Zweite Aufklärung

Die große Flut: Zum 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau

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Foto: Wikicommons

20.6.2012 – Die berühmteste und meistzitierte Aussage, die Jean-Jacques Rousseau zugeschrieben wird, lautet: »Rétour à la nature!« (»Zurück zur Natur!«). Sie ist geradezu zu einer Formel für sein gesamtes Werk, für seine Philosophie geworden. Dabei hat Rousseau, der am 28. Juni 300 Jahre alt geworden wäre, das Wort in dieser Form nie gesagt, und man wird es in seinen Schriften vergeblich suchen. Unbestreitbar aber ist, dass Rousseau von Anfang an nicht müde wurde, die Verderblichkeit der Zivilisation zu beklagen und den unverfälschten Naturzustand als Maß aller Dinge zu verherrlichen.

Von Hanjo Kesting*

Rousseau war der erste, der den Kampf gegen die Selbstentfremdung des Menschen durch die moderne Zivilisation führte, ja der die Zivilisation insgesamt für einen Irrweg erklärte. Dieser Schlüsselgedanke durchdringt bereits die erste Schrift, die Abhandlung über die Wissenschaften und Künste, die er 1750 publizierte, auf der Höhe des Jahrhunderts, das man bei uns das aufgeklärte nennt und in Frankreich mit dem Namen »lumières« bezeichnet. Die Schrift wirkte bei ihrem Erscheinen auf geistigem Gebiet wie eine Naturkatastrophe im physischen Bereich: sie durchbrach alle Dämme und fegte wie ein Sprengsatz die herkömmlichen Denkgewohnheiten hinweg.

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Das Theater als Sinnbild der höfischen Prunkgesellschaft/Foto: K.W. Müller – pixelio.de

Zweifellos hatte Rousseau die höfische Gesellschaft von Versailles vor Augen, auch wenn er sie nicht direkt beim Namen nannte. Ihre Etikette galt in Europa als Vorbild des zivilisierten Umgangs schlechthin, zugleich auch als Modell des trügerischen Scheins, von Verstellung, Heuchelei, vorgetäuschter Höflichkeit und heimlicher Mißgunst, nicht zuletzt der Überkultiviertheit, und ihre Lebensform des Müßiggangs galt Rousseau als aller Laster Anfang. Damit zielte Rousseau auf einen der fundamentalen Mißstände des ancien régime, die vierzig Jahre später zur Revolution führen sollten: die Ausbeutung der Bauern und des dritten Standes durch Hof, Adel und Klerus.

Sonderbarerweise führt er diese auf seine eigene Zeit bezogene Kritik aber nicht weiter aus. Vielmehr macht er die Zivilisation nicht bloß in ihren Auswüchsen, sondern an und für sich für die Mißstände verantwortlich, in allen ihren Merkmalen und historischen Erscheinungsformen. Das ist insgesamt charakteristisch für Rousseaus Denkweise: er geht nicht, wie andere Aufklärer, voran Voltaire und Diderot, von empirischen Tatbeständen aus und gelangt von dort zu allgemeinen Schlußfolgerungen, sondern er stellt allgemeingültige Prinzipien auf, die er dann auf die Erfahrungswelt anwendet.

 

Die Früchte gehören allen – der Boden aber niemandem

Ein solches Prinzip ist die Idealisierung und Verherrlichung des Naturzustandes, dessen Negation die entwickelte Zivilisation darstellt. Noch knapper, die Natur ist das Positive, die Kultur das Negative; der Sündenfall geschieht dadurch, daß der Mensch sich überhaupt vergesellschaftet. Dieses Muster meinte Rousseau in allen früheren Kulturen zu erkennen. Insofern weist Rousseaus Denken, das den Menschen für von Natur aus gut erklärt und in diesem Sinn den Optimismus lehrt, auch einen pessimistischen, sogar fatalistischen Zug auf. Nirgends erblickte Rousseau geschichtliche Entwicklung, nur bloße Wiederholung des immer gleichen Kreislaufs, von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche. Die wahre Tugend und Einfalt sah er nur in Sparta und bei den alten Germanen verwirklicht.

