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Nutzen statt Besitzen

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08.11.2012 – Gemeinschaftlicher Konsum richtet sich an alle, denen „Sein“ und „Tun“ wichtiger ist als schnödes „Haben“: Anstatt ständig neue Dinge zu kaufen, kann man ebenso gut nach Möglichkeiten zum Tauschen, Teilen, Mieten und Verschenken Ausschau halten – und davon gibt es mittlerweile viele. Dies zeigt die neue Studie „Nutzen statt Besitzen“ der Heinrich-Böll-Stiftung.

Fast jeder Haushalt besitzt eine Bohrmaschine, doch durchschnittlich kommt diese nur für ein paar Minuten pro Jahr zum Einsatz. Muss man also alles, was man – zumal selten – benutzt, auch besitzen? Bei gemeinschaftlichen Nutzungskonzepten können stattdessen bestimmte Konsumgüter deutlich intensiver und effizienter  gebraucht werden. Die Idee hat in letzter Zeit deutlichen Auftrieb bekommen durch Car-Sharing-Modelle, Kleidertauschbörsen, Werkzeugverleih, Wohnungstausch und vieles mehr; dem Internet sei dank für die gute Zusammenführung von Angebot und Nachfrage. Doch der neue Trend kann sich auch auf etablierte Vorläufer berufen wie Bibliotheken oder Reitpartnerschaften.

„Teilen statt ausbeuten“ lautet das Motto beim gemeinschaftlichen, ressourcensparenden Konsum. Foto: Gerd Altmann / Shapes:All silhouttes.com / Pixelio

Die neue Böll-Studie „Nutzen statt Besitzen“ beschreibt zahlreiche   Fallbeispiele und Potenziale und listet im Anhang zahlreiche konkrete Projekte auf. Diskutiert haben darüber am 7.11. in Berlin

  • Holger Rohn (verantwortlicher Autor der Studie beim Wuppertal-Institut),
  • Oliver Tschimpke (Naturschutzbund Deutschland), der nicht nur auf die Begrenztheit unserer Planeten hinwies, sondern auch auf das Bedürfnis vieler Leute, sich bei sinnvollen Projekten zu engagieren.
  • Thomas Gambke (MdB Bündnis 90 / Die Grünen): Er ist Mitglied in der Bundestags-Enquete-Kommission Wohlstand, Wachstum, Lebensqualität und regte ordnungspolitische Flankierungen für die neuen Konsummodelle  an.
  • Martin Huber, der mit der Online-Tauschbörse „Kleiderkreisel“ in den letzten Monaten seine Nutzerzahlen beinahe verdoppelt hat auf gegenwärtig ca. 380.000.

Wenn die Heinrich-Böll-Stiftung zu einer Veranstaltung einlädt, dann pflegen viele der Teilnehmer in selbstgestrickten Socken zu erscheinen und das Thema Ökologie wird immer hoch gehalten. Gerade die neue, ressourcensparende Konsumkultur des Teilens besticht durch ihre Umweltverträglichkeit. Allerdings räumte selbst die Böll-Stiftung etwas zerknirscht ein: „Ökologie“ verfängt nicht als Schlagwort, um den Gemeinschaftskonsum in der breiten Masse attraktiv zu machen.

Man mag das damit erklären, dass viele Leute beim Stichwort Umwelt in erster Linie an erhobene Zeigefinger und freudlose Selbstbeschränkung denken. Und dass der Mensch manchmal dazu neigt, sein Leben lieber an kurzfristigen Vorteilen als an langfristigen Verbesserungen auszurichten und die Schonung der natürlichen Ressourcen für viele ohnehin ein recht abstraktes Gut ist. Also machen die Gemeinschafts-Konsum-Projekte lieber mit anderen Stichworten Werbung: sich von Besitz-Ballast befreien, Gemeinschaften pflegen, Geld sparen.

Gerade der letzte Punkt kann sich allerdings schnell in einen negativen Aspekt, einen sogenannten „Rebound-Effekte“, umkehren: Häufig wird das Geld, das man durch die Leih-Modelle eingespart hat, nur wieder in neuen, zusätzlichen Konsum investiert, was nicht unbedingt Sinn der Sache ist.

Denn der Gemeinschaftskonsum könnte eigentlich mehr darstellen als nur eine Ergänzung unserer bunten Marktwirtschaft: Nämlich die Rückbesinnung auf den praktischen Nutzen eines Produkts, befreit von Status- und Prestige-Gehabe und dessen ganzer psychologischer und sozialer Überhöhung. Dass dafür ein wichtiger gesellschaftlicher Mentalitätswechsel vonnöten ist, der im Gegensatz zu unserer schillernden Konsumkultur und wirtschaftspolitischen Wachstumsfixierung steht, kam bei der Veranstaltung leider zu kurz.

Dennoch: Die vielen bestehenden Projekte für geteilten Konsum stimmen optimistisch. Sie zeigen, dass  Vertrauen und Gemeinschaft eine wichtigere Rolle spielen können als Geld und Besitz. Und sie laden dazu ein, diese Erfahrung ganz persönlich auszuprobieren und weiterzugeben.

Die Studie „Nutzen statt Besitzen“, hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung, Oktober 2012, steht hier zum Download bereit:
http://www.boell.de/downloads/Endf_NutzenStattBesitzen_web.pdf

Annette Floren

© Die Zweite Aufklärung 2012

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