Blog

Sapere aude! Auch Heiner Geißler fordert eine zweite Aufklärung

Printfriendly-pdf-button-nobg in Sapere aude! Auch Heiner Geißler fordert eine zweite Aufklärung

20120622-buchcover-geissler-182x300 in Sapere aude! Auch Heiner Geißler fordert eine zweite Aufklärung22.06.2012 – Heiner Geißler macht sich Luft: Die Politik hat ihre Gestaltungskraft verloren, Politiker mutieren zu Getriebenen von Kapitalinteressen, soziale Ungerechtigkeit und Unzufriedenheit bei den Bürgern sind die Folge. Gebraucht werde daher eine Revolution im Denken und Handeln, eine neue Aufklärung, deren Anfang er bereits für gemacht hält. In seinem Buch agiert Geißler eher mit dem Säbel als mit dem Florett, doch er zeigt: Aufklärung und lebendige Demokratie gehören zusammen.

Wir brauchen eine neue Aufklärung, fordert Geißler, weil der Mensch im Jahr 2012 immer noch oder schon wieder in Knechtschaft lebe. Die Herrschenden aus der Finanzindustrie, den Ministerien und den klerikal-fundamentalistischen Kreisen haben nach Geißlers Ansicht das Geld und die Medien zur Verfügung, um das Denken der Menschen zu manipulieren.

Dem setzt Geißler – der zu den sehr wenigen Personen gehören dürfte, die gleichzeitig CDU- und Attac-Mitglied sind – seine eigene Auffassung von der Aufklärung entgegen. Die beinhaltet nicht nur einen kritischen Geist und wachen Verstand, sondern auch ethische Maßstäbe, die „Vernunft des Herzens“, Empathie und Solidarität. In vier großen Kapiteln nimmt er sich die Aufklärungs-Verhinderer unserer Zeit vor: Den Absolutismus der Ökonomie, den Absolutismus der katholischen Amtskirche und des Islam und die autoritären Strukturen der Politik. Als Gegenmodell skizziert er den bürgerlichen Widerstand, die couragierte Zivilgesellschaft. Der heutige „Wutbürger“ – siehe Stuttgart 21 – sei der wahrhaft aufgeklärte Bürger, wenn er sich nicht mehr am Ring in der Nase durch die politische Manege ziehen lasse. Sein Schlusswort bildet ein hoffnungsfrohes Plädoyer für eine neue Werteorientierung, jenseits von reiner Gewinnmaximierung, und eine Politik der Aufklärung ohne Beschwichtigungen, Halbwahrheiten und Lügen.

Wenn man Geißlers Forderung nach einem kritischen Verstand allzu wörtlich nimmt, dann könnte man an seinem Werk ein paar Dinge aussetzen. Die Politiker-Schelte im Politiker-Buch wirkt teilweise abgedroschen. Hinlänglich bekannt sind die geschilderten Krisenphänomene des Kapitalismus. Themen wie Bildung und Medienvermittlung bleiben dagegen fast völlig ausgeblendet, obwohl sie im Zusammenhang mit der Aufklärung keine geringe Rolle spielen. Und wenn Geißler vor allem zum Schluss hin ins Pathetische abdriftet, mag man sich fragen, ob hier der 82-jährige Geißler die deutsche Antwort auf den 94-jährigen Franzosen Stephane Hessel („Empört Euch!“ / „Engagiert Euch!“) geben will, um an dessen Erfolge anzuknüpfen.

Trotzdem vermittelt Geißler mit seinem Appell „Sapere aude!“ – „Habe Mut, zu denken!“ eine wichtige Botschaft. Während er in den 80er Jahren als CDU-Generalsekretär mit Wonne gegen die politische Linke polemisierte, betont er jetzt, dass „absolutistische Strukturen“ nicht nur ein Feindbild der ersten Aufklärung im 18. Jahrhundert waren. Sie bestehen auch in der Gegenwart und kommen in ständig neuem Gewand daher. Gemeinsam ist ihnen die Tendenz, über die Köpfe der Menschen hinweg Dinge zu entscheiden und scheinbar unumstößliche Werte oder Sachzwänge vorzugeben.

Mit dem Vokabular der Aufklärung formuliert Geißler es überdeutlich: „Die Bürgerinnen und Bürger werden entmündigt von Politikern, die selber durch die Finanzindustrie entmündigt worden sind.“ Unter diesen Voraussetzungen müsste die Demokratie langsam aber sicher zu einer leeren Hülle verkommen. Um dem etwas entgegenzusetzen, braucht es nicht nur politischen Aktionismus, sondern auch ein politisch aufgeklärtes Denken.

Heiner Geißler: Sapere aude! Warum wir eine neue Aufklärung brauchen.
Ullstein Verlag. März 2012. 160 Seiten. 16,99 €.

Annette Floren

© Die Zweite Aufklärung 2012

Keine Tags zu diesem Beitrag.
Previous post

Die große Flut: Zum 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau

Next post

Widerstand muss sexy sein: Fünf Thesen zur Erfolgsstrategie von NGOs

Annette Floren

Annette Floren

Annette Floren ist studierte Geisteswissenschaftlerin und heute Projektmanagerin / Prokuristin eines Berliner IT-Unternehmens, wo sie unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Anfang 2014 rundete sie ihr Profil als Kommunikationsexpertin mit dem Abschluss "PR-Referentin / PR-Beraterin" ab. Ihr Credo im Job und bei der Zweiten Aufklärung: "Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Annette Floren behandelt bei der Zweiten Aufklärung insbesondere Themen wir saubere PR, CSR, Gutes Leben.