Medienkritik

Always on – Überleben in der Mediengesellschaft

Ob Politik, Sport oder Kultur – mittlerweile richten sich weite Teile unserer Gesellschaft danach aus, wie sie in den Massenmedien „rüberkommen“. Aber wir sind auch unmittelbar betroffen. Medien prägen, ja bestimmen ganz wesentlich unser berufliches und privates Leben. Über das Fernsehen erleben wir die Welt und sind zugleich so fern von ihr. Mit Smartphone und Internet wollen wir uns die Welt Untertan machen – und werden zugleich Sklave der neuen Medientechnologien. Gibt es einen Ausweg?

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Viele Menschen auf dieser Welt fristen heutzutage ein Dasein als Couchpotato. Foto: Fotolia/Nomad Soul

Film, Radio, Fernsehen, Internet. Dies sind nur die wichtigsten Symbole dafür, dass sich die Medien, genauer: die Massen-medien, seit Beginn des 20. Jahrhunderts immer mehr in unserer Gesellschaft ausgebreitet haben. Und dies mit zunehmender Dynamik, denn die Zahl der Innovationen hat in den vergangenen Jahrzehnten noch einmal deutlich zugenommen. War zum Beispiel das Handy anfänglich noch ein klobiger „Yuppie-Lutscher“, mit dem man nur telefonieren, bestenfalls noch SMS versenden konnte, so kann man heute mit dem edlen Smartphone im Internet surfen oder sich darauf Videos anschauen.

Durchdringung, Innovation, Vielfalt bis hin zur Unübersichtlichkeit. Bereits in den 1980er Jahren kam deshalb der Begriff „Mediengesellschaft“ auf. Der Kommunikationswissenschaftler und Politologe Ulrich Saxer hat für das Phänomen 1998 eine griffige Definition geliefert: „Als Mediengesellschaften können…moderne Gesellschaften bezeichnet werden, in denen Medienkommunikation, also über technische Hilfsmittel realisierte Bedeutungsvermittlung, eine allgegenwärtige und alle Sphären des gesellschaftlichen Seins durchwirkende Kraft entfaltet.“

 

Medien wirken nie neutral

Medien beeinflussen somit Struktur, Wertesystem und Integrationsfähigkeit einer Gesellschaft. Dabei wirken sie keineswegs neutral – was zwei wesentliche Gründe hat. Der eine: Das jeweilige Medium bestimmt im Wesentlichen die Form und damit auch schon wieder die Art, den Inhalt der Information, die es übermittelt. Eine Nachricht über die neuesten Arbeitslosenzahlen hat im Bericht einer Tageszeitung einen deutlich anderen (= detaillierteren) Charakter als der entsprechende Einspieler der Fernsehnachrichten. Vom Buch über den Telegraph und den Fotoapparat über das Radio und Fernsehen bis zum Internet: Die Entwicklung der Medientechnologie weist über die Jahrhunderte verstärkt in Richtung „Info-Happen“, der zudem ohne Einbettung in den größeren Zusammenhang serviert wird.

ZDF-Heissluftballon Heike Pixelio De in Always on - Überleben in der Mediengesellschaft

Heiße Luft und das ZDF – zuweilen gehen beide Elemente eine Symbiose ein. Foto: Heike/pixelio.de

Der andere Grund, warum Medien nie „neutral“ sein können: Entscheidend ist, wer die gesellschaftlich relevante Bedeutung über die Massenmedien vermittelt. In Deutschland sind dies – neben dem hauptsächlich von den Parteien dominierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk – in erster Linie Medienkonzerne wie Bertelsmann, Springer, Holtzbrinck und Burda. Diese Mediendynastien verfolgen dezidiert kommerzielle Interessen, die eine ganz bestimmte Form von Gesellschaftsordnung voraussetzen. Damit liegen sie (in der Regel) voll und ganz auf einer Linie mit ihren Werbefinanziers. Im Zeitalter des Internets sind Google, Facebook und andere global ausgerichtete US-Konzerne hinzugekommen, die Nachrichten filtern und selektieren (z.B. über Google News) oder zumindest ihre Form bestimmen. Gegen diese digitalen Giganten wirkt die viel zitierte digitale Gegenöffentlichkeit läppisch, müssen Blogger wie Zwerge erscheinen.

