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Aleksandra Sowa: Digitalisierung prägt Politik – oder andersherum?

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Wie verändert das Netz die Politik? Diese Frage verspricht Aleksandra Sowa mit ihrem jüngst vorgelegten Buch „Digital Politics“ zu beantworten. Ihre Ausführungen beschreiben teilweise reizvolle Zukunftsszenarien, teilsweise datenkapitalistische Dystopien. Über all dem steht der Gedanke, ob die Digitalisierung die Politik bewegt oder es am Ende auch andersherum laufen könnte.

Schaut man sich Angela Merkels durch und durch uninspirierte TV-Neujahrsansprache 2018 mit der Aneinanderreihung wohlbekannter Floskeln an, mag die Frage aufkommen: Spricht hier ein Mensch oder eine Polit-Maschine? Tatsächlich, so führt die IT-Datenschutz- und Kryptographie-Expertin Aleksandra Sowa aus, könnte in Zukunft politische Verantwortung an Künstliche Intelligenzen und Roboter übergeben werden. Diese müssten lediglich mit den richtigen Grundsätzen und Algorithmen, also digitalen Verfahrensanweisungen, gefüttert werden– und könnten dann die Regierungsgeschäfte sehr viel effektiver und frei von persönlichen Verfehlungen abwickeln. Auch ethische Maßstäbe ließen sich den Maschinen antrainieren.

Angesichts der immer gleichen Rhetorik, Posen und Programme, die der Berliner Politikbetrieb uns präsentiert, kann man schon jetzt auf die Idee kommen, es mit Robotern zu tun zu haben, meint Sowa. Reizvoll könnte dieser Gedanke, die Macht an Maschinen zu delegieren, auch im unternehmerischen Umfeld erscheinen. Denn CEOs sind bekanntlich teuer und, nach Einschätzung vieler, ihr Geld nicht unbedingt wert. Dass menschliche Arbeit durch Maschinen ersetzt werden kann, ist seit dem Industriezeitalter bekannt und verbreitete Praxis. Im Digitalisierungszeitalter wird aber nicht mehr nur die menschliche Muskelkraft durch Technik ersetzt, sondern auch das Gehirn. Wenn immer mehr Berufe von der Automatisierung überflüssig gemacht werden, warum sich auf Routinetätigkeiten beschränken und nicht gleich zum Management übergehen?, fragt Sowa. Vielleicht können Computer viel besser wirtschaftliche Indikikatoren auswerten und entsprechende Unternehmensstrategien entwickeln, als dies narzistischen Konzernlenkern aus Fleisch und Blut gelingt.

 

Künstliche Intelligenz kann Arbeitsplätze ersetzen – auch im Management

Und schon hätte die Digitalisierung gleich zwei Eliten – die politische und die wirtschaftliche – vom Sockel gestoßen. Ob man die Szenarien für realistisch halten mag oder nicht, sei dahingestellt. Entscheidend aber ist, wie anschaulich Aleksandra Sowa die Szenarien beschreibt. Auf diese Weise gelingt es ihr, den Charakter der Digitalisierung zu verdeutlichen: Künstliche Intelligenz kann sich selbstlernend weiterentwickeln und über Routingeaufgaben hinausgehende Tätigkeiten von immer größerer Tragweite wahrnehmen. Ein veritabler Paradigmenwechsel.

„Digital Politics“ deckt auf knapp 200 Seiten ein breites Themenspektrum ab: Big Data, Kybernetik und künstliche Intelligenz, Online-Wahlen. Ein eigenes Kapitel ist auch der neuen Art von Wahlkämpfen gewidmet, die auf einer veränderten politischen Kommunikation und auf der Auswertung elektronischer Massendaten beruhen. Dieses politische „Microtargeting“, wie es bislang eher der kommerziellen Werbung vorbehalten war, kam als Phänomen in den USA auf und ist von dort zu uns herübergeschwappt. Ebenso muss man sich als Brüger wohl erst an den Gedanken gewöhnen, dass Online-Suchmaschinen als neue, wichtige Wahlkampfinstrumente fungieren.

