Zweite Aufklärung

Die Gegenaufklärer und ihre Argumente – eine Zeitreise, Teil 1

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Foto: G.Altmann/pixelio.de


Seit ihrem Beginn im 18. Jahrhundert sah sich die Aufklärung immer wieder Kritik, ja Anfeindungen ausgesetzt – teils aus machtpolitischen Motiven, teils aber auch in Folge einer aufrichtigen intellektuellen Auseinandersetzung. Einige Kritikpunkte haben durchaus Berechtigung – vor allem wenn sie sich gegen die ökonomische Instrumentalisierung freiheitlichen Gedankenguts richten. Doch ist es schon der Weisheit letzter Schluss, wenn Philosophen dem Vernunftprinzip einfach Glaube und Gefühl entgegenstellen? Teil 1: Von Edmund Burke über Friedrich Nietzsche bis Adorno und Horkheimer.

Kaum geriet aufklärerisches Gedankengut in öffentlichen Umlauf, bekämpften es Staat und Kirche auch schon – mit Verfolgung, Zensur, Verleumdung. Als die Aufklärung Mitte des 18. Jahrhunderts immer mehr Bedeutung im öffentlichen Diskurs gewann, sahen sich jedoch auch die staatstreuen Intellektuellen genötigt, sich mit der Materie ernsthaft auseinander zu setzen.

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Erzkonservativ: Edmund Burke

In Großbritannien erkannte zwar Edmund Burke (1729-1797), der „Vater des Konservatismus“,  das aufklärerische Vernunftprinzip zumindest partiell an, betonte aber die vermeintliche Ungleichheit der Menschen und leitete davon die „göttliche Ordnung“ der adelsgestützten Monarchie ab.

In Preußen wetterte unter anderem der Philosoph Johann Georg Hamann (1730-1788) gegen die Aufklärung. Sein hanebüchener Anwurf, ein allzu rigider Vernunftglaube führe zur Ausbildung autoritärer Strukturen und damit zur Bevormundung der Menschen, war das klassische Totschlagargument seiner Zeit. Und absolut grotesk: Denn mit Hilfe der Aufklärung sollte ja gerade die Bevormundung aufgehoben werden.

Interessanterweise ist dies ein Vorwurf, der bis in die heutige Zeit immer wieder formuliert wird. Das Argument ist gestern wie heute gleich in doppelter Hinsicht fadenscheinig. Zum einen weil der Einsatz von Vernunft und die Emanzipation des Individuums auf der Basis der Freiwilligkeit erfolgt und zudem die Denkergebnisse des Einzelnen keineswegs vorwegnehmen will. Es handelt sich mitnichten um einen Prozess der Zwangsbeglückung. Zum anderen wird das Argument gerade von denjenigen Kräften bemüht, die die Emanzipation verhindern wollen, die Menschen also mehr oder minder direkt bevormunden oder manipulieren.

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Typischer Biedermeier – wie ihn der zeitgenössische Maler Carl Spitzweg sah

So ist es auch kaum verwunderlich, dass der Aufklärungskritiker Hamann vor einer Überhöhung der Vernunft zu einem „transzendentalen Aberglauben“ warnte, selbst aber das Christentum als den einzig wahren Weg (der Erkenntnis) predigte. Hier fließen geistige Auseinandersetzung und kühle Machtpolitik ineinander. Herrscherstaat und Kirche – im Übrigen beide Konfessionen – gingen im Schulterschluss gegen die Aufklärer vor, indem sie zum Beispiel die Revolutionäre in Frankreich als – damals verfemte – Freimaurer und Illuminaten diffamierten. Die unteren Chargen der Gegenaufklärung setzten die „Freygeisterey“ mit der Häresie früherer Jahrhunderte gleich. Mit dem Propagandamärchen, dass dunkle Mächte am Werk seien, sollten Ängste in der Bevölkerung geschürt werden, um die gesellschaftspolitischen Reformprojekte (Menschenrechte, Demokratie, Bildung etc.) der Aufklärer zu schwächen.

 

Friedrich Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse

Der aufklärerische Ansatz fand seine Fortführung im Deutschen Idealismus von Fichte, Hegel und anderen. Fast alle philosophischen Auseinandersetzungen des 19. Jahrhunderts drehten sich zudem um das Gedankengut von Immanuel Kant, dem Übervater der deutschen Aufklärung. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es sogar eine Welle des „Neukantianismus“. Deren dogmatische Ausrichtung zeugte jedoch davon, dass das Kant’sche Denken eher an Wirkkraft eingebüßt hatte.