Die Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit beginnt mit den selbstgewissen Sätzen: »Der erste, welcher ein Stück Land umzäunte, es sich in den Sinn kommen ließ zu sagen: Dieses ist mein, und einfältige Leute fand, die es ihm glaubten, der war der wahre Stifter der bürgerlichen Gesellschaft. Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, wieviel Elend und Greuel hätte der dem Menschengeschlecht erspart, der die Pfähle herausgerissen, den Graben zugeschüttet und seinen Mitmenschen zugerufen hätte: ›Glaubt diesem Betrüger nicht; ihr seid verloren, wenn ihr vergeßt, daß die Früchte allen gehören, der Boden aber niemandem!‹«

In der staatlichen Ordnung wird der Mensch in Fesseln gelegt, Bereicherung auf Kosten des anderen wird zum gesetzlichen Recht. Dieses Recht ist willkürlich und tyrannisch, ist gesetzlich bemäntelte Gewalt, die gegen das Naturrecht verstößt: sie rechtfertigt die Gegengewalt, die revolutionäre Tat.

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Foto: iStock

Bereits durch Form und Sprache sichert Rousseau seiner Beweisführung den Anschein von Unwiderstehlichkeit. Aus dem Eigentum, so argumentiert er, ist die Ungleichheit entstanden, aus ihr der Reichtum, aus dem Reichtum der Luxus, der wiederum die Ausbeutung anderer Menschen im Gefolge hat, gefördert und geschützt durch die Gesetze zum Schutze des Eigentums, ja durch die gesamte politische Ordnung. Solange der Mensch in seiner Hütte lebte, war er wunschlos glücklich und frei; in der staatlichen Ordnung dagegen wird er in Fesseln gelegt, Bereicherung auf Kosten des anderen wird zum gesetzlichen Recht. Dieses Recht ist willkürlich und tyrannisch, ist gesetzlich bemäntelte Gewalt, die gegen das Naturrecht verstößt: sie rechtfertigt die Gegengewalt, die revolutionäre Tat. So gelangt Rousseau auf wenigen Seiten zu weitreichenden Schlußfolgerungen: seine Schrift war eine Kriegserklärung an die bestehende Gesellschaft.

 

Allein unter Aufklärern: Der Bruch mit Diderot und Voltaire

Er hat sich damit nicht überall Freunde gemacht, weder bei den staatlichen Instanzen noch auch bei seinen aufgeklärten Mitstreitern. Schon bald folgte der Bruch mit dem einstigen Freund Diderot, seiner Gönnerin Madame d’Épinay, dann auch mit d’Alembert und Voltaire. Die These von der Güte und Idealität des Menschen im Naturzustand fand bei Voltaire nur Spott. Als Rousseau ihm seine Schrift übersandte, antwortete er sarkastisch, man bekomme wahrhaftig Lust, sich auf alle viere niederzulassen. Für Voltaire gab es niemals einen Zweifel, daß es die Bestimmung des Menschen sei, vom Baum der Erkenntnis zu essen. Rousseau aber gab dem Lebensbaum den Vorzug und begründete es mit den Worten: »Ich scheue mich nicht, zu behaupten, daß das Nachdenken ein widernatürlicher Zustand und ein grübelnder Mensch ein entartetes Tier sei.«

Solche Sätze, geeignet den Spott eines Voltaire zu provozieren, fanden bei vielen Zeitgenossen stürmische Zustimmung. Friedrich Sieburg hat Rousseaus Wirkung mit einer großen Flut verglichen: »Zuerst ist es nur ein Wasserlauf, der die bescheidene Landschaft, die er durchfließt, zu verschönern scheint. Bald aber bildet sich ein Strom, der sich durch die Landschaft zwängt, Hindernisse beiseite schiebt, Berge durchbricht und alles, was sich ihm in den Weg stellt, brausend davonträgt. Schließlich bedeckt die Flut das ganze Jahrhundert, und wenn die Wasser sich verlaufen haben, taucht eine neue Welt auf, die ihre Fruchtbarkeit und Zerstörungskraft für die Dauer unseres Zeitalters nicht verlieren wird.«

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Zurück zur Natur – ein Motiv, das unsere Kultur bis heute begleitet. Foto: D. Schelpe/pixelio.de

