Berliner Salon

31. Salon: Künstliche Intelligenz und ihre gesellschaftlichen Folgen

Künstliche Intelligenz ist ein Konzept, das langsam aber sicher immer konkreter wird. Die einen freuen sich auf das neue Zeitalter, wenn Maschinen, die selbst lernen können, immer mehr menschliche Arbeit übernehmen. Andere warnen davor, dass damit die Autonomie des Menschen immer mehr verloren gehen wird. Grund genug, das Thema am 3.9.2016 beim 31. Berliner Salon der Zweiten Aufklärung intensiv zu diskutieren.

Moderne Kommunikationstechnologien haben unseren Alltag in den letzten Jahren dramatisch verändert, und sie werden das weiterhin tun. Immer mehr Services stehen per Smartphone-App zur Verfügung und bieten den Menschen scheinbar Komfort und unbegrenzte Informationen. Im nächsten großen Schritt wird die so genannte Künstliche eine entscheidende Rolle spielen: Lernfähige Computerprogramme, die selbständig Anwendungsprobleme lösen und dabei ihre Fähigkeiten ständig erweitern. KI dient als Basis für das autonome Fahren oder für die Lösung hochkomplizierter mathematischer Probleme, aber zum Beispiel auch als „Einkaufassistent“, der uns scheinbar unsere Gedanken liest und nicht mal mehr unsere Wünsche von den Lippen ablesen muss.

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Unter künstlicher Intelligenz sind nicht nur humanoide Roboter zu verstehen, sondern auch selbstlernfähige Softwareprogramme. Foto: The_Lightwriter/Fotolia

Die riesigen Datenmengen, die schon heute bei digitalen Transaktionen entstehen („Big Data“), nutzen die Anbieter von IT-Diensten – allen voran Google, Apple, Facebook und Amazon – für verschiedenste eigene Zwecke: Sie erstellen Nutzerprofile und dringen zunehmend in die Privatsphäre der Menschen vor. Droht sich die IT zu verselbständigen? Gerät sie in die Hände einiger weniger Konzerne, die Macht über unser Schicksal erhalten?

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Daniel Leisegang. Der Journalist ist bei den „Blättern“ auf Medien- und IT-Themen spezialisiert.

„Es wird höchste Zeit, die gesellschaftlichen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz zu thematisieren“, ist Daniel Leisegang überzeugt. Leisegang ist Redakteur bei den Blättern für deutsche und internationale Politik und diesjähriger Preisträger des Medienpreises der Zweiten Aufklärung. Und natürlich müsse auch die Politik darauf reagieren. Als Referent beim 31. Salon-Abend der Zweiten Aufklärung am 02.09. stellt er fest, dass die Menschen angesichts der rasanten technologischen Entwicklung ihre Mündigkeit zu verlieren drohen. „Es ist eine Illusion, freien Zugang zu allen Diensten zu erlangen“, stellt Leisegang fest. „In Wirklichkeit sichern sich die Unternehmen den Zugriff und dringen in immer mehr Lebensbereiche vor.“ Es sei dringend geboten, Verantwortungsstrukturen offen zu legen und zu klären, wie Künstliche Intelligenz zu ihren Schlussfolgerungen gelange. So fordert Leisegang zum Beispiel, dass Google seine Algorithmen offenlegt. Er glaubt aber auch, es müsse eine „neue Hackerkultur“ entstehen: Aufklärung bedeute zunehmend, über Digitalkompetenz zu verfügen. Das Thema betrifft jeden – eine entsprechend rege Diskussion schließt sich an Leisegangs Statement beim Salon-Abend an. Eine „erschreckende Dystopie“, also Anti-Utopie, macht einer der Diskutanten angesichts des Trends aus, dass zum Beispiel Kreditinstitute und Versicherungen automatisch erfasste Userdaten zum Bewertungsmaßstab machten, von denen die Betroffenen selbst überhaupt keine Ahnung hätten.

Die Bürger hätten keine Kontrolle mehr darüber, welche Daten von ihnen erfasst würden, was durch technologische Neuerung wie zum Beispiel Sprachaufnahmen mit Hilfe im Smartphones und Tablets eingebauten Erschütterungssensoren forciert würde. Es sei gefährlich, diese Entwicklung zu unterschätzen. Der Ausweg? Ein grundlegend neues Verständnis, wem Nutzerdaten eigentlich gehören, nämlich dem Nutzer – und natürlich auch entsprechende gesetzliche Bestimmungen, die in neuen „Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ (AGB) Niederschlag finden müssten.

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Über die Wege, wie sich die KI in den Griff bekommen lässt, herrschten unterschiedliche Meinungen.

An das Phänomen vom „Zauberlehrling“ fühlen sich andere erinnert, wenn es darum geht, das Phänomen von allzu verselbständigter IT-Technologie zu verstehen und auch wieder einzufangen. Der einzelne Bürger müsse heute schon einen erheblichen technologischen Sachverstand aufbieten, um sich vor allzu übergriffiger Besitznahme seiner persönlichen Daten zu schützen. Ein einzelner könne das kaum leisten. „Warum wird der Künstlichen Intelligenz überhaupt so eine Autorität zugstanden“, fragt ein anderer Teilnehmer empört und spricht sich dafür aus, die einschlägigen Unternehmen gesetzlich auf einen viel strengeren Datenschutz zu verpflichten. Wenn die Politik nicht handele, sei das Ausdruck von Hilflosigkeit und werde nur einen allgemeinen Defaitismus fördern. Leisegang selbst sieht Hoffnungsschimmer: Bei der Politik bewege sich allmählich etwas, die EU-Kommission hat beispielsweise Google verboten, bestimmte Programme auf Endgeräten vorzuinstallieren. Facebook sei mit seinem Versuch des modernen „Glasperlenkolonialismus“ gescheitert, als Marc Zuckerberg versuchte, in Indien das Internet direkt in Verbindung mit bestimmten Facebook-Diensten einzuführen. So komme es sowohl auf die Politik als auch auf das bewusste Nutzerverhalten des einzelnen an, um die künstliche Intelligenz letztlich doch durch den Menschen in die Schranken zu weisen und sie mit ethischen Prinzipien einzuhegen.

® 2016 Die Zweite Aufklärung (Fotos: Lutz Frühbrodt)

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