Die politische Entwicklung des 19. Jahrhunderts zeigt auch klar, dass der Aufklärung als gesellschaftlicher Kraft erst einmal die Luft ausging. Nach dem Sturz Napoleons setzte in ganz Europa politisch das Zeitalter der Restauration und geistig-kulturell das der Romantik (Biedermeier) ein – nur kurzfristig unterbrochen von der demokratischen März-Revolution 1848. Die zweite Hälfte des Jahrhunderts stand ganz im Zeichen des Nationalismus (Reichsgründung 1871) und der Industrialisierung, die mehr den Bourgeois als den Citoyen als Bürgertypus hervorbrachte.

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Gewollt oder ungewollt: Friedrich Nietzsche förderte die politische Reaktion

In dieser Phase schwang sich auf geistig-philosophischer Ebene Friedrich Nietzsche (1844-1900) zum Chefkritiker der Aufklärung auf, prägte sogar den Begriff der Gegenaufklärung. „Leibniz und Kant – diese zwei größten Hemmschuhe der intellektuellen Rechtschaffenheit Europas!“, lautete das in Ecce homo formulierte Verdikt Nietzsches. Nietzsche attackierte den modernen Wissenschaftsbetrieb und damit den empirisch grundierten Wissenschaftsbegriff. An der Aufklärung kritisierte er, dass sie sich angeblich nicht von den Denkschemata der Moral des Christentums habe lösen können, das er wütend verdammte. Wahrhaft freies und aufgeklärtes Denken habe sich jenseits von Gut und Böse zu stellen. Dem vernunftbetonten Universalismus der Aufklärer stellte der Philosoph Glaube und Gefühl gegenüber. Nietzsche predigte eine „dionysische Weltanschauung“, die Rausch und Ekstase zum Grundprinzip aller angeblich wahren Kunst erklärte. In seinen Worten: „‘Vernünftigkeit‘ gegen Instinkt. Die ’Vernünftigkeit‘ um jeden Preis als gefährliche, als lebenuntergrabende Gewalt!“

Für Nietzsche stand das Genie des Einzelnen (womit er im Zustand zunehmender geistiger Umnachtung  wohl vor allem sich selbst meinte) deutlich höher als die „Massen“. Damit stellte er sich eindeutig gegen die gesellschaftliche und politische Emanzipation. Seine Abneigung galt aber nicht nur den Sozialisten, sondern auch der kaisertreuen Bourgeoisie. Der neomarxistische Philosoph Georg Lucàcs hat Nietzsche als „Zerstörer der Vernunft“ tituliert. Es gibt auch Stimmen in der Wissenschaft, die in Nietzsche einen geistigen Wegbereiter des Hitler-Faschismus sehen. Tatsache ist, dass er im 20. Jahrhundert vor allem das Denken  konservativ-reaktionärer Kräfte beeinflusste, so zum Beispiel Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“, 1918), Gottfried Benn und Martin Heidegger. Die beiden letztgenannten waren Kollaborateure des Nazi-Regimes. Späte Ehre hat Nietzsche gefunden, indem er die Weltsicht vor allem französischer Verfechter der Postmoderne prägte (siehe Teil 2 dieses Artikels).

 

Max Weber: Das „stählerne Gehäuse“

Einen ganz anderen Kritikansatz fand die Ende des 19. Jahrhunderts entstehende Soziologie. Max Weber, Emile Durkheim  und andere Soziologen der ersten Stunde erkannten, dass das Besitzbürgertum die Aufklärung und deren Prinzipien vor allem für seine ökonomischen Interessen instrumentalisiert  hatte. Mit fatalen Folgen: Die forcierte Industrialisierung führte aus ihrer Sicht zu einer Krise der kulturellen Werte. Zweckrationales Handeln hat wertrationales Handeln verdrängt. Die kulturellen Wertsetzungen (Nächstenliebe, Solidarität, individuelle Selbstbestimmung etc.) stehen – bis heute – in einem ständigen Spannungsverhältnis zu den marktwirtschaftlich orientierten Rationalisierungsprozessen. Die Rationalisierung hat dabei systematischen und herrschaftlichen Charakter, die den Einzelnen in ein „stählernes Gehäuse“ presst, wie es Max Weber formulierte.

 

Die Rationalisierung hat dabei systematischen und herrschaftlichen Charakter, die den Einzelnen in ein „stählernes Gehäuse“ presst.

 

Diese Analyse offenbarte erstmals die Ambivalenz, die die Aufklärung als „Mutter der Moderne“ prägt:  Ihre wesentlichen Konzepte sind zumindest partiell mit Hilfe politischer und ökonomischer Macht entfremdet worden. Vernunft wird vor allem in den Dienst ökonomischer Entscheidungen gestellt – mit dem homo oeconomicus als Idealbild. Der freiheitliche Geist, der Emanzipation erreichen kann, ist vor allem in unternehmerische Freiheit umgedeutet worden. Die Wissenschaft ist nicht zuvorderst Erkenntnismethode für den gesamtgesellschaftlichen Fortschritt, vielmehr sind besonders die Natur- und technischen Wissenschaften immer mehr zum Diener der Wirtschaft degradiert worden.