 

Digitale Wahlen und digitaler Wahlkampf

Indem sie bei einem eingegebenen Suchwort einschlägige ergänzende Suchworte vorschlagen (Sowa wählt aus dem US-amerikanischen Raum das drastische Beispiel „nigger“, das als Suchwortanfrage häufig mit den Begriffen „stupid nigger“ oder „I hate niggers“ kombiniert werde), geben sie verbreitete Vorurteile zu erkennen und streuen diese gleichzeitig weiter. Und bei der Ergebnisauswertung gilt für politische ebenso wie für sonstige Suchergebnisse: Das Ranking, also die priorisierende Anordnung der Suchergebnisse bei Google, unterliegt Algorithmen, die der Konzern bis heute nicht offen gelegt hat, die aber jedenfalls mit kommerziellen Google-Interessen zu tun haben. Sucht man zum Beispiel nach „Bürgerversicherung“, so erscheint als erster Treffer eine Anzeige der Privaten Krankenversichererer „Vorsicht Bürgerversicherung“ (Abruf vom 08.01.2018). Ein solches Ranking wirkt natürlich manipulativ.

Doch Sowa stellt auch fest: Nicht immer verfügt die Online-Welt über einen disruptiven Charakter. Manchmal verstärkt das Internet einfach nur diejenigen Phänome, die es in der Offline-Welt auch gibt, wie etwa Filterblasen/Informationsblasen, das Prosperieren politischer Ressentiments im quasi anonymen Raum oder der allmählichen Kommerzialisierung vieler Lebensbereiche, inklusive der politischen Ansprache, indem der Bürger mitunter wie ein Konsument adressiert wird.

 

Digitalisierung gehört politisch gestaltet

Viele Publikationen zum Thema Zukunftstechnologien verlieren sich entweder in blinder Digitalisierungsbegeisterung oder in einer Sehnsucht nach der guten, alten, übersichtlichen Offline-Welt (die ohnehin keine realistische Option mehr darstellt). Diese Schwarz-Weiß-Malerei gibt es bei Aleksandra Sowa nicht. Als IT-Exptertin weiß sie, worüber sie schreibt, ohne ihrer Materie kritiklos gegenüberzustehen. Davon zeugen nicht zuletzt die vielen kritischen Stimmen, die sie in den einzelnen Kapiteln ausführlich zititiert und denen sie mitunter auch das Fazit zu einzelnen Themenbereichen überlässt, wie etwa den Philosophen Buyng-Chul Han, die Unternehmerin Yvonne Hofstetter oder den Science- Fiction-Autor Stanislaw Lem.

Mensch und Maschine – wer steuert wen? Bild (auch Titelbild): Günter Z. / pixelio.de

Zweifellos: Man lernt eine Menge in „Digital Politics“. Allerdings fokussiert Sowa nicht immer das Verhältnis zwischen Politik und Digitalisierung. Manchmal driftet der Text ab in in politikfremde Bereiche, etwa die Geschäftsmodelle der großen Technologiekonzerne Google und Apple oder reine Sciene-Fiction-Szenarien. Dagegen bleibt die zentrale Frage außen vor, wie ganz konkret die Politik  die Digitalisierung gestalten könnte, anstatt sich vor ihr hertreiben zu lassen. Als Leser vermisst man auch Ausführungen darüber, wie Partizipationsformen der Bürger mit Hilfe der Digitalsierung gestärkt werden könnten.

 

Gibt es individuelle Wege aus der digitalen Unmündigkeit?