 

Die Gesellschaft passt sich den Medien an – nicht umgekehrt

Welche Folgen hat die große Macht der Medien? In der Medientheorie heißt es: Die Medien wirken auf die Gesellschaft und diese wieder zurück auf die Medien. Eine vermeintliche Wechselbeziehung, bei der die Medien aber deutlich mehr Strahlkraft entfalten. Wenn man nämlich berücksichtigt, dass diese Beziehung stark von den Interessen der Medienproduzenten geprägt wird, dann verwundert es nicht,  dass diese so genannte Medialisierung unserer Kultur und Gesellschaft sich u.a. darin widerspiegelt, dass sich in den letzten Jahrzehnten ganze Bereiche an die Medien angepasst haben.

„Noch nie war der Mensch so frei und doch gleichzeitig so abhängig von dieser medial inaugurierten Freiheit!“ Andreas Ziemann, Mediensoziologe

So ist der Profi-Sport heute in erster Linie eine massenmediale Inszenierung – ob das Champions-League-Finale der besten europäischen Fußballvereine oder der Klitschko-Kampf um die WM-Krone im Boxen. Alles richtet sich danach aus, ob und wie der Event im Fernsehen übertragen wird. Die Inszenierung wird in eine Bild-Ästhetik und –Dramaturgie gepackt, die einen nahtlosen Übergang zu den Werbebotschaften in den Pausen bildet.

Politik, zumindest die öffentliche Auseinandersetzung über sie, findet heute vor allem in medialen Arenen statt – selbst der Bundestag ist eine solche Arena geworden. Bei weitem aber nicht die wichtigste: Plapperrunden im Fernsehen sollen Transparenz und öffentliche Teilhabe suggerieren. Wobei in der wichtigeren, nicht-medialen Realität genau das Gegenteil der Fall ist, nämlich demokratische Rechte zunehmend ausgehebelt werden, indem die Bundesregierung wiederholt versucht hat, das Parlament zu umgehen.

 

Fernsehen als Sozialisierungsagentur

Dass die Medien die Gesellschaft verändern, zeigt sich wahrscheinlich am deutlichsten in der Erziehung von Kindern. Diese hat früher in erster Linie durch real existierende Menschen stattgefunden – nämlich durch die Eltern, aber auch durch Begegnungen und Erfahrungen der Kinder mit anderen Menschen und nicht zuletzt durch die Berührung mit der realen Umwelt. Inzwischen hat zunächst der Fernseher Einzug ins Kinderzimmer gehalten, dann folgte der PC. Und heutzutage haben schon Zweijährige den typischen Apple-„Wischer“ drauf, um bei einem Smartphone die nächste Seite aufzurufen. Dies zeigt: Die Medien haben verstärkt die Aufgabe der Sozialisation übernommen und prägen Wahrnehmung, Werte und Sozialverhalten (sehr) junger Menschen.

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Richard David Precht lernte die Welt über das TV kennen. Foto: Wikicommons

Diese Prägung ist in den frühen Jahren sicher am bedeutendsten, wirkt aber auch weit darüber hinaus. „Ich verdanke einen nicht unbeträchtlichen Teil meines Weltwissens dem Fernsehen“, betonte der Bestseller-Philosoph Richard David Precht 2009 in einem Interview mit dem Rheinischen Merkur. „Dass ich eine Vorstellung davon habe, wie es im Sudan aussieht, dass ich mir New Orleans vorstellen kann, ohne jemals dort gewesen zu sein – all dies verdanke ich dem Fernsehen, daran besteht überhaupt kein Zweifel. Das Fernsehen hat uns, wenn auch in einem oberflächlichen Sinn, über die Welt informiert, wie keine Generation vor uns über die Welt informiert war“, sagt der Mittvierziger. Und die nachfolgenden Generationen werden über das Internet noch umfassender und zugleich oberflächlicher informiert.