Das Bild der Flut beschwört den Gedanken einer reinigenden Sintflut, die das Überkommene, Morsche, Veraltete, Verderbte zerstört und auslöscht, damit eine neue Welt aus solcher Zerstörung hervorgehen kann. Das Bild ist aber auch geeignet, die großartige, ja einmalige Schöpferkraft Rousseaus zu beschreiben, die sich nun überallhin ergießt und sich dabei in vier Strömen sammelt, die in völlig verschiedene Richtungen fließen. In nur wenigen Jahren entstehen vier Bücher, die die Mitwelt elektrisieren und auch die Nachwelt auf unabsehbare Zeit beschäftigen und bestimmen. Da ist zunächst der Briefroman Julie oder Die neue Héloïse, der 1759 in Paris erscheint, da ist die Staats- und Gesellschaftslehre mit dem Titel Le Contrat social, 1762 ebenfalls in Paris publiziert, und da ist, im selben Jahr 1762, aber mit Amsterdam als Erscheinungsort, der Roman Émile oder Über die Erziehung.

Es sind Bücher, so unterschiedlich ihrer Thematik, so heterogen ihrer Form nach, daß man es nicht für möglich hält, ein und derselbe Verfasser habe sie hervorgebracht. Rousseau tritt gleichzeitig als Romancier, Staatstheoretiker und Pädagoge auf und schafft für alle diese Bereiche die für lange Zeit gültigen Muster. Und am Ende dieses gloriosen Jahrfünfts seines Schaffens geht er noch daran, seine Lebensgeschichte zu verfassen, die berühmten Bekenntnisse, die erst postum erscheinen, aber von Anfang an das Modell bilden für autobiographisches Schreiben.

 

Revolution und Romantik – Rousseaus „allgemeiner Wille“

Was hat Rousseau dazu befähigt, sein Genie in so unterschiedliche Spektralfarben zu zerlegen? Wirklich erklären läßt es sich nicht, doch kann man vermuten, daß Denken, Dichten und Fühlen bei ihm nicht streng getrennte Bereiche waren: seine Logik wurde vom Rausch angetrieben, von einer Subjektivität, die eine andere Erfahrung als die eigene nicht brauchte, um schöpferisch zu werden. Nicht zuletzt war er ein großer Schriftsteller, der alles wahr machte durch die Kraft seiner Sprache.

Darauf beruht Rousseaus mitreißende Gewalt, seine Verführungskraft, seine Suggestivität, darauf beruht auch seine innere Ambivalenz, seine Zerrissenheit, seine Widersprüchlichkeit. Er ist ein Aufklärer, der wider die Aufklärung zu Feld zieht, ein Philosoph, der die Unwissenheit preist, ein Intellektueller, der den Geist geringschätzt, ein Aktivist, der die Idylle verherrlicht, ein Revolutionär, der nicht vorwärts stürmt, sondern einen vermeintlichen Naturzustand zurückwünscht, nicht zuletzt ein Verächter der Rhetorik von hinreißender Beredsamkeit.

War Rousseau der Vater der modernen Demokratie? Oder der Vordenker des totalitären Staates? Liberale wie sozialistische Theoretiker können sich auf ihn berufen, denn die Fragen von Freiheit und Gleichheit hat er bis auf den Grund durchdacht.

Erich Köhler, der bedeutende Romanist, hat Rousseau den geistigen Vater zweier nur scheinbar unähnlicher Kinder genannt: einmal der Romantik, zum anderen der Revolution. Der Schlüsselbegriff seiner Staatslehre lautet »volonté générale«, »allgemeiner Wille«, er bedeutet die Zusammenfassung aller individuellen Willen in einem Allgemeinwillen. Wer aber stellt den Allgemeinwillen fest? Und was geschieht, wenn ein Einzelwille mit dem Allgemeinwillen in Konflikt gerät? Schließlich: wie läßt sich der Allgemeinwille überhaupt ermitteln? Denn Rousseau unterscheidet scharf zwischen dem Mehrheitswillen, der sich durch Abstimmung ermitteln läßt, und dem Allgemeinwillen, in dem die Einzelinteressen aufgehen und verschmelzen. Der Allgemeinwille, »volonté générale«, ist ein schillernder Begriff, idealistisch und hochherzig gedacht, immer das Gute wollend, auf das Ganze zielend, aber er läßt den abweichenden Einzelwillen nicht zu. Im Zweifel wird man den dissidenten Einzelnen zu seinem Glück, d. h. zur Übereinstimmung mit dem Allgemeinwillen, zwingen müssen.