Auch die „10 Wege aus der digitalen Unmündigkeit“, die etwas reißerisch auf dem Buch-Cover als Ratgeber-Tipps angepriesen werden, sorgen nicht unbedingt für den großen Durchblick. Überschrieben mit „Was hilft – Der digitale McGyver“ beendet Sowa jedes Kapitel mit Handlungsempfehlungen – die inhaltlich etwas hilflos und minimalistisch daherkommen, manchmal auch abstrus wirken. Die Unterstützungsempfehlung für Projekte wie die Gesellschaft für Freiheitsrechte oder den Europäischen Skeptikerkongress dienen wohl eher als Tropfen auf den heißen Stein; die Tipps zur Enttarnung von uns umgebenden Robotern, die sich als Ehepartner, Chefs oder Politiker ausgeben, erscheinen etwas albern. Lediglich das klare Primat des radikalen Datenschutzes, das es sowohl durch persönliche wie institutionelle Maßnahmen zu garantieren gilt, kann hier überzeugen. Womit sich zeigt: Am Ende sind die Möglichkeiten, sich als einzelner der Digitalisierung entgegenzustemmen, nicht besonders groß.

Die Perspektive, dass weite Lebensbereiche ent-humanisiert und von IT-Technologie übernommen werden könnten, mag auf viele abschreckend wirken. Sowa fordert dazu auf, diesen Abwehrreflex zu überdenken: In den 1930er Jahren hat Keynes vorausgesagt, dass die Menschen dank produktivitätssteigernder Technologien in hundert Jahren nur noch drei Stunden pro Tag würden arbeiten müssen. Vielfach in der Realität belächelt, ist diese Vision eigentlich gar nicht so deplatziert. Entscheidend wäre aber, dass der Arbeits(zeit)verlust nicht mit einem Einkommensverlust einhergeht und sich das Kapital nicht in den Händen einiger weniger konzentriert. Leider geht die Realität derzeit in genau diese Richtung. Doch Sowas Plädoyer lautet eindeutig: Zweck des Fortschritts soll immer der Mensch und seine Umwelt sein.

 

Aufklärung – im Digitalisierungszeitalter wichtiger denn je

Folgerichtig hebt Sowa an vielen Stellen des Buches die Wichtigkeit von Medienkompetenz und einer gesunden Skepsis hervor – eine Forderung, der man sich uneingeschränkt anschließen kann. Ebenso betont sie, dass IT-Technologie eine Art „Dual-Use“-Gut sei: Ursprünglich sind mit dieser Bezeichnung Produkte gemeint, die man sowohl für militärische als auch für zivile Zwecke nutzen kann. Im übertragenen Sinne meint Sowa damit, dass IT sowohl für schlechte (manipulative, überwachende, bevormundende) als auch für gute (aufklärerische, freiheitliche, gesellschaftlich-partizipative) Zwecke eingesetzt werden kann.

Es wäre wünschenswert, die Digitalisierung nicht mehr nur vorrangig unter kommerziellen Verwertungsgedanken zu betrachten, wie es bisher der Fall ist. Sondern die ihr innewohnen Potenziale zu nutzen, um die Lebenslage möglichst vieler Menschen zu verbessern und die Demokratie zu stärken – was wiederum der Politik mehr Gestaltung abverlangen würde. Dafür liefert das Buch wertvolle Anstöße.

Und zu guter Letzt: Nein, der Polit-Roboter ist keine Lösung für die Zukunft. Gerade die neuen Medien erfordern eine neue Unmittelbarkeit in der Politik, die sich in ganz persönlicher Ansprache mit den Problemen und Bedürfnissen der Leser auseinandersetzt.

Aleksandra Sowa: Digital Politics. So verändert das Netz die Demokratie. 10 Wege aus der digitalen Unmündigkeit. November 2017, Dietz-Verlag. Taschenbuch, 183 Seiten. 14,90 €.

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Annette Floren

Annette Floren

Annette Floren ist studierte Geisteswissenschaftlerin und heute Projektmanagerin / Prokuristin eines Berliner IT-Unternehmens, wo sie unter anderem die Öffentlichkeitsarbeit verantwortet. Anfang 2014 rundete sie ihr Profil als Kommunikationsexpertin mit dem Abschluss "PR-Referentin / PR-Beraterin" ab. Ihr Credo im Job und bei der Zweiten Aufklärung: "Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen. Aber nicht einfacher." (Albert Einstein). Annette Floren behandelt bei der Zweiten Aufklärung insbesondere Themen wir saubere PR, CSR, Gutes Leben.