ihre Gewalt zu bringen – und schafft dies auch bei einem Großteil. Die geretteten Kinder bringen die Aktivisten zur Polizei, wo kurz danach Vertreter des lokalen Arbeitgeberverbandes vorstellig werden, um die Kleinen wieder an die Arbeit zu rufen. Ungeheuerlich. Der Menschenrechtsaktivist Kailash Sartyarthi kann dies jedoch verhindern.

Aufwühlende Szenen, die vielleicht nicht ganz alltäglich sind, aber wohl auch nicht gerade selten vorkommen. Die Politik hat der Kinderarbeit offiziell den Kampf angesagt, aber den eigentlichen Kampf müssen oft NGOs ausfechten, zumal die Behörden – wie in Indien – nicht übermäßig kooperationsbereit und/oder korrupt sind. Hinzu kommt die bittere Erkenntnis: Auch in Schwellenländern werden nach wie vor Kinder eingespannt, wenn es kriselt. Und seit einigen Jahren, seit dem Ausbruch der großen Wirtschafts- und Finanzkrise sind eben auch in vielen aufstrebenden Ländern die guten Zeiten erst einmal vorbei.

Besonders gut, besonders schlecht: die USA

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Erste Erfolge bei der Bekämpfung der Kindersklaverei dürfen nicht darüber hinweg täuschen: Es ist noch ein langer Weg/Foto: Arte

Dies schlägt sich in Ziffern nieder: Zwar konnte die Zahl der Kinderarbeiter von 250 Millionen im Jahr 1992 auf heute 215 Millionen gesenkt werden, doch haben sich die Fortschritte seit 2005 wieder stark verlangsamt. Immer noch müssen 115 Millionen Kinder unter besonders harten und unmenschlichen Bedingungen arbeiten. Dubois zeigt einige Beispiele: Lumpensammler in der Dominikanischen Republik, Goldschürfer in Burkina Faso, Glimmer-Sucher in Indien.

Und mexikanische Landarbeiter in den USA. Die Mehrheit arbeitet dort illegal, Hunderttausende aber auch ganz legal. Denn ein 1938 verabschiedetes und seitdem nicht geändertes Gesetz stuft die Landwirtschaft als „ungefährlich“ ein und erlaubt deshalb auch Kinderarbeit. Moderne Sklaverei, könnte man sagen. Und Doppelmoral. Denn die USA sind zugleich das Land, das auf der Welt die meisten Förderprogramme finanziert, mit denen Kinderarbeit überflüssig gemacht werden soll. Immerhin, könnte man auch sagen.

Dubois‘ Film zeigt dabei aber, dass staatliche Programme bestenfalls einen Rahmen bilden und wenig bringen, wenn sie es nicht ehrenamtliche Aktivisten gibt, die sich vor Ort engagieren. In Indien sind es Profis wie der auch in Deutschland vielfach preisgekrönte  Kailash Sartyarthi. In den meisten anderen Ländern sind es kleinere Organisationen, die oft nur als „Ausputzer“ agieren und den Kindern in Einzelfällen so gut helfen, wie sie können. Die Strukturen, die zur Kinderarbeit führen, können sie dagegen kaum aufbrechen.

Bis 2016 soll die Kinderarbei abgeschafft sein – ein realistisches Ziel?

Dies spricht Dubois in seinem Film nur sehr kurz an. Was legitim ist, denn er hat ihn als Reportage gedreht, der das ganze Elend einfach zeigt und eher selten kommentiert. Immerhin weiß Kailash Sartyarthi, wie das Spiel geht. Wenn er einen Sweatshop aushebt, geht er danach an die Wurzel des Übels. In der Regel sind es „nur“ Zulieferer von Großunternehmen, die in Kinderarbeit gefertigte Produkte direkt nutzen. Am Ende der Kette stehen jedoch meist internationale Konzerne, die Sartyarthi in die Verantwortung nimmt. Ihr Qualitätsmanagement müsse es auch möglich machen, bis zu den Zulieferern die Produktionsbedingungen zu kontrollieren, meint der Menschenrechtler. Sartyarthi findet tatsächlich oft Gehör in den Konzernzentralen – dabei hilft ihm sein Status.

Kein Wunder, wenn der indische Aktivist optimistisch ist, dass Kinderarbeit in einigen Jahren der Vergangenheit angehört  – wenn auch wohl deutlich später als 2016, dem Datum, das 1999 über 170 UN-Mitgliedsstaaten vereinbart haben. Dass es aber überhaupt so weit kommt, dazu tragen sicher Filme wie die von Dubois bei. Sie stoßen uns mit der Nase darauf, dass wir zwar bei Sportschuhen vielleicht wieder einigermaßen ruhigen Gewissens zugreifen können, längst nicht aber bei allen Produkten, die aus bestimmten Ländern stammen.

Lutz Frühbrodt

© Die Zweite Aufklärung 2012

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