Nicht jeder teilt freilich das hohe Lied auf Mattscheibe und PC als zentrale Sozialisationsagenturen.  Dies zeigen die immer wieder aufkeimenden Debatten darüber, ob Fernseher und Computer nicht besser vollständig aus dem Kinderzimmer verbannt werden sollten. Die Frage ist allerdings, ob durch Medienabstinenz die Hegemonie des Medialen auf Dauer ernsthaft herausgefordert werden kann oder nur hinausgezögert wird. Bücher wie „Digitale Demenz“ von Manfred Spitzer mögen uns für kurze Zeit darin erinnern, über das verantwortungsvolle Medienverhalten unserer Kleinen zu sinnieren. Doch die Strohfeuer-Debatte, die Spitzers Buch 2012 ausgelöst hat, ist schlagender Beweis für die Übermacht der Medien und ihrer Produzenten.

 

Mit Medien sich die Welt Untertan machen?

Da muss auch keine Diskussion im Keim erstickt werden, sie Sache erledigt sich quasi von selbst, nimmt die Eltern-Generation (ganz zu schweigen von den Jungen) es doch als quasi Gott gegeben hin, dass Medien sowohl das Privat- als auch das Berufsleben der meisten Menschen bestimmen – unabhängig von Alter und Bildungsgrad. In Deutschland beträgt der durchschnittliche Medienkonsum (inkl. Handy und Computer) von Personen über drei Jahren satte zehn Stunden pro Tag.

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TV Total: Absolut überall medial dabei sein. Freiheit oder Fluch? Foto: ankdesign/Fotolia

Mit Hilfe von Medien glauben die (meisten) Menschen, sich die Welt Untertan und das Leben einfacher machen zu können – denn Medien machen das Leben oft tatsächlich oder vermeintlich effizienter oder zumindest bequemer. Wer mag heute schon noch einen Brief zu einem Briefkasten tragen? Medien können entlasten und sogar zu neuen Formen der Selbsterfahrung und des sozialen Lernens führen, indem sich etwa der schüchterne „nerd“ auf Facebook in einen extrovertierten Charmeur verwandelt. Das „erweiterte Medien-Ich“ macht sich zugleich aber immer abhängiger von bestimmten Medien wie Smartphone und/oder Facebook. Always on, lautet der Leitspruch dieser Abhängigkeit. Oder 24/7. „Noch nie war der Mensch so frei und doch gleichzeitig so abhängig von dieser medial inaugurierten Freiheit!“, merkt der Mediensoziologe Andreas Ziemann (2007) an.

 

Die gefühlte Integration sozialer Randexistenzen

Ein ähnlich immanenter Widerspruch, eine vergleichbare Spannung ist auf gesamtgesellschaftlicher Ebene zu beobachten. Medien wirken einerseits gesellschaftlich stark integrierend, andererseits aber auch desintegrierend. Live-Übertragungen zum Beispiel von Fußball-Länderspielen suggerieren den Zuschauern soziale Teilhabe. Und wenn es sich sogar um eine ganze Weltmeisterschaft handelt, die im eigenen Land ausgetragen wird, dann mag sogar ein vorübergehendes großes Wir-Gefühl entstehen. Inzwischen sind die schwarz-rot-goldenen Fähnchen an den Autos allerdings so gut wie gar nicht mehr zu sehen.

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„Für jeden das passende Format!“ Nur die Kommunikation miteinander gibt es nicht in vorgefertigter Form. Foto: R. Handke/pixelio.de

Die enorme Ausdifferenzierung der Massenmedien, ihre extreme Vielfalt getreu dem Motto „Für jeden das passende Format!“ führt dazu, dass sich selbst soziale Randexistenzen als Teil dieser Gesellschaft fühlen können, wenn ihre medialen Bedürfnisse berücksichtigt werden und sie sich selbst (bzw. fiktive Medienfiguren)  in den Medien abgebildet sehen – und zwar in einer Weise, auf die sie sich diskriminiert oder von oben herab behandelt fühlen müssen. Mitmach-Formate wie „Das Supertalent“ oder „Germany’s Next Topmodel“ suggerieren gar, dass Medien als Steigbügelhalter eines sozialen Aufstiegs fungieren können.

