Berliner Salon

26. Salon: Wie kommen Manager und Bürger besser ins Gespräch?

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Hartmut Mehdorn nimmt als Manager kein Blatt vor den Mund: „Ich gebe den Taktstock vor und setze auf Werte wie Zuverlässigkeit und Vertrauen“. Mit diesem Statement aus der alten Schule des Managements beteiligt sich der ehemalige BER- und Bahn-Chef aber immerhin an einem Forum, das sich dem Dialog zwischen Unternehmen und Gesellschaft verschrieben hat. Die Plattform managerfragen.org, getragen von einem gemeinnützigen Verein, will die Kommunikation und das Verständnis zwischen Managern und Bürgern verbessern. Ihr Mitinitiator und Vorstand Florian Junge hat das Projekt beim 26. Salon-Abend der Zweiten Aufklärung am 12.06.2015 präsentiert und zur Diskussion gestellt.

"Neutraler Raum statt Pranger" - Florian Junge, Gastredner des Abends.

„Neutraler Raum statt Pranger“ – der Organisationsberater Florian Junge war Gastredner des Abends.

Nach Umfragen hält die Bevölkerung noch nicht einmal jede dritte Aussage von Vorstandschefs für glaubwürdig. Das gesellschaftliche Fundament, um die Verantwortung der wirtschaftlichen Führungskräfte zu legitimieren, ist damit arg brüchig geworden. Als einen wichtigen Grund dafür führt Florian Junge vor allem die Entpersonalisierung an: Vermeintliche Sachzwänge, u.a. aus dem Globalisierungsdruck hervorgerufen, und die Kompetenzverlagerung von Einzelpersonen auf Gremien engen die Entscheidungs- und Umsetzungsspielräume von Führungskräften immer stärker ein. Als Ergebnis entstehe ein Wirtschaftssystem der „organisierten Verantwortungslosigkeit“, die einen Grundkonsens über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen für das Gemeinwohl erschwert. Diesem Trend will managerfragen.org entgegenwirken und lädt Bürger und Manager ein, ihre Fragen und Antworten über die Internetplattform auszutauschen, sich direkt zu informieren, Position zu beziehen und unterschiedliche Standpunkte auszuhandeln.

Mündige Unternehmer/Manager im offenen Dialog mit mündigen Bürgern – eine schöne Vision. Im Salon herrschte große Übereinstimmung darüber, dass es grundsätzlich sehr gut sei, wenn ein Dialog, der über PR-Floskeln hinausgeht, überhaupt in Gang komme. Konkrete Ansätze dafür gibt es auch schon, wie zum Beispiel eine längere Session zwischen engagierten Bürgern und Managern, die managerfragen.org bei den renommierten Baden-Badener Unternehmergesprächen seit zwei Jahren durchführt.

Doch einige Diskutanten der Zweiten Aufklärung zweifelten auch an den Erfolgsaussichten. Von einem Dialog auf Augenhöhe könne so lange keine Rede sein, wie die Bürger (wie bei managerfragen.org) nur Fragen an Unternehmer richteten, aber nicht andersherum. Gewichtiger noch der Einwand: Vielfach machen die wirtschaftlichen Strukturen den gleichberechtigten Austausch quasi unmöglich. „Manager sind oft Getriebene“, sagte einer der Teilnehmer. „Die nehmen sich oft gar keine Zeit für kritische Fragen.“ Wenn Manager in erster Linie die Rentabilität ihres Unternehmens oder die Entwicklung von dessen Aktienkurs im Auge hätten, würden sie den gesellschaftlichen Dialog allenfalls für den schönen Schein pflegen.

Einigkeit herrschte unter den Diskutanten, dass die Gesellschaft den dialogische Ansatz dringend brauche. Einige Diskutanten bezweifelten jedoch, dass die Unternehmen sich auch wirklich darauf einließen.

Einigkeit herrschte unter den Diskutanten, dass die Gesellschaft den dialogische Ansatz dringend brauche. Einige Diskutanten bezweifelten jedoch, dass die Unternehmen sich auch wirklich darauf einließen.

Einen Dialog, den die Unternehmensseite nur mit PR-Phrasen bedient, sieht auch Junge als sinnlos an. Vielmehr sollten das Gemeinwohl und ethische Normen als übergeordnetes Ziel von Wirtschaft und Gesellschaft den Kommunikationsaustausch bestimmen. Unternehmen sollten sich stärker auf normative Debatten einlassen, zumal die Konzerne, die mit den Management-Methoden von heute und gestern (siehe Mehdorn) arbeiten, oftmals überfordert seien. „In einer Wirtschaftswelt, die immer komplexer wird, tun Führungskräfte gut daran, sich mehr als Ermöglicher von lern- und entwicklungsfähigen Strukturen zu verstehen und sich selbst aktiv an einem Austausch mit der Gesellschaft zu beteiligen“, postulierte Junge, der als selbständiger Organisationsberater tätig ist.

 

Fair, öffentlich, direkt

Im selben Atemzug betonte er allerdings auch, dass managerfragen.org die Unternehmer nicht an den Pranger stellen wolle, sondern sich als „neutralen Raum für den Dialog“ verstehe, als einen alternativen Kommunikationskanal, der die Spielregeln verändert, indem dort jeder Manager in Deutschland fair, öffentlich und direkt befragbar gemacht wird.

Einen Kulturwandel in der Kommunikation zwischen Wirtschaft und Gesellschaft sieht Junge als langfristig attraktives Ziel für beide Seiten, um der Entpersonalisierung von Verantwortung entgegenzuwirken und einen Grundkonsens zu stärken, der tragfähige wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen möglich macht. Je mehr Bürger und Unternehmer sich an der Plattform beteiligten, umso mehr positive Beispiele könne man etablieren – und dadurch einen Beitrag leisten, um die Glaubwürdigkeit von Managern zu stärken und das gegenseitige Verständnis zwischen Bürgern und Unternehmen zu verbessern.

© Die Zweite Aufklärung 2015 (Text und Bilder)

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