 

Adorno und Horkheimer: Das Scheitern der Zivilisation

Den kulturellen Verfall in der Industriegesellschaft haben vor allem Konservative zum Anlass genommen, in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gegen die Aufklärung als angeblichen Auslöser dieser Entwicklung zu wettern. Die Anhänger des Hitler-Faschismus haben diese Argumente dankbar aufgegriffen und für ihre Zwecke missbraucht.

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Theodor W. Adorno

Gerade vor diesem Hintergrund erscheint es zunächst abwegig, wenn Aufklärung und Faschismus miteinander in Verbindung gebracht werden. Für Max Horkheimer und Theodor Adorno, Mitbegründer der Kritischen Theorie, drängte sich jedoch ein Zusammenhang auf, weil der beispiellose Genozid an den europäischen Juden sich ausgerechnet auf dem Kontinent ereignete, der sich seit Jahrhunderten für den Maßstab menschlicher Zivilisation gehalten hatte. In ihrem Werk „Dialektik der Aufklärung“ (1944) versuchen die beiden US-Exilanten den Faschismus nicht allein als zwangsläufige Folge des Kapitalismus zu erklären, wie es orthodoxe Marxisten taten. Vielmehr leiten sie Hitler und den Holocaust aus einer Geschichte des grundlegenden Misslingens der menschlichen Zivilisation her.

Ihre wichtigste These lautet dabei: Ein wirkliche Aufklärung habe nicht stattgefunden, da sie die Erkenntnismethoden und Deutungsmuster früherer Zeitalter – etwa die der Mythen – nicht habe voll überwinden können. Im Kern laufe die tatsächlich erfolgte „Aufklärung“ darauf hinaus, dass die Menschen immer umfassendere soziale und technische Bollwerke errichteten, um sich mit deren Hilfe die Natur Untertan zu machen. In der praktischen Umsetzung habe dies zur Folge gehabt, dass die Macht des Naturzwangs auf die Formen gesellschaftlicher Organisationsformen übertragen würden, ihnen mithin also Gewaltsamkeit eingeschrieben sei. Der Hitler-Faschismus stelle die barbarischste Form dieses Unterwerfungsversuches dar.

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Das Tor zum Grauen: KZ Dachau bei München

Das Schlüsselkonzept bei Adorno/Horkheimer bildet das der instrumentellen Vernunft: Das kühl kalkulierende Ich ordnet alles seinen Zielen unter, die nur durch die Herrschaft über andere und damit nicht ohne „Opfer“ erreicht werden können. Auf die Gemeinheit sei eine Prämie gesetzt, wie Adorno und Horkheimer schrieben. Ihr Fazit: „Selbst noch Unrecht, Hass, Zerstörung werden zum Betrieb…“ Demnach war es nur so möglich, dass die Nazis ihre Konzentrationslager mit minutiöser Planung geführt hätten – nicht in erster Linie wegen der viel zitierten deutschen Gründlichkeit.

Die Analyse von Adorno/Horkheimer zeigt eindringlich, dass Ratio im Sinne kühler Logik und Rationalisierung, zumal gekoppelt mit Macht, zu fatalem Missbrauch führen kann. Im Umkehrschluss: Dass das Vernunftprinzip immer einer ethischen Grundierung bedarf – nenne man diese Nächstenliebe oder einfach nur humanitas. Die düstere Geschichtsphilosophie der beiden Exilanten ist im Angesicht des Holocaust nur zu verständlich. Den weiteren Verlauf der Weltgeschehnisse erklärt sie indes nicht. Dessen ungeachtet blieb Adorno, später intellektuelle Ikone der 68er-Bewegung, bei seiner pessimistischen Prognose: Die Antagonismen ließen sich seiner Überzeugung nach nicht auflösen – der Mensch müsse diese Widersprüche aushalten.

Was der Soziologe Ulrich Beck und die postmodernen Denker um Foucault und Lyotard an der Aufklärung zu kritisieren haben, können Sie in Teil 2 dieses Artikels lesen.

Lutz Frühbrodt

© 2012 Die Zweite Aufklärung/Fotos: Wikicommons

 

 

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1 Comment

  1. 13. August 2012 at 10:54 — Antworten

    Also momentan sehe ich keinen Grund für Optimismus, bin mir auch nicht sicher, ob viele Menschen tatsächlich ihren eigenen Verstand gebrauchen wollen, oder ob sie nicht vielmehr ihren Kopf entlasten wollen. Die Einschaltquoten der Fernsehsender sprechen eher für letzteres. Die Leute schauen sich keine Polittalkshows an, sondern Seifenopern, Krimis und Sport.

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