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Portrait Rousseaus in der Natur. Foto: Hulton Archive / istockphoto

Der ungelöste Widerspruch seiner Gesellschaftslehre ist Rousseau selber nicht verborgen geblieben. Um ihn zu lösen oder zu mindern, entwickelte er in seinem Émile ein pädagogisches Konzept, das bei den Unmündigen ansetzt und auf eine Erziehung abzielt, die eine Divergenz zwischen dem individuellen Willen und dem Allgemeinwillen gar nicht erst entstehen läßt. Wieder ein grandioser Anfang: »Alles ist gut, wenn es aus den Händen des Urhebers der Dinge kommt; alles entartet unter den Händen des Menschen.« Der Roman Émile war das Grundbuch einer neuen Erziehungslehre, einer Pädagogik, die das Kind als den sogenannten »natürlichen Menschen« in den Mittelpunkt rückte. Seine Wirkung war immens, sie reicht von Pestalozzi am Ende des achtzehnten Jahrhunderts bis in die reformpädagogischen Konzepte des zwanzigsten. Damit hat Rousseau der Pädagogik, nimmt man alles in allem, einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

 

Früher Padägoge und erster Grüner

So ist denn auch kaum ein Schriftsteller so verherrlicht, kaum einer so verabscheut worden wie Rousseau. Samuel Johnson hielt ihn für »einen der schlechtesten Menschen« und wollte ihn in die Strafkolonie schicken; Kant, Schiller und Goethe haben seine epochale Rolle anerkannt, desgleichen Schopenhauer, der Rousseau »den tiefen Kenner des menschlichen Herzens« nannte. Nietzsche wiederum schmähte Rousseau als »Mißgeburt, welche sich an die Schwelle der neuen Zeit gelagert hat«, während Claude Lévi-Strauss, der große Ethnologe, schrieb: »Rousseau, unser Meister, Rousseau, unser Bruder, gegen den wir so viel Undankbarkeit gezeigt haben.«

So schwankt das Bild Rousseaus in der Geschichte, und das gilt gleichermaßen für seine Person wie für sein Werk, ganz abgesehen von seiner ungeheuren, aber tief zwiegespaltenen Wirkung. War er der Vater der modernen Demokratie? Oder der Vordenker des totalitären Staates? Liberale wie sozialistische Theoretiker können sich auf ihn berufen, denn die Fragen von Freiheit und Gleichheit hat er bis auf den Grund durchdacht. Aber da es ihm nicht gelang, die Lücke zwischen Freiheit und Gleichheit, die sich hinter dem Wort »Brüderlichkeit« auftut, zu schließen, so sind auch die Gesellschaften, die auf Rousseau folgten, die Antwort auf diese Frage schuldig geblieben.

Vollends Rousseaus Zivilisationskritik ist niemals veraltet und hat im Zeitalter drohender Klimakatastrophen neue Aktualität erhalten. Rousseau steckt in den ökologischen Diskursen der Gegenwart, im Zweifel an Gentechnik und Biowissenschaften, in den Ängsten über die Hypertrophie des technisch Machbaren, im Kampf gegen die Ideologie des Wachstums auf Kosten der natürlichen Ressourcen, im Abscheu über die Anhäufung von privatem Reichtum und die obszöne Vermehrung des Luxus, er steckt in allen Gedanken und Konzepten, die man im weitesten Sinne »grün« nennt: ein Grüner avant la lettre, hat er die ungelösten Widersprüche am Anfang der Moderne durchdacht und durchlitten.

Quelle: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, Juni 2012.

* Vom Kulturpublizisten Hanjo Kesting ist soeben erschienen: „Grundschriften der europäischen Kultur: Erfahren, woher wir kommen“. Wallstein-Verlag, Göttingen. Drei Bände, 1200 Seiten. Preis: 34,90 Euro.

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