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Krautreporter-Interview: „Wir wollen, dass unseren Lesern der Laden gehört“

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Vor einem Jahr, am 13. Juni 2014,  ist das Online-Projekt Krautreporter mit großer Fanfare an den Start gegangen. Ein Projekt, das ganz unabhängig von den etablierten Medienhäusern entstanden ist und das den User wieder zum Leser machen wollte – mit langen Hintergrundgeschichten. Es gab viel Vorschusslorbeeren, aber es war auch bald von einem großen Medienhype die Rede.  Ein Jahr Krautreporter – was nun? Lutz Frühbrodt sprach mit Philipp Schwörbel, dem Geschäftsführer des Medienunternehmens, das bald eine Genossenschaft werden soll.

 

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„Wir stehen für einen neuen community-powered journalism.“

Zweite Aufklärung: Die Krautreporter sind angetreten mit der Behauptung: „Der Online-Journalismus ist kaputt.“

Philipp Schwörbel: Ja, weil viele Medien nur auf Klicks und Reichweite aus sind und das Auswirkungen hat auf die Art, wie Journalismus entsteht und gemacht wird. Für dieses Motto haben wir viel Aufmerksamkeit, aber auch viel Kritik bekommen.

Wohl aber auch dafür, dass Sie zugleich angekündigt haben, den Online-Journalismus neu zu erfinden. Was ist wirklich neu an Krautreporter.de?

Schwörbel: Wir haben nie behauptet, den Online-Journalismus neu zu erfinden. Wir wollen aber – und das ist ja auch schon eine ordentliche Ansage – einen Beitrag leisten, guten Journalismus möglich zu machen. Natürlich haben wir mit unserer Kampagne auch viele Erwartungen geweckt, die wir nicht erfüllen konnten. Wir haben im vergangenen Jahr viel experimentiert, vieles ist geglückt und Fehler haben wir auch gemacht. Fehler, die andere, die uns mit ähnlichen Ansätzen nachfolgen, nicht mehr machen müssen. Aber wir haben ein journalistisches Modell etabliert, das sich der typischen Reichweiten-Logik entzieht.

Ihnen ist es also egal, ob Sie Leser haben oder nicht?

Schwörbel: Nein, ganz im Gegenteil. Wir wollen aber Reichweite nicht für Werbekunden, sondern allein in Hinblick auf die Interessen unserer Leserschaft herstellen. Was wir mit Fug und Recht von uns sagen können: Wir sind Vorreiter für einen Journalismus, der allein getrieben und getragen ist von seinen Lesern und Abonnenten – nicht von Anzeigen. Wir stehen für einen neuen community-powered journalism. Wir haben zum Beispiel mit mehreren Ökonomen zusammen eine Reihe volkswirtschaftlicher Texte gemacht, die nicht die gleiche Qualität aufgewiesen hätten, wenn unser Autor sie allein recherchiert hätte. Gerade starten wir eine Krautreportage über “Sicherheiten von Fabriken in der Nachbarschaft“, bei der unsere Leser auch zum Mitmachen aufgefordert sind.

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„Wir haben auch Fehler gemacht.“

Heute heißt es oft, der Journalist müsse, um erfolgreich zu sein, sich selbst zur Marke machen. Die Krautreporter haben dies auch versucht – mit Erfolg?

Schwörbel: Wir wollten in der Tat nicht die Marke Krautreporter, sondern unsere  Autorinnen und Autoren in den Vordergrund stellen. Deshalb sind wir zunächst als eine Art Kollektiv von 25 Autoren aufgetreten. Ohne diese Gruppe hätte das Crowdfunding vor einem Jahr nicht so gut geklappt. Doch auf Dauer hat das so nicht funktioniert.

Also zu viele Diven aufeinander?

Schwörbel: Nein. Das ist eher ein Organisationsproblem, denn alle Autorinnen und Autoren sind gut und wissen, was sie tun. Nur stimmte die Mischung nicht immer so. Deshalb haben wir die Krautreporter-Redaktion mit dem Chefredakteur, der Textchefin und Dokumentarin im Frühjahr um zwei feste freie Redakteurinnen und einen festen freien Redakteur ergänzt. Jetzt verfügen wir im Kern über eine Maschine, die rund läuft und die wir mit Beiträgen unserer Autorinnen und Autoren ergänzen können.

Zur Finanzierung: Die Ressourcen aus der ersten Runde, rund eine Million Euro, dürften bald aufgebraucht sein. Was dann?

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„Wir brauchen mindestens 6.000 Abonnenten.“

Schwörbel: Wir haben in unserer ersten Runde 15.000 Abonnenten gewinnen können. Im Laufe des Jahres sind noch 3.000 weitere dazu gekommen. Um uns weiter finanzieren zu können, bräuchten wir mindestens 6.000 Abonnenten. In Idealfall wird uns die Hälfte der bisherigen Abonnenten treu bleiben. Die Kampagne startet in den nächsten Tagen.

Wieso dann die geplante Umwandlung von einer GmbH in eine Genossenschaft? Eifern die Krautreporter der taz nach?

Schwörbel: Die taz ist natürlich ein Vorbild. Die geplante Umwandlung in eine Genossenschaft ist für uns der nächste logische Schritt. Wir wollen nicht nur durch unsere Leser finanziert werden, wir wollen, dass unseren Lesern der Laden auch gehört. Das sichert die Unabhängigkeit von Krautreporter.  Mit den Beiträgen der Genossenschaftsmitglieder könnten wir zudem Investitionen tätigen, um die Ertragslage von Krautreporter dauerhaft zu verbessern. So wollen wir zum Beispiel dafür sorgen, dass wir auf dem Smartphone besser abrufbar sind.

© Die Zweite Aufklärung 2015 (Text und Fotos)

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Prof. Lutz Frühbrodt

Prof. Lutz Frühbrodt

Lutz Frühbrodt ist seit 2008 Professor für "Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation" an der Hochschule Würzburg-Schweinfurt. Zahlreiche Veröffentlichungen zu kommunikations- und wirtschaftspolitischen Themen. Spezialgebiet Mediensoziologie. Zuvor ein knappes Jahrzehnt Wirtschaftsreporter bei der "Welt"-Gruppe - als Teilstrecke seines Marsches durch die Institutionen. Promotion als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität in seiner Heimatstadt Berlin. Volontariat beim DeutschlandRadio Kultur.

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