Der arbeitslose, halb erblindete Mundharmonikaspieler Michael Hirthe dient dabei als Personifizierung dieses Anspruchs vom Underdog, in der Medien- und der realen Welt Gehör und mithin Anerkennung zu finden. Für die, die es nicht schaffen (, noch nicht einmal zum Casting zu gehen), bleibt der immerhin vorübergehende Ausbruch in bessere Gegenwelten – sei es über die Castingshow oder über den Fantasy-Film oder Spiele wie „World of Warcraft“.

„Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr auf der Straße, sondern guckt Fernsehen, zappt sich durchs Programm. Wenn es keine Unterhaltungselektronik dieser Art gäbe, wäre die Unzufriedenheit unter den Unterprivilegierten viel größer. Das klingt zwar zynisch, ist aber wahr.“ Richard David Precht, TV-Philosoph

Unser Kronzeuge Precht dazu: „Ein Arbeitsloser ist heute nicht mehr auf der Straße, sondern guckt Fernsehen, zappt sich durchs Programm. Diese elementare Form der Befriedigung, der Müdemachung durch visuelle Reize, durch Kicks und Ähnliches trägt zum Frieden bei. Wenn es keine Unterhaltungselektronik dieser Art gäbe, wäre die Unzufriedenheit unter den Unterprivilegierten, dem Prekariat in unserem Land viel größer. Das klingt zwar zynisch, ist aber wahr.“ Also wenn schon keine Integration, dann zumindest Ruhigstellung mit Hilfe eines Mediums (statt des teureren Valiums).

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Die Medienwelt – eine Scheinwelt? Zumindest die Nerds scheinen es so zu sehen. Foto: Frühbrodt

Kaum verwunderlich: Damit zementieren die medialen Nischen die sozialen Ghettos. Denn ein bestimmtes Medienverhalten lässt Rückschlüsse auf die soziale Zugehörigkeit zu. Wer Zeit und Lust hat, nachmittags „Richterin Barbara Salesch“ zu schauen, muss entweder Rentner oder Hartz-IV-Empfänger sein. Oder? Der da gehört dann ab sofort nicht mehr „dazu“. Im individuellen Medienverhalten der heutigen Menschen wird es immer zwei Teilmengen geben – eine aus den gemeinsamen Medienerlebnissen einer breiten Allgemeinheit und eine aus den spezifischen, milieugebundenen Medienerlebnissen. Die erste Teilmenge ist kleiner geworden, das „große Lagefeuer“, wie z.B. „Wetten, dass…?“ früher genannt wurde und um das sich alle zwischen 6 und 99 scharen, gibt es kaum noch – nur zu Fußball-Weltmeisterschaften. Die zweite Teilmenge ist durch die Ausdifferenzierung der Medienwelt immer größer geworden – und wirkt gesamtgesellschaftlich letztlich desintegrierend.

 

Was also tun?

Was bleibt als Erkenntnis? Dass Medien Fluch und Segen zugleich sind. Dass sie die Gesamtgesellschaft und den Einzelnen in ein ständiges Spannungsverhältnis versetzen. Dass sie mehr Schein als Sein sind (Politik, Sport etc.), wir dies aber oft schon nicht mehr merken. Und dass die Gesellschaft, vor allem aber auch der Einzelne Antworten darauf finden muss, wie er diese Widersprüche erträgt und/oder Lösungen für diese Spannung findet. Ein Weg dorthin ist die viel zitierte Medienkompetenz.

Doch wie sieht diese genau aus? Sie beginnt mit der individuellen, eigenständigen Reflexion über das eigene Medienverhalten. Und mit der Frage, ob man wirklich selbst frei entscheidet, welche Medien man wie nutzt, oder man nicht vielmehr von kommerziellen Interessen Dritter beeinflusst, wenn nicht gar instrumentalisiert und gesteuert wird. Denn über eines muss man sich immer im Klaren sein: Das Gros der Produzenten und Übermittler von Medieninhalten will nicht in erster Linie die Welt verbessern, sondern Geld verdienen.

Lutz Frühbrodt

© 2013 Die Zweite Aufklärung

 

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